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Ein Plädoyer gegen den Ausverkauf der Vereine Drucken
Geschrieben von Christian Heimanns   
Mittwoch, 07 November 2007
Roman AbramowitschVor zwei Wochen hielt an dieser Stelle Michael Heinen ein Plädoyer gegen die Verzerrung des Wettbewerbs, das sich mit dem Trubel um die SG Hoffenheim beschäftigte, der nach Äusserungen des Mainzer Managers Heidel und dem Herumpoltern einiger Lauterer Rabauken entstand. Dabei fand auch der mögliche Wegfall der 51 % Grenze Erwähnung, die bisher noch verhindert, dass Proficlubs vollständig von „Investoren“ aller Art übernommen werden können. Diese Grenze bedeutet, dass mindestens 51 % der Anteile an den in Kapitalgesellschaften umgewandelten Fussball-Profiabteilungen im Besitz des Vereins bleiben müssen. Die Meldung solcher Überlegungen kam ganz nebenbei im Gefolge der letzten Sitzung der DFL mit rüber und hat in der sportlichen Berichterstattung der Medien nirgendwo die verdiente Resonanz erhalten.

Es ist ja nichts Neues, dass Fussballvereine auf alle erdenkliche Arten nach neuen Geldquellen bohren, aber was sollte die Vertreter der Clubs dazu treiben, Geschichte und Zukunft, das ganze Schicksal eines Vereins auf Gedeih und Verderb z.B. einem gutbetuchten Waffenhändler zu Füßen zu legen? Denn um nichts anderes geht es hier. In England und Italien werden die Profiabteilungen schon so lange in Form von Kapitalgesellschaften betrieben, dass es sich doch einmal lohnt, sich die möglichen Folgen einer solchen Entwicklung dort anzusehen.

Und die sind im Schnitt keineswegs positiv. An was für Leute verkauft man sich da eigentlich? „Investoren“ im Sinne des Wortes, also jemanden, der für seinen finanziellen Einsatz mit Rendite belohnt werden will, zieht es kaum in die Profiligen. Da gäbe es auch nur zwei erwerbswerte Objekte, nämlich Manchester United und Bayern München. Einen Verein zu besitzen und auch noch Titel holen zu wollen ist für die meisten Alleinbesitzer ein gigantisches Zuschussobjekt. Ein Abramovitch kann sich so etwas leisten, aber über die Herkunft seiner Milliarden singen selbst die Anhänger seines FC Chelsea Spottlieder. Und was er am meisten will, nämlich den Sieg in der Champions League, hat ihm auch seine beispiellose finanzielle Unterstützung nicht beschert. Auch ein Berlusconi kann sich so etwas leisten; ein Geschäftsmann, der strafrechtlicher Verurteilung nur deshalb entkam, weil er sich auf gesetzgeberischer Seite noch zweifelhaftere Unternehmungen erlaubte. Der sauberste aller Supermäzene wäre noch Massimo Moratti von Inter Mailand. Nach finanzieller Unterstützung seines Vereins in Abramovitch-artiger Größenordnung bescherte ihm erst ein Sportgericht seinen ersten Meistertitel.

Die vielen kleineren Millionäre, die sich den AC Florenz leisten, Sampdoria Genua, den FC Portsmouth oder was auch immer, können bei den ganz Großen genauso wenig mithalten wie irgendein deutscher Club unter dem Regime des Vereinsrechts. Nur der erste Verkauf aller Anteile spült Geld in die Clubkassen. Nach dem Einkauf diverser teurer Spieler und dem Verkauf selbiger zum halben Preis ist es wieder weg, und der Verein ist dem Besitzer ausgeliefert. Manch einer denkt ausgelaugt nur noch an den Verkauf der Anteile an den nächsten Glücksritter, wie Franco Sensi, Besitzer des AS Rom. In Italien hat es sich schon lange eingespielt, dass enttäuschte Fans den Eigentümer eines erfolglosen Vereins zum Rücktritt auffordern, selbst Moratti mit seinem Engagement von inzwischen weit über 500 Mio. € durfte sich lautstarke „Hau ab!“ Chöre anhören. Wegen solcher Szenen bereuen viele Vereinsbesitzer ihr Engagement irgendwann, manch kleinerer Club landet in der Hand regelrechter Spekulanten.

Aber auch grösseren und geschichtsträchtigen Clubs kann es mies ergehen. Der AC Florenz z.B., der in den 90er Jahren noch ernsthaft um die italienische Meisterschaft mitspielte, existiert nicht mehr. Seinem Eigentümer, Vittorio Cecchi Gori, wurde unter anderem vorgeworfen, Gelder aus dem Verein zu ziehen um sein Filmimperium zu finanzieren, und Eigentümer wie Club gingen unweigerlich pleite. Das, was heute unter dem Namen AC Florenz in der Serie A spielt, ist eine Neugründung, die vom Insolvenzverwalter alles aufkaufen musste, was vom alten Verein übergeblieben war. Selbst den Namen.
Das gleiche gilt für den Stolz von Turin, der mitnichten die Juve sondern der AC Turin darstellte, siebenfacher italienischer Meister. Ein Stück unvergleichlicher Fussballgeschichte Italiens existiert nicht mehr und musste nach der Pleite wieder neugegründet werden; genauso wie das Herz von Neapel, der SSC.

