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"Hier wird sich etwas verbessern!" |
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Geschrieben von Mike Lukanz
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Donnerstag, 03 August 2006 |
Zwei Wochen vor dem Saisonstart gegen Energie Cottbus und wenige Wochen
nach seiner Rückkehr zu Borussia Mönchengladbach stand uns Cheftrainer
Jupp Heynckes für ein Interview zur Verfügung. Gelöst und entspannt,
aber auch motiviert und begeisternd, gab der international erfahrene
Fußballlehrer Einblicke in seine Trainingsgestaltung, begründete, warum
ein geschlossenes Mannschaftsgefüge für ihn wichtig ist, warum die
Spieler viel in den Kraftraum müssen und wie er das Auswärtsproblem in
den Griff bekommen wird.
SEITENWAHL: „Herr Heynckes, was haben Sie nach den vielen Jahren der
Abwesenheit hier in Mönchengladbach vor- und wiedergefunden?"
Heynckes: „Die Tradition ist noch immer hier, der Verein als solcher
ist da. Das habe ich auch den Spielern vermittelt. Sie sollen nicht in
der Vergangenheit leben, sich aber darüber bewusst sein, für welchen
Club sie spielen ! Hier hat sich wahrlich viel verändert, vieles ist
anders geworden. Der Club ist natürlich nicht mehr mit dem zu
vergleichen, den ich früher als Spieler erlebt habe. Heute haben wir
ein eigenes Internat, davon haben wir früher immer geträumt. Das ist
hier alles perfektioniert und so modern wie möglich gemacht worden.
Alle Projekte werden von kompetenten Personen begleitet und betreut,
und das empfinde ich als sehr angenehm. Aber das gehört auch zu einem
gut geführten Verein, denn wir leben ja auch in einer anderen,
moderneren Zeit.
SEITENWAHL: „Neben der Infrastruktur gibt es auch den sportlichen
Bereich, für den Sie verantwortlich sind. Wie arbeiten Sie mit der
Mannschaft? Welche Eindrücke haben sie bisher bekommen können?"
Heynckes: „Ich denke, wir sind da auf einem sehr guten Weg. Aber, und
das wissen Sie genauso gut wie ich, müssen wir im sportlichen Bereich
besser werden, wir müssen Dinge zum Positiven hin verändern. Das ist
ein Prozess, der nicht von heute auf morgen funktionieren kann. In den
letzten Jahren wurde dies zwar immer wieder probiert, aber bis auf die
Zeit mit Hans Meyer hat das selten so funktioniert, wie man sich das
vorgestellt hatte. Doch muss nun wieder ein Fundament geschaffen
werden, auf dem Borussia aufbauen kann. Man hat sehr gute Spieler im
Jugendbereich, in den A- und B-Jugendmannschaften, in der U23 und auch
schon in der Lizenzmannschaft. Das sind Spieler, die die Zukunft für
Borussia darstellen. Parallel dazu muss die Mannschaft auch gezielt
verstärkt werden, so, wie wir das gemacht haben mit den Transfers von
Degen, dem jungen Delura, der sich noch beweisen muss, und vor allem
mit Insua. Das muss der Weg für die nächsten Jahre hier bei Borussia
sein!"
SEITENWAHL: „Kommen wir zur aktuellen Mannschaft: welche kurz- und
mittelfristigen Ziele wollen Sie erreichen? Wo sind die Schwerpunkte
Ihrer Arbeit?"
Heynckes: „Wir werden ein Spielsystem definieren, in dem Homogenität
und Automatismen zu sehen sind. Ebenso müssen wir eine Hierarchie
entstehen lassen, wo Personen zu Persönlichkeiten heranwachsen. Dazu
braucht man auch Spieler, die längere Zeit im Verein beschäftigt sind.
Wenn das hier ein stetiges Kommen und Gehen ist, können Sie nicht
erwarten, dass da etwas heranwächst, das sich mit dem Club und der
Region identifiziert. Das heißt, dass die Spieler, die drei, vier oder
sechs Jahre hier sind, auch in der Hierarchie ganz oben sind und diese
auch Impulse in die Mannschaft geben und nicht immer alles vom Trainer
kommt. Wir haben mit Polanski und Jansen schon zwei Stammspieler, dazu
mit Kirch, Compper, Fleßers und Levels vier weitere Jungs, die
Stammspieler werden können. Das ist und muss die Zukunft sein. Und
nicht Spieler, die über ihren Zenit sind und ihre letzten Jahre noch
gemütlich bei der Borussia verbringen wollen. Das ist passé.
