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Ein Mann der Hierarchien Drucken
Geschrieben von Thomas Häcki   
Dienstag, 21 Oktober 2008
ImageBeamen wir uns einmal ca. 9 Jahre zurück in den September 1999: Die Borussia befand sich in einem noch desolateren Zustand als heute. Man war nach drei Niederlagen aus drei Spielen mit 0 Punkten Tabellenletzter der 2ten Liga, doch das war noch nicht das Schlimmste. Die Mannschaft war durch eine in der Vereinsgeschichte bis heute beispielslose Niederlagenserie völlig verunsichert. Seit ca. einem Jahr wurde man selbst bei Testspielen in der Provinz von Amateurvereinen vorgeführt, von den Klatschen gegen Leverkusen und Wolfsburg einmal ganz abgesehen. Mit Sebastian Deisler musste die Zukunft verkauft werden, finanziell stand man dicht an der Pleite und an eine Infrastruktur, wie sie mit dem neuen Stadion heute vorhanden ist, war damals noch gar nicht zu denken. Nicht wenige prophezeiten den einstmals so stolzen Fohlen einen Durchmarsch in die dunklen Tiefen des Amateurfußballs, auf Augenhöhe mit einstigen Größen wie Fortuna Düsseldorf oder Bayer Uerdingen. Dann kam der eiserne Hans, riss das Ruder um - der Rest ist Geschichte.

Nun ist er wieder da, der Mann der von vielen Fans als bester Trainer nach Hennes Weisweiler gefeiert wird. Die einen sind begeistert, dass ein Mythos zurückkehrt, andere wiederum sind skeptisch ob die Erwartungen nicht zu hoch sind und der Mythos dadurch Schaden nimmt. Eine Skepsis, die nachvollziehbar ist, wurde doch mit Jupp Heynckes vor nicht all zu langer Zeit ein anderer Mythos genau auf diesem Weg demontiert. Es sei also davor gewarnt, aus der Vergangenheit auf die Zukunft zu schließen. Hans Meyers Kompetenz ist unbestritten, doch auch er kann keine Wunder vollbringen. Auf jeden Fall kann aber eines versprochen werden: Es wird mit Hans Meyer nicht langweilig werden. Damit sind nicht alleine seine herrlich süffisanten Interviews gemeint, die in der deutschen Medienlandschaft ihresgleichen suchen. Auch seine ironischen Kommentierungen, die von Teilen der Presse begeistert aufgenommen werden, gehören zwar zu seinem ihm eigenen Repertoire, sind aber nicht der Grund, warum viele seinem Amtsantritt mit Spannung entgegen blicken. Vielmehr sind es seine klaren Ideen von Fußball und seine Konsequenz diese umzusetzen, die in den nächsten Wochen für reichlich Gesprächstoff sorgen dürften. 

Hans Meyers erste Aktion als neuer Trainer war seinerzeit eine konsequente Sondierung des Kaders. "Jeder Kompromiss ist faul" ist eines seiner Zitate und die ersten die dieses leidvoll zu spüren bekamen waren die Defensivkräfte Buric und Vogel, die als nicht tauglich kurzerhand aussortiert wurden - mit einer Konsequenz, die keinen Platz zum lamentieren lies. Der alternde Star Toni Polster sollte kurz darauf folgen. Als Ergebnis seiner Sondierung machte sich Meyer daran, eine interne Hierarchie zu bilden. Er definierte Basisspieler, welche die Verantwortung innerhalb des Kaders tragen. Seinerzeit waren das z.B. Arie van Lent, mit der Zeit der zunächst ausgeliehene Igor Demo oder (eine Saison später) Steffen Korell. Dieses Handeln war auch bei allen seinen sonstigen Stationen zu beobachten: Das Schaffen einer Hierarchie als Grundlage für die weitere Arbeit und Basis für einen späteren Erfolg. 

DAS ist Meyers größte Stärke - DAS ist Meyers größte Schwäche! 

