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"Ein Trainer muss authentisch bleiben" |
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Geschrieben von Mike Lukanz und Christian Heimanns
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Donnerstag, 23 Juli 2009 |
Kontinuität 9.0, so könnte eine Überschrift lauten, wollte man die Verpflichtung von Gladbachs neuem Cheftrainer Michael Frontzeck kommentieren. Der ehemalige Spieler und Co-Trainer der Borussia trat vor einigen Wochen die Nachfolge von Hans Meyer an. Nachdem im vergangenen Jahr der Abstieg nur hauchdünn gelang, sind die Ziele des gebürtigen Mönchengladbachers klar: Klassenerhalt, und zwar vorzeitig. Im SEITENWAHL-Interview spricht Frontzeck über sein Image, Kontinuität auf dem Trainerstuhl und die Bedeutung von Medizinbällen und Laptops am Trainingsplatz.
Herr
Frontzeck, wer Ihre Aussagen und Interviews wertet oder Sie am Spielfeldrand
beobachtet, könnte den Eindruck gewinnen, Sie sind ein langweiliger Trainertyp.
Frontzeck: „Jeder Trainer hat seinen eigenen Stil. Mein
Verhalten liegt zum Teil in meinem Charakter begründet, zudem bin ich am Anfang
meiner Karriere durch Personen und ein bestimmtes Umfeld geprägt worden. Heynckes
oder Grashoff haben schon damals Probleme hinter verschlossenen Türen
besprochen, aus dieser Zeit habe ich viel mitgenommen. Wobei es mich nicht
interessiert, wie ich ‚wirke'. Ich nehme mich selber nicht wichtig, auch wenn
das in diesem Geschäft oft anders praktiziert wird."
In
Bielefeld wurde Ihnen ob Ihrer Art eine gewisse Emotionslosigkeit vorgeworfen,
die speziell im Abstiegskampf auf Außenstehende befremdlich wirkte.
Frontzeck: „Wenn ich in der Kabine bei meiner Mannschaft
bin, ist das etwas völlig Anderes. Doch ein Trainer ist mit Anpfiff einer
Partie ein Stück weit hilflos. Du arbeitest die gesamte Woche mit der
Mannschaft, besprichst die Taktik oder lässt Spielzüge üben. Doch wenn die
Partie läuft, muss es die Mannschaft umsetzen. Ich sitze ja nicht regungslos an
der Seitenlinie, aber veranstalte dort auch keine Salti oder Kopfstände."
Wie beeinflusst
das Verhalten des Trainers Ihrer Meinung nach die Mannschaft? Brauchen Spieler
nicht auch Emotionen und einen Antrieb von der Seitenlinie oder in der
täglichen Arbeit?
Frontzeck: „Als ich Trainer in Bielefeld wurde, hatte die
Mannschaft 18 Punkte in der Hinrunde geholt, die ersten vier Spiele der
Rückrunde gingen alle verloren, dazu eine Pokalniederlage in Jena. Nach der
Niederlage gegen Duisburg, die zu diesem Zeitpunkt auf dem letzten
Tabellenplatz standen, war natürlich große Aufregung im Umfeld, bei den Fans
und natürlich in den Medien. Wenn ich in dieser Situation auch ausgeflippt
wäre, hätte sich dies noch alles verstärkt. Wir sind ruhig geblieben, das
Umfeld beruhigte sich auch und am Ende konnten wir die Klasse halten."
Der Boulevard
beschrieb Sie schon als ‚Anti-Meyer'. Können Sie mit diesen Begrifflichkeiten
etwas anfangen?
Frontzeck: „Nein, absolut nicht. Hans Meyer ist ein
hervorragender Trainer, der das Ruder hier noch herumgerissen hat, denn mit elf
Punkten zur Winterpause steigst Du eigentlich sicher ab. Als ich mit Bielefeld
hier gespielt habe, spürte ich diese angespannte Stimmung, die um seine Person
herrschte. Doch ich weiß, wie Hans denkt und arbeitet. Er hat alles dafür
getan, dass dieser Verein die Klasse hält. Was letztlich hier vorgefallen ist,
kann und will ich nicht beurteilen, dafür war ich zu weit weg."
