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Home 2006/07 04, A, BL, Aachen
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Alemannia Aachen - Borussia M'gladbach 4:2 |
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Geschrieben von Mike Lukanz
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Samstag, 16 September 2006 |
Mit einem auch in dieser Höhe verdienten 2:4 beim Derby am Aachener
Tivoli hat Borussia den ersten richtigen Dämpfer der Saison hinnehmen
müssen. Nachdem man bereits nach der ersten Halbzeit mit zwei Toren in
Rückstand geraten war und dabei die mit Abstand schlechteste
Saisonleistung bot, sollte das Spiel nach dem Wiederanpfiff noch einmal
spannend werden, als Kahê per Kopf den Anschlusstreffer erzielen
konnte. Diese Spannung hielt gefühlte zehn Sekunden, denn beim direkten
Gegenangriff der Gastgeber konnte Marius Ebbers freistehend zum 3:1
einköpfen, womit das Spiel praktisch entschieden war. Nahe an der
Leistung der Borussia war die von Schiedsrichter Weiner, bei dessen
Entscheidungen sich mancher Offizielle beim DFB fragen sollte, ob die
Floskel „er habe eine Pause verdient" nicht auch für Schiedsrichter
gelte.
Wie angekündigt ließ Jupp Heynckes die gleiche Startelf in Aachen
beginnen, die vor drei Wochen beim letzten Bundesligaspiel gegen
Arminia Bielefeld beginnen durfte. Vor Kapitän Keller agierten Kasper
Bögelund, Bo Svensson, Ze António und Marcell Jansen. Im Mittelfeld
entschied sich Heynckes, anders noch als beim ersten Auswärtsspiel in
Nürnberg, gegen eine Aufstellung mit zwei defensiven Akteuren. Eugen
Polanski spielte dort ohne Nebenmann und sollte die Kreise von Aachens
spielstarkem Offensivtrio um Jan Schlaudraff, Sascha Rösler und Marius
Ebbers stören. Da weder Filip Daems noch Peer Kluge einsatzbereit
waren, musste erneut Hassan El-Fakiri auf der für ihn ungewohnten
linken Seite auflaufen. Oliver Kirch, der auch vom weiteren Ausfall
David Degens profitierte, sollte im rechten Mittelfeld an seiner guten
Leistung vom Spiel in Nürnberg anknüpfen. Offensiv zentral ist Federico
Insua gesetzt, auch wenn er heute zum ersten Mal festgestellt haben
dürfte, warum der europäische Fußball ein anderer ist als der, den er
aus Argentinien kennt. Neben dem ohnehin gesetzten Oliver Neuville hat
Kahê zur Zeit die Nase vorn, auch wenn Vaclav Sverkos mit seiner
Leistung im Pokalspiel in Roßbach ein Ausrufezeichen gesetzt hatte.
Als sich in den ersten Spielminuten ein unterhaltsames und schnelles
Spiel abzeichnete, hatte Schiedsrichter Michael Weiner seinen ersten,
großen Auftritt. Eine Flanke von der linken Aachener Seite prallte an
der Brust von Marcell Jansen ab. Dumm für den Nationalspieler, dass
seine Hände vor seiner Brust waren, denn dies reichte Weiner, um auf
absichtliches (!) Handspiel und somit auf Elfmeter für Aachen zu
entscheiden. Es gibt durchaus diskussionswürdige Situationen, und das
jede Woche, in jedem Stadion. Dieser Elfmeter jedoch war dermaßen
lächerlich, dass man sich durchaus fragen muss, welcher
Profilierungssucht Schiedsrichter wie Weiner eigentlich unterliegen.
Dass wieder ein Handspiel in Aachen ein Spiel (mit-)entscheidet, setzt
dem Ganzen noch die Krone auf. Laurentiu Reghecampf war dies alles
selbstredend egal und verwandelte den Strafstoß sicher. Der Tivoli
stand Kopf, Borussia lag in Rückstand und wusste noch nicht einmal,
warum.
Das, was in den folgenden 40 Minuten geschah, hatte noch nicht einmal
Michael Weiner zu verantworten. Gegen aggressiv aufspielende Gastgeber
wirkten Borussias Aktionen pomadig, plan- und lustlos. Unmotiviertes
Kurzpassspiel im Mittelfeld, ohne die Angreifer Kahê und Neuville
entscheidend in Szene setzen zu können. Eugen Polanski und Federico
Insua verloren regelmäßig ihre Zweikämpfe und speziell der Argentinier
wirkte wie ein Fremdkörper. Konnte er sich in den ersten drei Spielen
noch des öfteren geschickt in Szene setzen, ließen ihm die Aachener
kaum Raum zur Entfaltung. Hatte er dann ein paar Meter Raum, hielt er
den Ball zu lange oder verrannte sich in unnötige Dribblings. Nach
einer Viertelstunde die erste nennenswerte Offensivaktion der Gäste.
