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Home Thomas Häcki Retorte siegt. Vorerst.
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Retorte siegt. Vorerst. |
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Geschrieben von Christian Heimanns
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Donnerstag, 22 Mai 2008 |
Vor einem Monat stand hier der Beitrag „zwischen Tradition und Retorte", der sich mit Hoffenheim auf dem Weg nach oben und Kaiserslautern am Rande des Abgrunds beschäftigte. Der Artikel entstand aus einer internen Diskussion über den 1. FC Kaiserslautern, der eine recht weite Bandbreite an Sichtweisen in der Redaktion offenbarte, weit genug um die ganze Spanne in 2 Artikeln auch für die Leserschaft darzustellen. Die Veröffentlichung von „zwischen Tradition und Retorte" soll also nicht SEITENWAHLs offizielle Meinung zum Thema kundtun, sondern das eine Ende der ganzen Spannweite möglicher Standpunkte zeigen. Heute folgt das andere.
Leider wurde dieser Artikel ein wenig dadurch verkompliziert, dass die
Sympathien für Kaiserslautern nach dem in dem Ausmaß nicht nachzuvollziehenden Urteil
der DFL gegen Koblenz auf und unter Null sanken. Zwar konnte
Kaiserslautern nichts dafür und hat Koblenz sich trotzdem gerettet,
nichtsdestotrotz konnte man sich kaum des Eindrucks erwehren, dass die
DFL diesmal zugunsten des FCK einen Verein übermäßig hart bestrafen
wollte, wo sie eben jene Lauterer früher höchst milde davonkommen
liess. Bei allem Respekt vor der Leistung von Milan Sasic, aber es ist
gut möglich, dass das Urteil der DFL, das die Koblenzer plötzlich in
direkte Abstiegsgefahr brachte, dem fast toten FCK die Motivation
brachte, um die letzten Spiele für sich zu entscheiden.
Nun bleiben sie dem deutschen Profifußball noch ein weiteres Jahr
erhalten. Jedenfalls bis zum Urteil konnte man durchaus den Eindruck
haben, dass der Verein und seine Fans in ihrer aussichtslos trüben Lage
genug gebüßt haben könnten. Selbst der sensationelle Nichtabstieg
ändert ja nichts daran, dass der Verein nach wie vor auf ganz schmalem
Grat zwischen zweiter Liga und Nichtexistenz dahinschleicht. Und es ist
kaum zu sehen, wie sie da wieder herauskommen könnten. Ich zitiere mal
einen schreibenden Kollegen „Ich wünschte mir, dass andere
Lizenzbetrüger nur halb so sehr hätten leiden müssen." Wahr! Es macht
Lauterns Verfehlungen zwar um nichts besser, dass Dortmund wieder Geld
nach Gusto verschleudern darf, aber endlose Bußen sind sinnlose und
gehören ins Reich der Weltuntergangsmythen.
Damit genug zu den Pfälzern. Der Aufhänger hätte sein sollen „wollen
wir lieber eine Truppe, die wir rechtschaffen hassen und verachten
können, oder diese zufällige Ansammlung von zwei Dutzend nordbadischer
Familien auf Sonntagsausflug?" Da nun genug Leute auch Umschlag 2
wählen würden, fällt dieser Teil des Artikels zwar flach, aber das
macht nichts. Es gibt noch genug andere Traditionsvereine, denen man
mit negativen Empfindungen verschiedenster Art entgegenstehen kann. Ach
ja, „Traditionsvereine", damit kommen wir auch zur Sache. Wenn man die
überschwänglichen TV-Berichte verfolgt hat, dann steht neuerdings
„Traditionsverein" auch synonym für „Neid, Verschwendung und Versagen"
, verglichen mit Dietmar Hopps zielsicher geführtem Konzept. „Es gibt
viel Neid den Wohlhabenden gegenüber" , so Hopps Seufzer in der
Süddeutschen Zeitung. Wirklich, einfach keine gute Kinderstube, dass
Offenbach, Kaiserslautern, Mainz und Co. nach Jahren der Ab- und
Aufstiegskämpfe die TSG Hoffenheim nicht brav applaudierend an sich
vorüberziehen lassen.
Warum nur betrachten die Traditionalisten unter den Fans Hoffenheim wie
Dracula eine Kirche voller Knoblauch? Weil für viele hier der Schlüssel
zum Spiel liegt - in Tradition. In lange gewachsenen Gemeinsamkeiten
und Unterschieden, in nun schon generationenlangen Rivalitäten und
Konflikten. In der Geschichte des Fußballs, die die Beziehungen von
Vereinen zu einander prägt, von Fangruppen zu anderen, von einzelnen
Fans zueinander. Von Gegenden und Regionen zueinander und von Vereinen
aus einer Region zu einander; von Städten zueinander und von Vereinen
aus einer Stadt zu einander. Von ganzen Ländern zu einander. Geschichte
und Geschichten, die Vater von früher erzählte und Großvater sonntags
morgens beim Mittagsschnaps. Das formt und prägt, und gibt dem ganzen
Sport die Leidenschaft und die Zugkraft, die ihn überhaupt erst
interessant macht für Leute, die Geld darin investieren. Und selbst
wenn man es Neid nennt, ist es trotzdem absolut folgerichtig, wenn
Wolfsburg und Hoffenheim verspottet werden. Und wenn Dietmar Hopp den
Traditionsvereinen soviel Unvermögen vorwirft, warum hat seine
Kopfgeburt sich in „1899" umbenannt? Weiss der Geier, warum so viele
Journalisten sich dranhängen und immer wieder „1899" sagen. Gesprochen
ist es ja nicht gerade kürzer als „Hoffenheim".
