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Die Saison 2007/08, blicke ich zurück ... Drucken
Geschrieben von www.seitenwahl.de   
Freitag, 16 Mai 2008
Der Wiederaufstieg ist innerhalb von lediglich 12 Monaten geschafft, die Saison 2007/08 wird als eine der erfolgreichsten in die jüngere Geschichte von Borussia Mönchengladbach eingehen. SEITENWAHL hat sich deshalb entschieden, bereits vor der letzten Partie der Borussia in Paderborn ein Fazit zur ablaufenden Zweitligaspielzeit zu ziehen.

Thomas Zocher: Vielleicht ist es ja ganz nützlich, wenn man Spielzeiten in einzelne Momente unterteilt. Wenn ich das mit der Saison 2007/08 machen müsste, drei ganz unterschiedliche Momente würden mir wohl in der Erinnerung bleiben. Und dabei ist das Last-Minute-Eigentor von Branimir Bajic noch nicht einmal eingeschlossen.

Nun gut, der erste Moment wäre das Gefühl nach dem 4:1 der Mainzer am dritten Spieltag. Das Gefühl ist das, in einem falschen Film zu sein. Hundertzwei Auswärtsspiele hatte Borussia in der ersten Liga mit zum Teil deprimierenden Niederlagen abgeschlossen, und so nötig die Kaderveränderungen des Sommer gewesen waren, das Ergebnis war in Mainz dasselbe gewesen. Eine chancenlose Borussia auf fremdem Platz. Das kann einem schon die Petersilie verhageln.
Der zweite Moment für mich in dieser Borussensaison war ein positiver Moment, jener des 3:0 von Rob Friend beim Auswärtsspiel in Fürth. Man kennt das ja, da findet die Borussia in Aue und Augsburg in den Tritt und schon vor dem Auswärtsspiel beim FC St. Pauli „quakt" das Umfeld nicht mehr von dem nächsten Spiel, sondern konzentriert sich auf die vermeintlichen Saisonhöhepunkte gegen Aachen, Köln und im Pokal gegen Bayern München. Und da fällt die Konzentration dann auch meistens ab, zwangsläufig auch bei einem nicht immer vor dem eigenen Umfeld gefeiten Team. Die Borussia spielte in allen jenen „Höhepunkt-Spielen" so erwartungsgemäß motiviert, aber dennoch ließ sie die vermeintlich weniger attraktiven Aufgaben in jenen Wochen nicht aus den Augen und vermöbelte sportlich zunächst die TuS Koblenz und dann auch noch die durchweg sehr starken Fürther - solche Eindrücke aus eher ungemütlichen Spielen wie diese sind es, in denen man von seiner Position des Beobachters ein wirklich richtig beruhigendes Gefühl gewinnt, eines mit dem es sich auch in schlechte(re)n Saisonwochen genüsslich die Zeit bis zum nächsten Spiel vertreiben lässt.

Mehr noch als der definitive Moment der Rückkehr der Borussia in die erste Bundesliga wird mir, als sozusagen dritter Moment, das Auswärtsspiel der Borussia beim 1. FC Köln in Erinnerung bleiben. Auch wieder aufgrund der Tendenz der Auswärtsspiele in den Vorjahren. Dabei steht der Auftritt der Borussenelf in Köln auf einer Stufe mit der beeindruckend effizienten Leistung der Elf vor Weihnachten in Freiburg. Dort wie nun in Köln zeigte sie, dass sie den Wiederaufstieg nicht nur erben möchte, sondern gewillt ist sich ihn richtig zu verdienen und ein Ausrufezeichen zu setzen. Ein Zeichen, dass untermauert, weshalb bestimmte Sachen in diesem Sport zwar ausgelutscht klingen, letztlich aber den Kern treffen. Gefallen hat mir überdies die Art und Weise wie die Borussia und ihr Team jeden Gegner, und sei er auf dem Papier noch so qualitativ unterlegen, ernstgenommen und respektiert hat - weil es einfach eine Aufrichtigkeit und ein Fairplay dem sportlichen Kontrahenten gegenüber beweist, die es einfach stets zu wahren gilt.

