Bundesliga 2011/2012

Tabelle

Intern / Interaktiv

Impressum
Home arrow Interviews arrow "Hier wird sich etwas verbessern!"
"Hier wird sich etwas verbessern!" Drucken
Geschrieben von Mike Lukanz   
Donnerstag, 03 August 2006
Josef HeynckesZwei Wochen vor dem Saisonstart gegen Energie Cottbus und wenige Wochen nach seiner Rückkehr zu Borussia Mönchengladbach stand uns Cheftrainer Jupp Heynckes für ein Interview zur Verfügung. Gelöst und entspannt, aber auch motiviert und begeisternd, gab der international erfahrene Fußballlehrer Einblicke in seine Trainingsgestaltung, begründete, warum ein geschlossenes Mannschaftsgefüge für ihn wichtig ist, warum die Spieler viel in den Kraftraum müssen und wie er das Auswärtsproblem in den Griff bekommen wird.

SEITENWAHL
: „Herr Heynckes, was haben Sie nach den vielen Jahren der Abwesenheit hier in Mönchengladbach vor- und wiedergefunden?"

Heynckes: „Die Tradition ist noch immer hier, der Verein als solcher ist da. Das habe ich auch den Spielern vermittelt. Sie sollen nicht in der Vergangenheit leben, sich aber darüber bewusst sein, für welchen Club sie spielen ! Hier hat sich wahrlich viel verändert, vieles ist anders geworden. Der Club ist natürlich nicht mehr mit dem zu vergleichen, den ich früher als Spieler erlebt habe. Heute haben wir ein eigenes Internat, davon haben wir früher immer geträumt. Das ist hier alles perfektioniert und so modern wie möglich gemacht worden. Alle Projekte werden von kompetenten Personen begleitet und betreut, und das empfinde ich als sehr angenehm. Aber das gehört auch zu einem gut geführten Verein, denn wir leben ja auch in einer anderen, moderneren Zeit.

SEITENWAHL: „Neben der Infrastruktur gibt es auch den sportlichen Bereich, für den Sie verantwortlich sind. Wie arbeiten Sie mit der Mannschaft? Welche Eindrücke haben sie bisher bekommen können?"

Heynckes: „Ich denke, wir sind da auf einem sehr guten Weg. Aber, und das wissen Sie genauso gut wie ich, müssen wir im sportlichen Bereich besser werden, wir müssen Dinge zum Positiven hin verändern. Das ist ein Prozess, der nicht von heute auf morgen funktionieren kann. In den letzten Jahren wurde dies zwar immer wieder probiert, aber bis auf die Zeit mit Hans Meyer hat das selten so funktioniert, wie man sich das vorgestellt hatte. Doch muss nun wieder ein Fundament geschaffen werden, auf dem Borussia aufbauen kann. Man hat sehr gute Spieler im Jugendbereich, in den A- und B-Jugendmannschaften, in der U23 und auch schon in der Lizenzmannschaft. Das sind Spieler, die die Zukunft für Borussia darstellen. Parallel dazu muss die Mannschaft auch gezielt verstärkt werden, so, wie wir das gemacht haben mit den Transfers von Degen, dem jungen Delura, der sich noch beweisen muss, und vor allem mit Insua. Das muss der Weg für die nächsten Jahre hier bei Borussia sein!"

SEITENWAHL: „Kommen wir zur aktuellen Mannschaft: welche kurz- und mittelfristigen Ziele wollen Sie erreichen? Wo sind die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?"

