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(Keine) Zeit für Spekulationen Drucken
Geschrieben von Michael Heinen   
Dienstag, 16 Dezember 2008
Christian ZiegeWenn eine Mannschaft in 17 Saisonspielen 11 Punkte holt, im DFB-Pokal kläglich ausscheidet und je einen Trainer und Sportdirektor verschlissen hat, dann kann es um die Stimmung im Umfeld nicht zum Besten bestellt sein. Bei einem Verein wie Borussia Mönchengladbach ist dies ganz besonders der Fall, denn tief im Innern haben sich viele Fans noch immer nicht damit abfinden können, dass man ein normaler Bundesliga-Verein geworden ist, der froh und dankbar sein muss, wenn er sich im Fußball-Oberhaus etablieren kann. 

Mitten in diese ohnehin angespannte Stimmungslage überraschte der Verein gestern mit der Mitteilung, dass Christian Ziege seinen Posten als Co-Trainer geräumt hat. Dies wurde begleitet von zahlreichen Spekulationen über die Ursachen für dieses Vorgehen. Nicht jeder kann daran glauben, dass es ausschließlich „private Gründe“ gewesen sein mögen, die Ziege zu diesem Schritt veranlassten. Dafür passt die Geschichte einfach zu gut vom einst gefeierten Publikumsliebling, der dann in den Strudel der ausbleibenden Erfolge mitgerissen wurde, im Zuge der Trainerentlassung seinen Posten als Sportdirektor räumte, und fortan immer weiter aus dem Rampenlicht drängte (oder gedrängt wurde?).  

Es ist keine Sensation, dass der Boulevard diese Thematik dazu nutzt, eine Konfrontation zwischen dem alten und neuen starken Mann in Borussias Kompetenzteam zu kreieren. Hans Meyer ist für viele Sensationsreporter ein ungeliebtes Ärgernis, der ihr übermäßig stark ausgeprägtes Ego mit seiner allzu direkten Art zu kränken scheint. Was liegt da näher, als auf diesem Weg den Versuch zu starten, ihn mit einer Dolchstoßlegende gegenüber dem populären Ziege zu diskreditieren?
 

Was genau vorgefallen ist, das werden wir hoffentlich nie erfahren. Denn dies sind Vereinsinterna, die für die Öffentlichkeit nicht bestimmt sind. Ein jeder, der es mit Borussia hält, sollte sich aber davor hüten, sich an etwaigen Spekulationen zu beteiligen. Denn solange es keine schlüssigen Beweise gibt, sind dies nicht mehr als Mutmaßungen, die den Beteiligten gegenüber unfair sind und unserem gemeinsamen Interesse in keiner Weise helfen.
 

Fakt ist, dass wir mit Christian Ziege jemanden verlieren, dem man seine Liebe zum Verein stets abgenommen hat. Es ist tragisch, dass er letzten Endes relativ wenig für unseren Verein bewirken konnte. Als Spieler war er zu oft verletzt, und seine Zeit als Sportdirektor endete allzu zeitig. Immerhin wird ihm selbst von Kritikern der direkte Wiederaufstieg als Erfolg zugestanden werden. Zu Beginn seiner Amtszeit hat er es verstanden, einige wertvolle Entscheidungen zu treffen. Er hat einen Kader auf die Beine gestellt, der für die vorige Saison hervorragend gerüstet war. Blicken wir einmal auf die aktuellen Absteiger in der 2. Liga, so lässt sich erkennen, wie wenig selbstverständlich der Durchmarsch unseres Vereins gewesen ist. Dafür gebührt Ziege ein großes Lob und unser Dank. 
 

Auch der Verkauf von Marcell Jansen, der uns insgesamt fast 15 Mio. Euro einbrachte, war ein Zeichen für die ordentliche Arbeit des Sportdirektors Ziege. Leider konnte er an diese in seinem zweiten Manager-Jahr nicht anknüpfen. Die Hoffnung, dass sich die Ansammlung erfahrener Zweitliga-Recken über den Teamgeist und die Aufstiegseuphorie auch eine Spielklasse höher bewähren würde, entpuppte sich als zu optimistisch. Ziege versäumte es, den Kader gezielt auf einigen Positionen erstklassig zu verstärken. Der Blick nach Köln, wo dies umgesetzt wurde und mit der doppelten Punktzahl zum Hinrundenende belohnt wurde, deutet an, was möglich gewesen wäre. Ganz besonders eklatant war der Versuch, die Rechtsverteidigerposition faktisch unbesetzt zu lassen, und hier auf den Erfolg einer internen Lösung zu bauen.