Der Verein ist wirtschaftlich gut aufgestellt. Die Infrastruktur könnte
nicht besser sein, die einzelnen Abteilungen hier sind top. Und im
Fußball müssen wir nachziehen, denn das Publikum dürstet nach gutem
Fußball und Erfolg. Doch zuerst müssen wir Konstanz einbringen und die
Qualität insgesamt erhöhen. Wenn das funktioniert, kann man sich auch
konkrete Ziele setzen. Aber das wäre zum jetzigen Zeitpunkt zu früh,
denn ich bin nach wie vor der Meinung, dass Horst Köppel den
Konsolidierungsprozess eingeläutet hat, aber dass immer noch viel
Arbeit vor uns liegt.
SEITENWAHL: „Was bedeutet das konkret für die kommenden Wochen?"
Heynckes: „Sehen Sie, es ist immer ein Problem, wenn die
Nationalspieler erst später zur Mannschaft stoßen. Aber bei uns ist das
um so schwieriger, als dass wir noch keine eingespielte Mannschaft
haben, wo sieben oder acht Positionen schon verteilt sind, wie das bei
Bayern, Hamburg oder Bremen der Fall ist. Diese Mannschaften haben
schon ein klares Gerippe, auch in Bezug auf die Qualität der Leistung
innerhalb der Mannschaft.
Wir haben klare Vorstellungen, daher arbeiten wir auch zur Zeit sehr
intensiv in der Vorbereitung. Ich merke zwar, dass die Spieler in den
letzten ein, zwei Wochen ein kleines Tief durchlaufen, aber wenn wir
die kommenden zwei Testspiele hinter uns gebracht haben werden, dann
denke ich, dass wir uns in der Woche vor dem Saisonstart wieder normal
vorbereiten, so dass wir gut aufgestellt die Saison beginnen können.
Aber, das wiederhole ich gerne, das ist insgesamt ein langwieriger
Prozess, wir müssen Geduld haben. Ich habe andere Vorstellungen, wie
man aus der Defensive heraus spielt, als die Art, wie es bisher gemacht
wurde. Das muss flüssig gehen, das muss durchdacht sein, die Pässe
müssen im richtigen Moment und präzise gespielt werden. Man hat früher
sehr viele lange Bälle gespielt auf die Stürmer; natürlich sind solche
langen Bälle nicht verboten oder schlecht, aber wenn ich so spiele,
dann müssen diese Bälle auch so präzise kommen, dass der Stürmer diese
Bälle mit der Brust annehmen und weiter verarbeiten oder auch mit dem
Kopf verlängern kann. Das sind Details, woran wir arbeiten.
SEITENWAHL: „Heute verbrachte die Mannschaft wieder einige Zeit mit
Krafttraining, auf das Sie insgesamt viel Wert legen. Was genau müssen
die Spieler machen und worauf zielen Sie mit solchen Maßnahmen ab?"
Heynckes: „Wir werden, wenn die Saison läuft und unter der Woche keine
Testspiele mehr stattfinden, regelmäßig dienstags Einheiten im
Kraftraum durchführen. Dann kann ich ab Mittwoch wieder mit dem Ball
arbeiten. Wenn der Körper sich an regelmäßiges Krafttraining gewöhnt,
dann wird er das verkraften. In der Vorbereitung kam natürlich vieles
für die Spieler zusammen: das intensive Arbeiten, der Umfang und die
Hitze der vergangenen Wochen. Die Spieler waren es nicht gewöhnt, so
gezielt und in der Gruppe Krafttraining zu betreiben. Dies alles
erzeugt Ermüdungszustände, die man in den Testspielen zum Teil gesehen
hat. Das ist jedoch alles nicht neu im Fußball. Die italienischen
Spitzenmannschaften zum Beispiel, ich kenne das Beispiel vom AC
Mailand, haben hochmoderne Fitnessgeräte. Dort sind auf Computerchips
für jeden Spieler Trainingseinheiten gespeichert und individuell
abgestimmt. US Palermo wollte auch ins Trainingslager in der Nähe von
Kärnten. Die wollten mit zwei Trucks anrücken, die voll mit
Kraftmaschinen für die Spieler waren ! Uns wurde ein Kraftraum
eingerichtet, dazu im Hotel ein zweiter Raum. Daran sehen Sie, wie
wichtig dieser Bereich heutzutage ist.