Warum Stärke? Das Schaffen einer Hackordnung ist nicht nur im Fußball elementare Voraussetzung für späteren Erfolg. Kein Unternehmen kommt ohne Hierarchien aus. Dabei müssen für solche Strukturen keine patriarchalischen oder gar diktatorischen Führungsstile vorausgesetzt werden. Selbst bei Unternehmen mit so genannten „flachen Hierarchien“ bilden sich solche heraus. Hierarchien sind schon deshalb enorm wichtig, weil es zum Erreichen eines Ziels eine Vielzahl von Möglichkeiten und Entscheidungen zu treffen gibt, oder anders gesprochen: Viele Wege führen nach Rom. Gibt es keine Hierarchie, wird jeder seinen eigenen Weg gehen. Die Stärken eines Teams sind dann nicht mehr vorhanden. Besonders gut ist dies im Fußball zu beobachten. Nach dem Weggang von Stefan Effenberg brach das Gladbacher Hierarchiegebäude in sich zusammen. Er war der unumstrittene Leitwolf, an dem sich alle aufrichteten und zeitweise auch versteckten. Man hatte in der damaligen Krise nicht den Eindruck, dass auf dem Platz ein Team stand, sondern mehr elf Jungen, die sich spontan Samstag Nachmittag zum kicken verabredet hatten. Ähnlich waren dann die Gefühle im zweiten Abstiegsjahr. Niemand, der der Mannschaft den Weg vorgab, war vorhanden. Oliver Neuvilles Ausspruch froh zu sein, einige seiner Mitspieler bald nicht mehr zu sehen, spiegelt diese Situation sehr gut wieder. Er traf damit auch den Nerv der Fans, die diesen Ausspruch nahezu euphorisch aufnahmen und Neuville damit zu einem Idol verklärten.
 

Christian Ziege und Jos Luhukay erkannten diesen Mangel. Ihre Entscheidung, den Neuanfang mit einer charakterlich stimmigen Mannschaft zu starten war sicherlich die Entscheidung, die den triumphalen Aufstieg erst möglich machte, die Basis für den späteren Erfolg legte. Umso unverständlicher war die Entscheidung ein Jahr später diese Hierarchien durch Rotation neu zu bestimmen. Borussia Mönchengladbach war offensichtlich noch nicht reif für solche Experimente. Am Schluss dürfte diese Entscheidung Jos Luhukay den Job gekostet haben. 
 

Warum Schwäche? So wichtig Hierarchien nun auch sind, sie unterliegen immer der Gefahr der Abnutzung. Ein Teamgebilde bleibt niemals starr. Neuzugänge und Abgänge können es ebenso verändern, wie Formschwankungen oder schlicht der Zahn der Zeit. Hierarchien müssen also auf der einen Seite atmen können, veränderbar sein. Auf der anderen Seite ist es aber auch wichtig Kontinuität zu bewahren. Nicht jede Formschwankung darf sofort den Status einer Person in der Hackordnung in Frage stellen. Zudem ist der Status einer Person ein Ergebnis sowohl aus seiner Leistung, als auch aus seiner sozialen Führungskompetenz. Bringt ein Spieler längere Zeit keine Leistung, kann er seinen Wert als Basisspieler nicht alleine auf seine Sozialkompetenz beziehen. Zusätzlich besteht die Gefahr der Unruhe: Spieler aus der zweiten Reihe drohen zu frustrieren, wenn sie keine Chance erhalten, wenn der Wert der Kontinuität zu hoch angesetzt wird. Hier die richtige Balance zu finden ist eine äußerst sensible Aufgabe. Trainer, die Basisspielern vertrauen, neigen dazu, einem Schützling auch länger als vielleicht geboten zu vertrauen. Bei Jos Luhukay war dies zeitweise besonders bei Marcel Ndjeng zu beobachten und auch Hans Meyer schickte immer wieder gerne sein Kernteam aufs Feld – auch wenn der eine oder andere bereits seit längerer Zeit seiner Form hinterherlief.  

Es bleibt aber zu bemerken, dass mit Hans Meyer ein sehr erfahrener Trainer verpflichtet wurde, der um diese Problemlagen sehr wohl weiß. Die Wichtigkeit von Hierarchien ist ihm ebenso bewusst, wie seinem Vorgänger Jos Luhukay, der immer wieder gerne darüber philosophierte. Insofern ist die Nachfolgeregelung folgerichtig, durchdacht und konsequent. Und Konsequenz ist auch eine Fähigkeit, die man Hans Meyer unbestritten zugestehen darf. Dabei dürfte er es deutlich einfacher haben als bei seinem ersten Antritt. Das Team ist angeschlagen, aber, wie es in Bochum gezeigt hat, noch lange nicht tot. Die Infrastruktur stimmt und eine Teamhierarchie ist, wie alle Verantwortlichen betonen, gegeben. Auch Hans Meyer bezeichnete den Kader als charakterlich gut aufgestellt. Spannend dürfte nun werden, wen Meyer als Basisspieler auswählt. Patrick Pauwee dürfte ins Profil passen. Auch Daems fußballerische Leistungen dürften erwähnenswert sein. Doch auch die eine oder andere Überraschung darf erwartet werden. Alexander Voigt wäre hier z.B. ein Kandidat. In Bochum zeigte er sowohl seine fußballerische Limitiertheit, aber eben auch seine ungeheuere Bissigkeit mit der er für jedes Team doch enorm wichtig sein kann. Doch auch andere Kandidaten wären vorstellbar. Somit stehen den Borussen interessante Tage ins Haus.