Heynckes: „Wir werden ein Spielsystem definieren, in dem Homogenität und Automatismen zu sehen sind. Ebenso müssen wir eine Hierarchie entstehen lassen, wo Personen zu Persönlichkeiten heranwachsen. Dazu braucht man auch Spieler, die längere Zeit im Verein beschäftigt sind. Wenn das hier ein stetiges Kommen und Gehen ist, können Sie nicht erwarten, dass da etwas heranwächst, das sich mit dem Club und der Region identifiziert. Das heißt, dass die Spieler, die drei, vier oder sechs Jahre hier sind, auch in der Hierarchie ganz oben sind und diese auch Impulse in die Mannschaft geben und nicht immer alles vom Trainer kommt. Wir haben mit Polanski und Jansen schon zwei Stammspieler, dazu mit Kirch, Compper, Fleßers und Levels vier weitere Jungs, die Stammspieler werden können. Das ist und muss die Zukunft sein. Und nicht Spieler, die über ihren Zenit sind und ihre letzten Jahre noch gemütlich bei der Borussia verbringen wollen. Das ist passé.
Der Verein ist wirtschaftlich gut aufgestellt. Die Infrastruktur könnte nicht besser sein, die einzelnen Abteilungen hier sind top. Und im Fußball müssen wir nachziehen, denn das Publikum dürstet nach gutem Fußball und Erfolg. Doch zuerst müssen wir Konstanz einbringen und die Qualität insgesamt erhöhen. Wenn das funktioniert, kann man sich auch konkrete Ziele setzen. Aber das wäre zum jetzigen Zeitpunkt zu früh, denn ich bin nach wie vor der Meinung, dass Horst Köppel den Konsolidierungsprozess eingeläutet hat, aber dass immer noch viel Arbeit vor uns liegt.

SEITENWAHL: „Was bedeutet das konkret für die kommenden Wochen?"

Heynckes: „Sehen Sie, es ist immer ein Problem, wenn die Nationalspieler erst später zur Mannschaft stoßen. Aber bei uns ist das um so schwieriger, als dass wir noch keine eingespielte Mannschaft haben, wo sieben oder acht Positionen schon verteilt sind, wie das bei Bayern, Hamburg oder Bremen der Fall ist. Diese Mannschaften haben schon ein klares Gerippe, auch in Bezug auf die Qualität der Leistung innerhalb der Mannschaft.
Wir haben klare Vorstellungen, daher arbeiten wir auch zur Zeit sehr intensiv in der Vorbereitung. Ich merke zwar, dass die Spieler in den letzten ein, zwei Wochen ein kleines Tief durchlaufen, aber wenn wir die kommenden zwei Testspiele hinter uns gebracht haben werden, dann denke ich, dass wir uns in der Woche vor dem Saisonstart wieder normal vorbereiten, so dass wir gut aufgestellt die Saison beginnen können. Aber, das wiederhole ich gerne, das ist insgesamt ein langwieriger Prozess, wir müssen Geduld haben. Ich habe andere Vorstellungen, wie man aus der Defensive heraus spielt, als die Art, wie es bisher gemacht wurde. Das muss flüssig gehen, das muss durchdacht sein, die Pässe müssen im richtigen Moment und präzise gespielt werden. Man hat früher sehr viele lange Bälle gespielt auf die Stürmer; natürlich sind solche langen Bälle nicht verboten oder schlecht, aber wenn ich so spiele, dann müssen diese Bälle auch so präzise kommen, dass der Stürmer diese Bälle mit der Brust annehmen und weiter verarbeiten oder auch mit dem Kopf verlängern kann. Das sind Details, woran wir arbeiten.

SEITENWAHL: „Heute verbrachte die Mannschaft wieder einige Zeit mit Krafttraining, auf das Sie insgesamt viel Wert legen. Was genau müssen die Spieler machen und worauf zielen Sie mit solchen Maßnahmen ab?"

Heynckes: „Wir werden, wenn die Saison läuft und unter der Woche keine Testspiele mehr stattfinden, regelmäßig dienstags Einheiten im Kraftraum durchführen. Dann kann ich ab Mittwoch wieder mit dem Ball arbeiten. Wenn der Körper sich an regelmäßiges Krafttraining gewöhnt, dann wird er das verkraften. In der Vorbereitung kam natürlich vieles für die Spieler zusammen: das intensive Arbeiten, der Umfang und die Hitze der vergangenen Wochen. Die Spieler waren es nicht gewöhnt, so gezielt und in der Gruppe Krafttraining zu betreiben. Dies alles erzeugt Ermüdungszustände, die man in den Testspielen zum Teil gesehen hat. Das ist jedoch alles nicht neu im Fußball. Die italienischen Spitzenmannschaften zum Beispiel, ich kenne das Beispiel vom AC Mailand, haben hochmoderne Fitnessgeräte. Dort sind auf Computerchips für jeden Spieler Trainingseinheiten gespeichert und individuell abgestimmt. US Palermo wollte auch ins Trainingslager in der Nähe von Kärnten. Die wollten mit zwei Trucks anrücken, die voll mit Kraftmaschinen für die Spieler waren ! Uns wurde ein Kraftraum eingerichtet, dazu im Hotel ein zweiter Raum. Daran sehen Sie, wie wichtig dieser Bereich heutzutage ist.
Viele der Übungen, die man auch bei der Nationalmannschaft gesehen hat, sehen einfach aus, aber machen Sie die mal nach! Aber, und das ist das Entscheidende, dann hat der Spieler auch die Koordination auf dem Spielfeld und vor allem ist er weniger verletzungsanfällig, wenn er eine gut ausgebildete Bauchmuskulatur hat, eine gute Rücken- oder Wadenmuskulatur. Diese Dinge müssen spezifisch erarbeitet werden und ohne Kontinuität ist das alles ohne Wert. In der Vorbereitung macht das müde, deswegen kommen auch diese Ergebnisse zu Stande, wie wir sie bisher gesehen haben.

