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Der
minutenlange, erwartungsvolle Applaus der Bayerfans galt dem Mann, der an der
Seitenlinie stand. Bernd Schneider wartete dort darauf, dass es endlich zur
Spielunterbrechung und er nach mehr als einjähriger Verletzungspause zu seinem
Comeback kommen würde. In der 73. Minute war es soweit: Unter tosendem Beifall
betrat der Ex-Nationalspieler das Feld. Angesichts so viel Gefühlsaufwallung
wollten sich die Gladbacher nicht lumpen lassen. Nur sechs Minuten war der
Rückkehrer auf dem Platz, als ihm die in dieser Phase völlig indisponierte
Defensive der Borussia freundlich Raum gewährte. So konnte Schneider, wenn auch
aus abseitsverdächtiger Position, allein auf Logan Baillys Tor zulaufen und
klug den aufgerückten Kadlec bedienen, der den Ball zum 4:0 einnickte. Als
Schneider kurz vor Schluss vom rechten Flügel flankte und sich in der Mitte
kein Leverkusener Abnehmer fand, vollendeten die Borussen gleich selbst. Es war
ausgerechnet Verteidiger Dante, beim Sieg in Cottbus noch umjubelter
Matchwinner, der unbedrängt einen fulminanten Volleyschuss in den eigenen
Maschen versenkte.
Zeitgleich
mit Schneiders Einwechslung beendete Roberto Colautti seinen Arbeitstag. Wie
Dante hatte auch er in der englischen Woche einen Siegtreffer in letzter Minute
erzielt und viele hatten danach gehofft, dass nun endlich sein metaphorischer
Knoten geplatzt sein könnte. Sie sollten früh eines Schlechteren belehrt
werden. Fußballer neigen dazu, Emphase über Mathematik zu stellen und von
hundertfünfzigprozentigem Einsatz oder tausendprozentigen Torchancen zu
sprechen. So gesehen müsste man schon mindestens in den sechsstelligen Bereich
gehen, um über Colauttis Gelegenheit in der neunten Minute zu schreiben. Auf
dem linken Flügel hatte sich Filip Daems nach Doppelpass mit Karim Matmour freigespielt
und dem ideal postierten Colautti den Ball so schön serviert, dass der
eigentlich nur noch wählen musste, ob er das Tor mit links oder rechts erzielen
wollte. Der Israeli konnte sich aber offenbar nicht entscheiden und ließ den
Ball zwischen beiden Beinen hindurch rutschen.
Hätte
Colautti hier getroffen, das Spiel hätte ganz anders verlaufen können.
Beflügelt von den jüngsten Erfolgserlebnissen und angefeuert von der Mehrzahl
der Zuschauer hatte die Borussia durchaus forsch und selbstbewusst begonnen.
Vor allem über die linke Seite initiierten der quirlige Matmour und der
offensivfreudige Daems einige ansehnliche, wenn auch nicht entschieden genug zu
Ende gespielte Angriffe. Leverkusen kam zu zwei guten Kopfballchancen durch Sinkiewicz und Helmes, blieb ansonsten offensiv aber lange ideenlos. Durchaus
überraschend daher in der 31. Minute die Führung: Patrick Helmes leitete Renato
Augustos Anspiel geschickt zu Sturmpartner Stefan Kießling weiter, dessen
Schuss ins lange Eck mit etwas Glück vom Innenpfosten ins Tor prallte. Die
überschaubare Fanschar der vermeintlichen Heimmannschaft quittierte den
unverhofften Treffer mit selbstironischen Gesängen vom Auswärtssieg. Erst das
2:0 kurz vor der Pause aber sollte den ebenso zahlreichen wie lautstarken Borussenanhängern
die Stimme verschlagen. Helmes vollendete diesmal per Direktabnahme selbst,
nachdem der auf dem Flügel sträflich allein gelassene Castro in Ruhe hatte
flanken können.
