Bundesliga 2011/2012

Tabelle

Intern / Interaktiv

Impressum
Home arrow Thomas Häcki arrow Eine Frage des Systems?
Eine Frage des Systems? Drucken
Geschrieben von Michael Heinen   
Mittwoch, 21 Januar 2009
Hans MeyerNein, Testspiele sollen und dürfen nicht überbewertet werden. Dass dies viele Borussen-Fans in diesen Tagen dennoch tun, ist in erster Linie den zahlreichen Enttäuschungen der letzten Jahren geschuldet. Immer wieder wurden bessere Zeiten versprochen, zeigten sich geringfügige Ansätze. Am Ende aber stand dann immer die große Ernüchterung. Eine durchgehend überzeugende Saison spielte Borussia zuletzt im Jahr 2001/02. Damals war man unter Hans Meyer gerade zum ersten Mal wieder aufgestiegen.

The same procedure … 

Doch trotz insgesamt sechs Jahren, die man sich in Liga 1 hielt, gelang es damals nicht, sich im Fußball-Oberhaus dauerhaft zu etablieren. Statt den Rückstand nach oben zu verkürzen, bot man unter verschiedenen Trainern und Sportdirektoren ein immer kläglicheres Bild. Dazwischen wurden immer wieder diverse Hoffnungsschimmer präsentiert, wie z.B. die Eröffnung des neuen Stadions, die Verpflichtung von „Startrainer“ Advocaat oder von vermeintlichen „Starspielern“ wie Elber oder Heinz sowie die kurzzeitige Hochphase unter Horst Köppel. All dies hatte letzten Endes keinen Bestand. Und wenn man auch die ordentliche erste Phase unter Hans Meyer zu Beginn des Jahrtausends als ein solch temporäres Ereignis klassifizieren möchte, so hat der gemeine Borussen-Fan mittlerweile seit 13 Jahren fast nur Enttäuschungen und Tristesse zu ertragen. 

Unter diesen Voraussetzungen darf sich niemand beschweren, wenn jetzt nach einer erneuten Einkaufsoffensive und Hoffnung machenden Aussagen von „besserer Balance“ und „stabilerer Defensive“ selbst unwichtige Testspiele allzu ernst genommen werden. Schließlich wird man aus Erfahrungen klug und man erahnt, dass auch dieser kurze Hoffnungsschimmer genauso schnell und traurig verpuffen wird wie so viele zuvor. 
 

Die Aufbruchstimmung, die sich um die Weihnachtszeit nach den dort erfolgten Transfers breit gemacht hat, ist weitgehend abgewürgt. Dante verletzt, Bailly bereits nach einem schwächeren Testspiel vom Wunderheiler zum Sicherheitsrisiko degradiert, die Abwehr weiter als Problemzone. Man könnte tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass die Chance auf Besserung im Winter wieder einmal vertan wurde.
 

Aufgabe? Nein Danke!
 

So wenig wie man verneinen kann, dass die Erfahrungswerte der Vergangenheit wenig Mut auf Besserung machen. Es bringt leider überhaupt nichts, jetzt alles zu verteufeln oder gar die Aufholjagd bereits als gescheitert abzuhaken, bevor sie überhaupt begonnen werden konnte. Man durfte beim besten Willen nicht erwarten, dass die in der Vorrunde desolate Mannschaft über den Winter von heute auf morgen zu einem Top-Team mutiert. Dafür waren die Probleme zu groß und vielschichtig. 
 

Natürlich muss sich Hans Meyer am Ende daran messen lassen, dass er diese Probleme soweit löst, damit es wenigstens zum Klassenerhalt reichen wird. Er hatte in der letzten Hälfte der Vorrunde Gelegenheit dazu, die Tauglichkeit des Kaders auszutesten. Und er hat im Winter die Gelegenheit bekommen, für einen nicht unerheblichen Betrag nachzubessern. Dies wird sich früher oder später in besseren Leistungen und Ergebnissen auszahlen müssen. Aber ob dies schon vor Rückrundenbeginn unbedingt so sein muss? 
 