Viele der Übungen, die man auch bei der Nationalmannschaft gesehen hat,
sehen einfach aus, aber machen Sie die mal nach! Aber, und das ist das
Entscheidende, dann hat der Spieler auch die Koordination auf dem
Spielfeld und vor allem ist er weniger verletzungsanfällig, wenn er
eine gut ausgebildete Bauchmuskulatur hat, eine gute Rücken- oder
Wadenmuskulatur. Diese Dinge müssen spezifisch erarbeitet werden und
ohne Kontinuität ist das alles ohne Wert. In der Vorbereitung macht das
müde, deswegen kommen auch diese Ergebnisse zu Stande, wie wir sie
bisher gesehen haben.
SEITENWAHL: „Als Sie letzte Woche Gast im „ZDF-SportStudio" waren,
haben Sie mit Blick auf die Weltmeisterschaft gesagt, dass die Nationen
erfolgreich waren, die als Mannschaft auf und neben dem Platz
aufgetreten sind. Diese Dinge müssen wachsen, aber was können Sie im
Detail und im Kleinen ändern, dass dieses Rezept auch in
Mönchengladbach Erfolge zeigt?"
Heynckes: „Ich habe vom ersten Tag an hier in der Mannschaft ganz klar
die Dinge angesprochen und Ihnen mitgeteilt, dass selbst ganz kleine
Details wichtig sind für das Mannschaftsgefüge. Wenn neue Spieler
verpflichtet werden und diese Spieler neu in die Mannschaft kommen,
dass man dann mit ihnen spricht, sich mit ihnen zusammensetzt und ihnen
versucht zu helfen. In Bilbao ist es so, dass den neuen Spieler sofort
geholfen wird: „Was brauchst Du ? Hast Du schon eine Wohnung ? Brauchst
Du noch Möbel ?". So etwas nenne ich Respekt den Kollegen gegenüber.
Das gilt jeden Tag, überall. Im Umgang mit dem Zeugwart, den
Physiotherapeuten, den Ärzten und natürlich untereinander. Ob nach dem
Training im Massageraum, im Fitnessraum, wenn sie am Laptop sitzen oder
sich einfach nur so unterhalten. Das dient dem gegenseitigen Verstehen
und Kennenlernen. Die Mannschaft soll näher zusammenrücken, jeder
Spieler soll mehr von seinen Kollegen wissen. So etwas kann man als
Trainer schon forcieren, indem man zwischen zwei Trainingseinheiten
zusammen ins Hotel geht oder die Zimmerbelegungen wechselt. So können
die Spieler Verständnis für den Anderen zeigen, wenn es mal hakt, ob
auf dem Spielfeld oder außerhalb davon.
Das Prinzip lässt sich in nahezu jedem Betrieb beobachten: je besser
die Belegschaft untereinander arbeitet und sich versteht, desto
erfolgreicher ist die Firma.
Bei der Weltmeisterschaft konnte man dies hervorragend beobachten, wie
darauf geachtet wurde, wer mit wem gut kann und wer nicht. Diese
Mannschaften sind „nur" wenige Wochen zusammen, hier im Verein leben
wir nahezu elf Monate miteinander."
SEITENWAHL: „Waren solche Dinge früher einfacher umzusetzen als heute?"
Heynckes: „Früher war das überhaupt nicht notwendig, denn das war eine
Selbstverständlichkeit ! Heute leben wir in einer anderen Zeit, die
jungen Spieler sind doch ständig abgelenkt. Internet, Medien, durch das
Fernsehen. Allein das Fernsehen ! Als die letzten Wochen so schönes
Wetter war, da wirst Du ein anderer Mensch. Man ist gar nicht mehr
drinnen, nur noch draußen. Ich habe jetzt fast zwei Monate kein
Fernsehen geguckt, außer die WM-Spiele. Ich weiß gar nicht, wann ich
zuletzt einen Spielfilm gesehen habe ? (lacht) Immer nur abends um
22:15 Uhr die „Tagesthemen", vorher komme ich nicht dazu, weil ich noch
mit meinem Hund beschäftigt bin."
