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Zu Gast beim Kofferträger |
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Geschrieben von Mike Lukanz
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Donnerstag, 17 Dezember 2009 |
Man schrieb den 10. Januar
2007, ein kalter Mittwoch in Deutschland. An diesem Tag hob Borussia zum
Winter-Trainingslager nach Portugal ab, um sich auf die schwierige Rückrunde
vorzubereiten. Borussia hatte eine schwierige Hinrunde hinter sich gebracht,
die hohen Erwartungen, die Umfeld und Fans vor Saisonbeginn stellten, konnten
nur zu Beginn erfüllt werden, trotz namhafter Neuzugänge wie dem argentinischen
Spielmacher Federico Insua. Mit an Bord natürlich: Trainer Jupp Heynckes, im
Gepäck die just an diesem Tag neue Ausgabe der „Sport Bild". Dort prangte in
großen Lettern „Gladbach degradiert den
großen Heynckes zum Kofferträger", darunter ein Bild, das Heynckes zeigt,
wie er einen kleinen Medizinkoffer nach Trainingsende in die Kabine trägt.
Eine ebenso dumme wie
reißerische Geschichte, die lediglich die Spitze dessen darstellte, was sich in
den Wochen und Monaten zuvor zwischen Jupp Heynckes und Teilen der
Mönchengladbacher Medien abgespielt hatte. Das Ende ist bekannt, wenige Wochen
später trat Heynckes entnervt zurück, Nachfolger Jos Luhukay holte in der
Rückrunde noch weniger Punkte, Gladbach stieg zum zweiten Mal in der
Vereinsgeschichte sang- und klanglos ab. Die Gründe standen für alle schnell
fest: Heynckes kann's einfach nicht mehr, zudem war der Kader vom damaligen
Sportdirektor Peter Pander falsch zusammengestellt. So wird der Abstieg 2007
bis in alle Ewigkeit Heynckes' Abstieg sein, die Legenden sind geschrieben und
manifestiert. Ein unrühmliches Ende, bei dem alle verloren: Mannschaft,
Präsidium, Fans und Medien. Und nicht zuletzt Jupp Heynckes, dem dieses
Scheitern sehr zusetzte. Bis zu seiner überraschenden Rückkehr auf die
Trainerbank beim FC Bayern München Ende der vergangenen Saison verweigerte
Borussias erfolgreichster Torschütze jedes Interview und trat, auch aus
privaten und gesundheitlichen Gründen, nicht mehr in der medialen
Öffentlichkeit auf.
Und heute? Jupp Heynckes
steht mit Bayer 04 Leverkusen an der Tabellenspitze der Bundesliga, die einzige
noch ungeschlagene Mannschaft der Bundesliga. Bayer spielt erfrischenden
Offensivfußball, Talente wie Toni Kroos und Stefan Kießling spielen die Saison
ihres Lebens, im Tor steht Deutschlands bester Torhüter und mit der
Verpflichtung Sami Hyypiäs vom FC Liverpool gelang dem Werksclub vor der Saison
ein Transfercoup. Das Sportportal „Spox.com" analysiert ausführlich die Taktik
der Rheinländer und konstatiert nicht ohne Bewunderung unter anderem die
„Raumverknappung in Ballnähe" (die bei Borussia, Hannover oder Mainz von den
gleichen Medien oft schlicht „destruktives Defensivspiel" genannt wird). Wer
das SEITENWAHL-Interview mit Jupp Heynckes aus dem Sommer 2006 heute liest,
wird kaum Parallelen zu dem feststellen, was der 64-Jährige zu Beginn der
Saison den Leverkusener Medien erzählte. Der alte Mann kann es nicht mehr?
Ohne Frage, den
Leverkusenern ist in dieser Saison vieles, wenn nicht alles zuzutrauen.
International ist die Mannschaft nicht vertreten, so kann sie sich im Gegensatz
zum FC Bayern oder Werder Bremen voll auf die Bundesliga konzentrieren.
Eigentliche Leistungsträger wie Manuel Friedrich, Simon Rolfes oder Patrick
Helmes kehren in den Kader zurück. Die in weiten Teilen des Landes diskutierte
Frage bleibt, ob Bayer 04 in der Rückrunde den leidlich bekannten Einbruch
erleben wird. „Wir werden unseren Weg gehen, auch in der Rückrunde", so
Heynckes heute. Wenn er am Ende der Saison die Meisterschale in der Hand hält,
sollte er sie bei der „Sport Bild" vorbeibringen - am besten in einem Koffer.
Die Aufstellungen
Leverkusen: Adler -
Schwaab, M. Friedrich, Hyypiä, Castro - Vidal, Reinartz - Barnetta, Kroos -
Kießling, Derdiyok
Borussia: Bailly - Levels, Brouwers, Dante, Jaures - Marx, Bradley -
Reus, Arango - Bobadilla, Friend
SEITENWAHL-Prognose
Mike Lukanz: Leverkusen
ist der Angstgegner schlechthin für Borussia, zudem ist der Werksclub noch
ungeschlagen. Daran wird sich auch am Samstag nichts ändern, denn Leverkusen
ist in der aktuellen Form eine Nummer zu groß für Borussia - 3:1. Die 21 Punkte
unterm Weihnachtsbaum sind dennoch ein tolles Geschenk.
Christoph Clausen: Agiert
die Borussia am Samstag in der Defensive ähnlich konfus wie gegen Hannover,
könnte das für das Torverhältnis ausgesprochen unschöne Folgen haben. Findet
die Mannschaft aber zur Kompaktheit der Spiele gegen Schalke und in München
zurück, so wird sie das Spiel lange offen halten. Am Ende aber sollte die
individuelle Klasse der Leverkusener Stürmer dennoch zu mindestens einem Tor
reichen. Und da man sich vorne nicht auf Dauer auf Reus, Brouwers und Eigentore
des Gegners verlassen kann, unterliegt Borussia leider mit 0:1.
Christian Heimanns: Die
Hinrunde ist praktisch abgeschlossen, das Pflichtfreundschaftsspiel in
Leverkusen eine rein formale Angelegenheit. Wenn die Defensive wieder geschlossener
auftritt, reicht es zu einem 2:1 für Leverkusen.
Christian Spoo: 21 Punkte
- das ist eine formidable Hinrundenausbeute. Das wissen auch die Spieler, und
auch wenn man offiziell gerne von dem Etwas spricht, das in Leverkusen zu holen
sei, werden sie das auch am Samstag in den Hinterköpfen haben. Bayer dagegen
wird sich und den Fans (oder wie man das da nennt) beweisen wollen, dass zwei
Unentschieden gegen Abstiegskandidaten noch keine Formkrise bedeuten und sich
gegen Borussia zur Herbstmeisterschaft schießen. Heißt nach 90 Minuten: Bayer 4
- Borussia 0. Trotzdem frohe Weihnachten!
Thomas Häcki: Nun also der
Tabellenführer. Heimstark und dabei sowohl offensiv wie auch defensiv der
Liga-Primus. Vom Papier her ist die Partie eindeutig, auf dem Platz wird sie es
nicht. Das 1:1 ist die verdiente Abrundung einer tollen Hinrunde. Chapeau!
Michael Heinen: Borussia
verabschiedet sich ehrenvoll in die Winterpause, verliert aber trotzdem mit
1:2.
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