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"Borussias finanzielle Leistung ist großartig" Drucken
Geschrieben von www.seitenwahl.de   
Mittwoch, 06 September 2006
ImageInmitten der Debatte um den Bundeshaushalt 2007 stand uns der Bundesminister der Finanzen und ehemalige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Herr Peer Steinbrück, für ein Interview zur Verfügung. Dabei erzählt er von einem eindrücklichen Erlebnis mit Borussia, wie er von Bundesligaergebnissen erfährt, äußert sich zum Verhältnis von Politik und Sport und beantwortet gar die Frage, ob es 2009 einen Bundeskanzler Peer Steinbrück geben wird.

SEITENWAHL: Herr Minister, wie kommt man als waschechter Norddeutscher zur Borussia?

Steinbrück: „Die Frage müsste anders lauten: Wie hat es die Borussia geschafft, einen waschechten Norddeutschen auf ihre Seite zu ziehen? Antwort: Durch den besten Offensivfußball, der in den siebziger Jahren in der Bundesliga gespielt wurde."

SEITENWAHL: Können Sie Ihr eindrücklichstes Erlebnis mit Borussia beschreiben?

Steinbrück: „Eines war das 2:2 von Borussia Mönchengladbach in der Saison 1976/77 in München, denn dieser Punkt reichte für die Meisterschaft. Drei von diesen vier Toren haben die Borussen geschossen - das 2:2 war ein Eigentor von Klinkhammer. Jupp Heynckes machte damals das 1:0."

SEITENWAHL: Seit 1996 gibt es im Deutschen Bundestag den Fanclub „Fette Henne", der erste Fußball-Fanclub im Bundestag überhaupt. Ist der Bundestag tatsächlich in „Borussenhand"?

Steinbrück: „Das ist er erst dann, wenn die 18 Clubs der Bundesliga alle Borussia-Vereine sind. Es gibt knapp über 600 Abgeordnete, und jede und jeder hat einen eigenen Lieblingsclub."

SEITENWAHL: Hand aufs Herz: gibt es im Bundestag am Montag nach einem Bundesligaspieltag die gleichen Sticheleien unter den Parlamentariern, wie man es aus allen Be-trieben, Firmen und Büros kennt, je nach Ergebnis der jeweiligen Lieblingsmannschaft?

Steinbrück: „Na klar. Sogar Politiker sind nur Menschen. Wenn's um Fußball geht, sogar besonders menschliche. Ich habe schon welche heulen sehen, als ‚ihr‘ Verein abstieg."

SEITENWAHL: Von welchen Bundestagskollegen wissen Sie, dass sie auch ein Herz für Borussia haben?

Steinbrück: „Ich vermute mal, das werden klar mehr sein als ‚nur‘ die Mitglieder der Fetten Henne. Immerhin gibt es ja seit 2005 mindestens einen Borussen-Fan im Kabinett, das ist schon mal ein klarer Fortschritt."

SEITENWAHL: Wie und wann erfahren Sie von den Ergebnissen der Mönchengladbacher Spiele?

Steinbrück: „Meist über das Radio, wenn ich unterwegs bin. Meine Mitarbeiter haben klare Order, mich über die aktuellen Spielstände zu informieren. Das tun sie dann auch - schließlich sind die selber Fußballfans. Gelegentlich erfahre ich die Ergebnisse auch über Videotext oder natürlich in der Sportschau."

SEITENWAHL: Samstag, 17:20 Uhr. Auf ihren Schreibtisch flattern erstens aktuelle Steuerschätzungen, zweitens neueste Umfragewerte der SPD, drittens zu Ihrer persönli-chen Beliebtheit und viertens die Bundesligaergebnisse. In welcher Reihenfolge lesen Sie?

Steinbrück: „Erstens: die Bundesligaergebnisse, weil ich da schnell durch bin. Zweitens: die Steuerschätzungen; die sind für meinen Job ja nicht ganz unwichtig. Drittens: die Umfragewerte für die SPD, viertens meine. Im Gegensatz zu Bundesligaergebnissen und Steuerschätzungen sind Umfragewerte sehr schnell Schall und Rauch."

SEITENWAHL: Politik und Sport waren selten zwei vollends getrennte Bereiche. In den siebziger Jahren wollten manche Feuilletonisten eine Parallele ziehen zwischen dem Zweikampf von Borussia Mönchengladbach und Bayern München auf der einen Seite und dem von SPD und CDU auf der anderen. Dabei wurde eine Art Wesensverwandtschaft zwischen dem impulsiven Offensivfußball der Fohlenelf und dem reformerischen Impetus der Regierung Willy Brandts konstruiert; beides sollte Antithese sein zum unterkühlten Zweckrationalismus der Münchener Bayern respektive zum konservativen Politestablish-ment. Sie selbst sind ein Jahr vor der ersten Gladbacher Meisterschaft in die SPD eingetreten. Können Sie mit solchen Gedankengängen etwas anfangen, oder halten Sie das für eine unzulässige politische Instrumentalisierung des Fußballs?

