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Baustelle Borussia - eine Bestandsaufnahme Drucken
Geschrieben von Christian Spoo   
Sonntag, 14 Dezember 2008
Hans Meyer„Die Mischung passt nicht“, mit diesem Urteil hat Hans Meyer, ob willentlich oder nicht, die Arbeit seiner Vorgänger mit knappen Sätzen diskreditiert. Ganz falsch ist diese Analyse nicht, dafür spricht das Auftreten des Teams in der Hinrunde, wobei einige Beobachter nach wie vor glauben, mit etwas mehr Fortune zum Saisonauftakt hätte eine ganz andere Dynamik greifen können und Borussia hätte durchaus mit dem Kader, der vom ersten Spieltag an zur Verfügung stand, auch 20 Punkte holen können.
Nun sind es derer allerdings nur elf und nach all den Vorfällen, Rauswürfen, Personalrochaden und öffentlichen Äußerungen der vergangenen Wochen muss in der Winterpause etwas passieren – sprich, Borussia muss auf dem Transfermarkt tätig werden, und zwar in einer Art und in einem Umfang, wie es seit der Ägide von Dick Advocaat nicht mehr gesehen wurde.
Nun stellt sich die Frage, auf welchen Positionen der größte Bedarf an Verstärkungen besteht, denn von eins bis elf wird sich der Verein sicherlich nicht neu einkleiden wollen bzw. können.

Das Tor - ein hausgemachtes Problem

Bei Position eins darf man wohl trotzdem getrost beginnen. Denn es gilt als ausgemacht, dass ein neuer Torhüter kommt. Namen werden hier seit Wochen gehandelt. Das renommierte kicker-Sportmagazin berichtete etwa am vergangenen Donnerstag, dass Wunschkandidat Logan Bailly vom KRC Genk aufgrund der Tabellensituation der Borussia zögere und sie sich deshalb Alternativen wie Olivier Renard vom KV Mechelen überlege. Mit Christofer Heimeroth und auch Uwe Gospodarek hat man bei Borussia jedoch zwei Keeper im Kader, die als bundesligatauglich gelten können. Dass beide in dieser Saison mehrfach nicht glücklich aussahen, liegt nicht zuletzt an dem Torso, das sich unter dem irreführenden Namen „Abwehr“ vor ihnen befand. Dass in der Abwehr erheblicher Verbesserungsbedarf besteht, ist unstrittig. Vertraute man auf die Torleute, die man hat, wäre einiges Geld mehr da, um sich hier echte Verstärkungen zu leisten. Das unselige Wechselspiel, beginnend mit Christian Zieges weiterhin unverständlichem Aktionismus vor dem Bochumspiel und fortgesetzt mit der fast absurd anmutenden Idee seines Nachfolgers, in Wolfsburg auf den völlig unerfahrenen Frederic Löhe zu setzen und damit Christofer Heimeroth öffentlichkeitswirksam das Vertrauen, womöglich auch das in sich selbst, zu entziehen, macht einen Transfer in der Winterpause nun nahezu notwendig. Schade, hätte man Heimeroth einfach zwischen den Pfosten gelassen, hätte man nun eine Baustelle weniger.

