|
|
Home BuLi-Check 2009/10 "Wir wollen den Klassenerhalt mit schönem Fußball"
|
"Wir wollen den Klassenerhalt mit schönem Fußball" |
|
|
Geschrieben von Mike Lukanz
|
|
Mittwoch, 23 Juli 2008 |
Borussia ist zurück in der Bundesliga. Nach dem direkten Wiederaufstieg wollen die Verantwortlichen den Weg weiter verfolgen, den man zu Beginn der vergangenen Saison eingeschlagen hat. Auch für Trainer Jos Luhukay wird die kommenden Spielzeit eine Premiere. Zum ersten Mal geht der Niederländer als Cheftrainer in eine Bundesligasaison. Im Gespräch mit SEITENWAHL spricht er über die Lehren der Europameisterschaft, über mögliche Taktiken, Schwachstellen in der Mannschaft und rechtfertigt die bisherige Einkaufspolitik.
SEITENWAHL:
„Herr Luhukay, momentan fällt bei Borussia auf, dass nichts auffällt, sprich:
Es ist außergewöhnlich ruhig im und um den Verein. Die Transfers wurden im
Gegensatz zu früheren Zeiten still und leise vollzogen und große Schlagzeilen
sucht man vergebens."
Luhukay:
„Ja, das stimmt. Wir arbeiten konzentriert, so wie wir es schon vergangene
Saison getan haben. Die positive Stimmung, die wir mit dem Aufstieg erzeugt
haben, ist immer noch vorhanden. Wir lassen uns von außen nicht unter Druck
setzen, denn wir vertrauen unserer Mannschaft und auch den vier Neuzugängen.
Dieses Vertrauen spürt die Mannschaft natürlich auch."
SEITENWAHL:
„Es sind erst vier Neuzugänge, und keiner wirkt auf dem ersten Blick wie eine
gezielte Verstärkung, mehr Investitionen in die Breite."
Luhukay:
„Wir denken schon, dass wir uns gezielt verstärkt haben. Mit den Neuzugängen
haben wir auf den jeweiligen Positionen mehr Möglichkeiten und mehr Konkurrenz.
Wir haben absolutes Vertrauen in diesen Kader und sind überzeugt, dass wir unser
Ziel, den Klassenerhalt, mit den Jungs schaffen können. So, wie wir vor Beginn
der vergangenen Saison vom Kader überzeugt waren."
"Mit Hektik ist man selten erfolgreich"
SEITENWAHL:
„Ein letzter Blick zurück auf die angesprochene Saison: Wie beurteilen Sie
jetzt, mit einigen Wochen Abstand, diesen Erfolg?"
Luhukay:
„Wichtig war, und das haben wir immer betont, dass man jederzeit die Ruhe behält,
auch wenn es mal Phasen in einer Saison gibt, in denen es nicht so gut läuft.
Vielleicht war das die Lehre der jüngeren Vergangenheit, dass man mit Hektik
selten erfolgreich ist. Diese Ruhe hat sich eben auch auf die Mannschaft
übertragen, sie hat immer an sich geglaubt, auch wenn es zu Beginn der Hin- und
der Rückrunde Schwierigkeiten gab."
SEITENWAHL:
„Die Europameisterschaft im Sommer sorgte wie nahezu jedes Großereignis
vermeintlich für neue Trends, spielerisch und taktisch. Wie schaut der Trainer
Luhukay solche Fußballspiele? Nimmt man da Anregungen für die eigene Arbeit
mit?"
Luhukay:
„Solche Spiele schaut man selten nur als Interessierter oder Fan. Wenn ich zu
Hause vor dem Fernseher sitze, mache ich mir Notizen, schreibe mir ganze
Systeme auf. Ganz wichtig für mich sind auch Ein- und Auswechslungen während
des Spiels, weil man daran gut erkennen kann, wie ein Trainer auf
Spielsituationen reagiert, welche taktischen Varianten er damit bezwecken
will."
SEITENWAHL:
„Wenn Sie das gesamte Turnier betrachten, welche Entwicklungen konnten Sie aus
Sicht eines Trainers feststellen?"
Luhukay:
„Auffällig ist, dass die Mannschaften erfolgreich waren, die im 4-2-3-1
gespielt haben, mit nur einem festen Stürmer in der Mitte, zwei
spielstarken defensiven Mittelfeldspielern und jeweils sehr offensiv
ausgerichteten Außenverteidigern."
SEITENWAHL:
„Ist das eine Variante für die eigene Mannschaft?"
