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SEITENWAHLs Hinrundenbilanz, Teil I |
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Geschrieben von SEITENWAHL-Redaktion
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Dienstag, 22 Dezember 2009 |
Die Hinrunde ist gespielt, Borussia überwintert auf einem
11. Tabellenplatz mit 21 Punkten, nun kehrt Ruhe ein im hektischen
Fußballbetrieb. Doch bevor auch wir in die verdiente Winterpause gehen, ziehen
wir Bilanz. In zwei Teilen werden die SEITENWAHL-Redakteure die erste Saisonhälfte
kommentieren und bewerten. Den Anfang machen heute Christian Heimanns, Thomas
Häcki und Michael Heinen.
"Ein neues Gefühl" von Christian Heimanns
Zur Halbzeit herrscht bei Borussia Zufriedenheit
allenthalben. Und das sogar zu Recht, obwohl nach dem 9. Spieltag noch Platz 17
zu Buche stand. Doch spätestens seit dem Sieg in Hamburg tritt die Mannschaft
in einer Weise auf, die ihre Fans auch nach Niederlagen versöhnt zurück lässt,
und solches wart schon lang nicht mehr gesehen.
Gerade die Auswärtsauftritte vermitteln ein völlig anderes Borussengefühl als
dieses ganze zurückliegende Jahrzehnt (!). Die einstigen Auswärtsdeppen treten
mit dem Selbstbewusstsein an, das aus einer kompakten Abwehr rührt und mit der
Courage, die ein 20-Jähriger auf der Außenbahn mitbringt. So wäre in Wolfsburg
schon mehr zu holen gewesen aber der dann folgende Sieg beim HSV war bezeichnend:
Nach zweimaligem Rückstand wurde der bis dahin ungeschlagene Tabellenführer
eine halbe Stunde lang in die Seile getrieben und am Ende besiegt. Langjährige
Borussenfans glaubten, durch die Tränen ihrer Rührung die Mannschaft um
Effenberg wieder zu erkennen. Selbst die beiden letzten Niederlagen bestätigen
das positive Bild; die erste Halbzeit in München gehört zu den besten, an die
man sich erinnern kann.
Und so stehen auch bei den Spielern die positiven Leistungen im Vordergrund.
Allen voran der von Fans und Medien geliebte Marco Reus sowie der
torgefährliche Abwehrverband Dante / Brouwers. Mindestens genauso wichtig ist
aber das gute Zusammenspiel zwischen Bradley und dem gern übersehenen Marx im
zentralen Mittelfeld. Anfangs der Saison schien es noch absolut wesentlich,
dass Meeuwis Galasek auf dieser Schaltstelle würdig beerben sollte. Stattdessen
wird die strategische Souveränität des Tschechen jetzt durch die Laufstärke der
Doppel-Sechs ersetzt, mit ordentlichem Erfolg.
Dazu kommt noch Jaurès´ brauchbare Vorrunde und mehr noch der solide Levels,
der auch zu gelegentlichen Effekten nach vorne kommt. Nun hatte Levels zwar
auch in der letzten Rückrunden seinen Anteil am Klassenerhalt, aber weder hätte
man sagen können, wie lange er dieses Niveau spielen kann, noch hätte man ihm
eine Laufbahn als Kapitän vorhergesagt. Dabei sah es vor etwas mehr als einem
Jahr so aus, als wäre seine Zeit in der Bundesliga nach dem Pokalaus in Cottbus
vorbei. Von diesem Tiefpunkt und dem des ganzen Teams hat Levels sich auf eine
Weise wieder herausgearbeitet, dass er das eigentliche Symbol für die aktuelle
Borussia darstellt.
Bleibt nur noch eines zu lösen: Sechs Tore von vier Stürmern zeigen das Problem
vorne. Unter anderen Umständen wäre man geneigt, neue Leute dort zu fordern,
allerdings deutet Bobadilla sein Talent so an, dass man ihm auf jeden Fall die
Zeit geben sollte, es auch in Tore umzusetzen. Schließlich haben wir endlich
mal die Möglichkeit, einen Spieler reifen zu lassen.
