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Ball und Babylon Drucken
Geschrieben von Christian Heimanns   
Mittwoch, 09 Juni 2010
„Kohmann! Kohmann schiesst!“ So klang es dramatisch aus den Röhrenfernsehern, damals zur EM 1988. Wir Jungs vor dem TV lachten, der Dramatik reichlich unangemessen, aber „Kohmann“ hatte ja auch vorbeigeschossen. Bei uns im Grenzgebiet zu den Niederlanden, am unteren Niederrhein, wusste jeder, dass Ronald Koeman nicht Kohmann sondern Kuhmann hieß, dass Ruud Gullit sich nicht wie Ruth Gully anhört und wo das Ei bei Frank Rijkaard versteckt ist. Der (bundes)deutschen Reporterschaft war das alles noch nicht so klar, sie tapste sich unbeholfen aber fröhlich durch die zahlreichen Fallen der niederländischen Aussprache und durch die der russischen, italienischen und dänischen dazu. Das war zu dieser Zeit kein großes Problem, heute würde man es mit Ronald oder Erwin Kohmann nicht mal zu RTL 2 schaffen.

Denn nach 1990 veränderte sich einfach alles. Schon einige Jahre vorher entwickelte sich Deutschland (West) zu einer Cappuccino- und Macchiato-Nation, lernte Fusilli von Tagliatelle zu unterscheiden und sogar, dass die Gnottschi, die sich Gnocchi schreiben, eigentlich Njocki heissen. Nescafe brachte noch in den 80ern eine Werbung, in der nur italienisch gesprochen wurde und Deutschland (noch west) verfiel dem Klang hemmungslos. Etwas später kam der berühmte Nescafe-Mann („isch ´abe gaa kain auto“), den die tausende von Liebesbriefen, die er aus Deutschland erhielt, ziemlich ratlos machten. Dass die liebenswerten Romanen uns selbstlos ihre Nudeln und ihren Kaffee schickten, sollte nicht unbeantwortet bleiben und so exportierte Deutschland (neu, jetzt auch mit Ost) seine Fußballspieler in rauen Mengen über die Alpen. Für die Spieler war es seinerzeit streng verpönt, des schnöden Mammons wegen zu wechseln. Im Nachhinein ist es amüsant wenn wir uns daran erinnern, dass selbst die größten Dumpfnasen den moralisch wachsamen Journalisten mitteilten, dass sie mit dem Wechsel eine neue Sprache und eine neue Kultur suchten; tatsächlich sagt es auch einiges über piefige Muckertum der alten BRD (ohne Ost) aus.

Auch die Reporter wollten geistig nicht im alten Deutschland bleiben und suchten sich eine neue Sprache. Sogar diverse Sprachen, aber als erstes war italienisch an der Reihe, jedenfalls nach der gelungenen Übersetzung von „Ran!“ zu „Ranissimo!“. Ein neuer Typ von Reportern wurde zur linguistischen Avantgarde, allen voran Reinhold Beckmann, der in seinen Sendungen lässig eine Showtreppe herabschritt um allen klar zu machen, um wen es sich bei „Ran!“ eigentlich drehte. Diese neue Generation lernte als erstes, wie man Torricelli, Schillaci und Ciro Ferrara ausspricht, Tacchinardi und Marocchi, und sie konnten Baggio von Bacio unterscheiden, jedenfalls grob. Von dieser Generation verunglückte keiner mehr mit Kapukino oder Kaffee Matschato, sie brachten Deutschland (west und ost) bei, dass die italienische Bundesliga eine Serie A ist und demonstriert bis heute ihr rollendes R.

Und dabei blieb es nicht. Spanische und franzöische Namen waren von je her kein Problem, als nächstes wurde Niederländisch sprachlich erobert und kein Chüllit oder van Chaal muss noch befürchten, dass sein Name in Deutschland (ganz) verunstaltet wird. Kuhmann auch nicht. Auch die skandinavischen Sprachen kommen inzwischen zu ihrem Recht; sonst könnte das ja nach sprachlichem Großmachttum aussehen, wenn deutsche Journalisten sich einfach weigern, Terje Hoog (offenes „o“ wie in „Socke“) richtig auszusprechen. Nicht mal vor portugiesisch macht die sprachliche Entdeckungslust halt, die nasale Aussprache der ao- und an-Laute wird ebenso eifrig geübt wie der Lautwechsel bei betontem und unbetontem o. Beispiel: „Lucio“ hören wir nunmehr oft richtig als „Lússju“ ausgesprochen. Aber Achtung! Im Portugiesischen wird das c nicht gelispelt, niemals. Der Reporter, dem das bedauerlicherweise unterlief, darf für die nächsten Jahre vermutlich nur noch Oberliga kommentieren, zur hämischen Bemerkung der Kollegen „Kapukino gefällig?“