SEITENWAHL: „Das ist doch ein gutes Gefühl ... "
Heynckes: „Ich finde das prima. Ich kenne das aus Spanien, wo das Leben
mehr draußen stattfindet, weil das Klima ein anderes ist. Wenn man
jeden Abend auf der Terrasse oder auf dem Balkon sitzen kann, das ist
doch klasse." (lacht)
SEITENWAHL: „Sie sprechen von Mannschaftsgefügen, was neudeutsch
„team-building" heißt. Die Schlagworte bei Jürgen Klinsmann waren eben
dieses „team-building", das individuelle Training, die Videoanalyse,
die eigene Statistikabteilung. Diese Dinge werden nun als Revolution
ausgerufen und jeder will und soll es kopieren. Sie arbeiten schon seit
Jahren mit diesen Dingen, schon Anfang der 90er in Bilbao. Dennoch
wurden Ihnen ‚veraltete Trainingsmethoden‘ vorgeworfen. Stört Sie das
oder sehen Sie sich heute nur bestätigt in dem, was Sie seit Jahren
praktizieren?"
Heynckes: „Die Frage ist, aus welchem Blickwinkel wurde mein Training
beobachtet und ob Sie das noch sehen können, ob Sie noch dazu in der
Lage sind. Diese Person konnte das nicht mehr. Doch das wurde dann
kolportiert, und ich habe nie etwas dazu gesagt. Ich möchte dazu auch
nichts mehr sagen. Wer mein Training und meine Arbeit gesehen hat und
wie ich mit den Spielern umgegangen bin, der hat festgestellt, dass das
etwas Anderes ist als das, was gängig ist und war in der Bundesliga.
Diese Dinge, die Sie vorhin erwähnt haben, ziehen sich wie ein roter
Faden durch meine Trainerlaufbahn. Ich habe schon vor zwanzig Jahren
erkannt, dass es nur über „team-building" und individuelle Betreuung
gehen kann. Auf der einen Seite Verständnis für die Spieler
aufzubringen, aber auch Konsequenz gegenüber denjenigen, die es partout
nicht lernen wollen. Doch bei dieser Konsequenz hat man selten die
Unterstützung der breiten Öffentlichkeit. Der Boulevard interessiert
sich nicht für gerecht oder ungerecht, sondern einzig für die Auflage.
Doch wenn Sie in der freien Wirtschaft 5000 Euro verdienen wollen,
müssen Sie schon sehr viel leisten. Das sollte man, wenn im
Fußballgeschäft allgemein tätig ist, nie vergessen. Deswegen kann ich
von Spielern, speziell von den jungen Spielern, auch ein bestimmtes Maß
an Leistung verlangen."
SEITENWAHL: „Was denken Sie von Borussias jungen Spielern, wenn Sie das sagen?"
Heynckes: „Eugen Polanski, Marcell Jansen, Robert Fleßers, das sind
richtig gute Jungs. Sie sind fleißig, ehrgeizig, pflichtbewusst und
wollen wirklich dazulernen. Das stimmt mich optimistisch, dass wieder
eine neue Generation kommt, die anpacken will, so wie es früher der
Fall war. Es ist nicht alles negativ. Das, was Jürgen Klinsmann gemacht
hat, das Anschieben, das ist unsere Aufgabe als Trainer. Wir müssen die
Jungs positiv motivieren. Wenn ich heute mit meinen früheren Spielern
zusammen sitze, höre ich noch immer diese Dinge. Ob es Christian
Hochstätter ist oder Jörg Criens oder wie sie alle heißen. Respekt
hatten sie auch immer, denn sie haben heimlich geraucht (lacht) , aber
das ist keine neue Erfindung. So etwas über eine ganze Saison zu
begleiten ist etwas Anderes als bei einer Weltmeisterschaft im eigenen
Land, die ein Selbstläufer ist. Wenn Sie sich an den Confederations-Cup
letztes Jahr erinnern, da war die Stimmung zwar nicht wie bei der
Weltmeisterschaft, aber in den Stadien war sie auch schon top. Eine
solche Stimmung bei den Fans verstärkt diesen Selbstläufer, aber
natürlich musst Du die Jungs auf so etwas vorbereiten, mental wie
physisch. Bei Jürgen Klinsmann hat alles gestimmt, von den Spielern bis
zu jedem Funktionsteam. So ist das bei Borussia zur Zeit auch. Ob es
der Pressechef ist, der Zeugwart oder der Physiotherapeut, jeder ist
auf seinem Gebiet ein ganz wichtiger Mann."