"Aus dem Fallen gelernt" von Thomas Häcki
Natürlich können sich die meisten von uns nicht mehr an ihre
ersten Schritte erinnern. Aber es dürfte wohl niemand widersprechen, dass zum
Erlernen des Laufens auch das Fallen gehört. Und so bedurfte es einer katastrophalen
Saison mit einem schon unverschämt glücklichen Ausgang, um den Bedarf der
KONTINUITÄT deutlich in den Köpfen der sportlichen Leitung zu verankern. So
konnte es nicht weitergehen und alle Weichen wurden eben auf das Erreichen
dieser Kontinuität gestellt. Mit Michael Frontzeck wurde ein Trainer geholt,
der für diese Aufgabe nicht geschaffen schien. Bereits im Vorfeld wurde Kritik
an seiner Verpflichtung laut - eine Kritik, die im Vorfeld in dieser Form
zuletzt Hans Meyer (bei seinem ersten Engagement) entgegenschlug. Damals wie
heute irrten sich die Fussballexperten ausserhalb des Führungszirkel von
Borussia Mönchengladbach.
Schritt für Schritt sollte die Entwicklung der Mannschaft vorangetrieben
werden. Und so ist es um so bemerkenswerter, dass bereits das erste Spiel in
Bochum das Spiegelbild der gesamten Hinrunde darstellen sollte. Verwundert
rieben sich die Beobachter der Begegnung zur Halbzeit die Augen. Man führte im
Ruhrstadion zur Pause mit 3:0. Das war erfreulich. Sensationell hingegen war,
wie diese Führungs zustande kam. Weit entfernt vom Rumpelfussball der
vergangenen Saison kombinierte man gefällig und legte einen Spielstil an den
Tag, den man zuletzt zu Zeiten eines Effenberg oder Dahlin gesehen hatte. Das
Spiel endete 3:3, weil die Mannschaft zu "grün" war, um eine
deutliche Führung über die Zeit zu bringen. Auch das zeichnet die Borussia der
Hinrunde aus. Wer jedoch glaubt, die Punktverluste in Bochum und Leverkusen
über den berühmten Kamm scheren zu können, der irrt gewaltig. Die Fohlenelf hat
sich entwickelt. Spielerisch. Charakterlich. Eine Serie von fünf Niederlagen in
Folge nebst dem peinlichen Pokalaus gegen Duisburg stellte sowohl die
sportliche Führung als auch die Mannschaft vor eine harte Probe. Würde man die
Kraft haben, die beschworene Kontinuität durchzuhalten? Man kann nur sagen,
dass diese Prüfung mit Bravour gemeistert wurde.
Beachtenswert waren an dieser Krise zwei Dinge:
1.) Die Rückenstärkung Frontzecks durch Borussias Führungsetage war glaubhaft und richtig. Natürlich
hätte man sich früher oder später auch im Borussia-Park nicht den
Gesetzmäßigkeiten der Branche widersetzen können. Wenn man sich aber die
frühzeitige Nervosität in Hannover, Berlin, Bochum oder zuletzt Nürnberg
ansieht, kommt man zu dem Schluss, dass die Kontinuität keine leere Phrase war.
2.) Auch während der Krise brach das Team entgegen den Erwartungen nie
auseinander. Natürlich wollte mancher Zeitgenosse die Fortschritte nicht sehen
und die Pessimisten prophezeiten schon den dritten Abstieg herbei. Fakt ist
aber, dass man sich fussballerisch auch während der Krise zum großen Teil
ordentlich verkaufte und sich nicht die eine Abwärtsspirale begab.
Wer laufen lernen will, muss auch das Fallen in Kauf nehmen. Und wer fällt,
muss wieder aufstehen. Eben das taten die Mannen um Michael Frontzeck
eindrucksvoll. Natürlich werden auch zukünftig Siege in Hamburg und gegen
Schalke nicht an der Tagesordnung sein. Bleiben wir bitte realistisch. Es
stimmt aber zuversichtlich, dass man sich gegen Teams dieser Stärke keine Erfolge
mehr ermauern muss. Taktisch und spielerisch ist der Borussia 2009 ein großer
Sprung gelungen. Diesen gilt es in das neue Jahr mitzunehmen. Übertriebene
Euphorie ist dabei fehl am Platz. Wir werden auch 2010 bittere und unnötige
Niederlagen erleben. Das gehört zum Fussball wie das Tor und die Fans.
Entscheidend ist aber, dass hier endlich etwas wächst. Chapeau an die
Beteiligten.
"Das System als Erfolgsfaktor" Michael Heinen
Mit 21 Punkten hat man sich gegenüber der vorigen Rückrunde
nur um einen Punkt gesteigert, dem höchst enttäuschenden 1.FC Köln konnte man
nur 3 Punkte enteilen und bei einer Niederlage zum Rückrundenstart gegen den
VfL Bochum wäre man wieder mittendrin im Abstiegskampf, den man gefühlt bereits
ein wenig abgehakt hatte. Doch jene Gefühle sind es, die den entscheidenden
Unterschied zu den reinen Zahlen ausmachen, und die dafür sorgen, dass
Borussias Fans selbst nach der abschließenden Niederlage in Leverkusen höchst
zufrieden auf die bisherige Spielzeit zurückblicken.