Bei Ihrer
Verpflichtung gab es vonseiten der Fans und der Medien gedämpften Optimismus,
zum Teil große Vorbehalte. Ist das besonders enttäuschend, wenn Sie als
ehemaliger Gladbacher diese Abneigung spüren, oder leiden Sie mehr darunter,
dass vor Ihnen schon zu viele Ex-Spieler hier gescheitert sind?
Frontzeck: „Ich leide nicht, da braucht sich keiner Sorgen
zu machen. Diese Vorbehalte sollen sogar vorhanden sein, ich kann und will
nicht jeden Kritiker überzeugen. Wenn die Mannschaft Erfolg hat, habe ich
meinen Job gut gemacht. Wissen Sie, ich habe auch in Bielefeld oder Aachen von
‚Vorbehalten' meiner Person gegenüber gehört. Doch nie kam ein Zuschauer oder
ein Fan auf mich zu und hat mir gesagt, dass er mit meiner Arbeit unzufrieden
ist. Es ärgert mich, wenn die wenigen anonymen Stimmen, die im Internet und den
Foren existieren, als Stimmungslage für das gesamte Umfeld herangezogen werden,
denn dem ist nicht so. Ich habe nichts gegen sachliche und konstruktive Kritik,
aber viele wollen einfach nur negative Stimmung verbreiten und tun dies um des
Kritisierens Willen. Damit kann ich nichts anfangen."
Ein
zurückhaltendes Auftreten macht weniger angreifbar, als von Beginn an durch
markige Sprüche zu hohe Erwartungen zu schüren. Wohnt Ihrer Art demnach auch
eine Portion Kalkül inne?
Frontzeck: „Wissen Sie, ich bin relativ frei von dem, was
man von mir als Person erwartet. Max Eberl und ich sind uns einig, welche Ziele
wir haben. Der Klassenerhalt soll souveräner und möglichst früh realisiert
werden. Mit dem Potenzial, das ich in den ersten drei Wochen schon erkannt
habe, ist dies durchaus realistisch. Es interessiert mich nicht, was alles geschrieben
wird, wo wir landen werden oder müssen. Da bin ich relativ resistent. Wir
werden unseren Weg gehen."
Sie legen
sich bislang auf kein System fest, heben einzelne Spieler nicht heraus und das
Saisonziel lautet pragmatisch ‚Klassenerhalt'. Sind das die kleinen Brötchen,
die Borussia zukünftig backen will?
Frontzeck: „Wir wollen eine ruhigere Saison erleben und
nicht bis zum letzten Spieltag zittern müssen. Wer mit 11 Punkten in die
Winterpause geht, ist eigentlich schon abgestiegen. In der vergangenen Saison
profitierte Borussia auch davon, dass die Konkurrenz es verpasste, sich
vorzeitig abzusetzen. Zurück zu Ihrer Frage: Wir sollten den Begriff
‚Kontinuität' nicht überstrapazieren ..."
... vor allem
nicht in Mönchengladbach!
Frontzeck: „ Richtig, aber Sie müssen auch bedenken, dass
zum ersten Spieltag wieder eine sehr veränderte Mannschaft auf dem Platz stehen
wird. Vergleichen Sie doch einmal die Startaufstellungen vom ersten Spieltag
gegen den VfB Stuttgart mit der, die am 34. Spieltag zu Hause gegen Dortmund
spielte! Was in dieser Saison schon wieder passiert ist! Wir müssen dahin
kommen, dass der Kern einer Mannschaft mal über zwei, drei Jahre zusammenbleibt."
Diese
Forderungen wird das Umfeld unterschreiben, das hat es aber schon bei Köppel,
Heynckes und Luhukay getan.