Selbst von den ersten schwierigen Spielen der Meisterschaft sollte man sich nicht zu viel erhoffen. Dort wird es i.e.L. um Schadensbegrenzung gehen, d.h. den Rückstand auf den Rest der Abstiegskandidaten nicht allzu groß werden zu lassen. Ab dem Hannover-Spiel sollten spätestens erste Anzeichen zur Besserung erkennbar werden. Allerdings sollten wir auch erst dann anfangen, ernsthafte Kritik zu üben. Sollte das Projekt Meyer scheitern, so wird man ohnehin nicht drum herumkommen, sich im Verein über echte Änderungen zu unterhalten, wozu uns Fans spätestens auf der Jahreshauptversammlung Gelegenheit gegeben wird.
 

Doch vorab müssen wir alles daran setzen, die sportliche Situation vielleicht doch noch irgendwie zu retten. Dass dies schwer wird bei einer Mannschaft, die in der Vorrunde völlig zurecht den letzten Tabellenplatz mit peinlichen 11 Punkten aus 17 Spielen belegte, sollte jedem klar sein. Wintereinkäufe sind eigentlich eher dazu geeignet, kleinere Schwachstellen im Kader zu beseitigen. Nur selten hat es Erfolg, wenn man so versucht, gleich eine komplett neue Mannschaft (oder in unserem Fall Defensive) zu formen. Doch angesichts unserer zahlreichen Baustellen und der offensichtlichen Qualitätsmängel, die sich in der alt besetzten Innenverteidigung bei den Testspielen fortsetzten, besaßen wir keine echte Alternative zu diesem Weg.
 

Weiter mit 4-5-1?
 

Viele Fans fasziniert in diesen Tagen ohnehin nur die eine Frage, nämlich die nach dem System. Es ist ein Phänomen dieser Tage, dass die meisten Trainer dem 4-5-1-System größtmögliche Erfolgschancen zuerkennen, während fast alle Fans für eine offensivere Variante mit mindestens 2 echten Sturmspitzen plädieren. Zu Beginn der Vorbereitung deutete Hans Meyer an, sich nicht auf ein System festlegen, sondern beides austesten zu wollen. Faktisch setzte er bislang aber fast ausnahmslos das von ihm bevorzugte 4-5-1-System um, so dass absehbar ist, dass wir mit diesem auch in die Rückrunde starten werden.
 

Offensichtlich ist Hans Meyer überzeugt, unser Spielermaterial sei für dieses System am besten geeignet. Doch ist dies wirklich so? Nennen wir die Fakten, die für seine Sichtweise sprechen. Zum einen haben wir mit Marin, Matmour und Baumjohann einige flinke Spieler, die auf den Außenbahnen spielen können. Und mit Friend einen typischen Center-Stürmer. Dazu scheint Meyer bei unserer löchrigen Abwehr eine Doppelabsicherung per Doppel-6 als ratsam zu erachten. Auf der anderen Seite dürfte sein Vertrauen in Neuville und Colautti eben (noch?) nicht so ausgereift sein, um ein 4-4-2 ernsthaft als Alternative anzuerkennen.
 

Das sind Argumente, die Meyer wahrscheinlich dazu animieren, trotz aller Mißerfolge an „seinem“ 4-5-1 festzuhalten. Von vielen Fans eingewendet wird dagegen etwas populistisch, dass Borussia „noch nie“ wirklich gut in diesem System gespielt hat und „traditionell“ ein 4-4-2-Verein sei. Solche Argumente dürfen natürlich nicht akzeptiert werden, denn die aktuelle Mannschaft hat mit denen aus der Vergangenheit zumindest personell nicht viel zu tun. 
 

Wechsel auf 4-4-2?
 

Aber es gibt auch stichhaltige Argumente, die Hans Meyer ins Grübeln kommen lassen sollten. Eine Doppel-6 funktioniert i.d.R. nur ab einem gewissen Spielniveau wirklich gut. Dann nämlich, wenn man mindestens einen 6er vorweisen kann, der defensiv UND offensiv hochklassig ist. Borussia hat mit Galasek, Paauwe und Alberman drei Kandidaten, die als defensiver Staubsauger ihre Qualitäten mitbringen. Bradley und Jantschke könnten als „Schalterspieler“ eingesetzt werden. Doch der US-Amerikaner hat bislang den Durchbruch in Deutschland noch nicht ausreichend geschafft, während Jantschke ohnehin noch arg jung und unerfahren ist, um von ihm in solch einer zentralen Rolle ein konstant hohes Niveau erwarten zu dürfen. Für die anspruchsvolle Rolle des offensiv wie defensiv starken 6ers bietet sich eigentlich so recht kein Spieler in unserem Kader an.
 

