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Geschrieben von Martin Zierold
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Donnerstag, 09 Oktober 2008 |
Die Welt geht schon wieder unter (ging sie das nicht erst letzte Woche?), doch wir bleiben zwanghaft gelassen, wie Ihr beim VfLog nachlesen könnt. Martin antwortet ähnlich abgeklärt, doch einen kleinen Schock konnten wir ihm mit dem B-Wort letztlich einjagen. Gnihihi, Spaß muß sein, bei aller Gelassenheit.
Lieber Joachim,
ja, ja, das Alter. Es macht nicht nur den eigenen Körper rundlicher, es nimmt auch dem Leben ein wenig die Ecken und Kanten und gibt einem in der ewigen Wiederkehr der Krisen ein wohlig kamillenteeiges Gefühl. Ein bisschen spüre ich es auch schon, wobei mir ein ausgeprägt schlechtes Gedächtnis hier nützt und zugleich schadet: Die Erinnerung an schlimme Zeiten kann ich wunderbar verdrängen, dafür nimmt natürlich auch die buddhistische Gelassenheit in der Erkenntnis der Zirkularität des Lebens ab, weil jeder Abstiegskampf doch immer wieder neu ist. (Zugleich hat uns Borussia ja eigentlich angefixt auf diese großen Emotionen. Eine Saison Mittelmaß, das würde wirklich kein Fan aushalten!)
Wegen meines desaströsen Gedächtnisses nutze auch ich regelmäßig Wikipedia, um zumindest die Eckdaten großer Behauptungen abzugleichen. Besonders hübsch finde ich die Narrativierung der Vereinsgeschichte in Pseudo-Epochen, die sich dann stillschweigend etabliert hat und auf wikipedisch wie folgt lautet (ab meinem Geburtsjahr 1977):
§ „Titel-Hattrick“ und höchster Sieg der Bundesliga-Geschichte
§ Spitzenmannschaft ohne Titelgewinn
§ Glücklos im UEFA-Cup
§ Abstiegskampf mit Happy-End
§ Wiederanschluss an die Spitze und DFB-Pokalsieg
§ sportlicher Niedergang
§ Aufstieg und neues Fußballstadion
§ zweiter Abstieg der Vereinsgeschichte§
Neuanfang in der zweiten Liga und Wiederaufstieg
Dass zwischen meiner Geburt und dem Hattrick ein Zusammenhang besteht und – schlimmer noch: – Borussia womöglich den nächsten Meistertitel erst in meinem Todesjahr erringen wird, diese These vertrete ich schon lange. Interessant ist aber der „Neuanfang“ in der zweiten Liga, wo doch gerade alles wieder schön nach Kontinuität riecht… Aber Du hast recht, dass Jos jetzt gehen musste, hat seine Berechtigung, mehr als manch andere Personalentscheidung der Vergangenheit. Ich bin kein Fan von Psychologisierungen, aber die Vermutung liegt wirklich nahe, dass er ein Anti-Feuerlöscher ist. Im Abstiegskampf taugt er einfach nicht, und die zwei Gesichter, die er in Liga 2 und 1 zeigte, sind selbst für schizophile Menschen wie mich kaum mehr integrierbar. Komisch, dieser Jos.
Auch sonst kann ich Dir nur recht geben, wie langweilig! Hänschen Meyer war immer für einen guten Spruch gut, und ich habe ihn geliebt. Aber wenn ich ihn weiter lieben soll, darf er auf keinen Fall neuer Trainer werden. Es hat sich definitiv ausgemeyert in Gladbach, jüngere Interviews von ihm sind weniger verschroben ironisch wie früher als arrogant überheblich und egoman, und auch fußballerisch wäre er wohl kaum mehr ein Hoffnungsträger. Wer dann, mag man fragen, und wiederum kann ich Dich nur für Deine abgeklärte Gelassenheit bewundern. Ich hatte sie auch, bis ich in Deinem Brief den Namen „Bongartz“ gelesen habe. Das hatte ich (siehe oben!) natürlich längst vergessen! Jetzt habe ich Pipi in den Augen und fürchte mich wirklich. Dann lieber die lizenzlose Ziege bis in alle Ewigkeit als wieder so ein Bier-an-die-Wand-Schocker!
Kommen wir zum Schluss zum wahren Thema unserer Briefe, dem Kamillentee. Brühst Du Beutel oder trinkst Du losen Tee? Ich persönlich pflege gerade eine veritable Smoothie-Sucht, mit der ich meinen Kaffeekonsum vitaminreich zu kompensieren suche. Meinst Du, ich sollte wirklich umsteigen? Und wird Gladbach dann nicht absteigen?
Mit einer Hand schon an der Whiskyflasche grüßt Dich herzlich,
Martin
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