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SEITENwechsel, der 66. Drucken
Geschrieben von Martin Zierold   
Donnerstag, 23 Oktober 2008

Image Diese Woche haben wir als erste losgemeyert; unseren Beitrag lest Ihr wie gewohnt beim VfLog. Martin antwortet beseelt: Er lebt noch (wenn seine Nachbarn ihn lassen), vertraut auf den Klassenerhalt (er wird doch nicht schon wieder krank werden?) und glaubt an die zeitlose Freundschaft. Klarer Fall von Halluzinationen nach einer Kamillenteekur? Sein Hinweis auf den Bruder von Bochum, wo der Bruder eines gewissen Herberts leert (Wen? Die Mülleimer?), deutet darauf hin, doch lest besser selbst!


Lieber Joachim,

ja! Ich, ich lebe noch! Auch wenn meine Nachbarn mir gerade zu verstehen gegeben haben, dass dies bald schon ganz anders aussehen kann, wenn ich noch einmal kurz vor Mitternacht aus meinem Fenster herausgröle. Du hoffst wohl, mit solchen Empfehlungen dafür zu sorgen, dass ich über Deine ostentative Bochumignoranz von letzter Woche hinwegsehe. Aber so kommst Du mir nicht davon: Bochum hat durchaus eine Uni! Sogar eine berühmte, denn der Bruder von Herbert Grönemeyer lehrt dort. Sie heißt nur irritierenderweise Witten-Herdecke, aber Witten ist praktisch Bochum. Gleich nebenan. Und Grönemeyer macht den Rest wett. Tief im Westen und so…

Hätten wir das also geklärt.

Da muss ich Dir gleich wieder widersprechen: Freunde sind temporär, schreibst Du! Joachim! Ich bin schockiert. Frauen, ja, natürlich. Aber Freunde? Vielleicht bin ich noch zu jung und die Leidenschaft wird noch abebben, aber ich bin sicher, dass zum Beispiel Maik und ich noch befreundet sein werden, wenn wir gemeinsam nicht zu unserem 50. Magister-Jubiläum gehen werden. Das zeichnet doch die wenigen, engen Freundschaften aus, das man durch dick und dünn geht, von der Wiege bis zur Bahre – nein? Oh, jetzt bin ich wieder ganz deprimiert, warte. Ich mach mal kurz das Fenster zu. Mich fröstelt.

Hans Meyer also. Meyer ist temporär, da immerhin stimme ich Dir 100% zu. Ja, ich weiß nach Deinen Erläuterungen sogar genau, warum ich skeptisch bin. Vorher war das nur so ein Gefühl, aber Du bringst es auf den Punkt: 1999 ist nicht 2008. Hey, it’s the 21st century! Gladbach ist kein Aschenputtel mehr, Gladbach ist, äh, Rapunzel? Schneewittchen? Die böse Stiefmutter? Aber auch Hänschen ist nicht mehr Hänschen. Ich habe mal ein paar alte Interviews ausgepackt. Das kann man sich auf der Zunge zergehen lassen: „Die Liebe, die es am Anfang ist, kann es nach so vielen Jahren nicht mehr sein. Sie bleibt die Grundlage, aber fast noch wesentlicher ist die gegenseitige Achtung. Und der Respekt voreinander. Die Gründe, die heute oft zu einer Scheidung führen, sind meistens absolut lächerlich. Mit ein bisschen mehr Verständnis, mit ein wenig mehr Toleranz und Nachdenken wären sicher viele Ehen zu retten.“ Nicht so seine eigene, da half offenbar auch kein Nachdenken. Aber niemand werfe den ersten Stein…

Wie Du bin ich auch sicher, dass Hänschen uns nicht absteigen lässt, und auch ich glaube, dass es danach wieder mal vorbei sein wird mit langfristiger Strategie. Neulich wollte ich eine Parallele zwischen SPD und Borussia herbeikonstruieren. Stetiger Wechsel und so. Das hat leider nicht geklappt: Die SPD hatte seit 1999 sechs Vorsitzende. Gladbach aber zehn! Und Hans Meyer wird diese Reihe nicht mit einer neuen Ära beenden, auch nicht, weil aufgewärmtes Essen eben nicht schmeckt wie frisch gemacht. Aber vielleicht erfüllt sich immerhin Dein Wunsch und Du lernst bis zum nächsten Coach noch das eine oder andere ostdeutsche Clubhaus kennen. Aber ob es Meyer nun nicht eher in den Süden zieht?

Wie es mir geht, fragst Du. Das ist lieb. Ich halte mich wacker. Am Samstag, als auf dem SPD-Parteitag, den ich mir selbstredend auf Phoenix live anschaute, wie ich eigentlich immer nur Phoenix schaue, am Samstag also, als der Bergmannschor sang, da wurden meine Augen feucht. Mit uns zieht die neue Zeit, mein lieber Joachim! Bloß wohin?

„Eine Woche Hammerschlag, eine Woche Häuserquadern zittern noch in unsern Adern; aber keiner wagt zu hadern! Herrlich lacht der Sonnentag, herrlich lacht der Sonnentag.“

Ach, da tropft schon wieder eine Träne in meine Teetasse. Ich muss enden.

Auf bald, mein Freund!

Martin