Steinbrück: „Ich halte das, auch wenn sich das alles gut anhört, für ziemlich krampfhafte Interpretationsarbeit. Natürlich wusste jeder, dass etwa ein Günter Netzer auf einer anderen politischen Linie lag als ein Franz Beckenbauer. Aber daraus einen ideologischen Überbau zu zimmern - nein, das ist übertrieben. Dass Brandt 1969 Kanzler und die Borussia 1970 Meister wurde, waren und bleiben für mich zwei besonders schöne Ereignisse. Ich sehe aber nicht, dass die etwas miteinander zu tun haben. Politik hat im Fußball nichts verloren, es sei denn, sie will zuschauen."

SEITENWAHL: In der Vergangenheit haben manche Bundesländer Vereinen aus der Region, die durch Misswirtschaft in Schwierigkeiten geraten waren, finanziell teils massiv unter die Arme gegriffen. Gerechtfertigt wurden diese Maßnahmen zumeist mit dem Erhalt der Arbeitsplätze. Bisweilen rettete das den Vereinen die Lizenz, absteigen mussten hingegen Vereine, die solider gewirtschaftet und deshalb auch auf manchen kostspieligen Transfer verzichtet hatten. Inwieweit kommen solche Finanzspritzen in Ihren Augen der Wettbewerbsverzerrung gleich? Darf sich die Politik finanziell in den Sport einmischen?

Steinbrück: „Tja, das ist eine sensible Frage. Wenn es darum geht, die notwendige Infrastruktur für einen Verein zu sichern, etwa eine gute Verkehrsanbindung an ein Stadi-on, oder Bürgschaften bereitzustellen, damit ein Verein wieder wirtschaftlich auf die Füße kommt, dann hat das mit Wettbewerbsverzerrung nichts zu tun, solange alle Vereine gleich behandelt werden. Jeder kann mal in eine Notlage kommen, und das muss nicht immer mit Misswirtschaft zu tun haben. Nebenbei: Das neue Borussen-Stadion wäre ohne ein Engagement von Stadt und Land nicht möglich gewesen."

SEITENWAHL: Vor dem Pokalfinale 1984 wurde der damalige Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl - er sollte am Ende des Spiels die Siegerehrung vornehmen - im Interview gefragt, wem er die Daumen drücke. Kohl antwortete diplomatisch, er habe für beide Mannschaften große Sympathien. Von Gerhard Schröder ist bekannt, dass er sich medienwirksam mit ganz unterschiedlichen Vereinen solidarisiert hat. So etwas wirkt immer wie der Versuch, möglichst breite Wählerschichten anzusprechen. Ist es für einen Politiker vor die-sem Hintergrund riskant, sich eindeutig und öffentlich zu einem einzigen Verein zu bekennen, wie Sie das mit Borussia Mönchengladbach immer getan haben?

Steinbrück: „Nein, das ist nicht riskant. Das wird respektiert - auch bei den großen Ruhrgebietsvereinen, die ich ja auch besucht habe. Herumeiern und billige Ranschmeiße wären riskant, schon weil die Leute das merken. Gerd Schröder ist großer Fan und Ehrenmitglied von Borussia ... nun ja, Dortmund. Das hat er immer wieder klar gesagt und gezeigt."

SEITENWAHL: Beim zwischenzeitlichen Abstieg der Borussia in die 2. Bundesliga drückten den Verein Schulden in zweistelliger Millionenhöhe, man besaß ein nicht mehr wettbewerbsfähiges Stadion. Dies ist durch die Männer des aktuellen Präsidiums, ergänzt um durch den viel zu früh verstorbenen Dr. Jordan, quasi umgedreht worden. Borussia ist im Jahr 2006 wirtschaftlich gesund, schuldenfrei und betreibt ein eigenes, modernes Fußballstadion. Wie beurteilt jemand, der täglich mit Geld, Haben und oder Nicht-Haben zu tun hat, jene Entwicklungen der letzten Jahre bei der Borussia?

Steinbrück: „Schlicht und einfach: Ich halte das für eine großartige Leistung. Diese Disziplin wünschte ich mir auch öfter in der „großen Politik". Die Borussia hat das Glück, bis heute klasse Präsidenten zu haben."

SEITENWAHL: Könnten Sie sich für die Zeit nach Ihrer Politkarriere vorstellen, ein Amt bei Borussia zu bekleiden; im Präsidium oder im Aufsichtsrat?

Steinbrück: „Nein, das sollen Bessere machen als ich, die dichter dran sind."

SEITENWAHL: Abschließend: Welches Szenario halten Sie für realistischer? Dass 2009 die Borussen Deutscher Meister oder Sie Bundeskanzler werden?

Steinbrück: „Dass die Borussen Meister werden. Gern schon 2007. Das andere ist so wahrscheinlich wie der Champions-League-Titel für Greuther Fürth."

SEITENWAHL: Herr Minister, vielen Dank für das ausführliche Gespräch.