Hat der alte
Hexemeister
Sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
Auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort und Werke
Merkt ich, und den Brauch,
und mit Geistesstärke
Tu ich Wunder auch.
(Der Zauberlehrling, Johann Wolfgang von Goethe)
Fußball
ist Emotion. Fußball ist Leidenschaft. Fußball ist Sucht. Wer vom Fußball-Virus
befallen ist, kann mit wildfremden Menschen zu jeder Tageszeit über vergangene
Tore, kuriose Szenen, grandiose Triumphe und bittere Niederlagen diskutieren. Außenstehende
schütteln hierüber meist den Kopf, aber das ist dem Fußballverückten egal. Wer
diese Leidenschaft nicht in sich hat, wird niemals mit völligem Genuss Nick
Hornbys Meisterwerk „Fever Pitch“ lesen und verstehen können. In einem solchen
Umfeld ist es völlig normal, das man mit der Bezeichnung „Wunder“ inflationär
umgeht. Was jedoch am 14.12.2008 geschah, schien tatsächlich ein kleines
Fußballwunder zu sein. An diesem Tag brachte der Aufsteiger und Liganeuling aus
Hoffenheim die Bundesliga-Herbstmeisterschaft unter Dach und Fach. Es war
weniger der Erfolg, der die Fußballfachwelt in Verzückung versetzte. Es war
vielmehr die Art, wie Hoffenheim mit Tempofußball die Bundesliga verzauberte.
Sollte dem Kraichgau tatsächlich ein neuer Zauberlehrling entsprungen sein, der
den Großen der Zunft das Konzept von modernem Fußball vorführt? Schließlich
musste es doch erklärbar sein, wie es ein Provinzclub schaffen konnte,
innerhalb von 18 Monaten aus den Niederungen der Regionalliga an die
Bundesligaspitze zu stürmen. Fakten, wie z.B. die aggressive Transferpolitik
der letzten Jahre, wurden nicht wahrgenommen. Nein, spektakulärer war die
Ansicht, dass bei den Süddeutschen ein glasklares Konzept besteht und dieses
überlegen war. Der Erfolg gab der Rangnick-Truppe ja Recht.
Seitdem
ist einiges schief gelaufen bei der TSG. Der Start in die Rückrunde misslang.
Zudem geriet die Mannschaft nach ihrem Auswärtsauftritt in Mönchengladbach
unter Doping-Verdacht und manch ein Zeitgenosse fragte sich nun, ob beim Wunder
Hoffenheim nicht doch ein wenig nachgeholfen wurde. Zwar bestätigte sich der
Verdacht nicht, allerdings konnten die Sinsheimer im Verlauf der Rückrunde nur
noch selten an den Glanz der Hinrunde anknüpfen und verpassten letztendlich einen
internationalen Startplatz. Im Sommer platzte dann die Mär, dass die Spieler
hauptsächlich wegen des schönen Umfelds in Hoffenheim spielen wollen. Der
senegalesische Stürmer Demba Ba lieferte sich mit seinem Arbeitgeber ein
Transfertheater vom Feinsten. Auch wenn Ba der Wechsel zum VfB Stuttgart
letztendlich verweigert wurde: Vereinsliebe sieht wohl anders aus. Auch in der
laufenden Saison konnte an das wahrlich glänzende Jahr 2009 nicht angeknüpft
werden. Nach einem durchaus vielversprechenden Start fand man sich am Ende der
Hinrunde im Mittelfeld auf Augenhöhe mit Vereinen wie Mainz, Frankfurt und eben
Mönchengladbach wieder. Das ist respektabel für eine Mannschaft, die gerade mal
ihre zweite Bundesligasaison spielt, aber offensichtlich viel zu wenig für
Hoffenheimer Ansprüche. Wie hoch diese sind, definierte Manager Jan
Schindelmeiser, als er in der Winterpause Hoffenheim auf Augenhöhe mit den
Spitzenclubs in Europa sah. Ein wirklich bemerkenswerter Ausspruch, sprach er
doch von einem Verein, der bis heute noch keine Europapokal-Partie absolviert
hat, geschweige denn einen bedeutenden nationalen Titel erringen konnte. Als
dann Hoffenheim kurz darauf von einem wirklichen europäischen Spitzenverein zum
Auftakt der Rückrunde in die Schranken gewiesen wurde, klang er moderater und
musste zugeben, dass sein Verein momentan eben nicht zur Spitze gehört – in
Deutschland übrigens. Konzepte währen in Hoffenheim mittlerweile äußerst kurz.