Eugen Polanski hatte sich über die linke Seite durchgesetzt und zog
eine halbhohe Flanke vors Tor, die Oliver Neuville am zweiten Pfosten
zwar erreichte, aber der Nationalspieler konnte nur noch im Rutschen
den Ball treffen und somit war die Chance vertan.
Nach circa 20 Minuten nahm Alemannia Aachen das Heft in die Hand, ohne
dass sie es der Borussia wirklich abnehmen musste, wollte man im Bild
bleiben. Angetrieben vom lautstarken Aachener Publikum entwickelte der
Aufsteiger meist dann Gefahr, wenn schnell und direkt auf die Außen
gespielt wurde, wo Schlaudraff, Rösler oder der oft aus dem Mittelfeld
nachrückende Sascha Dum ihre Gegenspieler nicht nur beschäftigten,
sondern oft überliefen, ausspielten oder mit einfach Doppelpässen
stehenließen. Besonders Kasper Bögelund hatte mit dem genannten Sascha
Dum ernsthafte Probleme, auch wenn der Däne, wie sich in der
Halbzeitpause herausstellte, muskuläre Probleme hatte und ausgewechselt
wurde. Seine Leistung allein in der ersten Halbzeit hätte diesen
Schritt dennoch gerechtfertigt.
Es sind diese Spiele wie das heutige, in denen so gut wie alles schief
läuft. Nach dem lachhaften Fehlurteil von Michael Weiner zu Beginn des
Spiels und dem enttäuschenden Auftritt der Mannschaft insgesamt, war es
die Entstehung des zweiten Aachener Tores, die allen Beobachtern
zeigte, dass heute kein Blumentopf zu gewinnen war. Eine im Grunde
harmlose, hoch geschlagene Flanke aus dem Mittelfeld stellte Torhüter
Keller und Ze António vor unlösbare Probleme. Der amerikanische
Schlussmann mit zögerlichem Herauslaufen, der Portugiese António mit
katastrophalem Stellungsspiel, die Zutaten für Schlaudraffs erstem Tor
gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber hätten einem Slapstick zu Ehre
gereicht. Schlaudraff nutzte die Konfusion und mangelnde Absprache der
beiden sonst so sicheren und souveränen Gladbacher, ersprintete sich
den Ball und schob mit links in das leere Gladbacher Tor ein.
Federico Insua schoss einen direkten Freistoss aus aussichtsreicher
Position noch unmotiviert und unplatziert über das Tor, als zur
Halbzeitpause gepfiffen wurde. Wenige Sekunden vorher der zweite
Auftritt von Schiri Weiner. Gleichwohl die 45 Minuten offiziell
abgelaufen waren, holte Borussia noch einen Eckball heraus. Leider war
Weiner anderer Auffassung, denn anstatt den Eckball für Borussia
ausführen zu lassen, pfiff er ab und schickte beide Mannschaften in die
Kabine.
Anders als sein Vorgänger, der mit Auswechslungen gerne bis kurz vor
Schluss wartete, tauschte Jupp Heynckes direkt zwei Spieler aus. Für
den schlecht spielenden und verletzten Bögelund kam Delura, für den
nicht verletzten, aber ebenso uninspiriert agierenden Insua feierte
Johannes van den Bergh eine Woche nach seinem ersten Profieinsatz im
Pokalspiel bei den Rheinländern (und nicht Pfälzern) aus Roßbach sein
Bundesligadebut. Taktisch stellte Heynckes damit auf das System mit
zwei defensiven Mittelfeldspielern um. El Fakiri stand nun Eugen
Polanski zur Seite, während Delura und van den Bergh die offensiveren
Mittelfeldspieler waren.
Heynckes schien in der Kabine die richtigen Worte gefunden zu haben,
denn die Mannschaft spielte von Wiederanpfiff an wie ausgewandelt.
Bereits die ersten Sekunden der zweiten Halbzeit ließen auf eine
entschlossenere Mannschaft aus Mönchengladbach schließen. Folgerichtig
fiel wenige Minuten später das Tor. Der Ecke, die zum Kopfballtor von
Kahê führte, war ein schöner Spielzug über die rechte Seite
vorausgegangen, an der Kirch, Kahê und Delura beteiligt waren.
Letztgenannter mit einem langen Sprint bis in den Strafraum, wo sein
Schuss zur bereits beschriebenen Ecke abgeblockt wurde.
