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SEITENwechsel, der 58. Drucken
Geschrieben von Maik Gizinski   
Mittwoch, 14 Mai 2008
ImageLieber Mike,

sagt dir S-Methyl-thioacrylat beziehungsweise dessen Methanthiol-Additionsprodukt S-Methyl-3-(methylthio)thioproponiat etwas? Beide stehen in engem Zusammenhang mit 1,2-Dithiolan-4-carbonsäure. Und alle drei zusammen sorgen bei etwa 40 Prozent der Menschen dafür, dass ihr Urin nach dem Genuss von Spargel stinkt. Die anderen 60 Prozent sind, was diesen nicht zu unterschätzenden Aspekt ziviler Entwicklung angeht, genetisch bevorteilt. Ich komme darauf, weil ich mir gerade eine ordentliche Portion Spargel schmecken ließ, selbst geschält wohlgemerkt. Weiter ließe sich fragen, ob auch eine genetische Segnung unsere VfLiebe begründet, wieviel Prozent der Menschen diesen gar nicht überschätzbaren Grad ziviler Entwicklung erklommen haben und ob die Angelegenheit genauso dominant vererbt wird wie das Urinproblem beim Spargel. Das wäre ja auch langfristig beim Thema Kinder von Interesse, eine Brut von schlechter Gesinnung möchte ich mir nämlich ersparen.

Ach, es lässt sich ganz gut leben gerade. Ich wäre gern am Sonntag in Gladbach gewesen, um mit dir und den 85.000 Fans am Alten Markt den Einzug in die damit wieder zurecht so genannte erste Liga zu feiern. Was für ein Fest! Aus naheliegenen Gründen (München) ging das leider nicht. Daher bin ich angewiesen auf deinen Bericht. Ich hätte gern die Top 3 an nennenswerten Begebenheiten der Aprés-Football-Party!

Die Niederlage gegen Freiburg will ich zum großen Teil getrost übergehen und damit nicht langweilen. Bedeutsam daran ist lediglich, dass die Nervensägen aus Hoffenheim immerhin latent noch zwei Konkurrenten im Nacken haben. Doch auf zwei Einsehen des Fußballgottes an einem Spieltag können wir wohl nicht hoffen, der Mann kann sich schließlich nicht teilen.
Interessanter als das auf dem Platz und das Aufstiegs-Brimborium drumherum erscheint mir eine etwas abseitigere Sicht auf die Borussia: Wieviele Spieler haben wohl, wenn sie Spargel essen - nein, kleiner Scherz. Im Ernst: Einer unserer klugen Leser schrieb als Kommentar zu unserem letzten Seitenwechsel :"Gladbach hat in den vergangenen 12 Monaten alles richtig gemacht. Nur ist Gladbach jetzt nicht mehr Gladbach." Das hat mir etwas zu denken gegeben, zumal es dazu taugt, den Egal-wie-es-läuft-immer-haben-sie-was-zu-meckern-Award souverän abzuräumen und dadurch schon einmal grundsätzlich interessant ist. Aber auch ab davon: Kann man im Prozess einer Veränderung den Veränderungsprozess beobachten? (Bevor du zur Antwort ansetzt: Das war eine rhetorische Frage. Nein, man kann nicht.) Wer schützt uns davor, dass Gladbach das neue FrankfurtWolfsburgLeverkusen wird? Professionell gemanagt und auf immer graues Mittelmaß ohne Ausreißer nach oben oder unten? Wolfsburg, völlig unerklärlich auch ein VfL, wird immerhin seit gefühlten 20 Jahren am Ende Achter. (Wollen wir hoffen, dass es nach dieser Spielzeit nicht wesentlich besser wird!) Bleibt Gladbach auch künftig Gladbach?

Wo wir jetzt bei den wirklich wichtigen Dingen angekommen sind: Was wird aus Osnabrück? Am Sonntag kommt es zum alles entscheidenden Endspiel gegen Offenbach. Der VfL kann noch aus eigener Kraft den Klassenerhalt schaffen, und schon das ist eine tolle Leistung, mit der vor einem Jahr die wenigsten gerechnet hatten. Osnabrück stand nach keinem der bisher 33 Spieltage auf einem Abstiegsplatz. Wird es dann reichen am Wochenende? Natürlich wäre am tollsten, wenn Köln einfach in Kaiserslautern gewänne, damit die roten Teufelchen - da gehe ich vollends mit dir chloroform - endlich dort landen, wo sie seit Jahren hingehören: In die Annalen, wo sie bitte auf absehbare Zeit vollinsolvent nicht mehr rausfinden. Aber darf man den Geißböcken so viel Charakterstärke und Geschmack zugestehen? Die Spannung ist jedenfalls grenzenlos, und auch, wenn es am Niederrhein schwer nachvollziehbar sein sollte: Die Saison ist noch nicht vorbei, noch lange nicht.

Eine Sache wär da noch: Du schriebst beim letzten Mal, die "wenigen Momente der Stille und inneren Einkehr" seien hälftig der Borussia und "der geliebten Freundin zugedacht". Das bitte erklär, denn zuletzt hattest du dir ja eher an der Borussia vergangener Jahre ein Beispiel genommen in der sympathischen Disziplin: Auf hohem Niveau dramatisch scheitern. 
Klär uns auf!

Auf bald wieder!
Sei gegrüßt,
Maik



Neues Jahr, neue Saison, neue (und gleiche) Liga, aber altes Prinzip. Auch in dieser Saison heißt es: Auf schillernde Juwelen kann man von vielen Seiten blicken und staunen. Seit 1997 bereits blickt SEITENWAHL für seine Leser auf das Gladbacher Geschehen, 2004 gesellte sich der VfLog dazu. Beide Projekte haben ihren eigenen unverwechselbaren Charme. Seit Beginn der Saison 06/07 kommt es zum SEITENwechsel: SEITENWAHL und VfLog pflegen einen Briefwechsel, in dem alles möglich ist: Fachsimpelei, Verbalfouls, Streit und Harmonie. Solange die Tinte reicht, wird auf www.seitenwahl.de und http://www.vflog.de/ künftig nach Spieltagen der Brief der jeweils anderen Seite veröffentlicht. Auch in der neuen Saison - wenn nicht jetzt, wann dann? - werden der VfLog und SEITENWAHL die Lage der VfLs aus ganz persönlicher Sicht kommentieren.