SEITENWAHL: „Als Sie letzte Woche Gast im „ZDF-SportStudio" waren, haben Sie mit Blick auf die Weltmeisterschaft gesagt, dass die Nationen erfolgreich waren, die als Mannschaft auf und neben dem Platz aufgetreten sind. Diese Dinge müssen wachsen, aber was können Sie im Detail und im Kleinen ändern, dass dieses Rezept auch in Mönchengladbach Erfolge zeigt?"

Heynckes: „Ich habe vom ersten Tag an hier in der Mannschaft ganz klar die Dinge angesprochen und Ihnen mitgeteilt, dass selbst ganz kleine Details wichtig sind für das Mannschaftsgefüge. Wenn neue Spieler verpflichtet werden und diese Spieler neu in die Mannschaft kommen, dass man dann mit ihnen spricht, sich mit ihnen zusammensetzt und ihnen versucht zu helfen. In Bilbao ist es so, dass den neuen Spieler sofort geholfen wird: „Was brauchst Du ? Hast Du schon eine Wohnung ? Brauchst Du noch Möbel ?". So etwas nenne ich Respekt den Kollegen gegenüber. Das gilt jeden Tag, überall. Im Umgang mit dem Zeugwart, den Physiotherapeuten, den Ärzten und natürlich untereinander. Ob nach dem Training im Massageraum, im Fitnessraum, wenn sie am Laptop sitzen oder sich einfach nur so unterhalten. Das dient dem gegenseitigen Verstehen und Kennenlernen. Die Mannschaft soll näher zusammenrücken, jeder Spieler soll mehr von seinen Kollegen wissen. So etwas kann man als Trainer schon forcieren, indem man zwischen zwei Trainingseinheiten zusammen ins Hotel geht oder die Zimmerbelegungen wechselt. So können die Spieler Verständnis für den Anderen zeigen, wenn es mal hakt, ob auf dem Spielfeld oder außerhalb davon.
Das Prinzip lässt sich in nahezu jedem Betrieb beobachten: je besser die Belegschaft untereinander arbeitet und sich versteht, desto erfolgreicher ist die Firma.
Bei der Weltmeisterschaft konnte man dies hervorragend beobachten, wie darauf geachtet wurde, wer mit wem gut kann und wer nicht. Diese Mannschaften sind „nur" wenige Wochen zusammen, hier im Verein leben wir nahezu elf Monate miteinander."

SEITENWAHL: „Waren solche Dinge früher einfacher umzusetzen als heute?"

Heynckes: „Früher war das überhaupt nicht notwendig, denn das war eine Selbstverständlichkeit ! Heute leben wir in einer anderen Zeit, die jungen Spieler sind doch ständig abgelenkt. Internet, Medien, durch das Fernsehen. Allein das Fernsehen ! Als die letzten Wochen so schönes Wetter war, da wirst Du ein anderer Mensch. Man ist gar nicht mehr drinnen, nur noch draußen. Ich habe jetzt fast zwei Monate kein Fernsehen geguckt, außer die WM-Spiele. Ich weiß gar nicht, wann ich zuletzt einen Spielfilm gesehen habe ? (lacht) Immer nur abends um 22:15 Uhr die „Tagesthemen", vorher komme ich nicht dazu, weil ich noch mit meinem Hund beschäftigt bin."