Unter dem Strich gesehen beendet die Borussia mit diesem Spiel beim abgestiegenen SC Paderborn eine Saison, die wirklich Spaß gemacht hat. Dass an diesem Spaß zu einem riesigen Prozentsatz die Mannschaft und ihr Trainerteam Anteil hat, sollte man jedem einzelnen dieser Personen hoch anrechnen. Sicherlich wird die Borussia nach ihrem Aufstieg nun auch wieder schwere Fahrwasser zu meistern haben, ganz sicher sogar. Aber mittlerweile ist es keine Hoffnung mehr, dass sich etwas verändert hat. Mittlerweile ist es Gewissheit, dass die Borussia den weiter vor ihr liegenden Weg besser absolviert, weil sie keinen fünften Schritt vor dem zweiten machen möchte. Und weil sie eine Mannschaft besitzt, die es verdient hat, dass man sie mit ernsten Worten für eine Saison lobt, in der sie nicht zuletzt eben auch mir sehr imponiert hat.

Michael Heinen: Als ich vor ziemlich genau 13 Monaten auf dieser Seite „eine faire Chance" (Artikel vom 19.04.07) für Jos Luhukay und das Kompetenzteam eingefordert habe, wurde dies teils heftig kritisiert. Es bildeten sich gar eigene Websites, deren einziger Zweck es zu sein schien, den ungeliebten Trainer madig zu machen und die Situation noch viel schlechter darzustellen, als sie damals ohnehin schon war. Rund um den Borussia-Park herrschte eine explosive Mischung, die zu Saisonbeginn nach drei sieglosen Partien ihren negativen Höhepunkt erreichte.

Es ist die für mich positivste Erkenntnis aus dieser Saison, dass der Großteil der Borussen-Fans trotzdem bereit war, den Verantwortlichen diese faire Chance einzuräumen, die sie sich aus heutiger Sicht mehr als verdient hatten. Trotz der angesprochenen Turbulenzen behielt man im Umfeld von Borussia die Nerven und beging nicht den Fehler so vieler Vereine, in der ersten kritischen Situation die Notbremse in Form eines Trainerrauswurfs zu ziehen. Ein jeder Borussen-Fan, der einst durchaus nachvollziehbar zweifelte und um die Zukunft seines geliebten VfL bangte, sollte diese Erfahrungen aus der aktuellen Spielzeit stets im Hinterkopf behalten, um sie bei der nächsten Krise abzurufen. Sollte die neue Saison nicht so gut starten wie von uns allen erhofft, so ist zu wünschen, dass man dem obligatorischen Murren und Schlechtreden diverser Dauernörgler nicht wieder allzu schnell nachgibt.

Natürlich sind es oft auch Kleinigkeiten, die eine Saison begünstigen und die den Verlauf vehement beeinflussen. Wer weiß, wie es gekommen wäre, wenn Osnabrück im Borussia-Park den zurecht eingeforderten Elfmeter zum 2:2 zugesprochen bekommen hätte? In Aue stand das Spiel nach dem unglücklichen Doppelschlag zum Ausgleich auf des Messers Schneide und erst Roel Brouwers Hinterkopfball brachte uns zurück auf die Siegesstraße. Hier war das Glück auf unserer Seite und versetzte uns in einen Lauf, an dessen Ende in diesen Wochen der mehr als verdiente Wiederaufstieg steht.

Glück und Pech gehören zum Fußball genauso dazu, wie umstrittene Schiedsrichterentscheidungen. Und sie werden stets einen nicht unwesentlichen Einfluss auf Erfolg und Misserfolg eines Vereins nehmen. Wer Gerechtigkeit sucht, hat sich als Fußballfan definitiv das falsche Hobby ausgesucht. Als Verantwortlicher eines Profiklubs kann man nur dafür sorgen, die Wahrscheinlichkeit für den Erfolg so sehr wie irgend möglich zu erhöhen. Dies ist Christian Ziege und Jos Luhukay vor dieser Saison in beeindruckender Weise gelungen. Ihre Einkaufspolitik war durchdacht, ihre Vorgehensweise ließ ein deutliches, verständliches Konzept erkennen. Daher ist es kein Zufall, wenn sich heute nicht nur die SEITENWAHL-Redaktion in Lobeshymnen auf den Saisonverlauf und ihre Protagonisten überbietet.

Borussia hatte gemeinsam mit Hoffenheim und Köln die mit Abstand besten finanziellen Voraussetzungen in dieser Liga. Die aktuelle Tabelle beweist also einmal mehr, wie wesentlich der Faktor Geld im heutigen Profifußball geworden ist und wie schwer es sich für weniger solvente Vereine darstellt, sich diesem ungleichen Wettbewerb zu stellen. Dennoch war es alles andere als selbstverständlich, wie überzeugend Borussia diese Liga über nahezu die gesamte Spielzeit hinweg dominiert hat.

