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SEITENblick - Jürgen Klinsmann Drucken
Geschrieben von Mike Lukanz   
Samstag, 12 Januar 2008
Jürgen Klinsmann
Bild: Deutscher Fußball-Bund
Jürgen Klinsmann übernimmt im Sommer den Trainerposten beim FC Bayern München. Ein Blick in den deutschen Blätterwald am heutigen Samstag zeigt, welche Erschütterung diese Nachricht ausgelöst hat. Die „Süddeutsche Zeitung" widmete dieser Tatsache nicht nur zwei ganze Seiten im Sportteil, sondern sogar ihre berühmte „Seite Drei". Die dem ehemaligen Bundestrainer Klinsmann schon immer wohlgesonnene „taz" aus Berlin titelte in ihrer bekannt frechen Art gar „Gott ist tot!". Als die Entscheidung am gestrigen Freitag über die Vereins-Homepage des FC Bayern München verkündet wurde, las man wenige Minuten später auf allen großen Nachrichtenportalen Eilmeldungen, Prominente von Beckenbauer über Joachim Löw bis zur Bundeskanzlerin Merkel gaben Kommentare zu Protokoll, Günter Beckstein nutzte dies sogar zur politisch motivierten Feststellung, Klinsmanns Entscheidung zeige „die hohe Lebensqualität im Freistaat Bayern: Hier lebt und arbeitet man einfach gerne."

Es ist nicht die Verkündung des neuen Trainers, die die Leitmedien so in Aufruhr bringt. Zugegeben, die Vorstellung, den Egozentriker Jose Mourinho in der Bundesliga erleben zu können, übte durchaus ihren Reiz aus. Doch selbst diese Personalie hätte nicht die Wirkung gezeigt wie die jetzige Entscheidung Klinsmanns, Kalifornien zu verlassen, um beim Rekordmeister aus München die Zelte aufzuschlagen. In Deutschlands Redaktionen wähnt man sich seiner Schlagzeilen der nächsten Jahre sicher, so hat es den Anschein. Die Konstellation Klinsmann - FC Bayern (und damit Hoeneß, Rummenigge, Beckenbauer und BILD) elektrisiert viele schon lange. Doch kam dies so überraschend?

Ein Blick in Klinsmanns Vita zeigt eindrucksvoll, dass der Schwabe schon immer Entscheidungen traf, die vordergründig abwägig erschienen. Als er in England als Schwalbenkönig („Diver") verunglimpft wurde, wechselte er zu den Tottenham Hotspurs. Nach jedem erzielten Tor - und er erzielte in seiner ersten Saison sehr viele - warf er sich im Stile eines „Divers" auf den Rasen. Mit dieser Geste traf er den Nerv des britischen Humors, er wurde Publikumsliebling und „Englands Fußballer des Jahres". Doch anstatt sich auf seinen Lorbeeren auf der Insel auszuruhen, wechselte er im darauffolgenden Jahr zu den Münchener Bayern. Rückblickend urteilen viele, einschließlich Klinsmann selber, dass seine Zeit als Spieler beim FC Bayern eher als „unglücklich" zu bezeichnen sei. Vergessen wird dabei jedoch, dass er 1997 Deutscher Meister und 1996 UEFA-Cup-Sieger wurde. Diesen Titel, der den Bayern bis dahin in ihrer Vitrine fehlte, schoss Klinsmann mit 15 Toren im Wettbewerb fast im Alleingang herbei. Die Nationalmannschaft führte er in dieser Zeit als Kapitän 1996 im Londoner Wembleystadion sogar zum Europameisterschafts-Titel. Kommt er jetzt zurück, um seine eigene Enttäuschung als Spieler an der Säbener Straße wettzumachen?