Diesen und anderen hochverschuldeten Vereinen wurden Transferkosten und Spielergehälter zum Verhängnis, an denen italienische Vereine ja in erster Linie mitgedreht haben, so wie englische Clubs heute. Wenn deutsche Vereine morgen allesamt durch reiche Russen übernommen würden, was wäre die Folge? Zuerst mal wieder eine Steigerung der Kosten für Spielerlizenzen und –saläre sowie für Vermittler, am Ende sind nur die Spieler und ihre Manager reicher als zuvor. Viele Clubs hingegen bleiben trotz des einmaligen Geldzuflusses in der Falle der höheren Kosten stecken und auf der Strecke.

Und wenn ein Verein sich mit Haut und Haaren verkauft hat, müssen es nicht einmal die Schulden an Banken und (häufig) Finanzamt sein, die ihn die Existenz kosten. Manch einer wird auch Opfer das eigenen Besitzers, wie der Waliser Zweitligist FC Wrexham. Dessen Eigentümer wollte kurzerhand das Stadiongelände als Bauland verkaufen und hätte das auch durchaus hinbekommen, wenn der Verein nicht so große Schulden gehabt hätte, dass ein Insolvenzgericht den Vorgang stoppen musste.

Deutsche Vereinsobere scheinen dennoch danach zu gieren, ihre Clubs vollständig auszuliefern, das englische Beispiel vor Augen. Man sollte sie daran erinnern, dass tausende von Fans in Manchester und in Wimbledon eigene Vereine gegründet haben, die für immer Vereine der Mitglieder bleiben sollen. Vor jeder Übernahme sicher. Manch einem dieser Visionäre würde eine Unterhaltung mit englischen Fans gut tun, die inzwischen ihre Liga keineswegs mehr als Maß aller Dinge betrachten, sondern lieber regelmäßig nach Deutschland fliegen, um Fussball, Fans, Stadien und Stimmung hier zu erleben. Am Fanhaus des Fanprojekts Mönchengladbach kann man inzwischen bei fast jedem Heimspiel eine Gruppe von Fans von Bolton, West Ham etc. darauf ansprechen. Sie antworten gerne.

Und da es auch immer gern in dem Zusammenhang als Argument kommt – das „wir sind abgeschlagen in Europa“ lässt sich nicht unbedingt mit mehr Geld bewältigen. Vor allem nicht mit einem einmaligen Zufluss, sonst wäre Borussia Dortmund Serienmeister. Die Stars des Weltfussballs haben noch nie in Deutschland gespielt, und trotzdem war die Deutsche Liga in den 70ern bis Mitte der 80er Jahre mehr als konkurrenzfähig. Die Probleme kamen, als der deutsche Fussball im Gefolge der gewonnenen WM 1990 die taktische Entwicklung selig verpennte und noch jahrelang nach Liberos suchte, weil eine Mannschaft ohne potentiellen Beckenbauer einfach nicht sein durfte. 1995 gab es nur zwei Mannschaften in der Bundesliga, die sich langfristig auf eine Viererkette umgestellt hatten, nämlich Borussia Mönchengladbach und der SC Freiburg. 8 Jahre, nachdem Arrigo Sacchi und Zdenek Zeman begonnen hatten, den italienischen Fussball taktisch zu revolutionieren.

Image Dazu kam eine völlig verschlafene Jugendarbeit. Auch die schönste Viererkette nützt nichts ohne fähige Innenverteidiger und in der offensive starke Aussenverteidiger. Diese und andere Spielertypen kommen erst seit wenigen Jahren aus den Jugendteams hoch, weil jetzt so langsam das Konzept der Spielerinternate greift, das sich der DFB aus Frankreich abgeguckt hat. Rückt uns Rumänien vielleicht in der Uefa-Wertung auf die Pelle, weil sie die Liga mit Brasilianern für 25 Millionen das Stück vollstopfen? Und kauft der holländische Fussball seine Superkönner von van Nistelrooy über Robben und Sneijder bis Babel für Unsummen auf dem Weltmarkt ein?

Eine nachhaltige Steigerung des spielerischen Niveaus im deutschen Fussball erkauft kein Mäzen., eine positive Entwicklung ist doch ohnehin schon auf dem Weg. Die Lahms und Jansens von heute, die Özils, Marins, Kroos von morgen, die hoffentlich von vielen weiteren Eigengewächsen begleitet werden, werden dazu beitragen, das fussballerische Niveau der Liga zu erhöhen und den deutschen Vereinsfussball wieder konkurrenzfähig zu machen. Langfristig und ohne die Auslieferung alles dessen, woran uns liegt.