Die Mannschaft weist eine gesunde Mischung aus alten und jungen, erfahrenen und talentierten Spielern auf. Sie ist in der Breite so hochkarätig besetzt wie es wohl einmalig in der Zweitliga-Historie sein dürfte. Sie lässt eine klare Handschrift des Trainers erkennen. Und sie setzt vor allem den „Ein-Team"-Gedanken tatsächlich um, den einige Ex-Borussen im vergangenen Jahr noch ad absurdum geführt hatten.

Die Ausrichtung, Spieler nicht nur nach ihrer Klasse, sondern auch nach ihrem Charakter auszuwählen, kann gar nicht hoch genug bewertet werden. Bei allem Selbstverständnis, das wir Borussen aufgrund unserer riesigen Tradition nicht verleugnen können, sind wir aktuell ein ganz gewöhnlicher Verein, der seit Jahren darum kämpft, sich in der Bundesliga zu etablieren. Als Absteiger und Zweitligist sind gewisse „Kracher"-Spieler, die von vielen Fans ständig eingefordert werden, nicht zu bekommen, da sie den internationalen Fußball und die dort zu verdienenden Millionen vorziehen. Doch neben der individuellen Qualität einzelner Spieler spielt gerade der Teamgeist eine gewichtige Rolle, der einiges wettmachen kann. Nur so erklärt sich z.B., wieso Energie Cottbus den Klassenerhalt recht souverän bewältigte, während der 1.FC Nürnberg kurz vor dem Abstieg steht.

Borussia hatte in dieser Saison eine für Zweitligaverhältnisse hohe Qualität, lebte aber mindestens genauso sehr von diesem Teamgeist. In der kommenden Saison, wenn man qualitativ nur noch maximal Mittelmaß in Liga 1 darstellen wird, wird es hierauf noch viel mehr ankommen. Die Verantwortlichen werden erneut gefordert sein, dieses Mal die Wahrscheinlichkeit auf den Klassenerhalt so stark wie möglich zu erhöhen. Niemand kann vorhersagen, ob ihnen dies einmal mehr gelingen wird. Aber wie schon im vorigen Jahr sollten wir ihnen auch hierzu eine faire Chance bieten. Nach den vergangenen Erfolgen wird dieser Aufruf aber wahrscheinlich weit weniger Kritik in der Borussen-Fangemeinde hervorrufen als jener vor 13 Monaten.

Joachim Schwerin: Borussia kehrt als Zweitligameister souverän und schnellstmöglich in die Bundesliga zurück - könnte das Saisonfazit positiver ausfallen? Dennoch ist Wasser im Wein: Während man mit Fug und Recht behaupte kann, daß der Aufstieg Resultat eigenen Könnens ist, wird man das i-Tüpfelchen, die unangefochtene Meisterschaft, auf die Schwäche der Konkurrenz zurückführen müssen. Die von interessierter Seite hochgepushte „stärkste Zweite Liga aller Zeiten" hat sich als Rohrkrepierer erwiesen, als Hülle ohne Inhalt. Manches Mal hat Borussia in dieser Saison geschwächelt, doch kein Konkurrent, auch nicht die Großmäuler aus dem westlichen Vorort von Leverkusen, konnte davon profitieren. So darf man an dieser Stelle mit voller Überzeugung zum Erfolg gratulieren, doch Begeisterung sieht anders aus.

Woran liegt dies? Vergleicht man den Aufstieg 2008 mit der Rückkehr des Mythos 2001, so liegen Welten zwischen beiden Ereignissen. 2001 hatte Borussia vor dem letzten Spieltag drei Punkte und 17 Tore Vorsprung auf Platz vier, und dennoch ging vor dem abschließenden Heimspiel gegen den Tabellenletzten aus Chemnitz die Muffe. Hatte man im Fußball nicht schon manches Wunder und manche Katastrophe erlebt? An Ende entlud sich die Anspannung in Freude pur, der heilige Berg wurde gestürmt, der Rasen ausgegraben, und vom Spiel ging es sofort zur Mega-Fete. Welch ein Gegensatz zum Spiel gegen Wehen-Wiesbaden, das mit klinischer Effizienz ebenfalls 3:0 gewonnen wurde, wo jedoch eine Mischung aus steriler Nordpark-Atmosphäre, pervertiertem Anspruchsniveau, „neuer Fußballwelt" (kein Fan auf den Rasen, die Mannschaft feiert mit und für sich allein) und nüchterner Planung („Feiern könnt Ihr ja vier Tage später") jeden Überschwang im Keim erstickt hat. Wir sind wieder wer, und dies souveräner als vor sieben Jahren. Doch wer sind wir denn in Wahrheit? Vielleicht nur ein Haufen verwöhnter Weicheier, die sich schleichend vom Fan zum Konsumenten gewandelt hatten und inzwischen normal finden, was wir niemals als normal akzeptieren wollten?