Die Frage, wie stark man Zieges jeweiligen Anteil an Erfolg und Mißerfolg der letzten Jahre gewichten möchte, spaltet die Fanszene.
 Eins lässt sich völlig ohne Spekulation feststellen: Mit dem Abgang von Christian Ziege ist einmal mehr die Hoffnung vieler Fans enttäuscht worden, dass der Verein ein langfristiges Konzept umsetzt, das Kontinuität verspricht. Bei der Inthronisierung von Hans Meyer stand im Grunde fest: Diese Saison sollte der Klassenerhalt bewerkstelligt werden. Zur neuen Saison würde Ziege seinen Trainerschein erwerben, um dann 2010 Nachfolger von Hans Meyer auf Borussias Trainerstuhl zu werden. Soweit die Theorie, die jetzt einmal mehr von der Realität eingeholt worden ist.  

So wie es aussieht, wird die oberste Priorität mal wieder darauf gelegt werden müssen, kurzfristige Löcher zu stopfen, um den Super-Gau eines erneuten Abstiegs mit aller Macht zu verhindern. Ein potentieller Abstieg würde richtig teuer werden, so dass allein deshalb das Ausschöpfen sämtlicher finanziellen Mittel anzuraten ist. Angesichts der Aussicht, im Sommer einen hohen Millionen-Betrag für den kaum zu verhindernden Verkauf von Marko Marin einzustreichen, ist zudem auch das finanzielle Risiko überschaubar. Selbst für den Fall, dass man trotz hoher Ausgaben die Klasse nicht halten kann. 
 

Die Frage nach dem aktuellen Langfristkonzept unseres Vereins kann nach dem Ende der Ära Ziege kaum noch beantwortet werden. Das Bemühen um Kontinuität und Konstanz ist mit Sicherheit bei den Verantwortlichen gegeben. Es ist aber bedenklich, dass dies seit so vielen Jahren nicht ansatzweise umgesetzt werden konnte. Dies zu analysieren und über etwaige langfristige Konsequenzen zu diskutieren, das sollte unabhängig vom Ausgang dieser Saison im kommenden Sommer geschehen. Bis dahin wäre dies aber eher kontraproduktiv für das Projekt Klassenerhalt und wir sollten uns davor bewahren, den Verlockungen des Boulevards zu verfallen, der genau solche Diskussionen innerhalb der Anhängerschaft wird anregen wollen. 
 

Bis zum Ende der Saison gibt es keine Alternative dazu, den eingeschlagenen, kurzfristig ausgerichteten Weg des Vereins mit zu gehen und zu tragen. Es gibt keine Alternative zu Hans Meyer, den wir als starken Mann inthronisiert haben und dem wir weiter vertrauen sollten, uns vor dem Abstieg zu bewahren. So wie es ihm in der Vergangenheit schon mehrfach mit verschiedenen Vereinen in ähnlich schwieriger Lage gelungen ist. Auch ein Hans Meyer macht Fehler und auch ein Hans Meyer darf konstruktiv kritisiert werden. Aber es ist doch allzu offensichtlich, dass all seine Aktionen und Worte in Zeiten schlechter Ergebnisse automatisch kritischer und negativer bewertet werden. Was früher als lustig und mutig galt, ist heute überheblich und egoistisch. Hans Meyer selbst wird wie kein Zweiter verstehen, wie dieses Spiel funktioniert. Und er sollte die Erfahrung und Weisheit haben, darum nicht allzu viel zu geben, sondern in seiner typischen und unveränderten Art weiter so vorzugehen, wie er es für sinnvoll erachtet. 
 

Es gibt aktuell ebenso keine Alternative zum nicht minder umstrittenen Rolf Königs. Dessen Rolle darf angesichts der sportlich ernüchternden letzten Jahre hinterfragt werden. Aber bitte zu gegebener Zeit. Also konkret bei der nächsten Hauptversammlung, bis zu der die Saison beendet sein wird. Momentan sollten wir uns aber zum Wohle des gemeinsamen Ziels Klassenerhalt zurückhalten mit Spekulationen, Mutmaßungen und selbstzerfleischenden Diskussionen. Nur gemeinsam werden wir eine Chance haben, diese schwere Krise zu meistern. Und dies wäre ganz bestimmt auch im besonderen Interesse eines Christian Ziege, der nie einen Zweifel darüber aufkommen ließ, dass ihm das Wohl unseres Klubs sehr am Herzen liegt.