|
|
Home Freie Autoren Ein Plädoyer gegen die Verzerrung des Wettbewerbs
|
Ein Plädoyer gegen die Verzerrung des Wettbewerbs |
|
|
Geschrieben von Michael Heinen
|
|
Mittwoch, 24 Oktober 2007 |
Die vehementen Proteste der Lauterer Fans am vergangenen Freitag haben die Diskussion um das Modell Hoffenheim neu entfacht. Der Mainzer Manager Christian Heidel sprach zuletzt Millionen Fußballfans aus der Seele, dass solch künstlich gezüchtete Vereine anderen Klubs einen von 36 Plätzen im Profifußball wegnehmen.
Die Antwort des Hoffenheimer Mäzens Dietmar Hopp kam prompt, der Heidel explizit für die Krawalle diverser Pfälzer Zuschauer verantwortlich machte. So sehr man jegliche Art von Gewalt ablehnen muss, sollte man sich aber auch vor Verallgemeinerungen hüten. So sprach Francisco Copado dem gemeinen Fußballfan gleich die Intelligenz ab. Nicht jeder aber, der dem Konstrukt der TSG kritisch gegenübersteht, ist ein Idiot. Denn grundsätzlich kann man den Aussagen von Christian Heidel in der Sache zustimmen und es muss erlaubt sein, dies konstruktiv und kritisch in der herrschenden Diskussion zu diesem Thema anzumerken ohne als Rassist gebrandmarkt zu werden.
Der Fußballsport lebt seit jeher von der Spannung und er lebt zu weiten Teilen vom sportlichen Wettbewerb, in dem man durch konstant gutes Arbeiten ebenso schnell den Weg nach oben antreten kann, wie es durch schlechtes Vereinsmanagement bergab geht. Wenn z.B. der FC Bayern mit Adidas, Allianz oder Telekom millionenschwere Sponsoringverträge abschließt, dann ist dies zwar auch ärgerlich, weil nicht gut im Sinne des Wettbewerbs. Dies haben sich die Bayern dann aber immerhin durch jahrzehntelange sportliche Höchstleistungen verdient. Der DFL obliegt es – z.B. durch eine gerechte Umverteilung der TV-Gelder – dafür zu sorgen, dass trotz der bajuwarischen Vorherrschaft noch ein gesunder Wettbewerb in der Liga möglich ist, was ihnen in den letzten Jahrzehnten ordentlich gelungen ist.
Wenn hingegen aber milliardenschwere Einzelpersonen oder Konzerne mit ihren in der Wirtschaft erworbenen Mitteln in einen mit Traditionen gewachsenen Sport eintreten und bislang unbedeutende Provinzvereine zu Höchstleistungen pushen, dann ist dies eine völlig andere Situation. Und dann sollte man schon verstehen, wenn dies nicht überall positive Reaktionen hervorruft. Ein Verein wie Hoffenheim hat sich den vehementen Aufstieg nicht durch sportliche Leistungen verdient, sondern in allererster Linie durch die Finanzspritzen eines Herrn Hopp. Ein Verein, der vor dem Einstieg des SAP-Gründers in der 8. Spielklasse kickte, wurde urplötzlich nach vorne gepusht. Auf seinem Weg nach oben wurde der Wettbewerb zu Ungunsten anderer Vereine verzerrt, die mit weit geringeren finanziellen Mitteln seit Jahren und Jahrzehnten um einen Verbleib im Profifußball kämpfen.
Wie weit weg von diesem Fußballsport, wie ihn Millionen Menschen tagtäglich leben, muss ein Herr Hopp sein, wenn er dies nicht verstehen kann? Wie weit von diesem unserem Fußballsport muss sich auch ein Großteil der Journalisten befinden, die das „Modell Hoffenheim“ immer wieder verteidigen und jede Form der Kritik als reine „Neiddiskussion“ abwehren?
Es geht nicht um Neid. Herr Hopp hat sich sein Vermögen auf ehrenwerte Weise verdient und es sei ihm gegönnt. Es sei ihm ebenso vergönnt, mit diesem Geld nach eigenem Belieben zu verfahren, wenngleich mir sinnvollere Wege einfallen würden, der Menschheit Gutes zu tun als einen künstlichen Fußballklub zu züchten. Ein Blick zu den amerikanischen Milliardärskollegen Bill Gates und Warren Buffett könnte hier nicht schaden.