Wenn hier der Eindruck entsteht, daß der Verfasser dieser Zeilen angekotzt ist, so trifft das zu. Jos Luhukay hat Christoph Daum und Jürgen Klopp gezeigt, was die Arbeit eines Trainers ausmacht, doch seine Lobby im Umfeld ist so klein, daß sie in einem Kartenhäuschen Ringelreigen tanzen könnte. Christian Ziege konnte eine Mannschaft formen, die das Potential dazu hat, die Aufstiegs-Kulttruppe unter Hans Meyer in den Schatten zu stellen, doch ein großer Teil des Anhangs nimmt dies gähnend zur Kenntnis und wartet lieber wieder auf die vier bis sechs Topper, die uns mit unseren Mega-Millionen (brutto gleich netto gleich storno, hä?) jetzt mindestens zustehen. Wenn ich in dieser Situation nur an die lebenden Leichen aus der Ostkurve denke, die ab der dritten Spielminute des anstehenden Saisonauftakts wieder zu Nörgeln anfangen werden, dann gehe ich vielleicht doch gleich zur Truppe von Horst Wohlers, dem an dieser Stelle übrigens ebenfalls herzlich gratuliert werden soll.

Oder vielleicht doch nicht? Zu wichtig ist die neuen Spielzeit, um einfach alles hinzunehmen, was die letzten Jahre kontinuierlich den Bach runtergegangen ist und in der Kürze der Zeit weder heilen konnte noch wollte. Zu stark für die Zweite Liga, mit Fragezeichen für die Beletage des deutschen Fußball, so präsentiert sich Borussia 2008. Die Kernfrage (die vorläufig unbeantwortet bleibt) lautet: Ist damit die Scharte des Versagens, eingefräst in die Vereinsgeschichte durch jahrelange Fehlplanung im sportlichen Bereich, ausgewetzt, oder steht die nächste Enttäuschung vor der Tür? Ein Abstieg kann Pech sein (1999 war es jedoch keines), ein zweiter Abstieg legt den Verdacht des Unvermögens nahe (2007 zurecht), aber ein dritter Abstieg in einem Jahrzehnt würde auch einem Traditionsverein das Stigma der Fahrstuhlmannschaft auf die Backe kleben. Immerhin ist dies nicht zwangsläufig Borussias Schicksal, denn die Grundlagen sind gelegt, wirtschaftlich und sportlich. Jetzt müssen alle Beteiligten - auch das Umfeld - hart arbeiten, um auch höheren Ansprüchen gerecht zu werden. Und wer weiß, vielleicht kehrt dann auch die Freude zurück. Die Zweite Liga 2007/08 war jedenfalls mit Abstand zu laff, um dies zu ermöglichen.

Mike Lukanz: Es war vergangenen Sommer, als ich mich noch während der laufenden Vorbereitung mit einem befreundeten FC Köln-Fan über die Einkäufe beider Mannschaften und die bald darauf startende Saison unterhielt. Alexander Voigt, Sascha Rösler, Marcel Ndjeng, Soumaila Coulibaly. „Gute Zweitligakicker“ war die Reaktion meines Gesprächspartners, und dies sagte er nüchtern und meinte es ehrlich, ohne die oft anzutreffende Arroganz der Domstädter. Als ich mich wenige Zeit später mit Alex Voigt zum Interview in Köln traf, sprach ich ihn auch auf diese Attribute an. Zweitligaspieler. „Aber es ist doch die 2. Liga“, entgegnete er seinerzeit lapidar. „Du musst auch gedanklich in dieser Liga ankommen, sonst schaffst Du es nicht!“ Für mich noch heute die Sätze der Saison, gleichwohl noch kein Pflichtspiel absolviert war. Keine Aussage steht in ihrer Klarheit so deutlich für Borussia 2007/08 wie die von Voigt vergangenen Sommer.

