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SEITENwechsel, der 69. Drucken
Geschrieben von Martin Zierold   
Donnerstag, 13 November 2008

SEITENwechsel Im neuen SEITENwechsel ruft Martin zu Wachsamkeit auf, denn auch nach dem Sieg in Bielefeld darf der revolutionäre Geist nicht erschlaffen: Hasta la victoria siempre! Wir hielten zwar Che Guevara bislang für den Namen eines französischen Restaurants, geloben aber beim VfLog Standfestigkeit - nur Astern darf man uns nicht schenken.


Lieber Joachim,

da war einer, der sprach "Punkte, Punkte, gebt mir Punkte", das sagte er. Drei sollten es sein, sofort. Viele haben diese Rufe belächelt, sie waren so nachvollziehbar und doch so wenig erfolgversprechend, wie Rufe nach Wasser in der Wüste, nach wildem Sex im Klostergarten, nach einer Fehlüberweisung in Höhe von 30 Millionen Euro auf das eigene Konto: Es ist vorstellbar, es mag auch vorkommen, aber es ist so unwahrscheinlich. Und doch: Die drei Punkte kamen, postwendend und (dies war das überraschendste am Ganzen:) verdient.

Fast ist es ja schon ein bißchen betrüblich, dass die Androhung roher Gewalt, wie Du sie letzte Woche mehr oder minder unverhohlen ausgesprochen hast, so schnelle Erfolge zeitigt. Sie können's ja, sie wollen nur nicht, würde man kleinen Kindern in solchen Fällen unterstellen, wenn man wieder mit der Androhung einer ordentlichen Tracht Prügel, oder, aufgeklärter, mit Stubenarrest und Taschengeldentzug für Ruhe und Ordnung im Kinderzimmer gesorgt hat. Wie lange der Frieden in solchen Fällen hält, wenn man nicht die Drohkulissen und Schreckensszenarien permanent aufrecht erhält, davon wissen Eltern und amerikanische Präsidenten ein Liedchen zu singen. Ich bin also gespannt, wie Deine Terroristenkarriere in Sachen Borussia weiter verläuft... Einmal drei Punkte reichen doch nicht, oder?

Andererseits solltest Du Dir gut überlegen, welche Forderungen Du jetzt stellst. Es geht gegen Bayern, die "wieder erstarkten", wie man liest, die zum Erfolg gefunden haben, weil Klinsmann so ziemlich alles sein lässt, womit er zunächst als großer Reformator angetreten war. Da wäre schon ein Pünktchen ein großer Erfolg, was zugleich heißt, dass die kurzzeitige Entspannung beim Blick auf die Tabelle am Samstag Abend schon wieder passé sein könnte: Karlsruhe schlägt Cottbus, Bochum oder Hannover ziehen davon und wir hängen wieder, immer noch, mitten unten drin.

Aber ich will ja auch nicht immer nur Wasser in den Wein gießen (in diesem Text habe ich übrigens mindestens drei abgegriffene Redewendungen versteckt -- findest Du sie alle?): Natürlich können wir uns auch freuen, dass es immerhin die drei Punkte gegeben hat am Samstag. Und natürlich hat Marin prima gespielt. Und natürlich gibt es noch mehr Positives zu sagen. Aber manisch, wie Du bist, immer von himmelhochjauchzend zu zutodebetrübt oszillierend, wirst Du wahrscheinlich eh mit einer Hymne über Borussias Wiedergeburt antworten. Da halte ich mich lieber an meiner guten, alten konstanten Depression fest. Wie sagt Marvin, der tieftraurige Roboter in "Per Anhalter durch die Galaxis": "I have a million ideas, but they all point to certain death."

Mit zittriger Hand die Tabelle nach dem nächsten Spieltag auf einen Bierdeckel kritzelnd grüßt Dich herzlich

Dein Martin