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Im Sommer
1995 war die Borussen-Welt noch in Ordnung. Sowohl die schwarz-weiß-grüne als
auch die schwarz-gelbe. Im Düsseldorfer Rheinstadion trafen sich seinerzeit der
Meister aus Dortmund und der Pokalsieger aus Mönchengladbach zum Supercup,
rosige Zeiten für beide Vereine schienen möglich. Zwei Jahre später krönten die
Dortmunder die erfolgreichsten Jahre ihrer Vereinsgeschichte mit dem Gewinn der
Champions League, zur gleichen Zeit begann für die Mönchengladbacher
Namenscousine bereits der lange, bittere Weg in die Bedeutungslosigkeit.
Während die Elf vom Niederrhein sich sportlich bis heute nicht wirklich von
diesem Jahrzehnt erholt hat, mussten der BVB fast ebenso viele Jahre finanziell
ums Überleben kämpfen. Heute, im Jahr 2010, treffen sich zwei Vereine, deren Welt
zwar noch lange nicht so rosig ist wie anno 1995, die aber beide aus den
Fehlern der Vergangenheit gelernt haben.
Die
Pflanze der Hoffnung in Mönchengladbach ist nach wie vor zart, fast
zerbrechlich. Die laufende Spielzeit bietet vorsichtige Anzeichen für eine
bessere Zukunft, die noch in weiter Ferne liegt. Zehn Jahre zwischen zweiter
Liga und Abstiegskampf werden nicht in einer einzigen Spielzeit marginalisiert,
die Wunden werden lange brauchen, bis sie verheilen. Mit dem Pragmatiker Frontzeck
auf der Trainerbank und dem fleißigen Arbeiter Eberl als Sportdirektor kehrt
zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder Ruhe ins Umfeld. Eine Ruhe, die
zurzeit allen gut tut. Die Mannschaft agiert so gefestigt, dass sie nicht mehr
ernsthaft in den Abstiegsstrudel gerät, aber noch so labil, dass Hoffnungen auf
„mehr“ unmittelbar als schallende
Ohrfeige wie ein Bumerang zurückkommen. Es ist fast beängstigend zu sehen, wie
sehr die Entwicklung Borussias mit den Erwartungen der sportlichen Führung aus
dem vergangenen Sommer übereinstimmt. Ein Schritt nach vorne – ja, zwei
Schritte auf einmal – nein. Denn immer dann, wenn die Truppe den nächsten
Schritt hätte machen können, verlor sie oder gab Punkte ab. Im ersten Moment
der Niederlage ist dies für die Zuschauer frustrierend, da Geduld qua
definitionem nicht zu den natürlichen Stärken eines Menschen gehört, der Geld
dafür bezahlt, um einem 90-minütigen Wettstreit zweier Kontrahenten
beizuwohnen.
Doch die
Eberl’sche Autobahn nimmt Konturen an und es ist davon auszugehen, dass die
Bauarbeiten am nächsten Abschnitt mit der gleichen Akribie und notwendigen
Sorgfalt betrieben werden wie vergangenen Sommer. Die Mannschaft braucht auch
in der kommenden Saison keine Stars oder „Namen“, sie braucht weitere Eckpfeiler.
Sie braucht weitere Dantes, weitere Baillys, weitere Bradleys. Sie braucht für
ihre Autobahn keinen italienischen Sportwagen, sie braucht einen zuverlässigen
Golf. Der Sportwagen verspricht kurzfristiges Spektakel, bevor er
schlussendlich auf halber Strecke liegenbleibt, weil das Geld für die
nächste Tankfüllung fehlt. Das Ziel in vielen hundert Kilometern erreicht sie
jedoch nur mit dem Golf. Wenn sie ab und an fährt wie ein GTI, umso besser.
Der
Gegner aus Dortmund fuhr vor knapp zehn Jahren keinen italienischen Sportwagen,
sondern betrieb einen ganzen Fuhrpark davon. Getrieben und geblendet von
scheinbar nie versiegenden TV-Geldern und der Krone Europas gab man sich in
Dortmund der Illusion hin, endgültig zu den Bayern aufgeschlossen zu haben. Dumm
nur, dass die Tankfüllungen für die Sportwagen mit Geld bezahlt wurden, das es
erst im nächsten Etappenziel gab und dass zusätzlich der Sponsor des Rennens
weiterhin die horrenden Startprämien verweigerte. Zwar zuckte der angeschlagene
BV Borussia Dortmund 2002 noch einmal kurz, als er – noch mit teuren Stars –
die deutsche Meisterschaft ein weiteres Mal gewinnen konnte. Der finanziell
klinische Tod des Traditionsvereins stand jedoch kurz bevor. Dass der BVB diese
Phase überstanden hat, dürfte noch heute vielen Anhängern ein dreifaches Ave
Maria jeden Abend wert sein.
