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Vorbericht, Spieltag 4: Alemannia Aachen |
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Geschrieben von Christian Heimanns
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Freitag, 15 September 2006 |
Man sieht sich immer zweimal.
Oder dreimal. Oder auch noch viel öfter, aber für das anstehende Wiedersehen
würden die Borussen in ihrer überwiegenden Mehrzahl befürworten, wenn es
vorläufig bei zweimal bleibt, nur Hin- und Rückrunde. Mit Aachen erwarten uns am Samstag quasi die Ersatzkölner.
Das Derby dieser Saison, das auf beiden Seiten höchst emotional erwartet wird,
auf Borussenseite aber mit noch wesentlich mehr Feuer. Zu frisch ist die
Erinnerung an die Pokalpleite, an den Namen Steinborn und an vollkommen
natürliche Handbewegungen, als dass der Name „Alemannia Aachen" nicht viele
Emotionen wecken würde. Keine guten. Dazu gesellen sich noch weitere
Erinnerungen, die den Abend damals für viele so richtig abrundeten. Endlose
Shuttlebusfahrten durch Aachen z.B. oder ein gepflegter Übungskessel der
Polizei vor dem Stadion; mittendrin Borussen die nicht wussten wie und warum
ihnen geschah. Manch einer verzichtet diesmal bewusst auf die Auswärtsfahrt,
von vielen aber ist zu hören „das sind für mich die wichtigsten Spiele dieser
Saison".
Borussia:
Eine dreiwöchige Ligapause gab
Gelegenheit für ein kleines Zwischenfazit. Der Saisonstart darf als geglückt
betrachtet werden; die beiden Siege wurden zwar nicht gegen stärkste Kundschaft
herausgespielt, aber auch diese Spiele müssen erst gewonnen werden. Die bisher
einzige Niederlage gab dabei am meisten Anlass zur Hoffnung, denn das Auftreten
in Nürnberg war für unsere Verhältnisse der letzten Jahre ungewohnt couragiert.
In diesem Spiel liess sich
deutlich mehr als in den beiden Heimsiegen erkennen, dass Borussia einen neuen
Trainer hat. Heynckes, der von sich sagt, schnelles Spiel nach vorne seit jeher
zu bevorzugen, braucht noch einige Zeit um der Mannschaft eine neue Spielweise
nahezubringen. Die Zeit sei ihm gerne zugestanden, dazu muss der Kader ja auch
noch so einige Neuzugänge integrieren, die nach drei Spieltagen praktisch noch
nicht zu beurteilen sind. Auch bei
manch unverhofft positiver Entwicklung ist noch abzuwarten, was in der
Praxis dabei herausspringt,, z.B. ob ein erschlankter Kahê wirklich die nötige
Spritzigkeit mitbringt, oder ob Sverkos schwierige Bälle auch gegen
Erstligisten annehmen kann.
Nun also Aachen. Für eine
Mannschaft wie Borussia, für die jede Auswärtsdarbietung eine Nagelprobe darstellt,
ist ein Spiel bei einer leidenschaftlichen Lauf- und Kampftruppe erst recht ein
Test. Ein bisschen mehr Eingespieltheit hätten wir uns für das Spiel schon
gewünscht, andererseits kommt uns der jetztige Zeitpunkt vielleicht auch ganz
recht.
Borussias Defensive
Dass mit Keller Gespräche für
eine Vertragsverlängerung geführt werden, freut uns alle. Die Viererkette davor steht
personell auch recht unverändert, von Nationalverteidiger Jansen über das
bisher solide Gespann Zé António - Svensson bis hin zu Bøgelund auf der rechten
Verteidigerposition. Die letztgenannte war Anfang der Saison die einzige, auf
der Unsicherheit herrschte; inzwischen dürfte der Däne den Platz sicher haben,
sofern er unverletzt bleibt.
Die vor einigen Wochen
durchgesprochenen Alternativen mit Daems auf links, wenn Jansen weiter
vorgezogen wird, und Kirch oder Svärd auf rechts sind im Moment reine Theorie.
Nachdem die zwar nicht richtig hochklassigen aber erfahrenen Ersatzspieler für
die Innenverteidigung abgegeben wurden, müssen wir aber hoffen dass Zé António
und Bo Svensson möglichst die ganze Saison unverletzt bleiben.
Die Positionen des (einen)
defensiven Mittelfeldspielers bekleidet bisher Eugen Polanski. Im ganzen
annehmbare Spiele mit gelegentlich eingestreuten Einzelfehlern kennzeichnen
seinen bisherigen Saisonverlauf; man muss ihm aber zu Gute halten, dass er mit
seinen 20 Jahren die vielleicht taktisch schwierigste Position der ganzen
Aufstellung einnimmt. Mit mehr Erfahrung wird er zwangsläufig besser werden,
wobei er nach wie vor seine Heissblütigkeit im Zweikampf im Zaum halten muss.