Zu diesem
Zeitpunkt lag die Konkurrenz aus Bielefeld und Cottbus mit jeweils nur 0:1
zurück. Hätte ein verlässlicher Wahrsager Hans Meyer in der Pause beiseite
genommen und ihm verraten, dass beide kein Tor mehr schießen, die Arminen aber
fünf weitere kassieren würden, Meyer hätte wohl anders gewechselt. Für den
erneut unglücklich agierenden Baumjohann wäre dann eher eine zusätzliche
Defensivkraft gekommen, um das 0:2 zu sichern. Im Erfolgsfall wäre die Borussia
mit einem Vorsprung von drei Punkten und sieben Toren auf den Relegationsplatz
vergleichsweise entspannt in den letzten Spieltag gegangen. Ohne übernatürliche
Unterstützung aber kam der Trainer kaum umhin, auf neue Impulse für die
Offensive zu setzen. Für Baumjohann kam daher Marko Marin. Und tatsächlich:
Wenn die Borussia in der zweiten Hälfte wenigstens in die Nähe eines Torerfolgs
kam, so war meist Marin beteiligt. Zunächst setzte er Colautti mit schöner
Flanke in Szene, der Stürmer aber köpfte aus sehr aussichtsreicher Position den
Ball genau in René Adlers Arme. Als sich Marin kurz darauf mit großer Dynamik
am Strafraumeck durchsetzte, wurde sein Pass in die Mitte zwar abgeblockt, der
Abpraller aber bescherte Michael Bradley eine exzellente Schussposition. In
einem Lehrvideo zur Technikschulung wäre der Abschluss des Amerikaners
allerdings fehl am Platz.
Als Marin
in der 71. Minute schließlich selbst den Torerfolg suchte und dabei den Pfosten
traf, war das Spiel bereits entschieden. Drei Minuten zuvor nämlich hatte Tomas
Galasek belegt, dass zu seinen vielen Vorzügen nicht die Schnelligkeit zählt.
Renato Augusto überlief den mit einigen Metern Vorsprung gestarteten Galasek
problemlos und setzte mit der Hacke Castro ein. Der zurück geeilte Matmour
hatte wohl auf einen Pass auf den Flügel spekuliert und konnte den zentral
enteilten Castro nicht mehr erreichen. Mit einem feinen Außenristschuss ins
lange Eck schloss der Nationalspieler sehr sehenswert ab.
Es war
diese komfortable 3:0-Führung, die Bayers Trainer den Luxus erlaubte, den
Rekonvaleszenten Schneider einzuwechseln. Dass dieser sich nicht nur seinen
Beifall abholen, sondern an gleich zwei weiteren Toren beteiligt sein sollte,
war aus Leverkusener Sicht ein netter Bonus. Borussias Position im
Abstiegskampf dagegen verkomplizieren
diese beiden Treffer psychologisch wie rechnerisch. Psychologisch: Das von zwei
Siegen in Folge genährte Selbstbewusstsein hätte eine knappe Niederlage wohl so
leicht überstanden wie ein verpasstes Frühstück. Die 0:5-Klatsche aber bedeutet
eine Radikaldiät. Rechnerisch: Der Punktestand Borussias kann von der
Konkurrenz maximal egalisiert werden, dem Torverhältnis haben die
beiden späten Gegentreffer aber nicht gut getan. Man muss sich aus
Borussensicht ausgerechnet beim ungeliebten Namensvetter aus Dortmund bedanken,
der Arminia Bielefeld gleich mit 6:0 nach Hause schickte. Nicht zur Gladbacher
Beruhigung dagegen trägt bei, dass gerade diese Dortmunder am letzten Spieltag
im Borussenpark gastieren, während Bielefeld zeitgleich gegen die auswärts oft
so harmlosen Hannoveraner antreten darf.
Leverkusen: Adler -
Castro, Friedrich, Haggui, Kadlec - Sinkiewicz - Renato Augusto, Barnetta (Schwegler
83) - Kroos (Schneider 73) - Helmes (Charisteas 90), Kießling.
Borussia: Bailly - Levels, Brouwers, Dante, Daems - Galasek - Bradley, Paauwe (Schachten
46) - Matmour, Baumjohann (Marin 46) - Colautti (Neuville 73).
Tore: 1:0 Kießling (31.), 2:0 Helmes (44.), 3:0 Castro (68.), 4:0 Kadlec
(79.), 5:0 Dante (86., ET).
Schiedsrichter: Perl (Pullach)
Zuschauer: 43.000
Gelbe Karten: Galasek, Schachten
Besondere
Vorkommnisse: Bei Borussia kam Sebastian Schachten zu seinem
Bundesligadebüt, bei Leverkusen Bernd Schneider nach über einjähriger
Verletzungspause zu seinem Comeback. Im vorerst letzten Spiel in der
Düsseldorfer LTU-Arena konnte Bayer Leverkusen seinen ersten Sieg einfahren.
Alle verfügbaren Karten für das Spiel waren vergriffen; allerdings hatten die
Verantwortlichen von Bayer 04 einige tausend Karten nicht für den Verkauf
freigegeben, obwohl unter den Borussenanhänger weiterhin große Nachfrage
bestand. Auch so waren die Anhänger Bayer Leverkusens sichtlich in der
Minderzahl; gleichwohl wird das Spiel offiziell als Leverkusener Heimspiel
geführt.
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