Luhukay:
„Man muss immer sehen, welche Spielertypen in der eigenen Mannschaft sind und
welche Qualität diese Spieler haben. Nicht jedes System passt auf jede
Mannschaft. Natürlich wollen auch wir variabel sein, wir probieren im Training
und in den Testspielen immer wieder verschiedene Kombinationen auf dem Feld
aus. Am ersten Spieltag werden wir dann ein System gefunden haben, das für
unsere Mannschaft am besten passt. Aber unabhängig davon ist es noch wichtiger,
wie man dieses oder jenes System interpretiert, wie es die Mannschaft auf dem
Platz umsetzt. Wir haben in der vergangenen Saison zwar oft im klassischen
4-4-2 gespielt, dies aber sehr flexibel und variabel. Mal mit einem flachen
Mittelfeld, mal in der Raute."
SEITENWAHL:
„In der 2. Bundesliga musste Borussia oft das Spiel machen, speziell zu Hause
im BorussiaPark. Die Gegner standen tief, das Spiel fand überwiegend in der
Hälfte des Gegners statt. In der Bundesliga wird sich das Geschehen aller
Voraussicht nach eher am eigenen Strafraum abspielen."
Luhukay:
„Selbst in der Bundesliga gibt es wenige Mannschaften, die ausschließlich
offensiv aufgestellt sind. Fast alle stehen kompakt hinter dem Ball und
schalten nach Balleroberung sehr schnell um. Dies ist für mich der große
Unterschied zwischen den beiden Ligen. In der Bundesliga werden Fehler in der
Vorwärtsbewegung viel häufiger und schneller bestraft, weil die guten
Mannschaften hier hohe Qualität besitzen. Räume werden besser ausgenutzt, es
wird schneller und präziser aus der Abwehr heraus umgeschaltet. Wir werden auch
in der neuen Saison versuchen, offensiv zu spielen. Aber wir müssen das
Umschalten zurück auf Abwehr nach einem Ballverlust noch verbessern, denn das wird
in der Bundesliga schneller mit Gegentoren bestraft."
SEITENWAHL:
„Eigentlich hat Borussia die Spieler im Kader, die ein 4-2-3-1 ermöglichen: Alberman und Paauwe defensiv, dazu mit Marin, Touma, Matmour oder
Ndjeng schnelle Außenspieler. Wobei speziell die Außen schon im vergangenen
Jahr ihre Probleme in der Rückwärtsbewegung hatten."
Luhukay:
„Ja, das konnte man letzte Saison oft sehen. Speziell in den Heimspielen hatten
wir mit Oliver Neuville, Rob Friend, Marko Marin, Marcel Ndjeng und Sascha
Rösler fünf sehr offensive Spieler auf dem Platz, als nur noch Patrick Paauwe
für die Ordnung in der Defensive gesorgt hat. Es ist viel abhängig vom
jeweiligen Gegner. Wenn wir so spielen wollen, dann müssen gerade die
Außenspieler viel schneller einrücken und sich wieder positionieren."
"Manche Spieler sind wichtiger, wenn sie erst im Laufe des Spiels eingewechselt werden"
SEITENWAHL:
„Wie bereiten Sie die Mannschaft denn konkret auf das Niveau der Bundesliga
vor?"
Luhukay:
„Für mich, und das sagen wir der Mannschaft auch ständig, sind drei Aspekte
ganz entscheidend: 1. das höhere Tempo, 2. die Handlungsschnelligkeit und 3.
das schnellere Umschalten. Daran arbeiten wir im Training."
SEITENWAHL:
„Ein Gedankenspiel. Sollte Borussia das System mit nur einer Spitze
favorisieren, haben Sie mit Roberto Colautti, Oliver Neuville und Rob Friend
nicht nur drei sehr starke, aber unterschiedliche Stürmer zur Auswahl, sondern
dann auch wahrscheinlich zwei unzufriedene auf der Bank. Muss sich die
Mannschaft da auf Rotation einstellen?"
Luhukay:
„Ich hoffe sehr, dass, wenn alle drei fit sind, immer zwei davon spielen
können. Wir haben auf vielen Positionen mehrere Möglichkeiten, nicht nur im
Sturm. Wer dann spielt, ist von verschiedenen Faktoren abhängig: Wie ist der
Spieler aktuell in Form? Wie hoch ist die Qualität des Gegners? Wer passt besser
zueinander auf dem Feld?"
SEITENWAHL:
„Bereitet man die Spieler schon jetzt darauf vor, dass es mehrere Optionen
gibt? Dass Borussia, so wie Sie es gerade beschreiben, vielleicht nicht mehr
diese Achse von acht, neun festen Stammspielern hat, sondern auf verschiedenen
Positionen die Rotation einführt?"