Die Abwehr - oder was man halt so nennt

In der Abwehr hat Borussia die größten Probleme, das sehen die Fans, das sieht der Trainer, das sieht jeder.
Der größte und auch seinerzeit schon deutlichste Fehler vor der Saison war es, die Position des rechten Verteidigers nicht neu zu besetzen. Einzig der schon in der Zweiten Liga oft enorm geforderte Tobias Levels hat das Spiel auf dieser Position gelernt. Er war dann auch der Einäugige unter lauter Blinden, der beste schlechte Rechtsverteidiger Borussias in der Hinrunde 2008/2009. Die Versuche mit Marcel Ndjeng und Sebastian Svärd dürfen getrost als Pleite einsortiert werden. Steve Gohouri war nicht viel schlechter als Levels, aber auch nicht viel besser und wurde meist in der Innenverteidigung noch dringender benötigt. Hier muss etwas passieren – das war vor der Saison so und das bleibt so.
Bester Innenverteidiger Borussias war wie in der Vorsaison Filip Daems – ein gelernter Linksverteidiger. „Mein bester Abwehrspieler“ nannte auch Hans Meyer den Belgier, der wohl weiter einen Stammplatz in der Viererkette innehaben wird. Womöglich wird der nach der Winterpause aber wieder auf der linken Abwehrseite liegen. Auf dieser linken Seite hat Borussia noch die geringsten Probleme. Zwar erwies sich Jean Sebastien Jaurès nicht eine Minute als die erhoffte Verstärkung oder konnte wenigstens seine Erstligatauglichkeit unter Beweis stellen, aber Alexander Voigt spielte die Position immerhin meist solide und der vor der Saison noch auf keinem Zettel stehende Christian Dorda machte seine Sache durchweg gut. Borussias Linksverteidiger sind also allesamt keine „Kracher“, aber eine Neuverpflichtung hier scheint doch nicht notwendig.
Anders sieht es in der Innenverteidigung aus. Filip Daems kann man hier weiter ohne Bedenken bringen, dahinter aber wird es heikel. Steve Gohouri ist ein Spieler, der die Fans spaltet: mit großem Einsatz und Herz bei der Sache, immer gewillt, alles zu geben, und auch immer bereit, sich ins Spiel nach vorne einzuschalten, bringt er vieles mit, was ihn zum Publikumsliebling machen kann. Unerklärliche Fehler im Passspiel, im strategischen Bereich, in der Konzentration und im Spiel Mann gegen Mann dagegen ließen ihn in kaum mehr zu zählenden Situationen in der Hinrunde als Sicherheitsrisiko erscheinen. Rechnet man das eine gegen das andere auf, kommt man wohl zu dem Schluss, dass es mit Gohouri so nicht weitergeht. Sollte das immer wieder kolportierte Interesse von zahlungskräftigen Vereinen aus anderen Ländern tatsächlich bestehen, wäre es – auch im Hinblick auf die nötigen Neuverpflichtungen – womöglich das Beste, den Ivorer gehen zu lassen. Ohne seinen Einsatz damit herabwürdigen zu wollen.
Roel Brouwers, in der Vorsaison unangefochtene Stammkraft, gehört zu den Kandidaten, die als erste genannt werden, wenn es um die Probleme beim Sprung von der Zweiten in die Erste Liga geht. In der Tat hatte der Niederländer seine Probleme mit den technisch begabteren und schnelleren Angreifern, mit denen er es bei seinen Einsätzen zu tun hatte. Exemplarisch sei Mario Gomez im allerersten Spiel nach dem Wiederaufstieg genannt. Dennoch sollte man fair bleiben: Roel Brouwers erledigte, wenn er spielte, seine Sache aufmerksam und ohne Mätzchen. Er weiß, was er kann, er weiß, was er nicht kann, echte Böcke schoss er nicht. Im Prinzip verhält es sich bei Brouwers wie bei Tobias Levels, nur dass Brouwers deutlich mehr Konkurrenz auf seiner Position hatte.
Ebenfalls in der Innenverteidigung oder gar auf dem Liberoposten agierte zum Schluss der Hinrunde auch Patrick Paauwe immer mal wieder. Er machte das nicht besonders gut, seine Position ist die vor der Abwehr, soviel wurde dabei deutlich.
Die beiden anderen Innenverteidiger im Kader sind kaum zu beurteilen, was eine Neuverpflichtung noch dringender geboten erscheinen lässt. Jan-Ingwer Callsen-Bracker und Thomas Kleine hatten verletzungsbedingt nicht die Möglichkeit, sich dauerhaft im Team zu etablieren. Beide hatten durchaus vielversprechende Ansätze, gerade Thomas Kleine machte vor seiner Verletzung den Eindruck, eine dauerhaft ausreichende Lösung mit Bordmitteln sei doch noch möglich. Sich darauf zu verlassen wäre aber Harakiri – und darauf sollte bei Borussia niemand Lust haben.