Als nächstes könnte zum Beispiel russisch drankommen; da  gibt es von der Palatalisierung bis zum Lautwechsel der Vokale noch viel zu entdecken. Polnisch ist phonetisch gleichfalls reizvoll, rumänisch kann seit „Vasile Mirjutza“ als bewältigt gelten, das vertrackte irisch ist ein großes Ziel. Die Krönung wird eines Tages chinesisch sein, und wenn es ein Land gibt, dessen Reporter als erste die Unterscheidung der Tonmelodien von Mandarin, Hakka und Kantonesisch meistern, wird das zweifellos Deutschland sein. Nur, wozu das alles eigentlich? Niederländische Reporter sprechen deutsche Namen lustvoll holländisch aus, französische Reporter sind sprachlich und aussprachlich stets bewusste Franzosen, englische Reporter wissen nicht, dass es andere Aussprachen gibt. Der Drang der deutschen Reporter, sämtliche Sprachfamilien zumindest phonetisch zu beherrschen, ist nicht nur drollig sondern zeugt sicher auch von einer gewissen Aufgeschlossenheit. Vielleicht gab es auch mal einen geheimen Medienschwur, nie wieder über „Brzezinski“ zu stolpern, wer weiß. Nur, wäre es nicht sinnvoller, wenn Fußballkommenta-, Modera- und alle anderen Toren wenigstens Doppelpass und Direktspiel wieder auseinanderhalten könnten?

Denn daran hapert es leider gewaltig. Es muss ja nicht notwendig ein Zusammenhang zwischen der Entdeckung der Fremdsprachen und dem Verlust von fußballerischer Kompetenz bestehen, aber auffällig ist es schon. Seit Beckmann und Kerner müssen Reporter die Show beherrschen, dafür brauchen sie von dem, worüber sie so sprachgewandt philosophieren, nicht mehr viel zu wissen. Zwischen Volley und Dropkick konnten Reporter zuletzt in den 80ern unterscheiden, dafür war der damaligen Generation leider gänzlich unbekannt, welcher Spieler die meisten Ballkontakte in ungeraden Minuten hatte oder wer in der zweitletzten Saison die zweitmeisten Zweikämpfe verloren hatte. Heute bekommen die Reporter vor jedem Spiel eine Mappe hingelegt, die jeden noch so fachfremden Plauderer in die Lage versetzt, das Publikum mit sinnlosen Prozentwerten zu bombardieren, dafür können nicht mehr alle einen gewonnenen Zweikampf von einem verlorenen unterscheiden. Jeder angekommene Pass ist sofort „ein geniaaaler Pass!“, was logisch ist, sonst wäre er ja nicht angekommen. Außenristpässe sind per se „Weltklasse!!“ , was darauf hindeutet, dass die gegenwärtige TV-Zunft keine Spiele der Kreisklasse A sieht, wo derlei auch praktiziert wird. Sogar Hackentricks. Das Mysterium der Taktik ist sowieso undurchschaubar, darum lässt es sich umso gelöster darüber parlieren, der Zuschauer kann ja schließlich auch nicht mehr darüber wissen.

Die einzige echte Gefahr, die in diesem Zusammenhang bestand, ist auch schon eliminiert worden, nämlich dass man Hans Meyer mit einer unbedarften Frage in Rage bringt. Meyer, der tatsächlich zu der naiven Auffassung neigte, dass solche Fragen eine ernsthafte Antwort haben wollten, trainiert ja nicht mehr.

Wenn ich die Wahl hätte, würde ich lieber „Frank“ statt „Frooonck!“ hören, „Ksawi“ statt „Schabi“ und „grksl...dingsbums“ statt „Quagliarella“, sogar „Kohmann!“  wenn sich die Zunft in Radio, TV und Internet stattdessen wieder mit Ernst der eigentlichen Materie widmen würde, statt der Linguistik. Aber vielleicht sehe ich da auch Zusammenhänge, die es überhaupt nicht gibt und früher konnten die Reporter weder baskisch oder paläosibirisch, noch hatten sie Ahnung von Fußball. Guten Abend allerseits.