Sich en détail über die Gründe auszulassen, warum der direkte Wiederaufstieg glückte, ist ähnlich müßig wie das Sezieren nach einem Abstieg. Negative Ergebnisse rufen Kritiker und Experten per se häufiger und schneller auf den Plan. Natürlich gibt es Gründe für das Ergebnis dieser Saison, speziell im Erfolg scheinen diese leichter auszumachen als im Misserfolg. Teamgeist! Kaderbreite! Tolle Einkäufe! Und natürlich hier und da das Glück. Wobei, ist es Glück, wenn man die Saison als Erster beendet? Wer am Ende 8. wird, der kann sagen: „Mit ein bisschen Glück wären wir 6. geworden“, aber der Tabellenführer? Dass Rob Friend mehr Tore schießt als die am Anfang mit seiner Verpflichtung verbundene Anforderung (Borussia sucht den 15-Tore-Mann), fällt vielleicht unter Glück. Dass mit Roberto Colautti der vermeintlich stärkste Einkauf der Saison parallel dazu ein Seuchenjahr erlebt, gleicht das wiederum aus.


Müsste ich einen Grund nennen, der für mich ausschlaggebend war: Die richtigen Gegensätze waren da! Jos Luhukay, der ruhige, fast schon übertrieben objektive Trainer und dazu Christian Ziege, der am Spielfeldrand rumhüpft, sich nach jedem Spiel auf dem Feld eine Zigarette raucht (was ich übrigens sehr cool finde, Christian!) oder Journalisten mit einem trockenen „Ja“ oder „Nein“ stehenlässt, wenn sie eine – falsche – geschlossene Frage stellten. Oliver Neuville, Kapitän und erfahrene Hase, der von vielen Beobachtern – mich eingeschlossen – vor der Saison schon abgeschrieben und nun mit der EM-Nominierung belohnt wurde und dazu Rob Friend, der kanadische Unverwüstliche. Jung, ehrgeizig und immer mit voller Power (man verzeihe mir den hier unsinnigen Anglizismus, für einen Kanadier darf ich eine Ausnahme machen). Und er kündet weiter Großes an. Vor ein paar Tagen sagte er mir, angesprochen auf seine künftigen Duelle mit den Lucios, Demichelis’, Naldos und Mertesackers der Liga: „I´ve always told that my skills will even improve if the level gets higher.“
Oder Sascha Rösler und Patrick Paauwe in der Mittelfeldachse. Der „Iceman“ und der Hitzkopf. Marko Marin und Soumaila Coulibaly, der mitunter überdrehte Dribbler und der ruhige Ballverteiler.

 

Dennoch gilt es, wachsam und kritisch zu bleiben. Gerade der 1.FC Köln hat in den vergangenen Jahren zu oft bewiesen, dass ein Verein böse überrascht werden kann, wenn er einen souveränen Aufstieg mit einem sicheren Klassenerhalt in der Bundesliga gleichsetzt. Borussia hatte in dieser Saison einige Momente, in denen man – vielleicht zu kritisch – dunkle Wolken aufziehen sehen könnte, wenn man denn wollte. Im Pokalspiel gegen die Bayern waren Borussias Spieler fast durch die Bank langsamer. Nicht im Kopf, sondern rein physisch. Mit Voigt, Brouwers, Paauwe, Rösler und Friend hat Borussia einige Spieler der ersten Garde in den Reihen, deren Grund-, Antritts- und Endgeschwindigkeit selbst im Unterhaus nicht zum Besten der Liga gehören. Dieses Manko fiel in dieser Saison nur deswegen kaum auf, da ein Großteil der Gegner tief in der eigenen Hälfte stand, Borussia das Spiel überließ und man mit Paauwe vielleicht DEN überragenden Strategen der 2. Liga im Team hatte. In den Auswärtsspielen gegen Schalke, Bremen, Hamburg, Leverkusen, Bayern & Co. könnten diese Defizite indes ein Nachteil werden. Apropos Paauwe: Seine einzigen Ausrutscher waren die direkten Duelle mit Jan Simak, der sowohl im Hinspiel ordentlich wirbelte als auch im Rückspiel Paauwe beinahe schwindelig spielte. Setzt man Simak, der an guten Tagen gehobenes Bundesliganiveau zeigt, als Sinnbild für die Diegos, van der Vaarts oder Riberys der Liga, könnte man auch hier Sorgenfalten bekommen. Aber man sieht, ich nutze zu häufig „hätte, könnte, würde“, zudem ist dies ein SaisonRÜCKblick, kein –ausblick. Ich bin überzeugt, dass Luhukay und Ziege auch aus dieser Saison die richtigen Schlüsse ziehen werden.