Borussias Offensive
Dieser Bereich wird von mehr
Wechseln betroffen, als uns lieb wäre. Während Sonck sich von einer seiner
zahlreichen Verletzungen erholt und sich an die Mannschaft heranarbeitet, kam
der OffensivGAU auf uns zu: Ein möglicher Ausfall von Neuville. Der
Nationalstürmer mag zwar nicht so oft treffen wie andere, ist aber durch seine
Laufarbeit und durch seine Fähigkeit, mal einen oder zwei Gegenspieler locker
in Dribbling und Spurt stehen lassen zu können, unverzichtbar. Zuletzt hiess
es, ein Antreten in Aachen wäre für ihn möglich; hoffen wir es sehr.
Die Planstelle offensives
Mittelfeld zentral besetzt unangefochten Federico Insua. Noch läuft nicht alles
wie gewünscht beim argentinischen Wieder-Nationalspieler, aber seine
Fähigkeiten waren schon zu sehen. Ballfähigkeiten und Passspiel sind eine
Augenweide, sollten aber pro Spiel häufiger zu sehen sein. Auch er kann mit
weiterlaufender Saison nur besser werden. Das Mittelfeld links leidet
unter der Verletzung von Kluge. Wenn er zu der beständig guten Form der letzten
Saison findet, wird Insua einen wertvollen Assistenten an seiner Seite haben.
Für das kommende Spiel ist zu erwarten, dass Hassan El Fakiri den Posten wieder
einnimmt,der diese Rolle zwar annehmbar, aber mit Luft nach oben ausgefüllt
hat.
David Degen trainiert zwar, wie
Kluge, mit der Mannschaft, ein Einsatz in Aachen erscheint im Moment aber
unwahrscheinlich. Oliver Kirch könnte die verbleibende Position im Mittelfeld
besetzen, denkbar ist aber auch eine Variante mit Thijs und Polanski, falls
Heynckes Stabilität wichtiger als Dynamik einschätzt.
Verbleibt der Posten des
zweiten Stürmers. Hier sammelte Sverkos beim Pokalspiel einige Pluspunkte, sein
Einsatz in Aachen wäre durchaus möglich, allerdings darf man vermuten, dass
Heynckes beim zu erwartenden intensiven Spiel zuerst einmal den unermüdlich
arbeitenden Kahê an den Start bringt.
Der Gegner aus Aachen
Sportlich ist die Alemannia
aufsteigertypisch in die Saison gestartet. Einem Desaster in Leverkusen folgte
das übliche „Lehrgeld zahlen" beim Heimspiel gegen Schalke, bei dem die
Gelsenkirchener dominiert wurden und trotzdem 0:1 siegten. Dann kam das Glück,
einen in Auflösung begriffenen Gegner zu erwischen: Der 3:0-Sieg in Hannover
zeugt mehr von der Schwäche der Hannoveraner zu diesem Zeitpunkt als von der
Stärke der Aachener. Natürlich traten hier nichtsdestoweniger ein paar Vorzüge
der Mannschaft zu Tage, wie auch schon gegen Schalke.
Das sportliche trat aber völlig
in den Hintergrund, nachdem das Spiel aus war. Aachens Trainer Dieter Hecking
fand Gefallen an der Idee, dem Trümmerhaufen 96 neues Leben einzuhauchen,
Aachen kassiert angeblich 750.000 Euro für die Auflösung des Vertrages.
Nachfolger ist seit Dienstag Michael Frontzeck. Die Ernennung des Ex-Borussen
war für die Aachener Fans ungefähr so als hätten wir statt Heynckes Stefan
Engels verpflichtet. Die Fanschar ist, gelinde gesagt, gespalten. Hoffentlich
weiß Frontzeck, dass in Aachen gegnerische Trainer schon mal mit Nägeln
beworfen wurden und hoffentlich wissen die Aachener, dass Frontzeck kein Gegner
ist. Hoffentlich werfen sie gar nichts.
Aachens Defensive
Vor der Saison zählte praktisch
jeder die Aachener zu den Abstiegskandidaten. Kaum ein Spieler, der sich
langfristig in der Bundesliga durchgesetzt hätte, ist in der Mannchaft
vertreten, die Abwehr zeugt besonders davon. Ins Tor kehrt nach seiner
Rotsperre Kristian Nicht zurück, davor versammeln sich Neuzugang Leiwakabessy,
der nicht eben als Sicherheitsgarant bekannte Moses Sichone, Klitzpera sowie
Sergio Pinto, der nach dem Spiel in Leverkusen zu Protokoll gab, man müsse auch
mal „mehr foul spielen und mit 5 Mann beim Schiedsrichter reklamieren."