Doch es geht nicht darum, Herrn Hopp sein Hobby zu missgönnen. Es geht um die sportliche Fairness und speziell den fairen Wettbewerb, der in der heutigen Fußballwelt leider immer weniger gegeben ist. Dem Fußballfan gefällt es eben nicht, wenn sich einzelne Vereine einen solch immensen Wettbewerbsvorteil verschaffen, was letzten Endes immer auf Kosten anderer Klubs geht und in keinster Weise sportlich gerechtfertigt wurde.
Hoffenheim ist da nur ein Mosaikstein in einem Puzzle, das bereits seit langem über die Bayer- und VW-Werksvereine im deutschen Profifußball Einzug gehalten hat. Aber auch die eklatante Ungleichbehandlung bei der finanziellen Förderung verschiedener Vereine durch diverse Landesregierungen (insb. bei der Finanzierung neuer Stadien) sei hier zu nennen. Oder die exorbitante Verschuldungspolitik einiger Vereine in den letzten Jahren und Jahrzehnten, mit denen sie sich auf Pump den Weg in die nationale Spitzenklasse und zu diversen Titeln erschlichen, in der Gewissheit, von der DFL keinerlei Probleme bei der Lizenzierung befürchten zu müssen. Gegenüber den seriös wirtschaftenden Vereinen war und ist auch dies eine Wettbewerbsverzerrung, die man als Fußballfan nicht gutheißen kann.
Doch leider endet das Ganze nicht auf nationaler Basis, sondern muss in der globalisierten (Fußball-)Welt allermindestens auf europäischer Ebene besprochen werden. So lautet das Hauptargument der Kommerzialisierungsbefürworter, dass wir nur so in der Lage sind, den Verfall des deutschen Ligafußballs auf europäischer Ebene aufzuhalten. Denn dort findet seit Jahren auf genau dieselbe Weise eine ähnliche Verzerrung des Wettbewerbs statt, den selbst ein perfekt geführter Verein wie Bayern München kaum noch kompensieren kann.
Zweifelsohne hat der Rückfall Deutschlands in der UEFA-Fünfjahreswertung sehr viel damit zu tun, dass der deutsche Fan den (nationalen) Wettbewerb weiterhin höher bewertet als sein Pendant in Italien, England oder Spanien. Wir werden uns leider entscheiden müssen, ob wir den Tanz ums goldene Kalb mittanzen wollen und unseren Sport zum Wohle internationaler Vereinserfolge weiter prostituieren. Oder ob wir uns mit internationaler Mittelmäßigkeit abfinden, um national weitere Kommerz-Auswüchse zu vermeiden.
Die DFL scheint sich unter der neuen Führung von Reinhard Rauball in die erstgenannte Richtung zu bewegen. Auch wenn Carl-Zeiss Jena bislang noch der Einstieg russischer Investoren erschwert wird, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die 50+1-Regelung kippt, nach der jeder Verein die Eigentumsmehrheit bei sich behalten muss. Noch wirkt dies als einziger Bremsklotz gegen den Einzug der Abramowitschs in den deutschen Fußball. Wenn die Regelung in naher Zukunft fällt, dürfte auch unsere Borussia dank ihrer Tradition und Fanbasis ein gefundenes Fressen für ausländische Investoren werden. Daher sollte sich ein jeder schon einmal die Frage stellen, wie viel seines Vereins er bereit wäre zu opfern für eine Rückkehr in den europäischen Spitzensport.
Mir selbst fällt die Antwort hier relativ leicht, wenngleich ich es niemandem verübeln kann, wenn er darüber anders denkt. Mir ist jegliche Form von Wettbewerbsverzerrung – ob für Borussia oder für andere Vereine – zuwider. Sportlicher Erfolg sollte durch gutes Arbeiten im Management und folgend durch gute Leistungen auf dem Platz verdient werden und nicht von der Willkür und vom Goodwill einzelner reicher Personen oder Firmen abhängen. Dass dies in der modernen Fußballwelt leider immer seltener der Fall ist, halte ich für besorgniserregend.
|
|