Bundesliga 2011/2012

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SEITENwechsel, der 112. Drucken
Geschrieben von Martin Zierold   
Donnerstag, 29 April 2010
SEITENwechsel Was lange gärt, wird endlich Wut, sagt der Dichter. In Martins Fall ist es umgekehrt: Er hat zwar lange auf sich warten lassen, ist jedoch handzahm. Seine Begründung, er habe in einer internetfreien Zone festgesessen, ist allerdings zweifelhaft (Gibt es die DDR noch?), und wären wir seine Ehefrau, würden wir jetzt an seinem Hemdkragen schnüffeln. Sind wir aber nicht, daher sagen wir: Mund abwischen und weiter, schließlich müssen noch sechs Punkte her. Und so antworten wir beim VfLog auf eine Antwort, die auf eine frühere Antwort antwortet, denn irgendwer muß den Laden ja in Schwung halten.


Lieber Joachim,

was soll ich sagen? Was kann ich schreiben, dass Dich verzeihen ließe, was ich mir habe zu Schulden kommen lassen? Ich kann nicht behaupten, temporär gelähmt gewesen zu sein, nicht vorbringen, einen schlimmen Unfall gehabt zu haben, nicht erläutern, ich sei in eine polizeiliche Untersuchung verwickelt worden und hätte nur einen Anruf tätigen dürfen, bei dem ich dann doch dem Fußballgott auf die Mailbox gesprochen habe, anstatt Dich anzurufen. Nein, ich war auf Dienstreise und hatte wider Erwarten einfach kein Internet. So einfach, so bescheuert ist das manchmal. Mea maxima culpa, und wenn wir uns demnächst einmal im Stadion treffen, dann hast Du ein besonders großes Bier, eine extra feine Bratwurst, ja überhaupt einen Wunsch frei. Verzeih!

Nun ist es aber zugleich in dieser Woche sehr viel einfacher, auf Deinen Brief zu antworten, als es dies vor dem Bayernspiel gewesen wäre. Heute wissen wir: Wir können nicht mehr absteigen. Wir können Frankfurt nicht mehr überholen. Gegen Köln bleibt es spannend, aber wir haben den Triumph in der eigenen Hand. Das ist eine gute Nachricht, eine schlechte Nachricht, und ein Spannungsmoment, mit dem man gerne in die letzten zwei Spieltage geht. Damit kann auch ich gut leben, ja, ich gebe zu, damit ist auch mir nach Feiern zu Mute.

Diese Stimmung wird durch zwei Faktoren noch unterstützt: Erstens haben wir uns wieder einmal um die Bundesliga verdient gemacht. Den unendlich selbstbewussten Bayern einen Punkt zu nehmen – eigentlich müsste man ja sagen: ihnen nur einen Punkt abzutreten –, das ist immer eine Freude und in der jetzigen Saisonphase eine besondere, sagen wir ruhig: Gaudi! Ich bin ja bekanntlich sehr dafür, dass Magath Meister wird. Nicht weil ich Schalke gut leiden könnte, sondern einfach, weil ich es so unendlich amüsant fände, Magath in drei Jahren bei drei verschiedenen Vereinen Meister werden zu sehen. Eine schönere Ohrfeige für den FCB kann man sich kaum ausmalen, und außerdem ist es immer hübsch, wenn man zu Lebzeiten einen Rekord miterlebt, von dem man ausgehen darf, dass er noch manche Jahre überdauern wird, wenn wir alle längst nicht mehr sind. Wenn dann im Jahre 2147 dereinst Michael 2FF 13G 0,222 Frontzeck zunächst mit Gladbach, dann mit Osnabrück Meister geworden sein wird, um dann einen Posten als Cheftrainer des VfLog Wuppertal anzutreten und die Kommentatoren über seine Chancen philosophieren, nun die dritte Meisterschaft in Folge beim dritten Verein einzufahren, dann werden sie auch über Magath sprechen. Und meine Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Urenkel werden sagen: „Wahnsinn, 2010! Damals hat doch Ur-Ur-Ur-Ur-Uropa Martin noch gelebt, dieser coole Hund, dessen Briefe uns Oma immer vorgelesen hat.“

Faktor zwei, der mich in Feierlaune bringt, ist so banal wie wirkungsvoll: das Wetter. Erst wenn die Sonne mal wieder zwei Tage scheint, merke ich, wie abhängig ich auf meine alten Tage von diesem dummen Wetter werde. Früher haben mir lange Winter nichts ausgemacht, heute spüre ich förmlich die Lethargie herankriechen, wenn der Herbst kommt, und erst die ersten Frühlingszeichen bringen wieder etwas Farbe in meine Welt. (Oder liegt das einfach am verbesserten Gladbacher Saisonverlauf? Früher war der Frühling keine Zeit der besonderen Freude, weil wir immer abgestiegen sind. Jetzt aber gibt es – q.e.d. – gar endlich mal wieder etwas zu feiern. Ein logischer Zirkelschluss? Ein sich selbst stabilisierendes autopoietisches System?!)

Wie dem auch sei, gegen Hannover müssen drei Punkte her, dass das man klar ist. Auf diese öde Stadt können wir in der Bundesliga gut verzichten, und schließlich müssen wir vor dem „F“C bleiben. Aber spannend bleibt die Frage, wie es sonst so ausschauen wird in zwei Wochen. Ich habe gerade einmal durchgetippt: Nach meiner Vorhersage wird Schalke Meister, allerdings musste ich dafür ein sehr optimistisches 16:0 gegen Mainz tippen. Bremen, Leverkusen und Dortmund sind am Ende punktgleich in dieser Reihenfolge auf den Plätzen 3, 4 und 5, absteigen werden erwartbar Berlin und Hannover mit Nürnberg (!) auf dem Relegationsplatz. Ach ja, und Gladbach landet selbstverständlich vor Hoffenheim (sogar mit drei Punkten Vorsprung) und dem „F“C (mit klaren fünf Punkten Abstand). Nun muss das alles nur noch wahr werden.

Damit ich leichter dran glauben kann: Wie heißt noch mal der Sekt Deiner Wahl genau? Und was kann man in Frankreich noch so alles lernen?

Fragt Dich, herzlich grüßend und immer noch sehr zerknirscht,

Dein Martin