Im defensiven Mittelfeld räumt
Rainer Plaßhenrich auf, der dort auch längerfristig Bundesliganiveau bringen
können sollte.
Aachens Offensive
Aachens Hoffnung für den
Klassenerhalt beruht darauf, zuhause den Gegner niederkämpfen und besiegen zu
können. Das fussballerische Mindestpotential sollen im Mittelfeld dafür
Christian Fiel mitbringen, der gelegentlich durchaus durch gute Schusstechnik
glänzen kann, Wandervogel Sascha Rösler sowie der 20jährige Sascha Dum, der für
ein Jahr von Leverkusen ausgeliehen wurde und bisher unbekümmert mitspielte.
Im Sturm sorgt vor allem ein
Name für Diskussionen, bei Aachenern, anderen und Borussen: Jan Schlaudraff.
Wir erinnern uns, er war von Borussia an Aachen ausgeliehen und Mitte der
letzten Saison endgültig abgegeben worden, gerade als er sich prächtig dort entwickelte.
Aus unserer Sicht weiter nicht ohne Magenschmerzen, Schlaudraff
verkörpert nämlich einen Großteil des fußballerischen Potentials in Aachen; war
nicht unerheblich für den Aufstieg und ist die entscheidende Hoffnung für den
Klassenverbleib.
Seine Stärken, die Technik und
Ballbehandlung auch in hoher Geschwindigkeit, seine Schnelligkeit waren schon
gegen Schalke zu sehen, gegen Hannover zeigte er seine Torgefährlichkeit.
An seiner Seite hat bisher
Marius Ebbers gespielt, der bisher aber nur einen guten Zweitligastürmer
abgibt. Hoher Einsatz und Laufbereitschaft sowie in der ersten Liga mangelnde
Trefferquote zeichnen sein Spiel. An seiner Stelle könnte auch Rückkehrer
Krontiris spielen, wahrscheinlicher aber ist ein Einsatz von Neuzugang Szilárd
Nemeth, seines Zeichens slowakischer Nationalstürmer und vom Typ ein schneller
Konterstürmer mit präzisem Schuss. Nach Gastspielen bei Middlesbrough, die
einmal über 6,5 Mio. Euro für ihn gezahlt haben sollen, und einer Ausleihe an
Racing Strasbourg ist nun abzuwarten, inwiefern Nemeth in der Bundesliga Fuß
fassen kann.
Schiedsrichter:
Kein Bange, Edgar
Steinborn - der Mann, dessen Namen mit van der Kroft in einem Atemzug
genannt
wird - ist nicht mehr an der Pfeife aktiv, er beurteilt für den DFB
jetzt in
der ersten und zweiten Liga Schiedsrichterleistungen. Wir lassen bewußt
dahingestellt, ob Steinborn dafür geeignet ist. Sollte der DFB ihn
dieses Wochenende doch mit Aachen betrauen, wird er die (hoffentlich
anstandslose) Leistung von Michael Weiner aus Giesen, einem Controller
im Hauptberuf, beurteilen können. Weiner galt in den letzten Jahren als
der Experte für Bochum-Spiele der Borussia, so pfiff er in deren
Abstiegsjahr 2004/05 beide Partien und sah im Ruhrstadion Holger Fach
letzten Arbeitstag. Jenen garnierte Weiner mit einem Platzverweis gegen
Jeff Strasser. Wir wollen an dieser Stelle hoffen, dass Herr Weiner
Borussia ein bisschen mehr Glück bringt, schließlich war sein letztes
Bundesligaspiel mit Borussias Beteiligung jenes scheußliche 2:5 in
Nürnberg in diesem Mai.
Bilanz:
Dieser Punkt ist von wenig
Aussagekraft gekennzeichnet, die letzten Vergleiche waren im Pokal oder in der
zweiten Liga, in der ersten sind sie schon länger her und sehen so aus: 3 Spiele in Aachen in den
Jahren 1968 bis 1970, eine Niederlage, ein Remis und, jawohl, ein Sieg
dortselbst bei 4:2 Toren für die Borussia.