Frontzeck: „Ja, aber man muss sich einmal vom Gedanken
lösen, dass der Trainer das Hauptproblem ist. Jetzt ist der Frontzeck hier, und
es gibt Vorbehalte. In der Vergangenheit waren hier unter anderem tätig: Jupp
Heynckes, Champions League-Sieger und gerade von Bayer 04 Leverkusen unter
Vertrag genommen. Dick Advocaat, der wenige Jahre später UEFA-Cup-Sieger wird. Dann
Holger Fach und Jos Luhukay, zwei junge Trainer. Es gab in Gladbach also die
gesamte Bandbreite an Trainertypen. Hans Meyer! Auch freiwillig gegangen.
Heynckes, Advocaat, Meyer - das sind drei erfahrene Trainer, die haben schon
alles erlebt und alle hören hier vorzeitig auf. Das ist bemerkenswert."
Halten
Sie die Erwartungen auch an Ihre Person aus diesem Grund so niedrig, dass Sie
später womöglich an zu hohen Ansprüchen scheitern könnten?
Frontzeck: „Mein Anspruch lautet, auf dem Platz eine Truppe
zu haben, die als solche auftritt und dass dies von den Zuschauern erkannt und
honoriert wird. Wenn wir uns dabei auch fußballerisch weiterentwickeln, werden
wir die angestrebten Ziele früher erreichen, als dies in der vergangenen Saison
der Fall war. Es geht hier nicht um Erwartungen an meine Person."
Sie haben
selbst als Spieler und Co-Trainer unter vielen verschiedenen Trainern gespielt
oder gearbeitet. Inwieweit prägen diese Trainer für die eigene Karriere an der
Seitenlinie?
Frontzeck: „Am meisten prägt sicherlich der erste Trainer,
den man als Profi zu Beginn der Karriere hatte, das war bei mir Jupp Heynckes.
Wahrscheinlich prägt er mich bis heute mehr, als ich mir das zugestehe. Insgesamt
hatte ich Glück, mit vielen unterschiedlichen und sehr guten Trainern
zusammenarbeiten zu können, auch mit solchen, mit denen ich weniger gut auskam.
Aber bei jedem lernst Du etwas. Kopieren wollte ich keinen, denn das geht in
jedem Fall schief. Ein Trainer muss authentisch bleiben und seinen eigenen Weg
finden."
Nachdem
vor wenigen Jahren die neuen, jungen Trainer gefragt waren, die einen neuen Weg
beschreiten, besinnen sich viele Bundesligisten wieder auf die ‚alten Hunde':
die Bayern holen van Gaal, Leverkusen kurz danach Heynckes und Felix Magath
betont bei jeder Gelegenheit, auf Laktatmessungen zu verzichten und schüttet
stattdessen den ‚Mount Magath' auf, den seine Spieler hochsprinten müssen. Wie
bewerten Sie als noch junger Trainer diesen Modewechsel?
Frontzeck: „Das Trainergeschäft unterliegt keinem
Moderhythmus. Letztlich ist es völlig egal, ob ein Trainer schon beim Frühstück
mit Medizinbällen wartet oder mit dem Laptop in der Hand am Trainingsplatz
steht. Er muss eine eigene Philosophie haben und seine Mannschaft damit
erreichen, nur darum geht es. Jürgen Klinsmann wurde von Teilen der Medien in
den Himmel gehoben und von den gleichen wieder dort oben heruntergeholt, das
alles binnen weniger Monate. Diese Diskussion um ‚neue' oder ‚alte' Trainer, ob
‚jung' oder ‚erfahren', findet doch nur in den Medien statt. Innerhalb des
Vereins muss es eine Einheit geben, die auch halten muss, wenn von Außen
gezielt Unruhe hereingetragen wird."
Die
vergangene Saison war die zweitschlechteste in Borussias Bundesligageschichte.
