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SEITENwechsel, der 49. Drucken
Geschrieben von Maik Gizinski   
Donnerstag, 07 Februar 2008
ImageMein lieber Mike,

eins habe ich mittlerweile gelernt: Will man Quote machen, Aufmerksamkeit bekommen, sich Gehör verschaffen, muss man die Leser und Zuschauer sofort in seinen Bann ziehen. Der erste Satz, das erste Bild entscheidet. Zu kompliziert oder langweilig? Weg sind sie! Ausgesprochen sympathisch also, dass wir unseren kleinen Seitenwechsel diese Woche mit einem Exkurs in die Sozialwissenschaft beginnen und den Fußballgott (vorerst) einen guten Mann sein lassen. Mit einer überzeugenden Portion zivilen Ungehorsams verweigern wir uns des Mainstreams, der geschliffenen, mitreißenden Geschichte und beginnen stattdessen mit leckerem Schwarzbrot. Dafür liebe ich uns. Um den dozierenden Gestus eines intellektuellen Akademikers angemessen authentisch rüberzubringen, habe ich mir extra die Hornbrille meiner Nachbarin geliehen und eine Zigarette angezündet. Los geht's.

(Als sie noch nicht alle geraucht haben, waren diese blauen Gauloises auch noch leckerer!) Diese Unterscheidung, die du aufmachst, zwischen sozialwissenschaftlich und philosophisch, die kann ich schon nicht mittragen. Aber das soll uns heute nicht weiter kümmern; ich will zum eigentlichen Punkt kommen. Wenn du einen "Unterschied zwischen der realen und der gefühlten Wirklichkeit bemerkenswert deutlich" ausmachst, muss ich, so leid es mir tut, mit dem Beobachter kommen: Wenn du, bequem eingerichtet in deiner bestensfalls real gefühlten Wirklichkeit, Roland Koch in Hessen beobachtest oder Berti Vogts in Nigeria, dann bist du es, der beobachtet: Von realer Wirklichkeit lassen wir also lieber die Finger. Umgekehrt ermöglicht uns die Rücksicht auf den Beobachter sogar Mitleid mit Koch: Schließlich beobachtet Koch den Regierungsauftrag, den ihm seine kriminellen Ausländer geschenkt haben, auch in seiner eigenen real gefühlten Wirklichkeit und unabhängig davon, was andere Beobachter beobachten mögen. Da kann man schon mal eine dicke Lippe riskieren. (Muss kurz meine Brille putzen.) Was Vogts angeht: Berti Vogts ist bis heute der erfolgreichste deutsche Nationaltrainer aller Zeiten, hat von 102 Länderspielen als Trainer nur sensationelle 12 verloren und wurde, du wirst dich erinnern, 1996 Europameister. Vogts ist damit gelungen, was Sympathikusse wie Klinsmann oder Löw bisher vergeblich versuchen: Er hat einen Titel gewonnen.

Das Beruhigende an alldem: Wir müssen uns nicht darum scheren, was Jos Luhukay fühlt. Er wird verlässlich nicht dasselbe fühlen wie wir. (Drücke die dritte Zigarette aus.) Bleibt also nichts anderes übrig, als das 1:1 zu besehen, beziehungsweise die 1:1. Gladbach leistet sich einen wahrlich schwachen, unmotivierten Auftritt. Das darf mal sein, muss vielleicht nicht einmal beunruhigen, aber es hat ein G'schmäckle, da hast du recht. Ähnlich wie beim lila-weißen VfL, wo man mit jedem schwachen Auftritt, mit jeder Niederlage den dritten jämmerlichen Direkt-Wieder-Abstieg nach 2001 und 2004 nahen sieht, hat auch die Borussia zu viel Leid erfahren in den vergangenen Jahren, als dass man zuversichtlich und ohne Wenn und Aber auf einen Ausrutscher vertrauen kann. Wollen wir es trotzdem wagen: Mindestens bis nach Hoffenheim und erst recht bis nach Wehen. Obwohl - und wenngleich das hinsichtlich der nächsten beiden Gegner eigentlich immer stimmt - die Aufsteiger Hoffenheim und Wehen gerade jetzt besonders gefährlich sind: Für Gladbach bedeutete eine neuerliche Enttäuschung ein riesiges Leck an Selbstvertrauen; für Osnabrück wäre bitter, würde die bemerkenswerte Heimserie (27 Spiele ungeschlagen) gerade gegen einen Mitkonkurrenten um den Klassenerhalt reißen.
(Übrigens: Du bist dennoch herzlich eingeladen, eine Sondertabelle zu errechnen, in die du alle gefühlten Punkte inkludiert hast. Es wäre mir eine große Freude, könnten wir die am Ende dieser Saison in unserem letzten Seitenwechsel besprechen! Erwäge bitte auch, Schalke 04 als Meister einzufühlen. Diesen Meister der Herzen-Titel gönne ich denen jedes Jahr!)

Was Maren angeht: Wir haben uns an erfolgversprechender Stelle und bilateral ordentlich für dich ins Zeug gelegt, aber dazu vielleicht ein anderes Mal mehr.

Grüße aus der Wirklichkeit - woher auch sonst.
Maik
(legt die Brille ab. Kopfschmerzen.)



Neues Jahr, neue Saison, neue (und gleiche) Liga, aber altes Prinzip. Auch in dieser Saison heißt es: Auf schillernde Juwelen kann man von vielen Seiten blicken und staunen. Seit 1997 bereits blickt SEITENWAHL für seine Leser auf das Gladbacher Geschehen, 2004 gesellte sich der VfLog dazu. Beide Projekte haben ihren eigenen unverwechselbaren Charme. Seit Beginn der Saison 06/07 kommt es zum SEITENwechsel: SEITENWAHL und VfLog pflegen einen Briefwechsel, in dem alles möglich ist: Fachsimpelei, Verbalfouls, Streit und Harmonie. Solange die Tinte reicht, wird auf www.seitenwahl.de und http://www.vflog.de/ künftig nach Spieltagen der Brief der jeweils anderen Seite veröffentlicht. Auch in der neuen Saison - wenn nicht jetzt, wann dann? - werden der VfLog und SEITENWAHL die Lage der VfLs aus ganz persönlicher Sicht kommentieren.