Die Vokabel „unverdient“ hat im Fußball gewöhnlich nicht viel verloren. Wenn nicht gerade Wettschieber, Papierkugeln oder Blechdosen über den Ausgang eines Spiels entscheiden, kommt es meistens doch zu einem gerechten Ende. Insbesondere über unverdiente Niederlagen zu nörgeln ist unangemessen, wenn man das Tor nicht trifft. Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder Sieg verdient sein muss und darum werden auch die euphorischsten Mainzer ihren 1:0-Sieg über Borussia Mönchengladbach als reichlich glücklich einstufen.
Eine kurze Beschreibung des Spiels, damit auch klar ist,
worüber wir hier reden: Nach bewegten Anfangsminuten, in denen sich Mainzer
Druck und Gladbacher Reaktion die Waage halten, setzen sich die Kombinationen
der Gäste immer mehr durch und führen zu einer Reihe von Chancen durch
Bobadilla, deren klarste der Argentinier freistehend auf den Mainzer Torhüter
Müller semmelt. Die Mainzer kommen in der 11. Minute zu ihrer einzigen Chance
des ganzen Spiels. Die Verkettung unglücklicher
Umstände in der 42. Minute, die von Reus´ Luftloch zu Svenssons
Schienbeinschoner und zum 1:0 führt, kann man nicht guten Gewissens unter
„Chance“ einreihen.
In der zweiten Halbzeit ziehen die Mainzer mit einer
Kombination aus Destruktion und Simulation die Borussen erfolgreich für eine
halbe Stunde auf Bezirksliganiveau herunter. Nach dem Aufwachen werden noch ein
paar Chancen glänzend vergeben und das Spiel ist aus. Und nun stellt sich die
Frage für die in allen Sorten von Auswärtsdesastern bewanderten Borussen:
Ärgert man sich mehr über eine richtige Klatsche, ein seelenloses sich ergeben
oder eine überlegen geführte und unnötig verlorene Partie? Welchen Trost kann
man aus der Tatsache ziehen, dass es sich um das beste Mönchengladbacher Spiel
in Mainz seit dem Sieg in der zweiten Liga 2001 handelt? Zählen nur die Punkte oder auch das Spiel?
Gerade an der letzten Frage lassen sich die Diskussionen
wunderbar entzünden. Auch ohne die Aussicht auf eine Antwort darauf wollen
wir das Thema ein bisschen beleuchten. Gerade in Mainz hat Borussia einige
ihrer ganz typischen Auswärtsspiele der „Nuller“Dekade hingelegt, wie man die
Jahre von 2000 bis 2009 nun benannt hat. Vielen Anhängern der Borussia, die in
dieser Zeit die Stadien von Rostock bis Freiburg besucht haben, kommt die
Bezeichnung sehr treffend vor. Typisch waren die Niederlagen dadurch, dass man
vergleichsweise chancenlos die Spiele abschenkte und anschließend auf gute
Ansätze verwies, die manchmal über gültige Einwürfe nicht hinausgingen.
Es gab in dieser unrühmlichen Zeit aber kaum ein
Spiel auswärts, in der der Gegner beherrscht wurde, ein klarer
Vorteil an Chancen heraussprang und die Niederlage nur durch ein unsagbar
dämliches Tor zu Stande kam. Den Unterschied zu damals macht heute vor allem
Dante aus, der mit seiner sehenswerten Zweikampfführung einen Wall gegen jeden
Angriff errichtet und der Bancé abkochte. Darauf baut die Solidität auf, mit
der die Borussen den Mainzer Druck zurückwiesen, und aus der heraus sie ihre
Gegenangriffe starteten.
Diese fanden ihren Abschluss fast immer über Bobadilla, den
Mann des Spiels gegen Bremen. Reihen von Chancen und kein Tor, man könnte
glauben, dass der Stürmer die Niederlage verschuldet hätte. Wirklich ärgern
muss er sich aber nur über die Chance, die er aus fünf Metern in die Arme von
Heinz Müller servierte, auch wenn er da wenig Zeit zur Reaktion hatte. Positiv
gesehen war der Argentinier der mit Abstand gefährlichste Stürmer auf dem Feld,
der mit viel Selbstbewusstsein und Spielwitz agierte und der in dieser Form
noch einige Treffer in dieser Saison herausholen wird.
Und ärgern muss man sich auch über die Zeit ca von der 45.
bis zur 75. Minute, als die Mainzer zu verstehen gaben, dass der Rest des
Spiels dessen Verzögerung gewidmet sein sollte. Elend viele unsaubere
Zweikämpfe vernichteten das Fußballspiel und bei Borussia fand sich keiner, der
den Faden wieder aufgenommen hätte. Man darf zwar positiv vermerken, dass Reus
und Arango eine Menge Arbeit in der eigenen Hälfte verrichteten, aber Reus
misslang nach vorne in dieser Zeit vieles, Arango raubte die Härte völlig den
Nerv. Diese verlorene Zeit sollte sich als genauso entscheidend für den
Spielausgang herausstellen wie die vergebenen Chancen zuvor. Es braucht
gereiftere Mannschaften als diese Borussia, um aus diesen Tiefen heraus wieder
zu einer überlegenen Spielführung zu finden. Das Team befindet sich auf einem
guten Weg, aber eben auf dem Weg.
Zurück zur Frage – was haben wir von den schönen Ansätzen,
wenn unterm Strich null Punkte mit nach Hause reisen? Das Wissen darum, dass
diese Mannschaft nicht jedes Spiel auswärts verlieren wird und nicht auf ein
paar Wunder an den letzten Spieltagen hoffen muss. Das Wissen darum, ein
gleichwertiger Gegner zu sein. Wer zuhause bis dato unbesiegte Mannschaften so
in die Seile treibt, ist kein Spielball mittelmäßiger Abstiegskandidaten mehr
und mit diesem Wissen verraucht der Ärger über eine Niederlage eher als über
eine richtige Klatsche. Dieses Team ist besser als mindestens drei andere der
Bundesliga, soviel sieht auch jeder Sichtbehinderte, abgesehen vielleicht von
Knut Kircher, der mit seinem Team in der Mainzer Spieldestruktion reichlich den
Überblick verlor. Freistöße, Verletzungspausen, Abseitssituationen, einfache
Einwürfe; über vieles konnte man sich bestens aufregen. Freilich ohne, dass man
die Niederlage am Spielleiter festmachen und als unverdient einordnen könnte.
Denn letzten Endes ist nur wichtig, wie oft der Ball die
Torlinie passiert.
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