|
|
Home 2008/09 03, H, BL, Bremen
|
Vorbericht, Spieltag 3: SV Werder Bremen |
|
|
Geschrieben von Christian Heimanns
|
|
Freitag, 29 August 2008 |
Wieder zu Hause, so hieß es nach dem Aufstieg, endlich
wieder daheim. Leider müssen wir feststellen, dass es zu Hause ganz schön
ungemütlich ist, zugig und kalt. Da hat wohl jemand unser Haus nicht gut
gehütet, während wir Urlaub gemacht haben und wir müssen uns komplett neu
einrichten. So in etwa kehrt Borussia in die 1. Liga zurück, mit Widrigkeiten
an allen Ecken. Zu Buche stehen nun ein Spiel, in dem man ordentlich
mitgespielt aber klar verloren hat, und eines, in dem man weitenteils dominiert
wurde und das mit einer knappen Niederlage endete.
„Lehrgeld" war das meistgebrauchte Wort vor allem nach dem
ersten Spiel und zu Recht. An solchen Spielen zeigt sich, dass es in der 1.
Bundesliga nicht reicht, zu 90 % gleichwertig zu sein. Eine Liga höher ist es
einfach ein bisschen naiv, dem Gegner die Räume zu gestatten, im Zweikampf mal
einen Schritt zu spät zu kommen oder die taktische Ordnung nicht einzuhalten.
Aber es waren ja auch erst zwei Spiele, also lassen wir die Panik vorläufig aus
dem Spiel. Boulevardeske Schlagzeilen wie „Nur 1 Punkt bis Platz 15" wirken
nach zwei Spieltagen jedenfalls ziemlich komisch.
Borussias Defensive
Vielleicht ist es ein bisschen früh für die Vorhersage,
dass dieser Bereich Borussia die Saison über mit Problemen begleiten wird. Es
ruft aber Bedenken hervor, dass eine mit 2 defensiven Mittelfeldspielern
abgepolsterte Abwehr in den ersten zwei Spielen so ins Schwimmen gerät. Für die
meisten Diskussionen sorgt dabei der Posten des linken Verteidigers, den Jaurès
bisher eingenommen hat, ohne Alexander Voigt richtig vergessen zu machen. Und
als rechter Verteidiger müht sich mit Ndjeng ein Spieler, der schon im
Mittelfeld seine Qualitäten mehr in der Offensive hatte als darin, dem Gegner den
Ball abzujagen. Für den Saisonverlauf ist zumindest Spannung garantiert, was
Leistung und Besetzung dieser Positionen angeht.
Christofer Heimeroth ist zumindest erst mal aus der
Schusslinie, seine Leistung in Hoffenheim war ordentlich. Hoffentlich gelingt ihm eine lange Reihe an Spielen ohne
Unsicherheiten. Zentral vor ihm werden weiter Brouwers und Daems zu Werke
gehen. Noch geht das Konzept „einer schnell, einer kopfballstark" noch nicht so
recht auf. Sollte es sich nicht sichtbar ändern, wird sich für Gohouri bald ein
Platz finden, wenn er wieder voll dabei ist, Callsen-Bracker scheint noch keine
schnelle Perspektive zu haben.
Paauwe, Patrick Paauwe: Wenn schon jemand aus der
Mannschaft des Zweitligameisters für die erste Liga tauglich schien, dann er.
Stellt man ihm noch jemanden zur Seite, dann erst recht. Und doch war bisher
nichts von der souveränen Übersicht und dem abgeklärten Stellungsspiel des
Niederländers zu sehen, das uns in der 2. Liga dieses Extra gegenüber anderen
Mannschaften verschafft hat. Das soll keineswegs heißen, dass Paauwe nicht
erstligatauglich wäre; ich bin sicher, dass er es ist. Aber seine Leistungen
zeigen, dass es im gesamten Gefüge der Mannschaft noch hapert.
Solange Borussia mit einem Stürmer und somit 5
Mittelfeldspielern antritt, spielt also noch ein zweiter defensiver
Mittelfeldspieler neben Paauwe, und da Svärd einmal mehr verletzt ist, kann
Alberman sich weiter einspielen. Auch der israelische Nationalspieler muss noch
in die Form kommen, die ihn und die Mannschaft weiterbringt.
Borussias Offensive
Ein Stürmer oder deren zwei, das war vor der Saison die
Frage. Vielfach wurde das 4-2-3-1 propagiert, das auch gerade bei der EM wieder
recht erfolgreich praktiziert wurde. In den ersten beiden Spielen der Saison nun
auch von Borussia, wenn auch nicht erfolgreich. Wir hätten zwar durchaus das
Personal für solch ein System, das mit starken Dribblern auf den Aussen
effektiv gespielt werden kann, aber die Spieler rücken nicht konsequent in den
Strafraum nach, wo sich Friend zu oft alleine gegen zwei oder drei
Abwehrspieler findet.