SEITENWAHL: „Klinsmann hat sich auch in der Presse vor die Spieler gestellt."
Heynckes: „Richtig, und das ist in der heutigen Medienwelt nicht
einfach. Was haben die Medien auf ihn eingeprügelt nach diesem 1:4 in
Italien! Aber er hat sich vor die Spieler gestellt, sie verteidigt,
hat sie in der Öffentlichkeit gut dargestellt. Das ist psychologisch
sehr wichtig, wenn auch oft an der Grenze der Glaubwürdigkeit. Die
Journalisten nehmen einem das irgendwann nicht mehr ab. Aber die
heutige junge Spielergeneration reagiert auch sehr sensibel auf
negative Kritik...."
SEITENWAHL: „...und auf Pfiffe im Stadion."
Heynckes: „Ja, das ist auch etwas, was Markus Aretz mir gesagt hat.
Unsere Fans sind teilweise sehr ungeduldig, aber da müssen beide Seiten
dran arbeiten. Einmal die Spieler, die verstehen müssen, dass der Funke
vom Spielfeld auf die Tribüne springen muss, aber auch umgekehrt. Die
Zuschauer müssen sehen, dass die Mannschaft alles versucht, dass sie
kämpft. Denn sie kämpft immer. Wenn es heißt „wir wollen Euch kämpfen
sehen!", dann, das sage ich ganz ehrlich, haben die Zuschauer die
falschen Vokabeln gewählt. In der Bundesliga muss es heißen „Wir wollen
Euch Fußball spielen sehen!". Das heißt attraktiven Fußball, denn
kämpfen tun sie alle. Der Fan hat alle Rechte, von der Mannschaft muss
die Initialzündung ausgehen, indem sie attraktiven Fußball bietet. Der
Fan will unterhalten, will abgelenkt werden von den alltäglichen
Dingen. Wir haben das bei der Saisoneröffnungsfeier gesehen, dass diese
Menschen für Borussia leben, dass Borussia deren Lebensmittelpunkt
darstellt. Diese Menschen dürfen wir nicht enttäuschen, dessen müssen
wir uns bewusst sein. Das ist unsere Verantwortung, da muss man auch
die ein oder andere Kritik wegstecken können."
SEITENWAHL: „Kommen wir zu dem Thema, das Borussia seit Jahren
begleitet: die chronische Auswärtsschwäche. Seit dem Wiederaufstieg
2001 hat Borussia in 85 Auswärtsspielen unglaubliche 50 Niederlagen
kassiert. Schaut man auf Ihre Stationen, so stellt man fest, dass Ihre
Teams meist sehr auswärtsstark waren. In der Saison 2001 / 02 bei
Athletic Bilbao waren Sie das zweitstärkste Auswärtsteam. Gleiche
Erfolge konnten Sie bei Schalke 04 verbuchen. Was machen Sie als anders
als ihre jeweiligen Vorgänger?"
Heynckes: „Als ich bei CD Teneriffa Trainer wurde, hatte die Mannschaft
in der Vorsaison einmal gewonnen, zweimal unentschieden gespielt, den
Rest verloren. Ich habe dann einiges geändert und in der neuen Saison
haben wir neunmal auswärts gewonnen. Wissen Sie, was ich da geändert
habe? Ich habe den Anreisetag um einen Tag verschoben. Auswärtsreisen
von Teneriffa dauerten im Schnitt zehn Stunden. Die Spieler berichteten
mir, dass sie am Sonntag platt waren, wenn sie am Samstag die Anreise
hatten. Also habe ich den Anreisetag auf Freitag vorgezogen. So konnten
die Spieler sich am Samstag ausruhen und waren Sonntag fit.
SEITENWAHL: „Das ist doch nicht der einzige Grund?"
