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Eine Frage der Alternativen Drucken
Geschrieben von Mike Lukanz   
Montag, 28 Januar 2008
ImageBorussia befindet sich in bester Gesellschaft, betrachtet man die mitunter ebenso durchwachsenen Ergebnisse eines Großteils der deutschen Profivereine. Das mag trösten, und sollten Spiele wie das am Samstagmittag in Düsseldorf (1:3) nicht Grund für allzu tiefe Sorgenfalten sein. Vor dem Hintergrund des Zeitpunkts dieser Leistung sollte ein genauerer Blick auf den status quo dennoch erlaubt sein. Die Laune Jos Luhukays nach der verdienten Niederlage gegen den Regionalligisten aus Düsseldorf unterstreicht dies. Denn Borussia ist in dieser Saison ebenso wenig stabil wie sie im vergangenen Jahr (nur) unstabil war. Oft sind es Nuancen, die entscheidend für die Entwicklung der näheren Zukunft sind.
 

Mit Roel Brouwers, Rob Friend und Roberto Colautti fallen gleich drei Stammkräfte für das Rückrundenauftaktspiel gegen Kaiserslautern aus. Borussias Kader ist stark und ausgeglichen besetzt, um Ausfälle dieser Art kompensieren zu können. Zumal die Stützen der Mannschaft keine erkennbaren Schwächen zeigen, so dass es nicht verwundert, dass auch am Samstag am Flinger Broich Sascha Rösler und Patrick Paauwe zu den besten Spielern in einer ansonsten schwachen Mannschaft gehörten. Für Brouwers spielte Svärd, für Colautti, der den gesperrten Friend ersetzen sollte, lief Nando Rafael auf. Zudem wurde mit der Verpflichtung von Thomas Kleine verdeutlicht, dass man nichts dem Zufall überlassen will. Borussia hat die wirtschaftliche Potenz und die Entscheidungsfreudigkeit, trotz gegenteiliger Bekundungen im Vorfeld auf dem Transfermarkt aktiv zu werden, wenn man der Ansicht ist, dass dies sportlich notwendig ist. Ein Luxusproblem eines Tabellenführers?


Lässt man die Hinrunde Revue passieren, fällt auf, dass es neben der individuellen Klasse der Schlüsselspieler (Neuville, Rösler, Paauwe) vor allem das in starker Form agierende Kollektiv war, das diesen Erfolg sichern konnte. Rob Friend wurde Borussias bislang bester Torschütze, Marcel Ndjeng zur Stammkraft auf dem Flügel, dazu die Konstanz von Alex Voigt, von Filip Daems oder von Roel Brouwers. Entwicklungen, die von den wenigsten Beobachtern in dieser Ausprägung erwartet worden wären. Wenn eine Mannschaft auf dem ersten Platz steht, und das gar in der von Borussia dargebotenen Souveränität, entwickeln sich immer einzelne Spieler zu Stützen innerhalb des Teams, von denen dies nur bedingt erwartet wurde. Borussias Schicksal hing nicht am Tropf eines einzelnen Akteurs wie es der 1.FC Köln bei Novakovic tat. Der Slowene ist nicht nur der beste Torschütze der Liga, es waren vor allem die entscheidenden Tore, die er erzielen konnte und die den FC am Ende doch noch auf einen versöhnlichen dritten Tabellenplatz überwintern ließen.


Doch die Ausgeglichenheit eines Kaders kann sich ebenso schnell zum Nachteil entwickeln. Entwickeln Ndjeng und Marin nicht die Dominanz auf den Flügeln, agiert die sonst so sichere Abwehrreihe einen Tick unglücklicher, tut sich Borussia ungemein schwer. Dies konnte man schon im abschließenden Heimspiel gegen den SC Paderborn beobachten. Paauwe und Rösler ordnen und sortieren das Spiel ihrer Mannschaft in Defensive und Offensive, geben ihm Struktur. Aber sie entscheiden die Spiele nicht. Vielleicht einzelne, aber nicht auf Dauer. Mit Thomas Kleine wurde eine gute Alternative verpflichtet, der in das bisherige Muster der Transfers passt: zweitligaerfahren, ohne Starallüren, aber mit Führungsqualitäten. Ein Spieler, der sich schnell ins aktuelle System einbringen kann.