Nach Lage der Dinge und des Personals wird also im
Mittelfeld die gewohnte Troika besetzt werden: Rechts Karim Matmour, der
offensiv verheissungsvolle Ansätze zeigt, die freilich noch nicht reichen. Man
kann wohl die Voraussage treffen, dass der 23jährige algerische Nationalspieler
in seine Rolle hineinwachsen wird. Zentral gibt Sascha Rösler den offensiven
Mittelfeldmann. Röslers Wert für die Mannschaft ist bekanntlich zweigeteilt:
Zum einen seine Bedeutung als Spieler auf dem Feld, zum anderen sein Wert als
Anführer der Truppe, der dem Gegner schon zeigt, dass es nicht einfach wird. Es
wäre durchaus zu wünschen, dass sein Wert auf dem Platz wieder durch
Effektivität gesteigert wird.
Auf links, natürlich, Marko Marin. Die von den Medien so
gern angenommenen Bemerkungen von Luhukay zu Marins taktischem Verhalten sind
natürlich vollkommen berechtigt. Ob man das einem 19jährigen, von der
Nationalmannschaft euphorisierten Spieler öffentlich mitteilen muss, ist etwas
anderes. Marin jedenfalls gibt erwachsene, selbstkritische Interviews zum
Thema, was die Hoffnung weckt, dass er auch auf dem Platz mit den für ihn
vielfältigen Anforderungen dieser Zeit klarkommen wird.
Ganz vorne findet sich Rob Friend in der Rolle des
Einzelkämpfers. An Anspielen aus dem Mittelfeld mangelt es nicht, aber das
ergibt nicht jedes Mal eine Chance für ihn. Und wenn es keine ist und Friend
den Ball abspielen möchte, fehlt in vorderster Linie der Partner, wenn die
Kollegen nicht schnell genug vorne einfallen.
Der Gegner aus Bremen
Seit Jahren stellt sich bei den Bremern vor der Saison
immer die gleiche Frage: Wird es diesmal reichen, den Bayern wieder Bein zu
stellen? Meistens reicht es nicht, selbst in Jahren, in denen die Bayern dazu
einladen. Der Grund dafür ist nicht gerade ein Geheimnis - wo die Konkurrenten
schwächeln, hat Bayern immer genug personelle Reserven, angeschlagene Spieler
locker zu ersetzen, auch ohne überzeugendes fußballerisches System.
Die Bremer ihrerseits zeigen die wohl beste Unterhaltung
in der Bundesliga. Sie gewinnen bei weitem nicht jedes Spiel, aber sie können
unterhaltsame Unentschieden und spektakuläre Niederlagen präsentieren wie sonst
keiner. Sie würden es ja gerne anders machen, und das Ungleichgewicht zwischen
oft amateurhafter Verteidigung und begeisternder Offensive verringern, dass zu
diesem Unterhaltungswert führt. Es scheint ihnen aber einmal mehr nicht zu
gewinnen, wie das Spiel in Bielefeld demonstrierte, das nach zweimaliger Bremer
Führung 2:2 ausging. Nur konsequent, dass die Mannschaft durch Prödl mit einem
Abwehrspieler verstärkt wurde, dessen hervorstechendste Eigenschaft seine
Kopfbälle im gegnerischen Strafraum sind. Und dass die ins Auge fallenden
Unkonzentriertheiten in der Abwehr mit einem weiteren Stürmer gekontert wurden.
Weiterhin viel Spaß.
Bremens Defensive
Nun haben sie doch wieder einen Nationaltorwart in Bremen.
Tim Wiese ereilte die Berufung einigermaßen überraschend. Als Absolvent der
Ehrmann-Schule ist er ein echter Klon seines Lehrers: Zu wirklichen Wundern
fähig auf der Linie, fußballerisch ein Schrecken. Und da er nicht den
geringsten Grund sieht, sich zu ändern, wird das auch genauso bleiben.
Zumindest sticht er damit aus der Reihe der Bundesligatorhüter heraus.
Die Abwehrreihe vor ihm vereint die Nationalspieler vierer
Länder. Fritz, Prödl, Naldo und Pasanen dürfen versuchen, unter den 45
Gegentoren der Vorsaison zu bleiben. Es lässt sich bisher nicht gut an damit,
auch weil Naldo, trotz aller seiner persönlichen Fähigkeiten, damit überfordert
scheint, die ganze Abwehrarbeit zu koordinieren. Natürlich wird das anders
aussehen, wenn Mertesacker wieder voll und ganz dabei ist, aber auch mit diesem
ungewöhnlich begabten Abwehrspieler lief es ja nicht immer dolle.
