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Kontinuität |
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Geschrieben von Michael Heinen
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Freitag, 11 August 2006 |
Wenn an diesem
Wochenende die Bundesliga mit unserem Heimspiel gegen Energie Cottbus
startet, dann steht Borussia wieder einmal vor einer richtungweisenden
Saison.
Mit Jupp Heynckes
wurde ein „neuer“ Trainer verpflichtet, der gerade bei den
nostalgischen Borussen-Fans allzu liebe Erinnerungen wach ruft. Nach
der vorigen Saison, in der man zumindest kurzzeitig an den
UEFA-Cup-Rängen schnüffeln durfte, ist der Appetit endgültig geweckt. 5
Jahre reiner Kampf um den Klassenerhalt sind den Fans genug. So langsam
möchte man wieder dahin, wo Borussia aus Tradition hingehört. Dass es
in der heutigen kommerziellen Zeit enorm schwierig ist, einen schnellen
Weg dahin zu finden, den so viele andere Vereine mit teilweise besseren
Ausgangspositionen ebenso zu gehen versuchen. Welcher echte Fan kann
sich mit so einer lapidar-nüchternen Erklärung schon zufrieden geben?
Horst Köppel ist u.a. an dieser gestiegenen Erwartungshaltung, die er
ironischerweise selbst mit ausgelöst hat, gescheitert. Sein Nachfolger
dürfte nur unwesentlich mehr Zeit und Kredit bekommen, ehe auch an ihn
ähnliche Anforderungen gestellt werden. Spätestens der 4-Mio-Einkauf
des vielerortens zum Messias hoch gelobten Federico Insua lässt manchen
schon wieder darauf hoffen, dass wir vor einer glorreichen Saison
stehen, in der am Ende eigentlich nur ein UEFA-Cup-Platz stehen kann.
Dabei wird gerne übersehen, dass andere Vereine ebenso aufgerüstet
haben und es mindestens 10 Mannschaften gibt, die nicht weniger Grund
haben als wir, von einer Position unter den ersten 5 zu träumen.
Betrachtet man unser Personal sowie unsere Platzierungen aus den
letzten Spieljahren, so wird objektiv nicht ersichtlich, was uns Grund
gibt dafür, uns für besser zu halten als Mannschaften wie Nürnberg,
Hannover oder gar Wolfsburg.
Es wird wichtig sein, dass es Jupp Heynckes gelingt diese teilweise
überzogenen Erwartungen zu mäßigen. Wenn es schon kurzfristig nicht
einfach wird, diese gleich zu erfüllen, so werden zumindest Ansätze
verlangt werden, die auf eine Perspektive hindeuten lassen. So kommt
Jupp Heynckes Präferenz für junge Spieler im historischen Fohlenstall
von Mönchengladbach bei den Fans sehr gut an. Sollte es ihm tatsächlich
gelingen, junge Spieler wie Jansen, Polanski, Fleßers und Co. weiter
voran zu bringen, wären dies bereits entscheidende Pluspunkte. Ein
mutigeres, offensiveres Spiel – gerade auf fremden Plätzen – wurde
ebenfalls von unserem neuen Coach angekündigt und wohlwollend zur
Kenntnis genommen. Dies sind eher Punkte, an denen wir Jupp Heynckes in
seiner ersten Saison messen sollten als der pure Tabellenplatz. Selbst
wenn es am Ende eine Platzierung unterhalb von Rang 10 wird, muss dies
nicht unbedingt eine Verschlechterung sein, sofern die Perspektive
stimmt und die Mannschaft eine entsprechende Entwicklung nimmt.
Wichtig wäre es, denn nur auf diesem Weg haben wir ernsthaft eine
Chance, irgendwann in den nächsten Jahren doch noch einmal
internationalen Fußball im Borussen-Park zu sehen, ohne dass uns die
deutsche Nationalelf einen Vertröstungs-Besuch abstatten muss. Und
nachdem sich der Verein jetzt halt für Jupp Heynckes entschieden hat,
sollte es unsere Pflicht sein, diesem unser 100%iges Vertrauen für
diese schwere Aufgabe auszusprechen. Ich selbst war bei der Verkündung
des neuen Übungsleiters durchaus skeptisch und hatte ebenfalls seine
letzten misslungenen Auftritte in der Bundesliga vor Augen, die in
Frankfurt und Gelsenkirchen eher unglücklich endeten. Doch neben einem
gewissen Risiko, dass seine Zeit in der Bundesliga inzwischen
abgelaufen sein könnte und er sich bei „seinem“ Verein seinen
überragenden Ruf zerstört, bietet der Trainer Heynckes auch eine große
Chance.
Er selbst kann allen beweisen, dass seine Arbeit auf Schalke
tatsächlich zu negativ nur an den Ergebnissen gemessen und viel zu
frühzeitig beendet wurde. Er kann noch mal zeigen, dass ein Top-Trainer
wie er auch heute noch fähig ist, Großes zu bewegen und eine Mannschaft
aufzubauen. Borussia auf der anderen Seite kann mit der ihr eigenen
Nostalgie an die frühere Philosophie anknüpfen, die sicherlich auch in
den heutigen Zeiten noch Erfolge möglich werden lässt.
Ein wesentlicher Aspekt dieser Philosophie bestand darin,
einen starken Trainer auf der Bank zu wissen, der das sportliche
Geschehen über Jahre hinweg fest in der Hand hielt. Nach den ersten
drei Bundesliga-Trainern, die zusammen über 20 Jahre im Amt blieben,
ergab sich seit 1987 eine Fluktuation von 14 Trainern in 20 Jahren, die
mit verantwortlich für das zwischenzeitliche Chaos in diesem Verein
gewesen ist. Nach einer kurzen Zwischenperiode von Bernd Krauss, der
dann aber auch bei ersten Anzeichen von Erfolglosigkeit allzu schnell
entlassen wurde, war es zuletzt Hans Meyer, der wieder so etwas wie
Kontinuität am Bökelberg zu schaffen schien. Es darf als einer der
größten Fehler der Vereinsgeschichte gewertet werden, dass man eines
Tages selbst diesen Mann zum Gehen veranlasste, der uns mit etwas
Glück, Geschick und gutem Willen noch heute beiseite stehen könnte.
Diese Chance wurde leider leichtfertig verspielt, doch immerhin scheint
der Verein erkannt zu haben, wie wichtig Kontinuität generell ist. So
äußerten die Verantwortlichen bereits ihre Absicht, auf lange Sicht mit
diesem neuen Trainer zusammenarbeiten zu wollen. So hehr diese
Absichten auch immer sein mögen. Wir sollten abwarten, wie sie den
ersten Belastungsproben in der neuen Saison standhalten. Und hier
werden gerade auch wir Fans gefragt sein, wie wir reagieren, wenn z.B.
morgen gegen Cottbus die alt bekannten Probleme gegen defensiv stabile
Gegner auftreten, wenn sich im Laufe der Saison gar ein Rückfall in den
Abstiegskampf abzeichnen sollte. Wir wollen alle nicht hoffen, dass es
soweit kommt. Aber wir sollten auf die Möglichkeit vorbereitet sein und
dann nicht wieder blindlings nach einem einzigen Sündenbock suchen, der
sich in der Figur des Trainers leider allzu oft finden lässt. Wenn wir
die nötige Geduld mitbringen und auch in schlechten Zeiten
zusammenstehen, könnte im kommenden Mai mehr erreicht sein als eine
erfolgreiche Spielzeit, nämlich eine echte Zukunftsperspektive für
unseren Verein.
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