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Marin, Moral, Moneten Drucken
Geschrieben von Christian Spoo   
Mittwoch, 10 Juni 2009
ImageDass Marko Marin in der kommenden Saison vermutlich für einen anderen Verein Fußball spielt bzw. auf der Ersatzbank sitzt, damit haben sich Borussias Fans womöglich längst abgefunden. Hatten sie schon zu Beginn der Saison; haben sie womöglich angesichts der Rückrundenleistung des Mittelfeldtalents auch ohne allzu heftige Seelenpein. Voraussetzung für einen Wechsel des Jungnationalspielers ist, dass sich Borussia dazu bereit erklärt, Marko Marin gegen die Zahlung einer zu verhandelnden Ablösesumme aus seinem bis zum 30.06.2010 laufenden Vertrag zu entlassen.
Das ist selbstverständlich? Den Eindruck verliert man, liest man die durchaus auch seriöse Presse, die sich mit dieser Frage befasst, und hört man sich an, was der betroffene Spieler, Marko Marin, selbst zu dieser Frage vom Stapel lässt.
Das dreiminütige Gespräch „zwischen Tür und Angel", das Marin mit Sportdirektor Max Eberl geführt haben soll, war nur der Anfang. In der Folgezeit ließ Marin kaum eine Gelegenheit aus, aller Welt kund zu tun, er habe sich „entschieden“. Zuletzt war – in Springers "Welt" übrigens – zu lesen, der 20jährige suche bereits in Bremen nach einer Wohnung und seine Freundin zudem einen Studienplatz.

Von einer Einigung Borussias mit Werder Bremen, von der Bereitschaft, Marin aus seinem laufenden Vertrag zu entlassen, hört oder liest man nichts.

Im Gegenteil. Trainer Michael Frontzeck hat es auf der Jahreshauptversammlung klar gesagt: Wenn die Einigung bis zum Trainingsauftakt Ende Juni nicht erfolgt ist, hat Marko Marin, genau wie alle anderen Lizenzspieler der Borussia, auf dem Platz zu erscheinen. Marko Marin aber hat sich „entschieden“, obwohl er in diesem Fall nicht zu entscheiden hat.

Nun sagt ein jeder – und hat vermutlich recht –, dass Marin keine Trainingseinheit im Borussia-Park mehr absolvieren wird. Irgendwie werden sich die Vereine schon einigen und vermutlich wird Marin seine Bremer Bude in Kürze beziehen können. Das geflügelte Wort von den Reisenden, die man nicht aufzuhalten habe, macht schon jetzt die Runde und natürlich nimmt kein Mensch reinen Verstandes an, dass zwischen dem Spieler Marko Marin und dem Verein Borussia Mönchengladbach mehr besteht und jemals bestand als eine geschäftliche Verbindung. Die aber besteht.

Marins Äußerungen, ob unbedarft oder dreist, und die Darstellung des Falls in der Öffentlichkeit sind aber Beispiel für eine auch andernorts immer häufiger zu beobachtende Entwicklung: Verträge im Profifußball sind kaum mehr etwas wert. Sie dienen bestenfalls dazu, im Falle eines Vereinswechsels noch die seit dem Bosman-Urteil nicht mehr anders zu erzielende Ablösezahlung zu ermöglichen. Will ein Spieler den Verein wechseln, hat er die Macht. Er kann indirekt mit Leistungsverweigerung drohen (böswillig könnte man sich ob der Leistungen Marko Marins in seinen letzten Borussenspielen fragen, ob das vielleicht ein Vorgeschmack war), findet in der Regel bei der Boulevardpresse ein offenes Ohr und kann über diese Schiene Druck auf den abgebenden Verein ausüben. Damit schwächt er die Verhandlungsposition seines Ex-Vereins. Jeder Wechsel, der auf diese Art und Weise zustande kommt, sorgt dafür, dass sich das ungeschriebene Gesetz bestätigt, wonach ein Spieler aus jedem Vertrag heraus kommt und sich ein Verein mit einem Vertrag keinesfalls tatsächlich die Arbeitskraft des Spielers sichert, sondern bestenfalls ein paar Millionen Euro.

Schon fast niedlich wirkt da der Transferkrieg zwischen Borussia Mönchengladbach und Borussia Dortmund um den einstigen Torschützenkönig Heiko Herrlich. Der immerhin versuchte noch, einen echten Grund für seine Vertragsuntreue ins Spiel zu bringen und berief sich auf eine angebliche mündliche Ausstiegsklausel. Aus heutiger Sicht qualifiziert ihn das schon fast zum Gutmenschen.

Die Mechanismen, die im Fußball installiert wurden, um eine solche Entwicklung abzufedern: Wechselfristen, Verhandlungsverbote etc. – sie sind nahezu wirkungslos. Verhandlungen außerhalb des erlaubten Zeitrahmens müssen schon – wie im Fall Klose – gut dokumentiert werden, um ansatzweise Empörung, echt oder gespielt, hervorzurufen. Und auch ein solcher Verstoß hat einzig zur Folge, dass die Ablösesumme vielleicht noch mal um ein paar Prozent angehoben wird.

Man mag das Fußballgeschäft losgelöst von allen gesellschaftlichen Konventionen betrachten und achselzuckend von den „Mechanismen der Branche“ sprechen. Über Moral zu reden, verbietet sich in diesem Business offenbar ohnehin – wie von Michael Frontzeck vor Wochenfrist in einem Interview unspektakulär und trocken dargelegt.

Bleibt die Frage, wohin das alles führt. Eine denkbare Variante: Je fester sich der Grundsatz etabliert, dass Verträge einem Vereinswechsel keinesfalls im Wege stehen, desto schlechter wird die Verhandlungsposition der abgebenden Vereine. Das trifft diejenigen, die in der Verwertungskette der Ware „Fußballer“ weiter unten stehen, zunächst härter als die Bremer, Münchner, Hamburger. Aber letzten Endes verlieren auch sie, zumal sie im internationalen Geschäft wiederum vergleichsweise kleine Lichter sind.

Kurzfristiges Resultat der beschriebenen Entwicklung ist aber, dass sich die herrschenden Verhältnisse im Fußball weiter manifestieren. Überspitzt gesagt: die Reichen bleiben oben, die Armen bleiben unten. Selbst der geschickteste Sportdirektor wird es vermutlich nicht schaffen, jeden Aderlass durch tolle Nachwuchsarbeit und gutes Scouting adäquat auszugleichen. Der langsame Aufbau einer dann über einen längeren Zeitraum erfolgreichen Mannschaft – also das immer noch erklärte Ziel von Borussia – wird schwierig bis unmöglich. Das ist, abgesehen von moralischen und sentimentalen Erwägungen, das wirklich Traurige am Fall Marko Marin.