Ein anderer Grund ist, dass Trainer Schaaf gegenwärtig
eher geneigt ist, Thorsten Frings´ offensive Fähigkeiten im Mittelfeld zu
nutzen, als ihn direkt vor die Abwehr zu stellen. Dort, als klassischer „6er"
liefert Frings in der Nationalmannschaft gewohnte Wertarbeit ab (und von den
Bayern floh er, weil Magath ihn nicht dort spielen lassen wollte). Frank
Baumann, der die Aufräumarbeit vor der Abwehr übernimmt, hat jedenfalls nicht
die Qualität von Frings, und vielleicht schlägt das noch zu Ungunsten der
Bremer aus.
Bremens Offensive
Das bekannte Prunkstück, immer für einen Kantersieg gut,
wenn der Gegner nicht aufpasst. Nachdem den Bremern endlich aufgefallen war,
dass Hugo Almeida trotz Physis, Technik und Schussstärke einfach kein echter
Torjäger ist, reagierten sie und liehen ihren einstigen Torjäger Claudio
Pizarro von Chelsea aus. Und auch wenn der Schreiber dieser Zeilen sich weiter
droben ein wenig drüber mokiert hat, im Sturm macht dieser Vorgang unbedingt
Sinn.
Das Mittelfeld bilden somit Frings, Olympia-Rückkehrer
Diego und der oft unterschätzte Daniel Jensen, der immer solide Leistungen im
Bremer Spiel abliefert aber selten erwähnt wird. Eine Alternative wäre sicher,
Frings nach hinten zu ziehen auf den Platz von Baumann und Mesut Özil im rechten
Mittelfeld zu bringen. Falls die Mannschaft dadurch nicht völlig ihrer Balance
beraubt wird, würde das auch interessante Spiele versprechen und offensiver als
im Vorjahr mit Tim Borowski auf dieser Position wäre die Aufstellung auch
nicht.
Vorne werden sich dann Markus Rosenberg und eben Claudio
Pizarro tummeln. Sollte der Peruaner wieder zu der Form finden, die ihn einst
zum Star bei Bremen und dann in München machte, ist er selbstredend eine echte
Verstärkung. Von seiner Torgefahr im Strafraum ist vor allem seine
Kopfballstärke in Erinnerung, die eine echte Herausforderung für Roel Brouwers
sein wird.
Schiedsrichter
Der 34-jährige Berliner Manuel Gräfe wird sein erstes
Spiel mit Beteiligung der Borussia seit gut einem Jahr leiten. Der Sportwissenschaftler
von Hertha 03 Zehlendorf hatte die Borussia im letzten Herbst beim
Zweitrundenspiel im DFB-Pokal beim FC Bayern München mit 1:3 verlieren sehen
und auch im Jahr davor, in Osnabrück, in der zweiten Pokalrunde eine Niederlage
der Borussia begutachtet - ansonsten war der mittlerweile als
FIFA-Schiedsrichter eingeteilte Schlaks in den beiden letzten Spielzeiten ohne
Einsatz bei der Borussia.
Seinen letzten Bundesligaeinsatz bei einem Borussenspiel - und damit beweisen
die DFB-Schiedsrichter bei der Einteilung für das aktuelle Spiel ein merkwürdig
zweideutiges Händchen - erlebte Gräfe im Spätsommer 2005, als er an einem
Wochentag zum 6. Spieltag der Saison 2005/06 nach Mönchengladbach reiste. Dort
traf eine noch von Horst Köppel beratene Borussenmannschaft auf den SV Werder
Bremen des Thomas Schaaf und musste sich in der 1. Hälfte der Begegnung
wirklich quer über den Platz scheuchen lassen, ehe ein Eigentor des Frank
Baumann nach der Halbzeitpause das Spiel drehte und den erwähnten Horst Köppel
zum glücklichsten Menschen im Borussenstadion werden ließ. In derselben Saison
pfiff Manuel Gräfe am 1. Spieltag auch ein 0:3 der Borussia beim FC Bayern aus
München.
Bilanz
Von bereits 39 Bundesligaspielen am Bökelberg / im
Borussiapark gingen 22 an die Borussia, 10 an Bremen. Eine ganz erträgliche
Bilanz, zumal uns die Bremer auch gerne in schwächeren Jahren subventioniert
hatten, z.B. beim 3:1 2004, mit Vladimir Ivic, oder 2005, beim schon erwähnten
2:1, dass der Siegesserie über 5 Spieltage von Horst Köppel den Anfang gab.