Nun ist Jürgen Klinsmann also Trainer. Er selber bezeichnet sich gerne als „Projektleiter", was mehr über ihn und seine Arbeit aussagt, als ihm vielleicht lieb ist. Im Projektmanagement wird ein Projekt als ein „Vorhaben, das im Wesentlichen durch die Einmaligkeit der Bedingungen in seiner Gesamtheit gekennzeichnet ist" bezeichnet. Unter Betriebswirten hört man des öfteren folgende Floskel: „Zeig mir, wie ein Projekt anfängt und ich sage Dir, wie es aufhört." Zumindest hier lässt sich eine Brücke zu Klinsmann schlagen. Er spielt die Klaviatur der medialen Inszenierung und des Überraschungsmoments. Prognosen über den Ausgang von Klinsmann´schen Projekten sollten nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre indes mit Vorsicht getätigt und genossen werden.

Wer macht hierbei also den mutigeren Schritt: Jürgen Klinsmann oder der FC Bayern? Mehr zu verlieren hat eindeutig der Verein, auch wenn man Uli Hoeneß & Co. für ihren Mut loben muss. Eine Entscheidung aus Effekthascherei ist dies wahrlich nicht, dafür ist das gesamte Konstrukt, das Klinsmann anvertraut wird, zu wichtig.

Jürgen Klinsmann nimmt damit die nächste Stufe seiner Karriereleiter. Eine Karriere, die in keine einzige Schublade passt. Die Stationen, die ein Großteil der deutschen (und internationalen) Trainer nie erreichen wird, hat Klinsmann bereits zu Beginn bezogen: Trainer der Fußballnationalmannschaft als erste, Trainer des FC Bayern München als zweite Stufe. Wenn er selbst diese vertraglich zunächst auf zwei Jahre begrenzte Zeit ebenso als Projekt sieht, fragt man sich unwillkürlich, was danach noch kommen soll? Geht er den umgekehrten Weg und übernimmt nach DFB-Elf und Rekordmeister vielleicht Arminia Bielefeld? Hier liegt die vielleicht spannendste Frage: was kommt nach dem FC Bayern? Apropos erreichen: die Entscheidung für Jürgen Klinsmann ist auch ein Signal an Lothar Matthäus. Dies sei, da zitiere ich gerne einen Leser unseres Forums, die „schallendste Ohrfeige aller Zeiten für Lothar Matthäus." Wer um die Verbindungen Matthäus´ mit dem Axel-Springer-Verlag und um dessen Verhältnis zu Jürgen Klinsmann weiß, wird schon jetzt ahnen können, welche dunklen Wolken aufziehen, wenn das „Projekt Klinsmann" in München zu scheitern droht. Eine Zäsur ist dies für den FC Bayern in jedem Fall. Jürgen Klinsmann als Trainer, vielleicht mit einem Klaus Allofs als künftigem Manager, die "Alphatiere" Uli Honeß und Oliver Kahn aus dem direkten Tagesgeschäft verschwunden. Eine wahrlich interessante Vorstellung!

Jürgen Klinsmanns Fähigkeiten werden oft zu Unrecht auf das reine Motivieren beschränkt. Von Fußball habe er wenig Ahnung, beim DFB sei es Jogi Löw gewesen, der für Taktik, Aufstellung und Systeme verantwortlich war. Eine bemerkenswert arrogante Einstellung der Medien über einen Mann, der als Spieler fast alle Titel gewonnen und unter den besten Trainern der Welt gearbeitet hat. Seine durchaus unumstrittene Fähigkeit als Motivator könnte sich indes zum Problem für Ottmar Hitzfeld entwickeln. Die jetzige Konstellation birgt durchaus Potenzial zur Spekulation. Klinsmann ist in seiner ganzen Art nicht nur das Gegenteil des kühlen Pragmatikers Hitzfeld, der Schwabe könnte den Mathematiker und „General" Hitzfeld bei weiter mäßig verlaufender Saison schneller beerben, als beiden vielleicht lieb ist. Der Boulevard würde keine Sekunde zögern und nach den Motivationskünsten Klinsmanns rufen, wenn die aktuellen Ziele des FC Bayern außer Reichweite gerieten. Klinsmann kennt diese Mechanismen, er selbst hat einmal gesagt: „Die Medien klonen sich ihre Helden, um sie dann fast sadistisch zu demontieren." Keine neue Erkenntnis im Sport, doch Klinsmann flüchtet nicht davor, er stellt sich dieser Welt. Immer wieder aufs Neue.

Foto: http://www.dfb.de