Ob Hans-Joachim
Watzke und Reinhard Rauball Golf- oder Sportwagen-Fahrer sind, ist nicht
bekannt. Tatsache ist, dass die beiden maßgeblich an der Rettung des BVB
beteiligt waren. Ex-Manager Michael Meier gibt inzwischen in Köln Geld aus, das
er nicht hat, doch im Ruhrgebiet wurden in den vergangenen Jahren wieder
kleinere Brötchen gebacken. Zwar gehörten die Schwarz-Gelben stets zu den Teams
der oberen Tabellenhälfte, die Konkurrenz aus München, Bremen, Leverkusen und –
zum Leidwesen aller Dortmunder – Gelsenkirchen ist jedoch enteilt. Mit der
Verpflichtung des Mainzer Trainers Jürgen Klopp schickt sich der BVB wieder an,
„oben“ anzuklopfen. In der vergangenen Saison verpassten die Dortmunder nach
einer spektakulären Serie in der Rückrunde erst am letzten Spieltag die
Qualifikation fürs internationale Geschäft durch ein 1:1-Unentschieden in –
genau – Mönchengladbach. Auch in dieser Saison verlief die Hinrunde eher
durchwachsen.
Dennoch
hat die Mannschaft wieder ein Gerüst und ein Gesicht. Roman Weidenfeller, Dede
oder Sebastian Kehl spielen schon seit vielen Jahren für den BVB, dazu besitzt
die Mannschaft mit Mats Hummels, Neven Subotic, Kevin Großkreutz oder Nuri
Sahin einige hochtalentierte Spieler. Zudem schlug Stürmer Lucas Barrios voll
ein und schloss das Loch im Sturm, das die Abgänge von Jan Koller und Ewerthon
vor einigen Jahren rissen. Keine Frage, die Mannschaft hat Substanz und
Potenzial. Doch auch in Dortmund ist man sich bewusst, dass der Weg zurück zu
höheren Weihen ein langjähriger sein wird. Eine positive Nebenwirkung hatte der
auf Pump finanzierte Erfolg Mitte der 1990er-Jahre dennoch: Der BVB rekrutierte
unzählige Fans in dieser Zeit, die dem Verein bis heute treu geblieben sind. Selbst
am Niederrhein sah der verstörte Beobachter junge Mädchen, die 1997 mit einem
gelb-schwarzen Lars-Ricken-Trikot herumliefen. Insofern nachvollziehbar, da die
Mönchengladbacher Borussia seinerzeit außer Uwe Kamps nicht viel zu bieten
hatte (und der war damals schon zu alt). Oder wer stand als Mädchen auf Peter
Wynhoff oder Thomas Kastenmeier, Sportwagen hin oder her?
Aufstellungen:
Dortmund:
Weidenfeller – Owomoyela, Subotic, Santana, Schmelzer – Kehl, Sahin – Kuba, Zidan,
Großkreutz – Barrios
Borussia: Bailly – Levels, Brouwers, Dante, Daems – Meeuwis,
Bradley – Reus, Arango – Colautti, Bobadilla
SEITENWAHL-Prognose
Mike
Lukanz: “In Dortmund zu bestehen, wäre
jetzt ein weiterer Schritt in der Entwicklung unserer Mannschaft“, wird Max
Eberl im kicker zitiert. Richtig Max, und nach Hamburg wird es langsam Zeit für
einen zweiten Überraschungssieg auf des Gegners Platz. Mit viel Optimismus und
wenig Realismus tippe ich ein 2:1 für die Gäste.
Michael Heinen: In Dortmund kann die Mannschaft
beweisen, dass Sie einen deutlichen Schritt nach vorne gemacht hat. Mit 2:2
trennt man sich in einem erneut spannenden Spiel.
Christian Spoo: Die Dortmunder werden bemüht sein,
die Scharte aus dem Revierderby auszuwetzen. Auch ohne Hummels und Barrios
gelingt ihnen das. Gladbach spielt gut mit, erweist sich jedoch abermals
als nicht treffsicher genug.
Falschborussia-Richtigborussia 3:1.
Christoph Clausen: Es war in der aktuellen
Freiburger Situation legitim, sich am eigenen Stafraum zu barrikadieren wie ein
Wild-West-Trek in seiner Wagenburg. Legitim, aber nicht schön. Die Dortmunder
werden hoffentlich anders agieren, so dass das Spiel attraktiver ausfallen
könnte. Seriöse Prognose zum Resultat unmöglich, im Kaffeesatz schimmert
undeutlich ein 2:2.
Thomas Häcki: Quo vadis
Borussia? Man kann nun relativ entspannt auf die unteren Regionen der Tabelle
schauen. Für höhere Weihen scheint im Moment aber noch die Qualität zu fehlen,
was in den letzten Spielen offenbar wurde. Dortmund hat zurzeit die Qualität
und das wird am Ende den Unterschied ausmachen. Aus dem klangvollen Signal-
Iduna-Park fährt man daher nach einem 1:2 ohne
Punkte nach Hause.
Christian Heimanns: 2:2
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