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Geschrieben von Christoph Clausen
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Samstag, 29 September 2007 |
Während der letzten
Fußball-Weltmeisterschaft entwarf die Frankfurter Allgemeine eine sehr treffende
Typologie der Live-Kommentatoren im deutschen Fernsehen. Dabei standen sich als
Extreme der redundante und der kontrafaktische Reporter gegenüber. Ersterer fasst
in großer Ausführlichkeit all das in Worte, was der Zuschauer ohnehin sieht,
letzterer kommentiert ein Spiel in einem fernen Paralleluniversum, während unten
auf dem Rasen ein ganz anderes abläuft. Dass solches auch in Pressekonferenzen
vorkommt, bewies am Freitagabend Guido Buchwald.
Aachen Trainer beklagt sich zunächst
ausführlich über den Schiedsrichter, wobei er zu Recht auf einen verweigerten
Strafstoß hinwies, allerdings großzügig die Tätlichkeit des Alemannen Pecka
unterschlug, die zwingend mit einem Platzverweis hätte geahndet werden müssen.
Die Pause hatte Buchwald offenbar großzügig ausgedehnt und den Platz erst in
der 64. Minute wieder betreten, als die Alemannia wie aus dem Nichts zum
Anschlusstreffer kam. Er hätte sonst bemerkt, dass seiner Mannschaft bis dahin
offensiv nicht das Geringste eingefallen war, vielmehr die Borussen zwei
exzellente Chancen zum Ausbauen der Führung gehabt hatten. Buchwald aber zeigte
sich mit seinem Team während des ganzen zweiten Durchgangs hoch zufrieden und
wollte zahlreiche Möglichkeiten gesehen haben, daher eine Alemannia, die
ein Unentschieden verdient gehabt hätte.
Das war verwunderlich, zum einen weil die
Gäste nach dem glücklichen Anschlusstreffer die Borussia zwar in die eigene
Hälfte gedrängt, an wirklich klaren Torchancen aber auch in dieser Phase nur
eine einzige erarbeitet hatten. Zum anderen besteht ein Spiel ja aus zwei
Hälften, und nach 45 Minuten hätte sich die Alemannia auch über einen Rückstand
mit vier Toren nicht beschweren können. Über die gesamte Spielzeit also ein
völlig verdienter Sieg gegen über weite Strecken erschreckend schwache Aachener.
Aber das wird Buchwald auch gesehen haben,
und sein Kommentar hat natürlich Methode. Am beträchtlichen Renommee, das der
in Japan so erfolgreiche Trainer in Aachen anfangs genoss, könnte die Serie an Misserfolgen
zunehmend kratzen. Die eigenen Ansätze zum Besseren verbal zu vergrößern, macht
in dieser Situation neben pädagogischem auch taktischen Sinn. Natürlich weiß
Buchwald auch um die Übertreibungen des Sportjournalismus, in der einen oder
anderen Richtung. Medienkompetenz eines Trainers liegt auch in antizyklischem Verhalten:
Euphorie im Zaum halten, wenn die Ergebnisse blendend sind, selbst kleine
Verbesserungen ausgiebig betonen, wenn sie enttäuschen.
Dazu kommt, dass in Krisenzeiten kaum etwas
so sehr dabei hilft, die inneren Kritiker zum Verstummen zu bringen, wie der
Angriff auf einen äußeren Feind. Manche Kriege lassen sich auf diesen
Mechanismus zurückführen. Am Freitagabend ging es zum Glück weniger martialisch
zu, aber im Grundsatz erfüllte die Attacke auf den Unparteiischen eine ähnliche
Rolle. Letztlich mag auch die Hoffnung hineinspielen, durch lautes Klagen über
eine punktuelle Benachteiligung genug Aufsehen zu erzeugen, damit in den
nächsten Spielen Entscheidungen im Zweifel eher für Aachen getroffen werden.
Uli Hoeneß spielt in diesem Sinne auf der Empörungsklaviatur seit
Jahren souverän; Christoph Daum hat es unlängst, mit allerdings wechselhaftem
Erfolg, wieder versucht. Dass die Verantwortlichen der Borussia solches
momentan nicht nötig haben, ist eine der vielen angenehmen Effekte der
aktuellen Siegesserie.
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