Das Mittelfeld - wo der Schuh am wenigsten drückt

Im defensiven Mittelfeld herrscht ein personelles Überangebot. Die so genannte Sechserposition können spielen (und haben gespielt): Patrick Paauwe, Gal Alberman, Michael Bradley, Sebastian Svärd und Tony Jantschke.
Den besten Eindruck von allen hinterließ der Letztgenannte, allerdings spielte der Youngster gerade mal 178 Minuten, bevor ihn der Dortmunder Blaszcykowski mit einem rotwürdigen Foul außer Gefecht setzte. Auch Hans Meyer scheint auf den Nachwuchsmann große Stücke zu halten, ihn könne man „ohne Risiko bringen“, sagte er vor Jantschkes erstem Startelf-Einsatz. Patrick Paauwe war in der vergangenen Saison eine der ganz entscheidenden Figuren im Gladbacher Spiel, der Dreh- und Angelpunkt der Aufstiegsmannschaft. Gemessen daran war der fünffache niederländische Nationalspieler in der laufenden Spielzeit eine einzige Enttäuschung. Oft „fachfremd“ eingesetzt, konnte er in der Abwehr oder gar im linken Mittelfeld nicht überzeugen. Auf seiner Stammposition lief es besser, aber das Tempo in der Ersten Liga schien für Paauwe manchmal einfach zu hoch. Ihn deswegen abzuschreiben gibt es aber keinen Grund. Zum einen hat Hans Meyer Paauwes Stellenwert in der Mannschaft mehr als einmal deutlich hervorgehoben, zum anderen ist dem Mann, den außerhalb der Boulevardpresse garantiert niemand „Iceman“ nennt, durchaus zuzutrauen, dass er wieder zu alter Stärke zurückfindet.
Auch Gal Alberman sollte durchaus in der Lage sein, in der Rückrunde positiv zu überraschen. Seine Fähigkeiten hat er mehr als einmal angedeutet, in einigen Spielen sogar gewinnbringend eingebracht. Zuletzt hing der Israeli durch und verlor seinen Stammplatz, aber er sollte und wird seine Einsätze auch in der Rückrunde bekommen.
Anders verhält es sich womöglich mit Sebastian Svärd. Er bleibt der Pechvogel in Reihen der Borussia. Immer wieder von Verletzungen gebeutelt, kam er bislang stehaufmännchengleich doch wieder zurück und absolvierte vor der Abwehr so manche ordentliche Partie, bis er sich kurz darauf wieder verletzte. Das war in dieser Saison nicht anders, allerdings erfolgte dazwischen ein Versuch auf der Rechtsverteidigerposition, bei dem Svärd die Bemühungen von Marcel Ndjeng noch unterbot. Der Däne scheint von allen potenziellen „Sechsern“ derzeit die schlechtesten Karten zu haben.
Bleibt Michael Bradley – der offensivbegabteste der genannten Spieler. Wegen dieser Begabung durfte er sich zuletzt auch auf der Position hinter den Spitzen versuchen. In beiden Rollen kam er nicht über Ansätze zu gutem Spiel hinweg. Bradley hat die Erwartungen bisher nicht erfüllt, durchaus aber erkennen lassen, dass man weiter Erwartungen hegen darf. Auf welcher Position, ist dabei fast unerheblich.
Fakt ist: Im defensiven Mittelfeld besteht ein Überangebot. Die Aufgabe von Hans Meyer muss sein, hier den oder die besten aus den vorhandenen Spielern auszuwählen, je nachdem mit wie vielen defensiven Mittelfeldspielern er anzutreten gedenkt. Angesichts der Überkapazitäten ist es vollkommen unnötig, in diesem Mannschaftsteil an Nachkäufe auch nur zu denken. Sollte Borussia wider alle Vernunft anders entscheiden, wäre es ein Schlag ins Gesicht des kompletten Kompetenzteams. Denn selbst der letzte Neuzugang, Michael Bradley, wäre damit als untauglich abgestempelt. Es wäre die Demontage entweder von Patrick Paauwe oder Gal Alberman und es würde die Philosophie, hoffnungsvolle Talente ins Team zu engagieren, konterkarieren, weil die Karriere von Tony Jantschke ausgebremst würde.

Selten stand Borussia in der Hinrunde sicher, wenn sie es doch einmal tat, wie in der ersten Halbzeit gegen Dortmund (wo dann trotzdem wie aus dem Nichts ein unglückliches Gegentor fiel), dann auf Kosten der Offensive. Immerhin bot Hans Meyer im letzten Spiel vor der Winterpause sieben (!) eher defensiv orientierte Feldspieler auf.
Für die weiteren Positionen im Mittelfeld gilt dennoch im Prinzip, was auch für die Position(en) vor der Abwehr gilt: Hier hat Borussia keinen Bedarf. Gleich drei Spieler wurden ja schon kurz nach Amtsantritt von Hans Meyer aus dem Kader gestrichen, es bleiben van den Bergh, Bradley, Marin, Baumjohann, Matmour und Ndjeng – sechs Mann für zwei, maximal drei Positionen. Baumjohann und Marin wussten meist zu gefallen. Bradley kann mehr, als er bisher gezeigt hat. Karim Matmour fehlt bisher Konstanz und vor allem Effizienz, aber er hat das Potenzial, weiter mitzumischen. Marcel Ndjeng dagegen gehört leider zu den Verlierern der Hinrunde. Die beschriebenen Versuche, ihm zum Rechtsverteidiger umzuschulen, scheiterten kläglich. Als er im Spiel gegen Cottbus noch einmal auf seiner angestammten Position auflaufen durfte, agierte er so unglücklich, dass Hans Meyer seinen Einsatz nach dem Spiel unumwunden als „Fehler“ einordnete. Ob er noch einmal die Gelegenheit erhält, sich zu rehabilitieren, bleibt abzuwarten. Trotz alledem braucht Borussia einen neuen Mann im offensiven Mittelfeld so dringend wie ein neues Stadion.

