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SEITENblick - Zwischen Tradition und Retorte Drucken
Geschrieben von Mike Lukanz & Thomas Zocher   
Montag, 14 April 2008
ImageImageWas vor einigen Wochen noch unübersichtlich wirkte, nimmt spätestens nach Ablauf des 28. Spieltags Konturen an: Borussia Mönchengladbach wird den direkten Wiederaufstieg in die Bundesliga schaffen, Konkurrenz und die Presse haben dies nach dem überzeugenden 3:0 gegen Aufstiegskonkurrent Greuther Fürth einstimmig konstatiert. Erstaunlicher zu diesem Zeitpunkt ist der Blick auf das untere Ende der Tabelle. So unwahrscheinlich der Fall ist, dass Borussia sich den Aufstieg noch nehmen lässt, so unwahrscheinlich ist auch der Klassenverbleib der Mannschaften, die im status quo die Abstiegsplätze belegen. So langsam realisiert Fußball-Deutschland, dass ein noch vor Jahren unmöglich erscheinender Fall eintreten könnte: der Absturz des 1.FC Kaiserslautern in die Regionalliga, während mit der TSG 1899 Hoffenheim ein mit viel Geld und Geduld aufgebauter Amateurverein sich anschickt, in die Eliteliga des deutschen Fußballs aufzusteigen. Fußballromantiker mögen diesen Umstand beklagen, SEITENWAHL mag ihn kommentieren.

Ein Blick in unseren Zweitligacheck zu Beginn dieser Saison beweist, für den 1. FC Kaiserslautern hatte man auch dann keinesfalls einen Abstieg prognostizierend auf der Rechnung, wenn man dem Traditionsklub aus der Pfalz nur einen Platz im hoffnungsvollen Mittelfeld der Tabelle zutraute. Dass die Mannschaft in der Abwehr gut aufgestellt sein würde, diese Prognose wagten wir. Und nicht fälschlicherweise, wie eine Bilanz von lediglich 32 Gegentoren in mittlerweile 28 Saisonspielen aussagt. Und mit so einer Bilanz, der aktuell drittbesten Quote der Liga, steigt man ab? Ja, natürlich, denn nicht nur etwa aus der vergangenen Saison, als die Borussia in der 1. Bundesliga in Sachen Torausbeute einen vereinseigenen Minusrekord aufstellte, sollte klar sein, dass man große Probleme bekommt, wenn man regelmäßig das gegnerische Tor verfehlt.

Vor allem deshalb steht der 1. FC Kaiserslautern dort, wo er momentan rangiert. Er weist einen Acht-Punkte-Rückstand auf den FC Augsburg auf, dessen Gastgeber er am jetzt bevorstehenden Spieltag ist. Und gegen den der Verein im heimischen Stadion gewinnen muss, will er sich die Möglichkeit auf den Verbleib in der 2. Bundesliga erhalten. Eine Ligazugehörigkeit, deren Erhalt für das Aushängeschild vieler Pfälzer mittlerweile überlebensnotwendig scheint. Dies gilt besonders, wenn man sich die finanziellen Konsequenzen eines Abstiegs aus dem bisherigen Profifußball in dessen neugegründeten Unterbau beäugt. Etwas mehr als sechshunderttausend Euro erhalten Drittligisten aus der Fernsehvermarktung und während dies für einen bisherigen Regionalligisten eine Frohlockung zur Folge haben darf, resultiert daraus für einen Zweitligaabsteiger eine klare Etatkürzung. Man verlässt als Profiverein eine Liga "nach unten" nicht ohne finanzielle Konsequenz, in allen Teilbereichen.

Die bevorstehenden Konsequenzen in allen Teilbereichen sind für einen Klub von der Reputation eines 1. FC Kaiserslautern verheerend, aber auch nur die logische Folge der Entwicklungen des Klubs in den vergangenen Jahren. So muss man es sehen, wenn ein Verein innerhalb von etwa fünf Jahren die Europapokalteilnahme gegen die Drittklassigkeit tauscht. Und dann muss man sich fragen, wie es so weit kommen konnte, dass der Deutsche Fußballmeister von 1998 ein Jahrzehnt später im Grunde flächendeckend ruiniert ist.

