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Retorte siegt. Vorerst. Drucken
Geschrieben von Christian Heimanns   
Donnerstag, 22 Mai 2008
TSG Hoffenheim 1899Vor einem Monat stand hier der Beitrag „zwischen Tradition und Retorte", der sich mit Hoffenheim auf dem Weg nach oben und Kaiserslautern am Rande des Abgrunds beschäftigte. Der Artikel entstand aus einer internen Diskussion über den 1. FC Kaiserslautern, der eine recht weite Bandbreite an Sichtweisen in der Redaktion offenbarte, weit genug um die ganze Spanne in 2 Artikeln auch für die Leserschaft darzustellen. Die Veröffentlichung von „zwischen Tradition und Retorte" soll also nicht SEITENWAHLs offizielle Meinung zum Thema kundtun, sondern das eine Ende der ganzen Spannweite möglicher Standpunkte zeigen. Heute folgt das andere.

Leider wurde dieser Artikel ein wenig dadurch verkompliziert, dass die Sympathien für Kaiserslautern nach dem in dem Ausmaß nicht nachzuvollziehenden Urteil der DFL gegen Koblenz auf und unter Null sanken. Zwar konnte Kaiserslautern nichts dafür und hat Koblenz sich trotzdem gerettet, nichtsdestotrotz konnte man sich kaum des Eindrucks erwehren, dass die DFL diesmal zugunsten des FCK einen Verein übermäßig hart bestrafen wollte, wo sie eben jene Lauterer früher höchst milde davonkommen liess. Bei allem Respekt vor der Leistung von Milan Sasic, aber es ist gut möglich, dass das Urteil der DFL, das die Koblenzer plötzlich in direkte Abstiegsgefahr brachte, dem fast toten FCK die Motivation brachte, um die letzten Spiele für sich zu entscheiden.

Nun bleiben sie dem deutschen Profifußball noch ein weiteres Jahr erhalten. Jedenfalls bis zum Urteil konnte man durchaus den Eindruck haben, dass der Verein und seine Fans in ihrer aussichtslos trüben Lage genug gebüßt haben könnten. Selbst der sensationelle Nichtabstieg ändert ja nichts daran, dass der Verein nach wie vor auf ganz schmalem Grat zwischen zweiter Liga und Nichtexistenz dahinschleicht. Und es ist kaum zu sehen, wie sie da wieder herauskommen könnten. Ich zitiere mal einen schreibenden Kollegen „Ich wünschte mir, dass andere Lizenzbetrüger nur halb so sehr hätten leiden müssen." Wahr! Es macht Lauterns Verfehlungen zwar um nichts besser, dass Dortmund wieder Geld nach Gusto verschleudern darf, aber endlose Bußen sind sinnlose und gehören ins Reich der Weltuntergangsmythen.

Damit genug zu den Pfälzern. Der Aufhänger hätte sein sollen „wollen wir lieber eine Truppe, die wir rechtschaffen hassen und verachten können, oder diese zufällige Ansammlung von zwei Dutzend nordbadischer Familien auf Sonntagsausflug?" Da nun genug Leute auch Umschlag 2 wählen würden, fällt dieser Teil des Artikels zwar flach, aber das macht nichts. Es gibt noch genug andere Traditionsvereine, denen man mit negativen Empfindungen verschiedenster Art entgegenstehen kann. Ach ja, „Traditionsvereine", damit kommen wir auch zur Sache. Wenn man die überschwänglichen TV-Berichte verfolgt hat, dann steht neuerdings „Traditionsverein" auch synonym für „Neid, Verschwendung und Versagen" , verglichen mit Dietmar Hopps zielsicher geführtem Konzept. „Es gibt viel Neid den Wohlhabenden gegenüber" , so Hopps Seufzer in der Süddeutschen Zeitung. Wirklich, einfach keine gute Kinderstube, dass Offenbach, Kaiserslautern, Mainz und Co. nach Jahren der Ab- und Aufstiegskämpfe die TSG Hoffenheim nicht brav applaudierend an sich vorüberziehen lassen.

Warum nur betrachten die Traditionalisten unter den Fans Hoffenheim wie Dracula eine Kirche voller Knoblauch? Weil für viele hier der Schlüssel zum Spiel liegt - in Tradition. In lange gewachsenen Gemeinsamkeiten und Unterschieden, in nun schon generationenlangen Rivalitäten und Konflikten. In der Geschichte des Fußballs, die die Beziehungen von Vereinen zu einander prägt, von Fangruppen zu anderen, von einzelnen Fans zueinander. Von Gegenden und Regionen zueinander und von Vereinen aus einer Region zu einander; von Städten zueinander und von Vereinen aus einer Stadt zu einander. Von ganzen Ländern zu einander. Geschichte und Geschichten, die Vater von früher erzählte und Großvater sonntags morgens beim Mittagsschnaps. Das formt und prägt, und gibt dem ganzen Sport die Leidenschaft und die Zugkraft, die ihn überhaupt erst interessant macht für Leute, die Geld darin investieren. Und selbst wenn man es Neid nennt, ist es trotzdem absolut folgerichtig, wenn Wolfsburg und Hoffenheim verspottet werden. Und wenn Dietmar Hopp den Traditionsvereinen soviel Unvermögen vorwirft, warum hat seine Kopfgeburt sich in „1899" umbenannt? Weiss der Geier, warum so viele Journalisten sich dranhängen und immer wieder „1899" sagen. Gesprochen ist es ja nicht gerade kürzer als „Hoffenheim".