Rennen, kämpfen, beissen, die
Heimstärke ausspielen, so will Aachen versuchen, die Klasse zu erhalten. Für
etablierte Bundesligisten muss das Rezept dagegen heissen, jederzeit in den
Zweikämpfen dagegenzuhalten und spielerische Überlegenheit durchzusetzen. Und
das muss bei dem Aachener Kader immer drin sein, mag sich das Publikum auf den
Rängen noch so lautstark und streckenweise so geistig minderbemittelt (wie bei den Gesängen
gegen die türkischen Spieler von Schalke) gebärden. Für alle, denen der Gedanke an das Pokalhalbfinale und den
verpassten Uefa-Cup noch heute Schmerzen bereitet, gibt es an dieser Stelle ein
Analgetikum: Wen haben wir bei unserem Aufstieg aus der Oberliga West 4
Spieltage vor Schluss an der Spitze abgelöst und für immer hinter uns gelassen?
Aufstellungen:
Borussia: Keller - Bøgelund, Svensson, Zé António, Jansen - El Fakiri, Polanski, Insúa, Kirch - Kahê,
Neuville.
Ersatz: Heimeroth, Delura,
Sverkos, van den Bergh, Levels, Thijs, Rafael, Helveg
Es fehlen: Sonck, Kluge, Degen
(Reha), Daems, Fleßers, Svärd (verletzt), Compper (Nebenhöhlenentzündung)
Aachen: Nicht - Pinto,
Klitzpera, Sichone, Leiwakabessy - Plaßhenrich, Dum, Rösler, Fiel -
Schlaudraff, Nemeth
Ersatz: Straub, Reghekampf,
Lehmann, Ibisevic, Hesse, Heidrich, Casper, Herzig, Krontiris
SEITENWAHL-Meinung:
Christian Heimanns: Optimismus ist zwar die Aufgabe von Mike, aber
bei den Voraussetzungen in Aachen muss man wirklich zulangen. 1:2 Sieg für uns bei der ersten Etappe der
Operation Revanche.
Thomas Zocher: Es liegt auf der Hand, dass man bei der
Vorgesichte einfach nicht jenes bedauernswerterweise denkwürdige
Pokalhalbfinale übergehen kann, welches am Ende kein regulärer Wettstreit mehr
sein durfte. Man sollte zwar tunlichst vermeiden deshalb leichtfertig
irgendwelche Dämlichkeiten in den Orbit zu pusten, zumal George Mbwando kein
Aachener mehr ist und der Fußballsport an sich noch niemals fair war, aber sich
einen Sieg wünschen ist deshalb auch noch nicht verboten. Möge Borussia deshalb
mit einem unabsichtlichen 1:0-Erfolg und Aachens Neuer, Michael Frontzeck, ein
paar Monate später mit dem Klassenerhalt belohnt werden.
Christoph Clausen: Als erstes Team gegen eine Mannschaft zu spielen,
die gerade den Trainer gewechselt hat, ist oft undankbar, des hinlänglich
beschriebenen psychologischen Effektes wegen. Diesmal indes könnte es anders
sein, schließlich hat die Alemannia den Trainerwechsel nicht, wie sonst üblich,
als Notbremse nach freiem Fall, sondern zu einem Gutteil unfreiwillig vollzogen. Das, und die Hoffnung, dass diesmal ein
ernstzunehmender Unparteischer für ein Fußball- statt eines Volleyballspiels
sorgt, nährt die Hoffnung auf einen Gladbacher Auswärtserfolg. Fällt der, wie
hier getippt, gar mit einem beruhigenden 3:1 aus - umso schöner.
Joachim Schwerin: Fällt mir nicht leicht. Ich denke 2:1, hoffe 1:2
und tippe 1:1.
Michael Heinen: Auswärts ist leider wieder nichts zu holen.
Unglücklich verlieren wir durch einen Handelfmeter mit 1:2.
Hans-Jürgen Görler: Der neue Besen, der auf den Namen Michael
Frontzeck hört, wird sicher einige Wochen in Aachen gut kehren, letztlich aber
doch nicht vermeiden können, dass der Klub sich ausschließlich mit dem
Abstiegskampf wird beschäftigen müssen. Am Sonnabend kehrt jedoch ausnahmsweise
wieder mal die Borussia erfolgreich auf fremdem Platz und fährt ein hart
erarbeitetes 1:0 ein.
Mike Lukanz: Das erste Auswärtsspiel der Saison in
Nürnberg war keine Fortsetzung der unsäglichen Auftritte auf des Gegners Platz,
sondern ein neuer Anfang. Was sich im Frankenland noch nicht in Punkte und Tore
widerspiegelte, zeigt in Aachen erste Erfolge. Zu einem Sieg reicht es bei
heimstarken Alemannen noch nicht, aber mit dem 2:2 werden beide Teams sehr gut
leben können.
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