Hatten Sie in den wenigen Wochen schon Gelegenheit, diese Saison aufzuarbeiten
durch Videostudium und Gespräche mit Verantwortlichen?
Frontzeck: „Ich hatte ein sehr langes Gespräch mit Hans
Meyer, das die gesamte Mannschaft, nicht einzelne Spieler zum Inhalt hatte.
Durch Max Eberl erfuhr ich auch viel. Aber was gibt es aus dieser Saison
aufzuarbeiten? Wie ich bereits betonte: Mit 11 Punkten zur Winterpause steigst
Du ab, Punkt. Mit Bailly, Galasek, Stalteri und Dante wurde im Winter gute
Qualität eingekauft, so dass es am Ende reichte.
In diesem
Sommer sind in Ihrem Kader viele Spieler, die verletzt oder angeschlagen in die
Saison gehen oder für die die Bundesliga Neuland ist. Haben Sie Bedenken, dass
der Start gelingen kann und damit auch das Umfeld nicht von Beginn an nervös
wird?
Frontzeck: „Ich bin davon überzeugt, dass wir das
Kreativitätsproblem, das wir durch die Abgänge von Marin und Baumjohann
grundsätzlich haben, durch mehrere Spieler und flexible Systeme lösen können.
Mit Thorben Marx und Michael Bradley haben wir zwei Spieler, die zwischen den
Sechszehnmeterräumen marschieren können und eine gewisse Torgefahr ausstrahlen.
Meeuwis gefällt mir in den ersten Wochen schon sehr gut in seiner Art, wie er
spricht und das Spiel sieht. Marco Reus hat das Jahr in der zweiten Liga sehr
gut getan, er arbeitet super nach hinten mit und hat tolle Aktionen nach vorne.
Nein, Bedenken habe ich nicht, sondern schon jetzt genügend Fantasie, was mit
diesem Kader möglich ist."
Passen
Sie die Spieler Ihrem System an oder umgekehrt?
Frontzeck: „Bei mir stehen die Spieler an erster Stelle, ich
möchte flexibel sein. Je nach Ausgangslage und Gegner können wir mit drei
offensiven Leuten im Mittelfeld auflaufen oder in der klassischen Raute.
Wichtig ist, dass ein Trainer die passenden Spieler für sein System hat."
... das bei
Ihnen eher defensiv ausgelegt ist?
Frontzeck: „Das Halbfinalspiel Chelseas gegen den FC
Barcelona war ein Lehrbeispiel dafür, wie Fußball heutzutage gespielt wird. Es
geht um den Raum zwischen eigenem Sechszehner und der Mittellinie. Der Gegner
will, dass dieser Raum offen ist, denn eine spielstarke Mannschaft nimmt Dich hier
auseinander. Hier musst Du kompakt stehen, und dabei ist es egal, mit welchem
System hier agiert wird. Chelsea lief in Barcelona mit drei defensiven
Mittelfeldspielern auf. Nutzen Mannschaften wie Bielefeld oder Gladbach die
gleiche Taktik gegen spielstarke Gegner, heißt es, man spiele Fußball aus der
Steinzeit."
Eine
Baustelle ist die Abwehr. Mit Galasek, Paauwe und Gohouri haben drei erfahrene
Defensivspieler den Verein verlassen, Innenverteidiger wurden nicht
verpflichtet. Die Personaldecke ist hier sehr dünn. Fällt jemand aus, gibt es
wenig Alternativen.
Frontzeck: „Das sehe ich nicht so dramatisch. Alle Jungs,
die hinten spielen, haben mein Vertrauen. Ich denke, dass wir in der
Innenverteidigung ordentlich besetzt sind. Zumal die Defensive nicht aus der
Innenverteidigung besteht, sondern es ist das gesamte System, das funktionieren
muss."
Herr
Frontzeck, vielen Dank für das Gespräch!
Fotos: www.seitenwahl.de
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