Die Hoffnung, mit etwas defensiverer Ausrichtung weniger Gegentore zu kassieren, sollte Meyer nach den Erfahrungen der letzten 9 Vorrunden-Spiele sowie in den letzten Testspielen getrübt worden sein. Viel gravierender jedoch spricht gegen eine Umsetzung des 4-5-1 in unserem aktuellen Kader, dass ein Offensivsystem mit 2+1 Spitzen nur dann funktioniert, wenn man neben der einen echten Spitze noch mehr torgefährliche Spieler hat. Und daran hapert es bei uns extrem. Aus dem Mittelfeld bringt eigentlich kein einziger Akteur nennenswerte Torgefahr mit. Also ist man vorne viel zu sehr auf die Erträge des einzigen echten Stürmers angewiesen. 
 

Dies macht unser System zum einen allzu ausrechenbar für den Gegner, der bei einem Ausschalten von Rob Friend beste Siegchancen besitzt. Des Weiteren sind die bislang erzielten 5 Tore des Kanadiers für einen Spieler, auf den das Offensivsystem derart eindimensional ausgerichtet ist, viel zu dürftig. So sehr sich Friend müht, fehlt ihm in Liga 1 noch immer die Durchschlagskraft und Kaltschnäuzigkeit, die ihn im vorigen Jahr so auszeichnete. Allzu oft ließ er selbst größte Torchancen aus. Gerade ihm wäre es zu wünschen, dass er durch einen zweiten zentralen Stürmer, sei es Colautti, Neuville oder ein potentieller Neuzugang, Unterstützung fände. Damit bekäme er die dringend benötigte Entlastung, und zudem könnte er eine weitere seiner Waffen viel besser einsetzen: Das Zurücklegen hoher Bälle per Kopf auf einen Nebenmann.
 

Problematisch im aktuellen 4-5-1 ist zudem, dass die Außenstürmer zwar über die nötige Schnelligkeit und Technik verfügen, mit der sie sich recht gut bis zur Außenlinie durchtanken könnten. Nur sind sie allesamt viel zu wenig in der Lage, präzise Flanken zu schlagen, was für das Gelingen dieses Systems ein absolutes Muß darstellt. So erklärt es sich, warum wir zum einen relativ wenige zwingende Torchancen erspielen, die dann vom einsamen Friend oder seinen torungefährlichen Mitspielern noch allzu oft kläglich liegen gelassen werden. 
 

Keine Überbetonung der Systemfrage 
 

Niemand sollte davon träumen, dass sich mit einem potentiellen Wechsel auf ein 4-4-2-System all diese Probleme von selbst lösen. Auch dort besteht weiter das Problem des zu wenig abschlussstarken Mittelfelds. Dort würden wir aktuell mit einem Colautti spielen müssen, der sich in 1½ Jahren bei unserem Verein aus verschiedenen Gründen nicht durchsetzen konnte und der auch schon mehrfach andeutete, so manche Großchance fahrlässig zu vergeben. Oder mit einem Neuville, bei dem niemand weiß, ob er in seinem Alter und nach seinen Verletzungen zuletzt wirklich wieder zu alter Form wird auflaufen können. 
 

Es gibt also beileibe keinen Garantieschein für eine Besserung bei dieser oder jener Maßnahme. Alles in allem ist es immer noch die fehlende Qualität im Personal, die unser Hauptproblem darstellt und mit der wir nun einmal in 2/3 aller Bundesligaspiele nicht als Favorit an den Start gehen. Dennoch sollte Hans Meyer noch einmal in sich gehen und hinterfragen, ob nicht vielleicht doch eine Umstellung auf ein System mit zwei echten Spitzen eine lohnenswerte Variante sein könnte, die den einen oder anderen Test im Training oder bei Testspielen verdient hat.