SEITENWAHL: „Das ist doch ein gutes Gefühl ... "

Heynckes: „Ich finde das prima. Ich kenne das aus Spanien, wo das Leben mehr draußen stattfindet, weil das Klima ein anderes ist. Wenn man jeden Abend auf der Terrasse oder auf dem Balkon sitzen kann, das ist doch klasse." (lacht)

SEITENWAHL: „Sie sprechen von Mannschaftsgefügen, was neudeutsch „team-building" heißt. Die Schlagworte bei Jürgen Klinsmann waren eben dieses „team-building", das individuelle Training, die Videoanalyse, die eigene Statistikabteilung. Diese Dinge werden nun als Revolution ausgerufen und jeder will und soll es kopieren. Sie arbeiten schon seit Jahren mit diesen Dingen, schon Anfang der 90er in Bilbao. Dennoch wurden Ihnen ‚veraltete Trainingsmethoden‘ vorgeworfen. Stört Sie das oder sehen Sie sich heute nur bestätigt in dem, was Sie seit Jahren praktizieren?"

Heynckes: „Die Frage ist, aus welchem Blickwinkel wurde mein Training beobachtet und ob Sie das noch sehen können, ob Sie noch dazu in der Lage sind. Diese Person konnte das nicht mehr. Doch das wurde dann kolportiert, und ich habe nie etwas dazu gesagt. Ich möchte dazu auch nichts mehr sagen. Wer mein Training und meine Arbeit gesehen hat und wie ich mit den Spielern umgegangen bin, der hat festgestellt, dass das etwas Anderes ist als das, was gängig ist und war in der Bundesliga. Diese Dinge, die Sie vorhin erwähnt haben, ziehen sich wie ein roter Faden durch meine Trainerlaufbahn. Ich habe schon vor zwanzig Jahren erkannt, dass es nur über „team-building" und individuelle Betreuung gehen kann. Auf der einen Seite Verständnis für die Spieler aufzubringen, aber auch Konsequenz gegenüber denjenigen, die es partout nicht lernen wollen. Doch bei dieser Konsequenz hat man selten die Unterstützung der breiten Öffentlichkeit. Der Boulevard interessiert sich nicht für gerecht oder ungerecht, sondern einzig für die Auflage. Doch wenn Sie in der freien Wirtschaft 5000 Euro verdienen wollen, müssen Sie schon sehr viel leisten. Das sollte man, wenn im Fußballgeschäft allgemein tätig ist, nie vergessen. Deswegen kann ich von Spielern, speziell von den jungen Spielern, auch ein bestimmtes Maß an Leistung verlangen."

SEITENWAHL: „Was denken Sie von Borussias jungen Spielern, wenn Sie das sagen?"

Heynckes: „Eugen Polanski, Marcell Jansen, Robert Fleßers, das sind richtig gute Jungs. Sie sind fleißig, ehrgeizig, pflichtbewusst und wollen wirklich dazulernen. Das stimmt mich optimistisch, dass wieder eine neue Generation kommt, die anpacken will, so wie es früher der Fall war. Es ist nicht alles negativ. Das, was Jürgen Klinsmann gemacht hat, das Anschieben, das ist unsere Aufgabe als Trainer. Wir müssen die Jungs positiv motivieren. Wenn ich heute mit meinen früheren Spielern zusammen sitze, höre ich noch immer diese Dinge. Ob es Christian Hochstätter ist oder Jörg Criens oder wie sie alle heißen. Respekt hatten sie auch immer, denn sie haben heimlich geraucht (lacht) , aber das ist keine neue Erfindung. So etwas über eine ganze Saison zu begleiten ist etwas Anderes als bei einer Weltmeisterschaft im eigenen Land, die ein Selbstläufer ist. Wenn Sie sich an den Confederations-Cup letztes Jahr erinnern, da war die Stimmung zwar nicht wie bei der Weltmeisterschaft, aber in den Stadien war sie auch schon top. Eine solche Stimmung bei den Fans verstärkt diesen Selbstläufer, aber natürlich musst Du die Jungs auf so etwas vorbereiten, mental wie physisch. Bei Jürgen Klinsmann hat alles gestimmt, von den Spielern bis zu jedem Funktionsteam. So ist das bei Borussia zur Zeit auch. Ob es der Pressechef ist, der Zeugwart oder der Physiotherapeut, jeder ist auf seinem Gebiet ein ganz wichtiger Mann."