Der Angriff - wer hilft dem einsamen Rob?

Im Sturm dagegen könnte frisches Blut gut tun. Alleinunterhalter Rob Friend bleibt die Nummer eins unter Borussias Angreifern. Der Kanadier hatte es extrem schwer in seiner neuen Rolle als einsame Sturmspitze, machte sicherlich nicht alles richtig, aber er rieb sich auf, gab alles und traf immerhin fünfmal. Roberto Colautti kam zum Ende der Hinrunde immer öfter zum Einsatz, hinterließ dabei aber nur einen mäßigen Eindruck. Das Problem, dass die Abstimmung mit Rob Friend nicht zu funktionieren scheint, blieb bestehen. Man fragt sich fast verzweifelt, warum das so ist, und ist geneigt zu glauben, dass es irgendwie doch gehen muss. Immerhin sind beide von der Anlage her absolut erstligatauglich. De facto aber scheint ein Zweiersturm Friend/Colautti keine funktionierende Option. Für Stürmer Nummer drei, Oliver Neuville, gilt, was auch für die Langzeitverletzten in der Abwehr gilt: Man weiß nicht, wie gut er wirklich (noch) ist. Bei seinen bisherigen Einsätzen nach dem Aufstieg ging nur wenig Gefahr von Neuville aus, er wirkte zeitweise ungewohnt phlegmatisch. Seinen Willen, es besser zu machen, bewies er, als er aus freien Stücken Spielpraxis in der U23 sammeln wollte. Dass er sich ausgerechnet dabei schwer verletzte, ist fast schon tragisch. Hans Meyer ist gewillt, Neuville eine neue Chance zu geben, soviel machte er deutlich. Angesichts der dargestellten Problematik mit Colautti und Friend wäre es aber nicht ohne Risiko, sich auf das Comeback von Neuville zu verlassen. Die Tatsache, dass mit Moses Lamidi der vierte gelernte Stürmer im Kader kein einziges Mal zum Einsatz kam und nun offenbar in die Zweite Liga ausgeliehen wird, lässt vermuten, dass Borussia auch im Angriff einen Transfer tätigen will. Die Harmlosigkeit im Angriffsspiel gerade im letzten Pflichtspiel des Jahres 2008 lässt eine solche Entscheidung vernünftig wirken.

Fazit

Das Fazit dieser Bestandsaufnahme ist wenig überraschend und entspricht dem, was Konsens unter den Beobachtern zu sein scheint: Borussia braucht einen Rechtsverteidiger, einen Innenverteidiger und einen Stürmer, zudem wird ein Torwart verpflichtet.
So weit, so ungut. Denn in der Winterpause den Bedarf hundertprozentig abzudecken, ist keine einfache Aufgabe. Dass die Neuen, ganz egal wer kommt, die Erwartungen vieler Fans enttäuschen werden, ist jetzt schon klar. Zu groß die Namen, die von unkundiger Seite da in die Diskussion geworfen werden, zu groß der Glaube an die Unerschöpflichkeit der Gladbacher Finanzen, zu reduziert der Blick auf die Ablösesummen ohne Rücksichtname auf zu zahlende Gehälter und andere Aufwendungen, die im Rahmen von Spielertransfers fällig werden. Es steht zu hoffen, dass Max Eberl, Hans Meyer und ihre Mitstreiter sich nicht von unziemlichen Erwartungen unter Druck setzen lassen, dass sie nicht Spieler holen, von denen sie nicht überzeugt sind, nur um Spieler zu holen. Steht zu hoffen, dass diesmal tatsächlich bedarfsgerecht eingekauft wird, und keine Fußballer für Positionen geholt werden, auf denen keine Neuverpflichtung vonnöten ist, nur weil sie zu haben sind. Die Namen Heinz und Thygesen seien exemplarisch genannt für solche Fehlinvestitionen.
Es gibt Lücken zu stopfen, das muss geschehen und dafür muss Borussia womöglich an die finanzielle Schmerzgrenze gehen. Ein bescheidener Wunsch zu Weihnachten sei erlaubt: Bitte schließt die Baustellen, die da sind – und um Himmels willen schafft nicht noch neue!