Borussia steigt als „Meister“ auf, steht seit dem 9. Spieltag an der Tabellenspitze. Eine gelungene Vorstellung aller Beteiligten, die man durchaus loben und anerkennen soll, was ich hiermit ausdrücklich und wiederholt tue. Zu guter Letzt, Stichwort „loben“. Der anfangs erwähnte Bekannte und FC-Anhänger erwähnte kürzlich: „In der Tabelle hat Borussia nur 3 Punkte Vorsprung, rückblickend auf die Saison sind es gefühlte 15 Punkte.“ Nicht schlecht für die paar guten Zweitligakicker, nicht wahr?


Christoph Clausen: Die Engländer haben in humbling ein schönes Wort, das man nicht direkt übersetzen kann. Gemeint ist etwas, das einen bescheidener macht und Demut lehrt („demütigend" wäre aber zu stark), mithin den eigenen Stolz ein bisschen stutzt. In einem sehr erfreulichen Sinne humbling ist es, noch mal auf meine eigene Prognose vor der Spielzeit zu blicken:

„Manchmal würde man sich gern überraschen lassen. Überraschen würde es mich zum Beispiel, sollte Borussias zweite Zweitligazugehörigkeit nur ein Jahr dauern. Vorbereitung und Auftaktprogramm lassen mich einen holprigen Start erwarten, in dessen Verlauf der Trainer unter Beschuss geraten wird. Gleichwohl rechne ich damit, dass Präsidium und Sportdirektor an Jos Luhukay festhalten werden und die Borussia sich allmählich im oberen Mittelfeld stabilisieren wird, durchaus mit Kontakt zu den Aufstiegsrängen. Um aber wirklich auf die Ränge Eins bis Drei vorzustoßen, dazu müsste sich mehr verbessern, als ich mir im Moment vorstellen kann."

Na ja, den holprigen Start hatten wir, Luhukay geriet unter Beschuss, und der Sportdirektor hielt an ihm fest (wie lange bei fortdauerndem Misserfolg die Geduld des Präsidiums gehalten hätte, ist eine andere Frage). Ansonsten aber hat mich die Borussia wirklich in beeindruckender Weise überrascht und es hat sich viel mehr verbessert, als ich mir zu Saisonbeginn hätte vorstellen können. Zum Beispiel der steile Aufstieg Richtung Tabellenspitze. Zum Beispiel sechs Siege in Folge. Zum Beispiel einmal fünfzehn und dann noch einmal zwölf ungeschlagene Spiele hintereinander. Zum Beispiel die phänomenal erfolgreiche Einkaufspolitik (was war ich skeptisch, als ein Alexander Voigt verpflichtet wurde, und wie sehr hat er mich Lügen gestraft!). Zum Beispiel der neu entdeckte Offensivgeist: „Kriegen wir hinten einen rein, machen wir vorne halt noch einen", während in der Vorsaison ein Rückstand nahezu zwangsläufig eine Niederlage bedeutet hatte. Zum Beispiel der Teamgeist, gelebt diesmal statt auf T-Shirts plakativ verkündet. Zum Beispiel die Umwandlung der einstigen Auswärtsdeppen in den souveränen Spitzenreiter der Auswärtstabelle.

Bleibt die Frage, ob es in der zweiten Liga nicht viel schöner als eine Etage höher. Regelmäßig zu gewinnen, viele Tore zu schießen, daran könnte man sich schon gewöhnen. Auf der anderen Seite: Die Mannschaften, die sich (verständlicherweise) 90 Minuten lang im und knapp vor dem eigenen Strafraum eingraben, die werde ich nicht vermissen. Und auch wenn die neue Saison sicher viel mehr Niederlagen bereithält, vielleicht gibt es ja auch hier Platz für den einen oder anderen Überraschungscoup. Der Signal Iduna-Park wäre dafür nicht der schlechteste Ort.