Luhukay:
„Es wäre blauäugig, schon jetzt mit Spielern zu sprechen, ob sie vielleicht mal
für ein paar Spiele auf der Bank sitzen werden. Man weiß ja nie, was in den
kommenden Monaten passiert. Wichtig ist jetzt, dass jeder Spieler in der
Vorbereitung seine beste Form erreicht und diese bis zum Beginn der Saison kompensiert.
Wenn es dann soweit ist, kann es durchaus sein, dass ich von den taktischen
Möglichkeiten, die wir mit diesem Kader haben, auch Gebrauch mache. Und ich
werde davon Gebrauch machen. Das muss man jedoch von Spiel zu Spiel sehen und
auch innerhalb einer Partie muss ich reagieren können. Manchmal ist ein Spieler
eben wichtiger für die Mannschaft, wenn er erst im Laufe der Partie ins Spiel
kommt."
SEITENWAHL:
„Blickt man auf die Neuzugänge, fällt auf, dass kaum jemand über nennenswerte Erfahrung
in der Bundesliga verfügt, selbst Callsen-Bracker hat nur wenige Spiele für
Bayer 04 Leverkusen absolviert. Christian Ziege betont immer, dass es nicht auf
Namen, sondern auf Einstellung und Charakter ankommt. In der vergangenen Saison
ist Borussia mit dieser Taktik gut gefahren, allerdings holte man dort für die
2. Liga auch Qualität mit Rösler, Coulibaly, Voigt oder Paauwe. Verlässt man
sich nicht zu sehr auf das Kollektiv, wenn man keinen gestandenen
Bundesligaprofi verpflichtet?"
Luhukay:
„Aber selbst dieser gestandene Spieler garantiert Dir nicht, dass er Dich
sofort weiterbringt. Ich sehe das sogar sehr positiv, denn die vier Neuzugänge
können alle unbelastet in die Saison gehen. Bis jetzt bin ich sehr glücklich,
wie sie sich präsentieren und alle spielen auf einem sehr hohen Niveau. Das
gilt ebenso für die Jungs im Kader, die schon vorher hier waren, die Bundesliga
aber ebenso wenig kennen. Wenn wir es wieder schaffen, ein Team zu formen, das unabhängig
vom Namen oder Ablösesumme Spaß am Fußball hat und sich untereinander
respektiert, dann werden wir wieder eine gute Rolle spielen, davon bin ich
überzeugt."
SEITENWAHL:
„Mit Kasper Bögelund wurde ein gelernter Rechtsverteidiger abgegeben, aber
keiner neu verpflichtet. Vor einigen Wochen wurde dann kommuniziert, dass man
eine interne Lösung suche. Das klingt nach außen eher wie eine 1B-Lösung, weil
man auf dem Transfermarkt nicht fündig geworden ist oder Absagen erhalten hat."
Luhukay:
„Grundsätzlich schauen wir immer zuerst nach innen. Gibt es Kandidaten aus der
Amateurmannschaft oder aus der A-Jugend, die uns verstärken können? Erst dann
geht der Blick extern, also auf den Transfermarkt. Wir sind der Meinung, dass
wir die Position des rechten Verteidigers intern besetzen können. Neben Tobias
Levels gibt es Sebastian Schachten, der sich leider wieder verletzt hat und
Steve Gohouri, der dies schon im Nationalteam oft gespielt hat und mit seiner
Schnelligkeit und Zweikampfstärke gute Anlagen für diese Position mitbringt,
auch im offensiven Bereich."
SEITENWAHL:
„Gab es denn Kandidaten als Ersatz für Kasper Bögelund?"
Luhukay:
„Natürlich hatten wir Namen auf dem Zettel, aber wir haben uns für eine interne
Lösung entschieden. Sollte das aus welchen Gründen auch immer nicht klappen,
kann man immer noch schauen, ob man einen Spieler verpflichtet."
SEITENWAHL:
„Dagegen hat man auf der linken Abwehrseite fast schon ein Überangebot. Alex
Voigt, Johannes van den Bergh, dazu mit Filip Daems einen gelernten
Linksverteidiger und nun mit Jean-Sébastièn Jaurès einen vierten Spieler."
Luhukay:
„Mit Filip Daems haben wir auf der linken Seite gar nicht geplant. Er war
meiner Meinung nach in der letzten Saison einer der besten Innenverteidiger der
Liga und wir sind überzeugt, dass er auch in der Bundesliga eine gute Rolle
spielen kann. Wir wollten da nicht mehr zu viel verschieben, dass Filip mal
innen, mal außen spielen muss. Mit Jaurès wollten wir eine Alternative zu
Alexander Voigt haben. Er ist ein erfahrener Spieler, der sofort integriert
werden kann, da er viele Jahre auf einem hohen Niveau in Frankreich gespielt
hat."