SEITENWAHL: „Klinsmann hat sich auch in der Presse vor die Spieler gestellt."

Heynckes: „Richtig, und das ist in der heutigen Medienwelt nicht einfach. Was haben die Medien auf ihn eingeprügelt nach diesem 1:4 in Italien! Aber er hat sich vor die Spieler gestellt, sie verteidigt, hat sie in der Öffentlichkeit gut dargestellt. Das ist psychologisch sehr wichtig, wenn auch oft an der Grenze der Glaubwürdigkeit. Die Journalisten nehmen einem das irgendwann nicht mehr ab. Aber die heutige junge Spielergeneration reagiert auch sehr sensibel auf negative Kritik...."

SEITENWAHL: „...und auf Pfiffe im Stadion."

Heynckes: „Ja, das ist auch etwas, was Markus Aretz mir gesagt hat. Unsere Fans sind teilweise sehr ungeduldig, aber da müssen beide Seiten dran arbeiten. Einmal die Spieler, die verstehen müssen, dass der Funke vom Spielfeld auf die Tribüne springen muss, aber auch umgekehrt. Die Zuschauer müssen sehen, dass die Mannschaft alles versucht, dass sie kämpft. Denn sie kämpft immer. Wenn es heißt „wir wollen Euch kämpfen sehen!", dann, das sage ich ganz ehrlich, haben die Zuschauer die falschen Vokabeln gewählt. In der Bundesliga muss es heißen „Wir wollen Euch Fußball spielen sehen!". Das heißt attraktiven Fußball, denn kämpfen tun sie alle. Der Fan hat alle Rechte, von der Mannschaft muss die Initialzündung ausgehen, indem sie attraktiven Fußball bietet. Der Fan will unterhalten, will abgelenkt werden von den alltäglichen Dingen. Wir haben das bei der Saisoneröffnungsfeier gesehen, dass diese Menschen für Borussia leben, dass Borussia deren Lebensmittelpunkt darstellt. Diese Menschen dürfen wir nicht enttäuschen, dessen müssen wir uns bewusst sein. Das ist unsere Verantwortung, da muss man auch die ein oder andere Kritik wegstecken können."

SEITENWAHL: „Kommen wir zu dem Thema, das Borussia seit Jahren begleitet: die chronische Auswärtsschwäche. Seit dem Wiederaufstieg 2001 hat Borussia in 85 Auswärtsspielen unglaubliche 50 Niederlagen kassiert. Schaut man auf Ihre Stationen, so stellt man fest, dass Ihre Teams meist sehr auswärtsstark waren. In der Saison 2001 / 02 bei Athletic Bilbao waren Sie das zweitstärkste Auswärtsteam. Gleiche Erfolge konnten Sie bei Schalke 04 verbuchen. Was machen Sie als anders als ihre jeweiligen Vorgänger?"

Heynckes: „Als ich bei CD Teneriffa Trainer wurde, hatte die Mannschaft in der Vorsaison einmal gewonnen, zweimal unentschieden gespielt, den Rest verloren. Ich habe dann einiges geändert und in der neuen Saison haben wir neunmal auswärts gewonnen. Wissen Sie, was ich da geändert habe? Ich habe den Anreisetag um einen Tag verschoben. Auswärtsreisen von Teneriffa dauerten im Schnitt zehn Stunden. Die Spieler berichteten mir, dass sie am Sonntag platt waren, wenn sie am Samstag die Anreise hatten. Also habe ich den Anreisetag auf Freitag vorgezogen. So konnten die Spieler sich am Samstag ausruhen und waren Sonntag fit.

SEITENWAHL: „Das ist doch nicht der einzige Grund?"