Christian Heimanns: Damals und heute, ab- und wieder aufgestiegen. Nur dieses Mal schneller wieder auf. Oder gibt es noch mehr Unterschiede? Gemeinsamkeiten kann man entdecken, z.B. waren beide Abstiege von depressiver Eindeutigkeit, weit unter dem spielerischen Vermögen der Mannschaft, aber durch einen völlig versemmelten kollektiven Charakter der Mannschaft absolut rettungslos. Beide Male stand man vor einem Trümmerhaufen und der Aufgabe, eine völlig neue Mannschaft zu formen ohne alle Spieler auszutauschen.

Beide Male gelang es. Hans Meyers ewiger Kultstatus mag auch darin begründet sein, dass er einen Verein am Rand der Pleite mit einer Mannschaft am Ende der zweiten Liga wiederbelebte, mehr noch rührt die Verehrung an ihn natürlich aus seiner sorgfältig kultivierten kauzigen Art. Von beidem ist Luhukay weit entfernt. Die Abstiegsborussia 2007 war ein wirtschaftlich gesunder Verein, der seine Mannschaft für die 2. Liga sorgfältig verstärken konnte. Und Luhukays Aussendarstellung ist in ihrer vorsichtig zurückhaltenden Sachlichkeit von Meyers bissigem Zuschnappen mindestens soweit entfernt wie die Mannschaftsbudgets von einst und jetzt.

Aber, vom Wirtschaftlichen abgesehen, hatte auch Luhukay mit Widrigkeiten fertig zu werden. Die einfach unglaublich harmlose Mannschaft war dabei noch das kleinere Problem. Wer den ersten Abstieg mitgemacht hat, hat als absolute „Bilder der Saison" meist Petterssons und Feldhoffs Fehlleistungen vor dem gegnerischen Tor vor Augen. Dabei übersieht man leicht, dass diese Gurkentruppe noch zu 41 erzielten Toren fähig war, verglichen mit 23 in der letzten Saison! Ziege und Luhukay aber griffen zur Behebung dieses dramatischen Notstandes zu einem Mittel, das bei Borussia nach den letzten Jahren nicht nur einfach neu war, sondern regelrecht umwälzend und revolutionär: Man schaute, wo in der Mannchschaft Bedarf herrschte und verglich dieses mit dem am Markt vorhandenem Personal. Und zog zu guter Letzt auch noch das eigene Scouting zu Rate. Nicht, dass uns noch jemand das Konzept abguckt.

Der größere Nachteil aber, mit dem der Mann aus Venlo zu kämpfen hatte, war der Umstand, dass er schon ein halbes Jahr vor dem Abstieg da war. Kein abrupter Wechsel mit dem üblichen „Neue Besen Effekt" , kein gemeinschaftlicher Neuanfang, sondern ein Trainer, der das Desaster bis zu einem gewissen Punkt mitzuverantworten hatte. Und der nun, nach endlosen Rechtfertigungen von Spielen ohne Tor und Punkt, eine siegeshungrige, erfolgsorientierte Truppe aufbauen sollte. Der Erfolg war keineswegs garantiert oder vorhersagbar. Er kam trotzdem und dennoch muss Luhukay seine Stellung im Umfeld und bei den Fans erst noch weiter festigen. Ruhiges, sachliches Arbeiten braucht einfach längere Zeit, um Anerkennung zu gewinnen als Lautstärke bis zum Anschlag; soviel wird vielleicht auch mancher konstatieren, der die zahllosen Nachrufe auf den scheidenden Torwart der Bayern zur Kenntnis nimmt.

Und noch etwas ist anders. Vielleicht ist es reine Nostalgie, dem einzigartigen Bökelberg und der Zusammensetzung seiner Besucher nachzutrauern, vielleicht war der Wechsel unaufhaltbar. Aber man muss feststellen, dass aus den zwar traurigen aber stolzen Fans der Borussia von ´99 ein Publikum geworden ist, das für die gestiegenen Preise ein Recht auf Konsum einfordert. Eines, dem der Gedanke an Unterstützung bis zuletzt immer fremder wird, und das sich an leidenschaftliche Gesänge durch den Regen nur noch schwach erinnern kann. Das ganze Publikum gewinnt zwar an Zahl aber verliert an Profil. Vom rauen, kantigen, unverwechselbaren Gesicht der Nordkurve von einst sind nur noch wenige Züge über; bald werden auch diese verschwommen sein, eine Masse ohne Gesicht und ohne Stimme. Wenn nicht etwas passiert.