Aufstellungen
Borussia: Heimeroth - Ndjeng,
Brouwers, Daems, Jaurès - Matmour, Paauwe, Rösler, Alberman, Marin - Friend.
Ersatz: Gospodarek -
Callsen-Bracker, Voigt, Kleine, Levels, Coulibaly, Touma, Colautti, Neuville,
Baumjohann, van den Bergh, Lamidi.
Es fehlen: Svärd, Gohouri (verletzt), Schachten (Reha), Löhe (U23)
Bremen: Wiese - Fritz, Prödl, Naldo, Pasanen - Frings, Baumann,
Diego, Jensen - Rosenberg, Pizarro.
Ersatz: Vander, Vranjes, Tosic, Niemeyer, Andersen,
Boenisch, Özil, Huseijnovic, Sanogo, Almeida, Harnik, Kruse.
Es fehlen: Hunt (verletzt), Mertesacker (Reha)
Schiedsrichter: Manuel Gräfe (Berlin)
Schiedsrichterassistenten: Felix Zwayer, Markus Häcker
Vierter Offizieller: René Kunsleben
SEITENWAHL-Meinung
Hans-Jürgen Görler: Dass es nicht leicht werden würde, lag
auf der Hand. Aber musste es denn gleich so beginnen? Zwei Spiele, zwei
Niederlagen - herzlich wilkommen im Tabellenkeller. Und nun tritt auch noch
Werder Bremen im Borussia-Park an. Wer da auf einen Sieg setzt, muss schon arg
optimistisch sein. Nach dem 0:2 ist erst einmal Pause, und dann rollen wir das
Feld von hinten auf.
Christoph Clausen: Werder kommt zur Unzeit und ist für die
Borussia im Findungsprozess eine Nummer zu groß. Mit 1:2 fällt die zweite
Heimniederlage der Saison immerhin glimpflich aus.
Michael Heinen: Gegen den großen Favoriten aus Bremen ist
die Erwartungshaltung im Umfeld mittlerweile so gering, dass Borussia
eigentlich nichts zu verlieren hat. Dennoch wird das 1:3 nicht gerade zur
Beruhigung beitragen und uns eine sehr intensive Länderspielpause bescheren mit
den üblichen Diskussionen, die der (temporäre) Misserfolg automatisch mit sich
bringt.
Thomas Zocher: Nach dem Spiel in Hoffenheim, als man einem
Team auf Augenhöhe trotz Aufwärtstrend deutlich unterlegen blieb, trifft man
jetzt auf ein Team, das noch mehr Qualität hat als der VfB Stuttgart. Der VfB
hatte der Borussia schon klar die Grenzen aufgezeigt, Werder wird dann diese
Konturen nachziehen und mit 4:1 nach Bremen zurückfahren.
Mike Lukanz: Als vor einigen Wochen der Spielplan veröffentlich wurde, ahnten
Pessimisten schon Böses: Zwei Heimspiele gegen spielstarke Gegner, dazu
ein Auswärtsspiel (das in Liga 1 per se eine Gefahr darstellt). Am
Samstagmittag folgt Teil 3 des Spektakels Bundesliga, auf das wir uns
alle so gefreut haben. Die Bremer, bisher auch nicht überragend
gestartet, werden nach dem 2:0 im BorussiaPark die Jagd auf Hoffenheim
für eröffnet erklären. In Mönchengladbach wird man die Pause dazu
nutzen, sich (zu) zerfleischen (zu lassen). Jeder hat nunmal die Presse
und das Umfeld, das er verdient.
Christian Spoo: Ausgerechnet gegen Werder Bremen soll die Trendwende gelingen? Das ist
illusorisch. Bremen ist Borussia in allen Belangen überlegen. Dass die
Niederlage mit 0:2 noch recht moderat ausfällt, ist nicht Gladbacher
Stärke zuzuschreiben, sondern der Tatsache, dass Werder früh merkt,
dass halbe Kraft an diesem Tag ausreicht.
Christian Heimanns: Noch in der Findungsphase, wird
Borussia von den stärker werdenden Bremern ereilt. Was soll´s, man muss auch
Trauertage feiern, wie sie fallen, und nach dem 1:2 für Bremen können wir
langsam ernsthaft darangehen, Punkte zu sammeln.
Der SV Werder im Internet: http://www.werder.de/, http://www.dasgreenteam.de/, http://www.werdertrikot.de/.
|
|