SEITENWAHL:
„Sie fordern oft, dass das Umschalten innerhalb des Teams verbessert, schneller
gemacht werden muss. In der letzten Saison fiel allerdings auf, dass speziell
die Innenverteidiger Roel Brouwers und Thomas Kleine zwar kopfball- und
zweikampfstark waren, mit schnellen und wendigen Stürmern jedoch ihre Probleme
hatten und gedanklich oft einen Schritt zu spät kamen. In der Bundesliga werden
die Stürmer aber nicht langsamer. Ist die Abwehrreihe insgesamt in der
kommenden Saison das vielleicht größte Sorgenkind?"
Luhukay:
„Ich sehe das völlig anders. Mit dem Umschalten meine ich das vom Angriff
zurück auf die Abwehr, denn es fängt vorne an. Wenn die gegnerische Mannschaft
beim Angriff in Überzahl spielt oder mit vollem Tempo auf unsere Abwehr
zulaufen kann, siehst Du als Verteidiger oft schlecht aus. Aber der Torwart und
die Abwehrspieler sind die letzte Station, die der Gegner überwinden muss, um
ein Tor zu erzielen. Nein, wir müssen lernen, schneller von Angriff auf Abwehr
umzuschalten, so dass es gar nicht erst dazu kommt, dass unsere Abwehr in eine
solche Situation kommt."
"Ich möchte auch in der Bundesliga offensiv und attraktiv spielen lassen"
SEITENWAHL:
„In der abgelaufenen Aufstiegssaison konnte Borussia ihre Fans wieder mit gutem
Fußball verwöhnen, mit Offensive und vielen Siegen. Sie betonen immer wieder,
dass Sie eine Philosophie reinbringen wollen oder reingebracht haben. Inwieweit
lässt sich eine solche Philosophie weiter verwirklichen oder verbessern, wenn
man im Abstiegskampf steckt, in dem es um jeden Punkt geht?"
Luhukay:
„Grundsätzlich wissen wir, dass das oberste Ziel der Klassenerhalt ist.
Persönlich möchte ich auch in der Bundesliga offensiven und attraktiven Fußball
spielen lassen. Wir wollen auch weiter in jedem Spiel, ob auswärts oder zu
Hause und unabhängig vom Gegner, versuchen, das Spiel zu kontrollieren, so
dominant aufzutreten, wie es uns letztes Jahr gelungen ist. Wenn es am Ende der
Saison auf jeden Punkt ankommt, muss man natürlich umdenken, denn dann geht es
ums nackte Überleben, wie man so sagt. Bis dahin ist es aber ein langer Weg,
und hoffentlich kommen wir erst gar nicht in die Situation, dass wir am Ende um
jeden Punkt kämpfen müssen. Wir wollen die Klasse halten, und das mit schönem
Fußball."
SEITENWAHL:
„Kann das ‚Modell Karlsruhe' aus der vergangenen Saison hier Vorbild sein?"
Luhukay:
„Das ist das, was ich zu Beginn sagte. Um erfolgreich zu sein, bedarf es eines
Kollektivs. Respekt, Akzeptanz, Mit- und Füreinander, egal, ob es um Aufstieg,
Abstieg oder Meisterschaft geht."
SEITENWAHL:
„Das Auftaktprogramm hat es in sich mit den Heimspielen gegen Stuttgart und
Bremen, dazu Hoffenheim auswärts!"
Luhukay:
„Stuttgart und Bremen gehören sicher zu den besten fünf Teams der Liga. Aber
warum nicht direkt zu Beginn? Wir haben es uns nicht ausgesucht und nehmen es
so, wie es kommt. Vor allem ist die Saison nach drei oder vier Spielen noch
nicht entschieden. Man sieht es an der letzten Saison: Nach circa zehn Spielen
erkennt man eine Tendenz, vorher nicht. Es gilt, die Ruhe zu bewahren. Wenn die
ersten zehn Spiele gelaufen sind, zieht man eine erste Bilanz und sieht, wie
man sich entwickelt hat. Und letzte Saison waren wir nach dem 9. Spieltag
Tabellenführer."
SEITENWAHL:
„Herr Luhukay, vielen Dank für das Gespräch!"
Das Gespräch führte Mike Lukanz für SEITENWAHL.
|
|