Die Antwort auf die Frage beschäftigte in den vergangenen Monaten Agenturen wie Fußballmagazine. Und durch ihre Berichterstattung ist auch jeder noch so fern von Kaiserslautern befindliche Fußballfreund irgendwie ein Stück Experte für den Niedergang der Pfälzer geworden. So hat man lesen dürfen, dass ehemalige Vorstandsmitglieder sich nur noch selten in die Öffentlichkeit trauen, dass die Menschen in einem keinesfalls auf "glamouröse Großstadt" getrimmten Umfeld mitunter mit Fingern auf eine Kombo zeigen, die eben noch vor zehn Jahren für den bis dato einmaligen Husarenritt stand, den der Klub nach dem Abstieg aus der 1. Bundesliga 1996 unternahm: Als Zweitligameister sofort Erstligameister zu werden!

Dass diese Erfolge zu einem erheblichen Teil nur auf Sand begründet waren, dass man sich nebulöse Konstrukte ausdenken musste, um diesen Erfolgen in Form von Neuzugängen weiteren Vorschub zu leisten. Es interessierte niemanden, weil der Erfolg bekanntlich viele Freunde hat? Jein, weil wie bei so vielen Traditionsklubs ein Bild in den Köpfen der für sie schwärmenden Menschen eingraviert ist, das unappetitliche Nebeneffekte so lange geflissentlich ausblendet, so lange es „wie am Schnürchen" läuft - oder hatte etwa das in den Neunziger Jahren doch oft siegende Borussia Dortmund bis zur doppelt verfehlten Qualifikation für die Champions League vor kurzem eine „den totalen Umsturz wollende" Opposition in einer Anzahl, wie die Westfalen sie danach bekamen?

Natürlich nicht, Erfolg blendet gern. Außerdem ist es ja wirklich schmückend, wenn man auf Balkonen und in Rathäusern mit einer Trophäe wie zum Beispiel der DFB-Meisterschale herumgereicht wird. Ein berauschendes Gefühl, auch 1998, für das der 1. FC Kaiserslautern in den Augen vieler jetzt büßt?
Wer so denkt, der verkennt etwas. Denn der 1. FC Kaiserslautern büßt doch vielmehr für die Sünden in den Jahren nach der Meisterschaft von 1998. Auch bei Borussia Dortmund büßt(e) man nicht für den Triumph in der Champions League 1997, selbst die auf unseren Seiten hauptsächlich thematisierte Borussia aus Mönchengladbach darbte in den letzten zehn Jahren teilweise ja nicht für die Anstrengungen, die zum DFB-Pokaltriumph 1995 führten. Sie musste kürzer treten, weil in der Folge des Triumphes von 1995 Entscheidungen getroffen wurden, die aus finanziellen Aspekten betrachtet doch nur mit erheblicher Phantasie und naivem Gottvertrauen zu rechtfertigen waren - aber wollte man dies in der Borussengemeinde damals mehrheitlich so wirklich hören?

„Man soll nicht höher pissen, als man kann." Dieses prägnante Zitat entstammt der rheinischen Kreativität des Reiner Calmund. Und der schwergewichtige Fußballfunktionär hat damit den Kern getroffen. Für die Mönchengladbacher Borussia etwa, aber eben auch für den 1. FC Kaiserslautern, bei dessen Schicksal es in den Augen des jeweiligen Betrachters liegt, ob man in Anbetracht dessen Niedergangs zwingend eine Art Anteilnahme aufbringen muss. Bringt man sie, dann hat man zum Ende der vergangenen Saison möglicherweise gehofft, dass es doch einfach nicht sein darf, dass ein Traditionsklub wie die Borussia nicht in der ersten Bundesliga spielt. Um im Moment des faktischen Verlusts der Zugehörigkeit zur Bundesliga dann jedoch zu realisieren, dass eine den Briefkopf schmückende Tradition genauso wenig eine Unabsteigbarkeit zementiert wie etwa Geld automatisch Tore schießt.

