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Eine Lanze für den Kapitän Drucken
Geschrieben von Michael Heinen   
Samstag, 01 März 2008

Es gibt Diskussionen, die sind nicht für jeden auf Anhieb zu verstehen. Zu nennen wäre hier die Torwartdiskussion um Christofer Heimeroth. der in dieser Saison zum Glück noch nicht die große Chance hatte, sich entscheidend auszuzeichnen, der aber auch nicht wirklich enttäuschte. Oder die Diskussion um den Trainer nach bereits drei schwächeren Spielen zu Saisonbeginn oder teilweise gar zu Beginn der Rückrunde. 

In den letzten Wochen gesellte sich die Diskussion um unseren bekanntesten Spieler hinzu, der sich in seiner 3 1/2jährigen Zeit bei Borussia nicht bei allen Fans den entsprechenden Kredit aufbauen konnte. Nach der langen Verletzung im Vorjahr, gab es schon vor der Saison einige, die Ollis Zeit als vorüber wähnten. Er werde es nicht mehr bringen, wenn er überhaupt noch jemals richtig fit würde, so die Einschätzung vieler. So landete er im August u.a. ganz weit oben bei der SEITENWAHL-Borussen-Umfrage nach der vermeintlich größten Enttäuschung dieser Saison.

In der anschließenden Vorrunde konnte Neuville dann nachweisen, dass er es doch noch kann, und zwar richtig gut. 14 Scorer-Punkte, und damit 3 mehr als der unumstrittene Sturmkollege Friend, heimste er bis zur Winterpause ein und nicht wenige Experten sahen in ihm den besten Borussen-Spieler dieser Vorrunde. Eine große deutsche Sportzeitung, deren Urteil allerdings nicht mehr ganz unumstritten ist, sah ihn sogar als besten Feldspieler der ganzen Liga. Darüber kann man streiten, aber tendenziell wäre es gewagt, ihm keine gute bis sehr gute Vorrunde zu bescheinigen.

Bei einigen Borussen-Fans verbleibt dennoch das Gefühl, sie hätten nur darauf gewartet, dass Neuville endlich das zeigt, was man von ihm schon vor der Saison erwartete, nämlich wenig. In den ersten Spielen der Rückrunde, in denen es für Borussia allgemein bescheiden lief, tat unser Kapitän diesen Kritikern endlich den Gefallen. Und schon ergab sich eine solche unnötige Diskussion, über die Fans anderer Vereine wahrscheinlich nur den Kopf schütteln können.

Wir haben ein höchst erfolgreiches, funktionierendes Sturmduo, das 22 Tore selbst erzielt und 9 vorbereitet hat. Nur das Kölner Sturmduo kann da mithalten, aber ansonsten gibt es in dieser Liga keinen Angriff, der Vergleichbares vorweist.

Wir haben einen Stürmer, der vor zwei Jahren weltweite Berühmtheit erlangte. Wenn man mit Ausländern über unseren Verein redet, kann man stets darauf verweisen, dass ein Spieler unseres Teams bei der letzten WM für Deutschland gespielt und den 1:0-Treffer im Polen-Spiel erzielt hat. Will man ansonsten mit Borussia Eindruck schinden, so muss man schon auf die 70er Jahre zurückgreifen, was bei den meisten Menschen mittlerweile keine so große Begeisterung mehr auslöst.

Wir haben einen Stürmer, der noch ordentliche Chancen besitzt, auch bei der nächsten EM für Deutschland antreten zu dürfen. Anstatt dass wir auf so einen Spieler stolz sind und uns freuen, dass er bei uns (einem Zweitligisten!) spielt, wird er von einigen Fans konstant schlecht geredet.

Oliver Neuville spielt so, wie er spielt und ist alleine von der Physis ein ganz anderer Typ Stürmer als z.B. Rob Friend. Übrigens ein wesentlicher Grund, weshalb die beiden so gut harmonieren. Es ist legitim, dass man als Fußballfan einen bestimmten Spielertyp besser mag als einen anderen. Aber es ist geradezu hanebüchen zu vermuten, dass ein Neuville nur spielen würde, weil Jos Luhukay bei potentieller Nicht-Berücksichtigung Unruhe im Team fürchtet. Oliver Neuville hat seinen Stammplatz zementiert gesichert, weil er es sich durch seine Leistungen verdient hat. Und es benötigt schon mehr als eine Hand voll schwacher Auftritte, um von einem solchen Spieler abzurücken und ihn für irgendwelche Experimente zu opfern.

Man kann gerne darüber diskutieren, wie lange ein Neuville noch die nötige Qualität haben wird, um bei uns im Stamm spielen zu dürfen. Schließlich wird er im Mai bereits 35 Jahre alt. Wir können darüber diskutieren, ob ein völlig fitter Colautti eine denkbare Alternative sein könnte und Neuville (in der kommenden Saison?!) in die Joker-Rolle verdrängen kann. Dazu wird er aber erst noch zeigen müssen, ob er tatsächlich besser ist. Während Colautti seine Qualitäten bislang nämlich nur in Israel unter Beweis gestellt hat, kann Neuville auf eine höchst erfolgreiche Karriere von über 10 Jahren im deutschen Profifußball zurückblicken.

Am vergangenen Freitag hat er erneut gezeigt, was ihn auszeichnet. Nach engagiertem, aber noch etwas glücklosem Beginn, war er beim 1:0 genau dort, wo ein Stürmer sein muss. Dort hat man gesehen, wie perfekt er zu Rob Friend passt. Zudem initiierte er einige gefährliche Aktionen, in denen seine überragende Klasse für diese Liga deutlich wurde. Es ist nicht im Ansatz einzusehen, mit welcher Berechtigung man darüber nachdenken sollte, dieses für die 2. Liga fast schon überqualifizierte Sturmduo zu sprengen.

Ein Oliver Neuville in Normalform ist für Borussia ein absoluter Meilenstein für die Erreichung des Ziels Wiederaufstieg. Sollte er sich in der Rückrunde verletzen und länger ausfallen, so wäre dies eine Schwächung wie sie kaum ein anderer Borussen-Spieler auslösen würde. Einzig falls Colautti dann tatsächlich in der Form einspringen kann, die wir uns alle von ihm erhoffen, würde dies unser Ziel nicht allzu entscheidend gefährden.

Dieser Appell mag sehr verherrlichend klingen. Aber nach der teilweise stark überzogenen Kritik der vergangenen Wochen war es an der Zeit, diese Lanze für unseren Kapitän zu brechen. Wir können uns froh und glücklich schätzen, dass die Verantwortlichen unseres Vereins ruhiger und gelassener die Situation überblicken als so mancher Fan. Aus diesem Grund ist Christofer Heimeroth im Verein weiterhin unsere unumstrittene Nr.1. Aus diesem Grund sitzt Jos Luhukay weiterhin unumstritten auf der Trainerbank. Aus diesem Grund darf Oliver Neuville weiterhin unumstritten mit Rob Friend das Sturmduo bilden. Und aus diesem Grund befindet sich Borussia weiterhin unumstritten auf Platz 1 der Zweitliga-Tabelle.