Heynckes: „Das ist natürlich nicht der einzige Grund. Meine Philosophie ist, dass man auswärts genauso spielen muss und kann wie zu Hause, ja, im Grunde ist es sogar einfacher, auswärts zu spielen. Hier in Gladbach, auf Schalke oder vielen anderen Clubs mit Tradition und großen Stadien ist der Druck der Massen so immens, dass die Spieler damit Probleme haben. Sie bleiben nicht ruhig, vergessen ihre Aufgaben auf dem Spielfeld. Wenn man eine gut funktionierende Mannschaft hat, kann man genauso auswärts punkten wie zu Hause. Man muss auch Mut haben, auch auswärts nach vorne zu spielen. Man muss kontern können, das heißt schnell aus der Defensive spielen. Dazu braucht man schnelle Spieler. Dies war in den letzten Jahren hier sicherlich ein Manko, auch Horst Köppel hatte darunter in der Rückrunde zu leiden. Er hatte, bis auf Marcell Jansen, nicht die schnellen Spieler auf den Außenbahnen, die man für ein solches Spiel benötigt. Wir haben nun mit Degen, Delura, Kirch und auch Compper genügend solcher Spieler. Das sind für mich Alternativen. Diese Spieler sind sehr schnell, die können sehr schnell aus der Defensive nach vorne spielen. Diese Dinge kann man jedoch auch grundsätzlich trainieren, da sind wir dabei. Schnell aus der Defensive kombinieren, den Ball nach vorne tragen, wenn man ihn erkämpft hat. Und den psychologischen Effekt erzielen, dass es keinen Unterschied macht, ob man zu Hause oder auswärts antritt. „Angst" habe ich weder als Spieler noch als Trainer gehabt, wenn ich auswärts spielen musste, ganz im Gegenteil. Bilbao hatte sich in Barcelona regelmäßig Klatschen abgeholt, ich habe mit Bilbao in den vier Jahren zweimal dort gewonnen, gegen das damalige „DreamTeam" von Johann Cruyff mit Romario, Koeman, Laudrup, Stoichkov und wie sie alle hießen. Es ist also eine Frage des Kopfes, die Spieler müssen daran glauben, was man ihnen vermittelt. Bei mir ist das nichts Aufgesetztes, denn mir ist es egal, ob ich auswärts oder zu Hause spiele. Das mit Bilbao wusste ich gar nicht mehr....."

SEITENWAHL: „Dafür waren Sie in dem genannten Jahr nur 16. der Heim-Tabelle ..."

Heynckes: „Ja, das ist klar, bei diesen Zuschauern. Ich habe da erst einmal das Spiel umgestellt. Der Spieler, der geflankt hat, musste diese Flanke auch noch verwerten (lacht). Ruhiges Aufbauspiel gab es da nicht, der Ball wurde nur lang nach vorne geschlagen. Die Zuschauer haben die Mannschaft angepeitscht und hinten warst Du dann offen für Konter. Da habe ich gesagt: ‚Nein, meine Herren. Das ist nicht mein Spiel !‘ Das war sehr schwierig, aber auch das haben wir in den Griff bekommen, denn im zweiten Jahr haben wir uns für den UEFA-Cup qualifiziert."

SEITENWAHL: „Ist das schwierig für Sie mit dem großen Kader im Moment ?"

Heynckes: „Das ist nicht einfach. Bisher fehlten immer einige Spieler, die Nationalspieler, Insua kam neu, Oude Kamphuis ist verletzt (das Interview fand am Dienstag, 01.08.06 statt. Anm. der Red.), ebenso Wesley Sonck. Wenn alle gesund sind, dann braucht man eine gewisse Organisation im Trainingsbetrieb. Aber das bekommen wir in den Griff. Ich denke eher, dass es ein Problem ist, zu viele unzufriedene Spieler zu haben. Denn Spieler, die davon ausgehen zu spielen, sitzen womöglich auf der Bank und andere, die sich im Aufgebot sehen, sitzen auf der Tribüne. Wir haben jetzt diese Situation, wir respektieren die Verträge und wir werden damit umgehen können."

SEITENWAHL: „Die meisten Vereine, die Sie übernommen haben, konnten bereits in der ersten Saison signifikante Verbesserungen erzielen. Sie führten einige Clubs auf Anhieb vom unteren Mittelfeld unter die ersten Zehn der Tabelle. Sie erwähnten darüber hinaus, dass die Mannschaft Potenzial besitze, auch wenn noch viel Arbeit vor Ihnen liegt....."

Heynckes: „....sehr viel Arbeit."