Dass
die sportliche Realität derzeit weit entfernt von den Hoffenheimer Ansprüchen
ist, liegt aber selbstverständlich in erster Linie an der Mannschaft. Schon in
der Sommerpause hielten es einige Spieler mit dem Erhalt der Fitness nicht so
genau. Egoismen prägen das Team und dies ist Gift für eine Spielphilosophie,
die von einer kollektiven Ballbeherrschung ausgeht. Sejad Salihovic forderte
daher mehr Disziplin von seinen Mannschaftskameraden. Dieser Appell scheint
jedoch ungehört zu verhallt zu sein. Der Start in die Rückrunde misslang
komplett. Nur einen Heimsieg gegen das derzeit völlig desolate Hannover 96
erkrampften sich die Kraichgauer. Dabei ist Potential zweifelsfrei vorhanden –
der Teamgeist fehlt. Und so ist die TSG genau dort angekommen, wo schon viele
Sternschnuppen des Fußballs verglühten. Schneller Erfolg birgt eben auch die
Gefahr der zu schnellen Zufriedenheit. Der Zauberlehrling, der auszog, anderen
die Kunst der Magie zu lehren, steht nun selbst entzaubert da.
Das Team aus Hoffenheim
Momentan
lamentiert man in Hoffenheim über Verletzungspech und in der Tat fallen mit
Obasi und Beck gegen die Borussia verletzungsbedingt wichtige Stützen aus. Auf
der anderen Seite verfügt man in Hoffenheim über einen breiten, ausgeglichenen
Kader und kann die meisten Positionen ohne größeren Qualitätsabfall besetzen.
Was in optimalen Zeiten bei der Rangnick-Truppe auf der Ersatzbank sitzt, hätte
bei so manchem Bundesligisten eine Stammplatzgarantie. Ex-Nationaltorhüter
Hildebrand ist die unumstrittene Nr. 1 im Tor der Kraichgauer. So unumstritten,
dass er sich sogar einen kleinen Disput mit Manager Schindelmeiser leisten
konnte, bei dem der ehemalige Stuttgarter Torwart am Ende mitteilte, dass er
die Leistung des Managers nicht kommentieren möchte. Seine bisherige Leistung
ist allerdings nicht der Grund für die aktuelle Krise. Vor
Hildebrand agiert eine Viererkette mit Josip Simunic und dem Ex-Gladbacher
Marvin Compper in der Innenverteidigung. Simunic spielt eine stabile Saison,
ohne allerdings an die Leistung der letzten Spielzeit anknüpfen zu können.
Interessant ist, dass ihm in Hoffenheim vorgeworfen wird, kein „Leader“ zu
sein. In Berlin beklagt man gleichzeitig, dass man mit ihm den Führungsspieler
in der Abwehr verloren habe und deshalb in der Hinrunde defensiv desolat spiele.
Letztendlich ist Simunic aber als Innenverteidiger unumstritten und wird
spielen. Neben ihm hat Ex-Nationalspieler Marvin Compper seinen Platz sicher.
Seit der Winterpause sind seine Leistungen allerdings sehr dürftig. Zudem ist
er zurzeit leicht angeschlagen, so dass es möglich ist, dass er durch Per Nilsson
ersetzt wird. Auf den Außenpositionen ersetzt der österreichische
Nationalspieler Andreas Ibertsberger rechts Andreas Beck, der aufgrund eines
Innenbandrisses ausfällt. Ibertsberger ist so etwas wie der Defensiv-Allrounder
und variabel einsetzbar. Allerdings fühlt er sich auf der linken Seite deutlich
wohler. Dort spielt allerdings Christian Eichner. Vom Bundesliga-Absteiger
Karlsruhe nach Hoffenheim gewechselt, absolviert er auf dieser Position eine
ordentliche Saison.
Hoffenheims Stärke liegt nicht nur im
Tempo, sondern auch in der Variabilität des Systems. Dank des breiten,
qualitativ hochwertigen Kaders kann man sich auf den Gegner einstellen und
wahlweise mit einem 4-5-1, 4-4-2 oder 4-3-3 spielen. Aufgrund der angespannten
personellen Situation ist diese Variabilität allerdings erheblich eingeschränkt.
Zwei absolute Schlüsselspieler im Hoffenheimer Mittelfeld sind gegen Gladbach
gesperrt. Der Verlust von Mittelfeldstratege Luiz Gustavo dürfte dabei nur
schwer aufgefangen werden. Er agierte vor der Abwehr und gibt einen klassischen
Sechser ab, über den das Spiel gesteuert wird. Ersetzen wird ihn
voraussichtlich der Ghanaer Isaac Vorsah. Der hat diesen Job bereits zu
Saisonbeginn erledigt und dabei durchaus überzeugen können. Ungleich schwerer
wiegt aber die Gelbsperre von Kapitän Sejad Salihovic. Der Bosnier dürfte kaum
zu ersetzen sein, ist er doch der Führungsspieler im Team. Boris Vukcevic ist
der aussichtsreichste Kandidat auf seiner Position im linken Mittelfeld zu
spielen. Ob der talentierte Shootingstar dieser Saison aber bereits in
kritischen Situationen die Ärmel hochkrempeln wird und den Antreiber spielt,
darf bezweifelt werden. Kein Mann fürs Ärmelhochkrempeln ist hingegen Carlos
Eduardo. Der Brasilianer ist einer der feinsten Spieler im Hoffenheimer
Mittelfeld, hat aber auch alle Allüren einer Primadonna. Im einen Kettenhund
auf die Füße zu stellen, wäre sicherlich eine Überlegung wert.