Und es geht ja nicht nur um puren Neid und Missgunst. Fakt ist nun einmal, dass Deutschlands höchste Liga nur 18 Plätze zur Teilnahme bietet, von denen nur 15 auch ein Ticket für die Folgesaison lösen. Und von diesen Plätzen ist einer bereits seit langem durch das Kunst(stoff)produkt Leverkusen belegt. Auch wenn man „Bayer 04" schon als etabliert betrachten muss, so ist doch jedem klar, dass dieser Club nicht ohne unverhältnismäßig hohe Einnahmen vom Hauptsponsor soweit gekommen wäre. Noch klarer ist der Fall in Wolfsburg. Zwar ohne große Zuschüsse bis in die erste Liga gekommen, wäre der Verein schon längst wieder in seiner heimatlichen Regionalliga, wenn nicht VW die Werbemöglichkeiten entdeckt hätte. Und nun die TSG Sinsheim-Hoffenheim. Kein „Kommerz", da hier kein Geld verdient werden sondern nur fröhlich verjubelt werden soll, aber selbstverständlich auch ein Club, für den die Landesliga unter normalen Bedingungen das höchste wäre. Zwanzig Prozent der ersten Liga sind damit bereits „unnatürlich" belegt. Aus Sicht von Fans der korrekten Borussia wird das nächste Saison besonders deutlich, denn man darf getrost unterstellen, dass Hopp seinen gerade erst verwirklichten Traum nicht deswegen platzen lässt, weil die Mittel für durchschlagskräftige Neuzugänge fehlen würden. Und ein Marko Marin steht vermutlich eher auf Rangnicks Wunschliste als dass er dort fehlt.

Mag sein, dass die Bundesliga drei synthetischen Vereinen Platz bietet, aber ein gewisser Fundus an Geschichte fehlt da schon einmal. Dadurch nimmt der ganze Sport zu einem gewissen Teil das US-amerikanische Gepräge an, dass Europäer so fürchten. Diesen Eindruck von Austauschbarkeit und Käuflichkeit und widerstandsloser Vermarkungsfähigkeit, der den Aficionados hierzulande die Haare sträubt und von dem Manager träumen.

Dabei muss klargestellt werden, dass es kein Geburtsrecht von Vereinen mit über 100 Jahren Alter gibt, in der Bundesliga spielen zu dürfen. Noch ein Abstiegsverbot für mehrfach prämiierte Meister zu Lasten von neuen Vereinen. Aber das gab es auch nie. Größen deutscher Fußballtradition wie München 1860 oder gerade mal wieder Nürnberg demonstrieren das heute so schön wie die SpVgg Fürth einst. Und auch durch kluges Wirtschaften und selbstverdienten sportlichen Erfolg schafft man sich Tradition, wie Bremen seit den 80er Jahren, oder Mönchengladbach 20 Jahre zuvor. Es bedarf gar keines übersteigerten Mäzenatentums, um in diese Riege einzubrechen.

Unzweifelhaft haben Hopp und seine Projektverantwortlichen Peters und Rangnick bewundernswert effiziente und zielstrebige Arbeit geleistet. Man kann kaum widersprechen, wenn Rangnick Hoffenheimkritiker Michael Meier in die Parade fährt mit Hinweis auf das in Dortmund verschleuderte Geld. Und trotzdem steht da die Marke von 20 Millionen investierten Euro, eine Summe, der auch Hopp selber nicht widerspricht. Und das in der 2. Bundesliga, dabei kann außer Bayern München und Dortmund kaum ein deutscher Verein von sich behaupten, jemals soviel Geld investiert zu haben. Dass es über die Maßen erfolgreich war, bedeutet indessen nichts. Wenn diese Investitionen fehlgeschlagen wären, hätte das fast jeden anderen deutschen Verein in arge bis existenzgefährdende Nöte gebracht. Bei Hoffenheim hätte es nur ein Jahr länger gedauert bis zum Aufstieg in die erste Liga. Man kann den geraden Weg der Hoffenheimer noch so sehr bewundern, die Voraussetzungen zu anderen Clubs sind einfach nicht gleich. Und hierbei sei kurz daran erinnert dass „ungleich" die ganz ursprüngliche Bedeutung des Wortes „unfair" ist.

Es geht nicht darum, Dietmar Hopp als Person zu diffamieren. Der bodenständige Sinsheimer, der sich den Traum vieler junger Fußballer erfüllt und seinen Verein bis in die Bundesliga führt, gibt seine Reichtümer freigiebig an Mengen von sozialen Projekten. Das ist anständig und ein Vorbild für andere Reiche (Neu- oder Traditionsreiche). Dennoch darf man sein absurdes Projekt „Unser Dorf soll Bundesliga werden" getrost kritisieren, ohne dass man seine Spenden an Krankenhäuser damit meint. Und erst recht ohne sich den Angriffen des orientierungslosen „kicker-Sportmagazin" auszusetzen, dessen Karl-Heinz Heimann empört textete „Soll Joachim Hopp sich denn noch entschuldigen?" Nein, muss er nicht. Seine Kritiker aber erst recht nicht. Vielleicht tröstet es den Verächter von Traditionen ja nächstes Jahr, wenn ihm die Fans anderer Vereine laufend Gegenwind bescheren werden, dass auch das „verachtet werden" zu so etwas wie einer Tradition geraten kann.