Bundesliga 2011/2012

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SEITENwechsel, der 67. Drucken
Geschrieben von Martin Zierold   
Donnerstag, 30 Oktober 2008

SEITENwechsel Martin möchte gerne bei Tchibo eine neue Zweitliga-Welt für Borussia einkaufen. Statt dessen bekommt er aber nur whiskyseligen Besuch von einem Herrn Grebe, der sein Boot an die Wand fährt. Wer weiß, warum Herr Grebe das macht, der schickt uns bitte eine e-mail. Nein, das alles gehört nicht zu Martins bekannter Herbstdepression, eher zum Elfmeter-Blues, der uns alle in dieser Saison regelmäßig überkommt. In unserer Antwort beim VfLog sagen wir heute "Njet" zu allem - Zweite Liga, Relegationsspiele, Frust. Das Rezept ist das in Krisenzeiten altbekannte: Optimismus vorsülzen und die miese Lage gesundbeten.

Lieber Joachim,

„bei Tchibo gibt es jede Woche eine neue Welt. / Wenn das stimmt, dann hätt’ ich mir / die doch sicher schon bestellt“, singt Rainald Grebe. Und drückt wie so oft das Lebensgefühl der Gegenwart aus. In Gladbach jedenfalls gibt es ganz offensichtlich keine neue Welt pro Woche. Am Samstag durfte man das vielleicht noch hoffen, das Ergebnis gab Anlass für Träume, die spielerische Leistung ohnehin nicht. Gestern, ausgerechnet in Wolfsburg, landeten wir wieder in der gleichen Welt, in der wir mindestens seit Saisonbeginn leben. Öder, ewiger Abstiegskrampf. Ich bin zu müde (emotional, nicht schlafmäßig), um Statistiken zu wälzen, aber wenn Gladbach nicht die Mannschaft mit den bisher meisten Elfmetern in dieser Saison gegen sich ist, dann wäre ich überrascht. Immerhin da sind wir gut: Tölpeln im Strafraum!

Natürlich ist es ungerecht von Hans Meyer nach nur einer knappen Woche Wunder zu erwarten. Und ehrlich gesagt glaube ich auch immer noch zart daran, dass Gladbach nicht absteigt. Aber der Weg dahin, er könnte wirklich eklig werden. Zusammen mit Hoffenheim sind wir aufgestiegen. Vor Hoffenheim sind wir aufgestiegen! Und nun zaubert dieser Verein herum, als gäbe es kein morgen und überrennt den HSV, und wir krückeln uns wieder einen ab, als gäbe es kein gestern und als hätten wir nicht etwas aus den Desastern der letzten Jahre lernen können. Langsam bezweifle ich die Theorie, Jos Luhukay sei ein guter Trainer, der leider einfach nicht erstligatauglich ist. Könnte es sein, dass Gladbach ein guter Verein ist, der leider einfach nicht erstligatauglich ist?

Ein Szenario, auf das ich mich langsam seelisch vorbereite, sind die Relegationsspiele. Ich habe ja schon mehrfach die These vertreten, dass Borussia in meinem Todesjahr das nächste Mal deutscher Meister werden wird, so wie sie es zuletzt in meinem Geburtsjahr waren. (Egozentriker – moi?!) Dieser Gedanke war früher beängstigend, heute ist er tröstlich. Ich muss mir wohl noch viele Jahre keine Sorgen um ein mögliches Ableben machen. Und ich werde auch die Relegationsspiele überleben, obwohl ich große Herzinfarktsorgen hätte. Zwei Spiele um Wohl und Wehe! Das hatte ich früher ein, zwei Mal mit dem WSV als es um den Aufstieg in die 2. Liga ging und ich noch nebenan vom Stadion am Zoo wohnte und für rot und blau mehr schwärmte als für schwarz-weiß-grün. Als robustes Kind habe ich da schon gelitten wie ein Hund, aber heute als feinfühlender ausgewachsener Melancholiker mit einem Hang zur Depression! Soviel Whisky kann ich gar nicht trinken, damit meine Hand bei diesem Gedanken zu Zittern aufhört.

Andererseits frage ich mich mittlerweile auch schon, warum ich so an der ersten Liga hänge. Ist es nur die Gewohnheit? Oder der überzogene Anspruch an die Großartigkeit des eigenen Vereins, dem man seine Liebe schenkt? Hat sie uns denn glücklich gemacht, diese sogenannte erste Liga? Doch schon lange nicht mehr! Vielleicht sind wir eben wirklich (s.o.) einfach nicht füreinander gemacht. Nicht mehr jedenfalls. Haben uns auseinandergelebt. Die kurze Affäre mit der Liga der Herzen war doch wild und aufregend und leidenschaftlich. Sie hat uns Selbstbewusstsein gegeben und Lebensfreude, hat Träume wieder geweckt, die längst verschüttet waren. Vielleicht ist da doch mehr drin, vielleicht kann hier mehr wachsen als der wilde Sex von 34 geilen Spielen, in denen wir fast immer oben waren. Sag, Joachim, müssen wir vielleicht nur ehrlich zu uns selbst sein, und einfach Liga zwei umarmen? „Love the one you’re with“ sang Stephen Sills in den 70ern, als Gladbachs Liaison mit der Bundesliga noch glücklicher war. Vielleicht sollten wir anfangen, die zweite Liga zu lieben. Osnabrück wird uns mit offenen Armen empfangen.

Doch nun muss ich los, noch ein bisschen Whisky kaufen und dann ins Bett. Zum Einschlafen höre ich noch mal Herrn Grebe: „Es ist gut, es ist gut, es ist gleich vorbei / Kein Tamtam und kein Heiopei / Es ist gut, ich zähle Schafe / Bis ich endlich schlafe / Wann kommt der Sandmann mit dem Sand und fährt mein Boot – an die Wand.“

Good night, and good luck!

Dein Martin