Im direkten Vergleich: die TSG 1899 Hoffenheim, die in den vergangenen Wochen als Sinnbild für den Untergang der deutschen Fußballkultur herhalten musste. Zu Beginn der Saison trotz der vorhandenen spielerischen und finanziellen Mittel belächelt, scheint sich ganz Fußball-Deutschland inzwischen gegen den von SAP-Gründer Dietmar Hopp finanzierten Verein verschworen zu haben. „Retortenclub", „Hopps Spielzeug" oder „Werksclub", die Synonyme für die TSG sind vielfältig. Dabei tut man der Mannschaft von Trainer Ralf Rangnick mit einer solch negativen Haltung Unrecht, denn einer näheren und rein nüchternen Betrachtung halten die Beschimpfungen nicht stand. Dass man sich im kleinen Dorf nahe Heidelberg inzwischen mit Erstligafußball beschäftigt, ist eben nicht das Ergebnis eines kurzfristigen Engagements eines zu reichen und gelangweilten Milliardärs, sondern stellt den vorläufigen Höhepunkt einer inzwischen 28-jährigen Entwicklung dar, an deren Anfang sich eben jener Dietmar Hopp entschloss, seinem Heimatverein finanziell unter die Arme zu greifen. Dass er dies mit Bedacht und mit langfristigem Blick tut, wird gerne geflissentlich übersehen.

Wenn ein Fußballverein von den finanziellen Möglichkeit eines Einzelnen profitiert, hat dies meist ein Naserümpfen der Konkurrenz zur Folge. Nun ist dieses Phänomen wahrlich nicht neu. Ein Gang durch die deutschen Amateurklassen, beginnend von der Kreis- bis zur Verbandsliga, ist auch immer ein Streifzug und Lehrbeispiel von Fußballsponsoring. Kein Dorfverein, kein noch so ambitionierter Club unterhalt der professionellen Strukturen einer Oberliga überlebt ohne einen oder mehrerer Mäzene. Sei es der lokale Bauunternehmer oder wie so oft der Zusammenschluss mehrerer Unternehmer der Stadt: der Betrieb eines Fußballvereins benötigt Geld. In der Kreisliga in anderen Dimensionen als in der 2. Bundesliga, aber das Prinzip bleibt das gleiche. Warum also jetzt der Aufschrei?

Es liegt in der von Romantik geprägten Natur des deutschen Fußballfans begründet (und in der Seele des Menschen ohnehin), dass man Altbewährtes ungern aufgibt. Leider ist der Begriff des „Altbewährten" allzu oft stark subjektiv geprägt und streng genommen die einzige Konstante, die sich mit jedem Jahr ändert. Wenn Anhänger sogenannter „Traditionsvereine" anno 2008 beklagen, dass die Bundesliga in der kommenden Saison mit Leverkusen, Wolfsburg und Hoffenheim drei „Werksclubs" beinhaltet, während Kaiserslautern, 1860 München oder der 1.FC Köln von der großen Fußballbühne verschwunden sind, wird an Heuchelei und Oberflächlichkeit selten gespart. Die Beispiele TeBe Berlin und Borussia Dortmund vor einigen Jahren haben gezeigt, dass Geld alleine keinen Erfolg bedingt und wenn, dass er oft teuer erkauft wird. Die Erfahrung zeigt: je mehr Geld vorhanden ist, ganz gleich ob Kreis- oder Bundesliga, desto größer ist die Gefahr, dies ohne Verstand zu verbrennen. Das, was in Hoffenheim seit nunmehr 18 Jahren entsteht, ist ein Lehrbeispiel der Unternehmensführung. Mit welchen Maßstäben wird hier also gemessen? Die SpVgg Greuther Fürth, mit einem der kleinsten Etats der Liga ausgestattet, spielt seit Jahren konstant um den Aufstieg mit, während der 1.FC Köln oder auch Borussia Mönchengladbach es in den vergangenen Jahren trotz (oder wegen?) ihrer finanziellen und strukturellen Möglichkeiten nicht schafften, dies auch in sportliche Erfolge umzusetzen.