Im Sturmzentrum herrscht Vedad
Ibisevic. Auch wenn er vergangene Woche seine Torflaute beenden konnte, ist er
nicht mehr der Vollstrecker, der er noch in der letzten Saison war. Selten hat
eine Verletzung so deutlich einen Karriereknick eingeläutet, wie beim Bosnier.
Flankiert wird er vom Brasilianer Maicosuel, der sich nach anfänglichen
Anpassungsschwierigkeiten in das Stammteam spielen konnte. Fraglich ist
hingegen, ob Demba Ba die dritte Sturmspitze sein wird. Nach seiner Verletzung
fehlt ihm noch die Fitness. Ein Kandidat ist er aufgrund seiner Klasse auf
jeden Fall. Möglich ist, dass Prince Tagoe sein erstes Spiel von Beginn an
macht. Nach einem öffentlich geführten Theater wegen einer Kündigung aufgrund
seines Gesundheitszustandes durch den Verein kam er zuletzt immerhin zu
Kurzeinsätzen. Möglich ist aber auch, dass der bislang enttäuschende
Millioneneinkauf Franco Zuculini von Beginn an aufläuft und Vukcevic einen
offensiveren Part bekommt. Auch in der Krise und mit Personalproblemen hat
Hoffenheim immer noch eine hohe Qualität und ist zumindest auf dem Papier der
Favorit.
Die Borussia
Gegensätzlicher könnten die Situationen
wohl kaum sein. Gesperrt ist bei den Borussen niemand. Im Gegenteil, nach
abgesessener Gelbsperre rutscht Tobias Levels wieder ins Team und verweist Tony
Jantschke zurück ins zweite Glied. Das Krankenlager zeigt sich ebenfalls entspannt.
Von den Stammkräften fällt lediglich Mittelfeldspieler Thorben Marx aus, so
dass Marcel Meeuwis eine weitere Chance von Beginn an erhalten wird. Der
Niederländer strahlte im Heimspiel gegen Nünberg nicht die Sicherheit aus, die
man sich erhofft hatte, was aber nach seiner langen Abstinenz durchaus nachzuvollziehen
ist. Im Sturm kann Michael Frontzeck wieder auf sein gesamtes Personal
zurückgreifen. Es ist jedoch nicht zu erwarten, dass sich an der
Startformation Bobadilla/Colautti etwas
verändern wird. Rob Friend muss sich also weiterhin gedulden. Wie gering die
Abstände im Leistungspotential derzeit sind, zeigte sich ja im vergangenen
Heimspiel, als Friend/Matmour das argentinisch-israelisch Duo sofort
gleichwertig ersetzen konnte. Mönchengladbach wird also nahezu unverändert
auftreten können, was einen weiteren Unterschied zur Hoffenheimer Situation
darstellt. Während man bei den Kraichgauern sowohl bei Personal wie auch der
Taktik variabel auftritt und auch auftreten muss, setzen die Borussen auf ein
gefestigtes System. Wer die Auftritte in dieser Saison verfolgt hat, kommt zu
dem Schluss, dass sich dies bislang nicht gerade schädlich auf die Gladbacher
Spielkultur auswirkt. Am Niederrhein fährt man halt ein anderes Konzept und es
wird sich zeigen, welchem mehr Erfolg bescheinigt sein wird.
Aufstellungen
Hoffenheim: Hildebrand – Ibertsberger,
Simunic, Compper, Eichner – Vorsah – Eduardo, Zuculini – Vukcevic,
Ibisevic,
Maicosuel
Borussia: Bailly - Levels, Brouwers, Dante, Daems - Bradley, Meeuwis - Reus, Arango – Bobadilla,
Colautti
SEITENWAHL-Prognose
Thomas Häcki: Am Ende werden beide nicht zufrieden
sein. Die Hopp-Schützlinge, weil ihre Krise weiter anhält, die Fohlen, weil sie
ein überlegen geführtes Spiel wieder nicht mit einem Sieg belohnen konnten. 2:2
Mike Lukanz: Es wird Zeit, dem bereits gefühlten Klassenerhalt einen weiteren Schritt
Richtung fast sicheren entgegenzukommen. Borussia gewinnt etwas
glücklich, aber nicht unverdient mit 1:0.
Christoph Clausen: Ein Pünktchen in Hoffenheim könnte drin sein. Sagen wir 1:1.
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