Und es geht ja nicht nur um puren Neid und Missgunst. Fakt ist nun
einmal, dass Deutschlands höchste Liga nur 18 Plätze zur Teilnahme
bietet, von denen nur 15 auch ein Ticket für die Folgesaison lösen. Und
von diesen Plätzen ist einer bereits seit langem durch das
Kunst(stoff)produkt Leverkusen belegt. Auch wenn man „Bayer 04" schon
als etabliert betrachten muss, so ist doch jedem klar, dass dieser Club
nicht ohne unverhältnismäßig hohe Einnahmen vom Hauptsponsor soweit
gekommen wäre. Noch klarer ist der Fall in Wolfsburg. Zwar ohne große
Zuschüsse bis in die erste Liga gekommen, wäre der Verein schon längst
wieder in seiner heimatlichen Regionalliga, wenn nicht VW die
Werbemöglichkeiten entdeckt hätte. Und nun die TSG Sinsheim-Hoffenheim.
Kein „Kommerz", da hier kein Geld verdient werden sondern nur fröhlich
verjubelt werden soll, aber selbstverständlich auch ein Club, für den
die Landesliga unter normalen Bedingungen das höchste wäre. Zwanzig Prozent der
ersten Liga sind damit bereits „unnatürlich" belegt. Aus Sicht von Fans
der korrekten Borussia wird das nächste Saison besonders deutlich, denn
man darf getrost unterstellen, dass Hopp seinen gerade erst
verwirklichten Traum nicht deswegen platzen lässt, weil die Mittel für
durchschlagskräftige Neuzugänge fehlen würden. Und ein Marko Marin
steht vermutlich eher auf Rangnicks Wunschliste als dass er dort fehlt.
Mag sein, dass die Bundesliga drei synthetischen Vereinen Platz bietet,
aber ein gewisser Fundus an Geschichte fehlt da schon einmal. Dadurch
nimmt der ganze Sport zu einem gewissen Teil das US-amerikanische
Gepräge an, dass Europäer so fürchten. Diesen Eindruck von
Austauschbarkeit und Käuflichkeit und widerstandsloser
Vermarkungsfähigkeit, der den Aficionados hierzulande die Haare sträubt
und von dem Manager träumen.
Dabei muss klargestellt werden, dass es kein Geburtsrecht von Vereinen
mit über 100 Jahren Alter gibt, in der Bundesliga spielen zu dürfen.
Noch ein Abstiegsverbot für mehrfach prämiierte Meister zu Lasten von
neuen Vereinen. Aber das gab es auch nie. Größen deutscher
Fußballtradition wie München 1860 oder gerade mal wieder Nürnberg
demonstrieren das heute so schön wie die SpVgg Fürth einst. Und auch
durch kluges Wirtschaften und selbstverdienten sportlichen Erfolg
schafft man sich Tradition, wie Bremen seit den 80er Jahren, oder
Mönchengladbach 20 Jahre zuvor. Es bedarf gar keines übersteigerten
Mäzenatentums, um in diese Riege einzubrechen.
Unzweifelhaft haben Hopp und seine Projektverantwortlichen Peters und
Rangnick bewundernswert effiziente und zielstrebige Arbeit geleistet.
Man kann kaum widersprechen, wenn Rangnick Hoffenheimkritiker Michael
Meier in die Parade fährt mit Hinweis auf das in Dortmund
verschleuderte Geld. Und trotzdem steht da die Marke von 20 Millionen
investierten Euro, eine Summe, der auch Hopp selber nicht widerspricht.
Und das in der 2. Bundesliga, dabei kann außer Bayern München und
Dortmund kaum ein deutscher Verein von sich behaupten, jemals soviel
Geld investiert zu haben. Dass es über die Maßen erfolgreich war,
bedeutet indessen nichts. Wenn diese Investitionen fehlgeschlagen
wären, hätte das fast jeden anderen deutschen Verein in arge bis
existenzgefährdende Nöte gebracht. Bei Hoffenheim hätte es nur ein Jahr
länger gedauert bis zum Aufstieg in die erste Liga. Man kann den
geraden Weg der Hoffenheimer noch so sehr bewundern, die
Voraussetzungen zu anderen Clubs sind einfach nicht gleich. Und hierbei
sei kurz daran erinnert dass „ungleich" die ganz ursprüngliche
Bedeutung des Wortes „unfair" ist.
Es geht nicht darum, Dietmar Hopp als Person zu diffamieren. Der
bodenständige Sinsheimer, der sich den Traum vieler junger Fußballer
erfüllt und seinen Verein bis in die Bundesliga führt, gibt seine
Reichtümer freigiebig an Mengen von sozialen Projekten. Das ist
anständig und ein Vorbild für andere Reiche (Neu- oder
Traditionsreiche). Dennoch darf man sein absurdes Projekt „Unser Dorf
soll Bundesliga werden" getrost kritisieren, ohne dass man seine
Spenden an Krankenhäuser damit meint. Und erst recht ohne sich den
Angriffen des orientierungslosen „kicker-Sportmagazin" auszusetzen,
dessen Karl-Heinz Heimann empört textete „Soll Joachim Hopp sich denn
noch entschuldigen?" Nein, muss er nicht. Seine Kritiker aber erst recht
nicht. Vielleicht tröstet es den Verächter von Traditionen ja nächstes
Jahr, wenn ihm die Fans anderer Vereine laufend Gegenwind bescheren
werden, dass auch das „verachtet werden" zu so etwas wie einer Tradition
geraten kann.
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