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SEITENwechsel, der 72. Drucken
Geschrieben von Martin Zierold   
Donnerstag, 18 Dezember 2008

SEITENwechsel Mit letzter Kraft schaukeln wir uns beim VfLog in vorweihnachtliche Besinnlichkeit, doch Martin enthüllt nachfolgend, daß dies eher Besinnungslosigkeit ist. Zu sehr hat uns der Wellenritt des Seelenverkäufers "Borussia" durchgeschüttelt, als daß wir noch klar wüßten, ob wir nun optimistisch, pessimistisch oder beides sein sollen. Wir entscheiden uns für das Prinzip Hoffnung, zumindest bis zu Minute zehn am 18. Spieltag. Frohe Weihnachten!


Lieber Joachim,

ich dachte immer, der Joachim, der hat einen Knochenjob, und wenn alles den Bach runtergeht, dann rackert er rund um die Uhr und rettet uns alle. Und dann: Finanzkrise, Rezession, Depression. Und was machst Du? Glühwein trinken! Oder wie sonst groovst Du Dich in diese besinnlich bauschige Stimmung, die sich offenbar von keinen Tabellen, keinen Rücktritten, keinen Spielverläufen abbringen lässt von ihrem geradezu kölschen "et hät noch imma jot jejange" – als wüssten wir es nicht besser!

Schön, vor einiger Zeit sah alles gut aus. Dann alles schlecht. Daraus folgerst Du: Bald könne es schon wieder besser sein, das Leben ein Auf und Ab, so sei es eben. Naja. Wenn es einem Verein so gut geht und er dann so abstürzt, dann muss sehr viel schief gelaufen sein. Ob dieser Verein dann mit dem Prinzip Hoffnung wieder auf die Beine kommt? Nun, wirst Du sagen, es ist ja mehr als das. Es werden ja neue Spieler gekauft, und die sollten jetzt mal besser sein als die vielen Gurken der Vergangenheit. Schon recht. Aber mir macht der Borussenzirkel, der jede Winterpause aufs Neue nach Verstärkungen schreit Angst. Ich weiß nicht, wie oft ich in den letzten Jahren schon auf den Januar gehofft habe, denn dann kommt gewiss der nächste Erlöser. Es kamen meist nur mehr Mittelmäßige. Dass es dieses Mal anders sein könnte, ich mag es hoffen, glauben kann ich es nicht.

Derweil ein wenig auf die Presse einzuprügeln ist natürlich nie falsch und immer eine lustige Abwechslung. Jeder, der sich in irgendeinem Bereich gut auskennt und über diesen Bereich etwas in der Zeitung liest, sieht: Das journalistische Prinzip ist das der unterhaltsamen Ahnungslosigkeit. Und was eine unterhaltsame Geschichte ist, das lernt man einmal am Anfang der Laufbahn, und mit diesen drei, vier Klischees kommt man dann gut ein Journalistenleben lang hin. Das ist enttäuschend, keine Frage. Aber, seien wir mal ehrlich: Handelt nicht Borussias Führung seit Jahren nach den gleichen wenigen Klischees? Wo ist dort die komplexe Analyse, die langfristige Strategie, das Festhalten an einem als richtig erkannten Prinzip (Helmut Schmidt an dieser Stelle alles Gute zum Geburtstag, diesem tollen Überkanzler!) und der langfristige Aufbau einer Mannschaft. Hoffenheim macht vor, ich sage es ungern, was Gladbach aus Tradition viel glaubhafter hätte verkörpern können. Stattdessen: immer wieder immer wieder immer wieder – die gleiche Scheiße.

Ich bin froh, dass jetzt Winterpause ist, und mein Optimismus bezieht sich nicht auf die Rückrunde, sondern allein auf das Vergessen in der Zeit davor. Alkohol hilft, und auch Weihnachten selbst ist ja ohne gar nicht auszuhalten. Insofern melde ich mich nun ab, nicht besinnlich und friedfertig, sondern ermattet, verbittert und mit dem festen Vorhaben, mich in der gesamten Spielpause in einem Zustand erinnerungslos-glücklichen Deliriums zu halten. Ich habe nicht nur die Hoffnung, dass es mir so besser geht, als wenn ich an Borussia denke. Ich glaube auch, dass ich in diesem Zustand den verantwortlichen Entscheidungsträgern besonders nahe sein kann...

Ich wünsche Dir, mein lieber Joachim, viel Kraft Deinen Optimismus durchzuhalten, und dass die Banken, bei denen Du Schulden hast, alle Pleite gehen mögen!

Auf ein Neues im neuen Jahr

Dein Martin