Ein Blick auf den Kader der Hoffenheimer verdeutlicht dies. Hier wurde nicht wahllos eingekauft, sondern auch unter der Vorgabe von Rangnick und Peters ein Team zusammengestellt, das gehobenen Zweitligaansprüchen genügt. Wie sehr sich Ansichten doch ändern können! Als Borussia am zweiten Spieltag gegen einen taktisch hervorragend eingestellten Aufsteiger über ein 0:0 nicht hinaus kam, war das Geschrei am Niederrhein groß, da man als Bundesligaabsteiger nicht in der Lage war, einen Aufsteiger aus der Regionalliga in einem Heimspiel zu besiegen. Bis zum Wochenende, an dem die TSG mit dem 1:2 gegen Aachen das erste Spiel in der Rückrunde verlor, avancierte die Truppe um Copado, Compper & Co. in den Augen vieler zur vermeintlich unschlagbaren Übermacht. Dass man mit dieser Truppe inzwischen auf Platz 2 der Tabelle rangiert, war jedoch selbst von Rangnick nicht prognostiziert worden. Eigene Vorgabe der Hoffenheimer war es, den Aufstieg in die Bundesliga in den nächsten zwei bis drei Jahren anzupeilen. Insofern sollte man sich in Köln, Mainz oder Freiburg fragen, wer am status quo den größeren Anteil trägt. Dass Hoffenheim mit einer ordentlichen, aber wahrlich nicht überragenden Mannschaft den zweiten Tabellenplatz erreicht oder dass die angesprochenen Teams trotz ihrer fußballerischen und (immer noch) finanziellen Überlegenheit es nicht schaffen, so etwas wie Konstanz in ihre Leistungen zu bringen?

So stellt der aktuelle Trend dann auch mehr einen Spiegel dar, der den etablierten Mannschaften im Unterhaus vorgehalten wird. Noch am Ende der Rückrunde rangierte die TSG Hoffenheim auf einem mittelmäßigen achten Tabellenplatz, hatte acht Punkte Rückstand auf einen ersten Aufstiegsplatz. Wenn der FSV Mainz 05 oder der 1.FC Köln, nominell und aus eigener Ansicht heraus die vermeintlich stärkste Mannschaft der 2. Bundesliga, es nicht schaffen, ihre de facto vorhandene Überlegenheit auch in Tabellenplätzen darzustellen, sollte man sich keiner billigen Polemik bedienen und über die Ungerechtigkeit von Werksclubs schimpfen.

Sollte die TSG Hoffenheim am Ende dieser Saison aufsteigen, so wird sie es verdient haben. Der Aufstieg wäre mittelfristig ohnehin realisiert worden. Wenn jetzt, vor dem Hintergrund des Lauterer Absturzes und des eventuell eintretenden Hoffenheimer Aufstiegs, über die Kommerzialisierung des Fußballs geklagt wird, ist das die typische deutsche Heuchelei. Aus Sicht eines Fußballromantikers ist es verständlich, dass es ihm beim Gedanken graut, in der nächsten Saison Hoffenheim gegen Cottbus gucken zu müssen, das von 8.723 Zuschauern im Stadion verfolgt wird, während gleichzeitig der 1. FC Kaiserslautern vor ähnlicher Zuschauerzahl in der 3. Bundesliga gegen die Zweitvertretung des VfB Stuttgart antreten muss. Dass Fußballromantik jedoch keine Punkte bringt und qua definitionem nicht vor Misserfolg schützt, weiß man speziell in Mönchengladbach nicht erst seit dieser Saison. Man frage in Braunschweig oder Essen nach! In Hoffenheim benötigte man 18 Jahre, um heute auf einem Aufstiegsplatz der 2. Bundesliga zu stehen. Als Sascha Rösler zu Beginn der Saison die Angebote aus Hoffenheim und Mönchengladbach auf dem Tisch liegen hatte, entschied er sich für die Tradition Borussias und gegen das Geld Hopps. Dies ist und bleibt der (vorläufig) große Joker, den Mannschaften wie Borussia gegenüber der TSG Hoffenheim haben. Und so sollten die sogenannten „Traditionsclubs" Deutschlands nicht resignierend abwinken, wenn die TSG Hoffenheim Erwähnung findet, sondern endlich begreifen, dass Tradition nichts ist, auf dem man sich ausruhen kann, sondern vor allem eine Verpflichtung darstellt.

Und vor allem lernen, dass weder Geld noch Tradition die Grundlagen guter Vereinsführung und Kaderzusammenstellung ersetzen können. Eine Einsicht, die in Kaiserslautern möglicherweise erst jetzt durch Stefan Kuntz vorhanden sein könnte.