SEITENWAHL: „Dieses Potenzial hat die Mannschaft letzte Saison teilweise beweisen können in einigen guten und mitreißenden Spielen....."

Heynckes: „Wo?"

SEITENWAHL: „Die Heimspiele gegen den HSV oder Eintracht Frankfurt waren schon begeisternd, als man nach vorne gespielt hat, den Sieg wollte."

Heynckes: „Naja, da habe ich andere Vorstellungen von Fußball. Ja, sie haben ab und zu eine Halbzeit gut gespielt, gegen Bremen, Dortmund, auch Frankfurt, wo sie aber zur Halbzeit hätten auf der Verliererstraße sein müssen. Aber es war immer nur eine Halbzeit. Zum Fußball gehört leider mehr als eine gute Halbzeit."

SEITENWAHL: „Aber die ganzen Maßnahmen von „team-building", von denen Sie sprachen, sind doch graue Theorie, wenn die Saison losgeht und die Ergebnisse ausbleiben. Speziell das vermeintlich leichte Auftaktprogramm erweckt bei vielen Fans Begehrlichkeiten. Bis wann haben Sie die Automatismen, die Ihnen vorschweben, soweit vermittelt, dass man beruhigt in die nächsten Spiele gehen kann und wie sehr müssen Sie bis dahin improvisieren?"

Heynckes: „Wenn Sie den Druck von außen meinen, der von den Zuschauern und den Medien kommt: Was meinen Sie, was in Spanien los ist? In Spanien müssen Sie ein Artist sein als Trainer, wenn Sie allen gerecht werden wollen. Nein, darum habe ich mich noch nie geschert. Ich weiß, dass Kritik kommt, wenn es nicht läuft. Aber, ich sage es noch einmal, wir benötigen noch Zeit. Ich lasse mich da von meiner Linie nicht abbringen. Ich weiß ganz genau, was in der Kürze der Zeit möglich ist und was nicht. Ich habe aber auch immer signalisiert: Wir werden hier etwas verändern, und davon bin ich überzeugt. Ich habe eine solche Situation schon dreimal erlebt. Zweimal in Bilbao und einmal in Teneriffa. Als ich von Udo Lattek 1979 als unerfahrener Jungfuchs das Traineramt übernommen habe, haben wir eine ganz neue Mannschaft aufbauen müssen. Ein Jahr später standen wir im UEFA-Cup-Finale. Ich erinnere mich, dass wir in den letzten vier Jahren, bevor ich 1987 zum FC Bayern ging, zweimal Vierter und zweimal Dritter waren, 1984 sogar punktgleich mit dem Meister aus Stuttgart. Das waren vielen nicht genug, man hatte ja eine glorreiche Vergangenheit. Was ich damit sagen will: eine solche Drucksituation hatte ich schon mehrmals in meiner Trainerlaufbahn. Borussia hat optimale Rahmenbedingungen, aber im sportlichen Bereich hinken wir hinterher. Letzte Saison hatte man mit Platz 10 die beste Platzierung seit dem Wiederaufstieg, das muss man sich mal vorstellen, ein Club wie Mönchengladbach! Wir müssen wieder ein Gefüge schaffen, wir müssen wieder Spieler haben, die sich mit dem Club identifizieren, das ist für mich ganz wichtig. Das ist kein Schlagwort, das man so sagt. Nein, das ist Borussia Mönchengladbach. Egal, wo ich in Spanien gearbeitet habe, überall wurde ich auf Borussia angesprochen. In Spanien ist Borussia noch immer ein großer, ein guter Verein. Dessen müssen sich unsere Spieler bewusst sein."

SEITENWAHL: „Nur die Spieler?"

Heynckes: „Nein, natürlich alle. Borussia hat auch wieder ein gut funktionierendes Management, mit dem Präsidium, dem gesamten Management. Das war in den letzten Jahrzehnten auch nicht immer der Fall. Wir haben einen ehrgeizigen Präsidenten, der sportlich nach oben will, weil er sieht, was sich hier wirtschaftlich getan hat in den letzten Jahren. Fußball ist ein diffiziles Geschäft, aber wir werden das schaffen.

SEITENWAHL: „Herr Heynckes, vielen Dank für das Gespräch!"