„Wir haben vier Stürmer im Kader, Rob Friend ist gesperrt, Roberto Colautti verletzt. Also spielt Nando", so Jos Luhukay lapidar nach dem Spiel gegen Düsseldorf. Dass Nando Rafael in der internen Hierarchie nur Stürmer Nummer vier ist, wird wenige überraschen. Dass er es so deutlich aufs Brot geschmiert bekommt, indes schon. Am Samstag bewies der privat so sympathische Rafael in aller Deutlichkeit, warum dies so ist. Rafael spielt also, weil Luhukay keine Alternativen besitzt? Mitnichten, denn taktische Varianten böten sich durchaus an: so könnte Sascha Rösler neben Oliver Neuville stürmen, während Soumaila Coulibaly oder Marko Marin auf die Position Röslers im offensiven Mittelfeld wechseln. Aber, und das wird Luhukay wissen, würde man Rafael in dieser Konstellation das Vertrauen erneut entziehen, könnte man ihn gleich transferieren. Zudem Rob Friend schon beim Auswärtsspiel in Hoffenheim wieder in der ersten Elf stehen wird, wenn Rafael gegen Kaiserslautern nicht als dreifacher Torschütze auftreten wird, was nach den bisher gezeigten Leistungen eher unwahrscheinlich ist.


ImageUnd der Rest? Macht sich das Fehlen von Roel Brouwers so bemerkbar? Jos Luhukay betonte, dass kein Spieler auf einer ihm fremden Position eingesetzt würde. Dass man nun doch auf dem Transfermarkt aktiv wurde, verdeutlicht, dass die sportliche Leitung keinem der getesteten Alternativen genug Vertrauen entgegenbrachte. Natürlich hätte man diesen Alternativen die wenigen Spiele zutrauen können, denn weder Brouwers noch Gohouri werden über Monate ausfallen. Es ist dem Duo Ziege & Luhukay hoch anzurechnen, dass sie beim Unternehmen Wiederaufstieg keine Experimente eingehen wollen. So sollte der kurzfristige Transfer von Kleine nicht als Umfallen, sondern vielmehr als flexible Entscheidungsfreudigkeit gewertet werden. Alle Entscheidungen dienen nur einem Ziel: den größtmöglichen Erfolg zu sichern.


Dann gibt es noch Sharbel Touma, der, mit vielen Vorschusslorbeeren gekommen, nach wie vor keine Bindung zum Spiel findet. Auch ihm sind die Bemühungen nicht abzusprechen, aber seine Aktionen pendeln zwischen unglücklich und unkonzentriert. Kasper Bögelund erlaubt sich ebenso zu viele Fehler, vor allem in der Bewegung nach vorne, die den Gegner oft zu gefährlichen Kontern einladen. Marko Marin genießt noch immer eine Art „Welpenschutz", Eugen Polanski hat alle Anlagen, aber auch das Pech, dass mit Patrick Paauwe der wohl beste Feldspieler der zweiten Liga auf seiner Position spielt.


Hat Borussia also wirkliche Probleme? Das vergangene Jahr hat gezeigt, dass 90 Minuten in einem Pflichtspiel reichen, um Spekulationen und Einschätzungen im Vorfeld mit einem Schlag marginalisieren zu können. Gewinnt Borussia am Freitag gegen die Pfälzer Gäste, wird keiner mehr von unglücklich verlaufenden Trainingslagern oder Testspielniederlagen reden. Doch so sonnig, wie es derzeit tabellarisch aussieht, ist es wahrlich nicht. Die Saison beginnt nach einer so langen Pause neu. Die ersten drei Spiele haben ausreichend Potenzial, um die vermeintlich gute Ausgangslage schnell verspielen zu können. Das Mönchengladbacher Umfeld ist noch lange nicht so gefestigt und ruhig, wie es zurzeit den Anschein hat. Das beste Mittel sind weitere Siege. Und Siege fährt Borussia eben mit dem starken Kollektiv ein, ganz egal, wer auf dem Platz steht.