Borussia spielt endlich wieder Fussball. Die Punkte, die man erzielt hat,
wurden nicht zusammengestochert, sondern waren allesamt hoch verdient. Selbst
auswärts hat man das erste Mal seit über 10 Jahren bei Borussen-Spielen das
Gefühl, dass die Mannschaft ernsthaft an einen Sieg glaubt - und das selbst
nach einem Rückstand und bei vermeintlich deutlich überlegenen Gegnern. In
Hamburg, München und Leverkusen fand man nach einem Rückstand jeweils zurück
ins Spiel und präsentierte sich mit den Großen der Liga auf Augenhöhe.
Dass diese in 2 von 3 Fällen dennoch siegreich blieben, darf nicht verwundern,
denn in den entscheidenden Momenten setzt sich die individuelle Qualität meist
durch. Ein Rob Friend ist kein Mario Gomez, so wie ein Raul Bobadilla (noch)
nicht mit Toni Kroos vergleichbar ist. Gerade die Stürmer, von denen keiner
mehr als 2 Tore zu verzeichnen hat, bieten noch Luft nach oben, wenn man
demnächst höhere Ambitionen verfolgen möchte.
Für diese Spielzeit war aber das realistische Ziel, sich von der Abstiegszone
fernzuhalten und für die Zukunft eine Perspektive zu erkennen. Dies ist dem
Team um Max Eberl und Michael Frontzeck eindrucksvoll gelungen. In den letzten
beiden Transferperioden wurde sehr klug und weitsichtig eingekauft. Ein Trend,
der sich zwingend fortsetzen muss, wenn man die finanziellen Nachteile
gegenüber den ständigen Europacup-Teilnehmern wettmachen möchte.
Nicht übersehen werden sollte, dass es zwischenzeitlich eine lange Durststrecke
von sieglosen Spielen gab, in denen am Projekt Kontinuität ernsthafte Zweifel
aufkamen. Dass Max Eberl in dieser Phase zu keiner Zeit zauderte, sondern an
seiner Trainerwahl festhielt, war die einzig richtige Entscheidung. Alles
andere wäre inkonsequent und in gewisser Weise sogar inkompetent gewesen.
Borussia hat von dieser Entscheidung profitiert, denn Michael Frontzeck hat in
dieser Vorrunde sehr vieles richtig gemacht. Sein Festhalten an einem System
und an einer Stammelf, an der er auch nach schwächeren Auftritten festhielt,
war ein ganz wesentlicher Erfolgsfaktor. Dante nimmt in der Defensive eine
absolute Führungsrolle ein, wie sie bei Borussia seit Patrik Andersson niemand
mehr ausgefüllt hat. Neben ihm wuchsen Roel Brouwers, Tobias Levels und -
zumindest bis zu den letzten Wochen - Jean-Sebastien Jaures über sich hinaus
und verliehen derselben Viererkette eine echte Qualität, der in der Vorsaison
noch regelmäßig von stärkeren Gegnern ihre Grenzen aufgezeigt wurde. Da ließ es
sich sogar verkraften, dass Logan Bailly nicht mehr an seine Vorjahres-Form
anknüpfte und insgesamt bislang eine nur durchschnittliche Saison spielt.
Vorne überstrahlt Shooting-Star Marco Reus für die Medien alles. Aber auch die
Bedeutung von einem Thorben Marx darf nicht unterschätzt werden, der stets
solide sein Pensum abspielt. Juan Arango macht zwar immer den Eindruck, als
könnte er noch mehr leisten. Aber selbst das, was er bislang zeigen konnte, ist
enorm wertvoll. Das durch Michael Bradley abgerundete Mittelfeld zeichnete sich
in der zweiten Hinrundenhälfte speziell durch seine Konstanz aus. Ein richtig
schwaches Spiel wurde uns spätestens seit dem HSV-Sieg nicht mehr präsentiert.
Man darf gespannt sein, ob es Borussia gelingt, diese Konstanz auch ins neue
Jahr rüberzuretten. Man hat schon viel erlebt als Borussen-Fan in den letzten
Jahrzehnten. Aber irgendwie hat man dieser Tage eben jenes Gefühl, dass doch
vieles anders ist als früher. Und mit diesem Gefühl läßt es sich sehr angenehm
in die Weihnachtszeit gehen und ins neue Jahr rutschen.
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