Heynckes: „Das ist natürlich nicht der einzige Grund. Meine Philosophie
ist, dass man auswärts genauso spielen muss und kann wie zu Hause, ja,
im Grunde ist es sogar einfacher, auswärts zu spielen. Hier in
Gladbach, auf Schalke oder vielen anderen Clubs mit Tradition und
großen Stadien ist der Druck der Massen so immens, dass die Spieler
damit Probleme haben. Sie bleiben nicht ruhig, vergessen ihre Aufgaben
auf dem Spielfeld. Wenn man eine gut funktionierende Mannschaft hat,
kann man genauso auswärts punkten wie zu Hause. Man muss auch Mut
haben, auch auswärts nach vorne zu spielen. Man muss kontern können,
das heißt schnell aus der Defensive spielen. Dazu braucht man schnelle
Spieler. Dies war in den letzten Jahren hier sicherlich ein Manko, auch
Horst Köppel hatte darunter in der Rückrunde zu leiden. Er hatte, bis
auf Marcell Jansen, nicht die schnellen Spieler auf den Außenbahnen,
die man für ein solches Spiel benötigt. Wir haben nun mit Degen,
Delura, Kirch und auch Compper genügend solcher Spieler. Das sind für
mich Alternativen. Diese Spieler sind sehr schnell, die können sehr
schnell aus der Defensive nach vorne spielen. Diese Dinge kann man
jedoch auch grundsätzlich trainieren, da sind wir dabei. Schnell aus
der Defensive kombinieren, den Ball nach vorne tragen, wenn man ihn
erkämpft hat. Und den psychologischen Effekt erzielen, dass es keinen
Unterschied macht, ob man zu Hause oder auswärts antritt. „Angst" habe
ich weder als Spieler noch als Trainer gehabt, wenn ich auswärts
spielen musste, ganz im Gegenteil. Bilbao hatte sich in Barcelona
regelmäßig Klatschen abgeholt, ich habe mit Bilbao in den vier Jahren
zweimal dort gewonnen, gegen das damalige „DreamTeam" von Johann Cruyff
mit Romario, Koeman, Laudrup, Stoichkov und wie sie alle hießen. Es ist
also eine Frage des Kopfes, die Spieler müssen daran glauben, was man
ihnen vermittelt. Bei mir ist das nichts Aufgesetztes, denn mir ist es
egal, ob ich auswärts oder zu Hause spiele. Das mit Bilbao wusste ich
gar nicht mehr....."
SEITENWAHL: „Dafür waren Sie in dem genannten Jahr nur 16. der Heim-Tabelle ..."
Heynckes: „Ja, das ist klar, bei diesen Zuschauern. Ich habe da erst
einmal das Spiel umgestellt. Der Spieler, der geflankt hat, musste
diese Flanke auch noch verwerten (lacht). Ruhiges Aufbauspiel gab es da
nicht, der Ball wurde nur lang nach vorne geschlagen. Die Zuschauer
haben die Mannschaft angepeitscht und hinten warst Du dann offen für
Konter. Da habe ich gesagt: ‚Nein, meine Herren. Das ist nicht mein
Spiel !‘ Das war sehr schwierig, aber auch das haben wir in den Griff
bekommen, denn im zweiten Jahr haben wir uns für den UEFA-Cup
qualifiziert."
SEITENWAHL: „Ist das schwierig für Sie mit dem großen Kader im Moment ?"
Heynckes: „Das ist nicht einfach. Bisher fehlten immer einige Spieler,
die Nationalspieler, Insua kam neu, Oude Kamphuis ist verletzt (das
Interview fand am Dienstag, 01.08.06 statt. Anm. der Red.), ebenso
Wesley Sonck. Wenn alle gesund sind, dann braucht man eine gewisse
Organisation im Trainingsbetrieb. Aber das bekommen wir in den Griff.
Ich denke eher, dass es ein Problem ist, zu viele unzufriedene Spieler
zu haben. Denn Spieler, die davon ausgehen zu spielen, sitzen womöglich
auf der Bank und andere, die sich im Aufgebot sehen, sitzen auf der
Tribüne. Wir haben jetzt diese Situation, wir respektieren die Verträge
und wir werden damit umgehen können."
SEITENWAHL: „Die meisten Vereine, die Sie übernommen haben, konnten
bereits in der ersten Saison signifikante Verbesserungen erzielen. Sie
führten einige Clubs auf Anhieb vom unteren Mittelfeld unter die ersten
Zehn der Tabelle. Sie erwähnten darüber hinaus, dass die Mannschaft
Potenzial besitze, auch wenn noch viel Arbeit vor Ihnen liegt....."
Heynckes: „....sehr viel Arbeit."
SEITENWAHL: „Dieses Potenzial hat die Mannschaft letzte Saison
teilweise beweisen können in einigen guten und mitreißenden
Spielen....."
Heynckes: „Wo?"
SEITENWAHL: „Die Heimspiele gegen den HSV oder Eintracht Frankfurt
waren schon begeisternd, als man nach vorne gespielt hat, den Sieg
wollte."
Heynckes: „Naja, da habe ich andere Vorstellungen von Fußball. Ja, sie
haben ab und zu eine Halbzeit gut gespielt, gegen Bremen, Dortmund,
auch Frankfurt, wo sie aber zur Halbzeit hätten auf der Verliererstraße
sein müssen. Aber es war immer nur eine Halbzeit. Zum Fußball gehört
leider mehr als eine gute Halbzeit."
SEITENWAHL: „Aber die ganzen Maßnahmen von „team-building", von denen
Sie sprachen, sind doch graue Theorie, wenn die Saison losgeht und die
Ergebnisse ausbleiben. Speziell das vermeintlich leichte
Auftaktprogramm erweckt bei vielen Fans Begehrlichkeiten. Bis wann
haben Sie die Automatismen, die Ihnen vorschweben, soweit vermittelt,
dass man beruhigt in die nächsten Spiele gehen kann und wie sehr müssen
Sie bis dahin improvisieren?"
Heynckes: „Wenn Sie den Druck von außen meinen, der von den Zuschauern
und den Medien kommt: Was meinen Sie, was in Spanien los ist? In
Spanien müssen Sie ein Artist sein als Trainer, wenn Sie allen gerecht
werden wollen. Nein, darum habe ich mich noch nie geschert. Ich weiß,
dass Kritik kommt, wenn es nicht läuft. Aber, ich sage es noch einmal,
wir benötigen noch Zeit. Ich lasse mich da von meiner Linie nicht
abbringen. Ich weiß ganz genau, was in der Kürze der Zeit möglich ist
und was nicht. Ich habe aber auch immer signalisiert: Wir werden hier
etwas verändern, und davon bin ich überzeugt. Ich habe eine solche
Situation schon dreimal erlebt. Zweimal in Bilbao und einmal in
Teneriffa. Als ich von Udo Lattek 1979 als unerfahrener Jungfuchs das
Traineramt übernommen habe, haben wir eine ganz neue Mannschaft
aufbauen müssen. Ein Jahr später standen wir im UEFA-Cup-Finale. Ich
erinnere mich, dass wir in den letzten vier Jahren, bevor ich 1987 zum
FC Bayern ging, zweimal Vierter und zweimal Dritter waren, 1984 sogar
punktgleich mit dem Meister aus Stuttgart. Das waren vielen nicht
genug, man hatte ja eine glorreiche Vergangenheit. Was ich damit sagen
will: eine solche Drucksituation hatte ich schon mehrmals in meiner
Trainerlaufbahn. Borussia hat optimale Rahmenbedingungen, aber im
sportlichen Bereich hinken wir hinterher. Letzte Saison hatte man mit
Platz 10 die beste Platzierung seit dem Wiederaufstieg, das muss man
sich mal vorstellen, ein Club wie Mönchengladbach! Wir müssen wieder
ein Gefüge schaffen, wir müssen wieder Spieler haben, die sich mit dem
Club identifizieren, das ist für mich ganz wichtig. Das ist kein
Schlagwort, das man so sagt. Nein, das ist Borussia Mönchengladbach.
Egal, wo ich in Spanien gearbeitet habe, überall wurde ich auf Borussia
angesprochen. In Spanien ist Borussia noch immer ein großer, ein guter
Verein. Dessen müssen sich unsere Spieler bewusst sein."
SEITENWAHL: „Nur die Spieler?"
Heynckes: „Nein, natürlich alle. Borussia hat auch wieder ein gut
funktionierendes Management, mit dem Präsidium, dem gesamten
Management. Das war in den letzten Jahrzehnten auch nicht immer der
Fall. Wir haben einen ehrgeizigen Präsidenten, der sportlich nach oben
will, weil er sieht, was sich hier wirtschaftlich getan hat in den
letzten Jahren. Fußball ist ein diffiziles Geschäft, aber wir werden
das schaffen.
SEITENWAHL: „Herr Heynckes, vielen Dank für das Gespräch!"
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