An dieser Stelle ein kurzer Blick in die jüngere Vergangenheit: am
17.12.2005 gastierte die Frankfurter Eintracht im BorussiaPark. Auch an
diesem kalten Wintertag lag Borussia mit 0:2 hinten, auch an diesem Tag
gelang Borussia der Anschlusstreffer zu einem wichtigen Zeitpunkt
(damals Jansen kurz vor der Pause, heute Kahê kurz danach). Vielleicht
erinnern sich einige noch an die Szene im Dezember, als Francis Copado,
völlig frei und alleinstehend, auf Kasey Keller zulief, aber wegen
(unberechtigter) Abseitsstellung zurückgepfiffen wurde. Das
wahrscheinliche 3:1 hätte den Frankfurtern damals den Sieg gesichert,
so verlor man nach furioser Aufholjagd der Gastgeber und mit entfesselt
aufspielendem Oliver Neuville noch 3:4. Entfesselt spielte heute jedoch
nur Alemannia, und insbesondere Jan Schlaudraff. Während die anwesenden
Journalisten noch diskutierten, gegen wen sich Kahê beim Kopfball
durchsetzte, ließ Schlaudraff im Mittelfeld und unmittelbar nach
Wiederanpfiff mit einer simplen Körpertäuschung einen Gegenspieler
stehen, lief unbedrängt auf den rechten Flügel, von wo aus er eine
butterweiche Flanke in die Mitte schlug. Dort köpfte Marius Ebbers,
freundlich beobachtet von Svensson und Ze António, zum 3:1 ein, was den
Tivoli endgültig zum Kochen und die Borussia ebenso ultimativ auf die
Verliererstraße brachte.
Der Rest des Spiels ist schnell erzählt, da hier gewohnte Automatismen
griffen. Borussia wechselt noch einmal offensiv ein, hat mehr
Spielanteile, Ballkontakte, Ecken usw. Aachen zieht sich zurück, lauert
auf Konter. Borussia ist und bleibt am Drücker, hat jedoch keine
richtig große Chance mehr. Dass das 4:1 durch Schlaudraff ein
abgefälschter Schuss war, passt zum Bild des Spiels, soll die Leistung
der Aachener aber ebenso wenig schmälern wie die der Gladbacher
relativieren.
Natürlich sollte auch in dieser Halbzeit Michael Weiner seine Auftritte
haben. Nach einem Gerangel zwischen Moses Sichone und Kahê, in dessen
Folge der Aachener Verteidiger dem Brasilianer zumindest ansatzweise
einen Kopfstoß verpasst, zückte Weiner auch recht schnell die Gelbe
Karte. Doch, Sie ahnen es, nicht Sichone wurde verwarnt, sondern
tatsächlich Kahê. Eine sehr seltsame Regelauslegung, die der -
eigentlich - Unparteiische heute an den Tag legte. Jansen wird
angeschossen, was zum Elfmeter für Aachen führt, Kahê wird tätlich
angegriffen und erhält dafür die Gelbe Karte. Vielleicht hätte Borussia
am Ende drei Eigentore schießen sollen; wer weiß, ob Weiner nachher im
Spielberichtsbogen nicht 4:3 für das Auswärtsteam notiert hätte.
Doch, das soll nicht unterschlagen werden, einmal lag das
Schiedsrichtergespann vollends richtig. Die geistigen Tiefflieger, die
mit ihren rassistischen Äußerungen und Rufen gegenüber Kahê schon
während des Spiels auffielen, veranlassten Weiner dazu, über den
Stadionsprecher die Warnung bekanntgeben zu lassen, dass er, sofern
diese Äußerungen nicht unterlassen werden, das Spiel unterbricht oder
gar vollends abbrechen würde. Dass diese Schwachköpfe immer wieder
Gehör in den Stadien finden, ist dramatischer und ärgerlicher als jede
Derbyniederlage.
Mit dem Schlusspfiff erzielte Kahê den Ehrentreffer zum 2:4 und
lieferte, wie bereits Gerald Asamoah letzte Woche in Rostock, die beste
Antwort auf die Beleidigungen.
Wieder einmal setzt Borussia ein Auswärtsspiel in den Sand. Wieder
einmal verpasst sie es, ein Zeichen zu setzen. Wieder einmal enttäuscht
sie in einem für die Fans so wichtigen Derby. Ein Sieg heute wären mehr
als drei Punkte, mehr als eine Tabellenposition gewesen. Es sind die
Big Points, die es auch im Fußball gibt, diese Spiele, die eine
Mannschaft und ihr Umfeld über Wochen tragen können. Doch fehlt der
Mannschaft der letzte, der ultimative, der unbedingte Wille. In Aachen
kann man nicht glänzen, dort muss man sich jeden Punkt hart erarbeiten.
Den Kampf hat die Mannschaft nicht oder erst zu spät angenommen. Dass
man durch eine skandalöse Fehlentscheidung direkt zu Beginn ins
Hintertreffen gerät, ist bitter, passte jedoch nur zum Bild des
heutigen Auftritts. Hoffen kann man jedoch, dass mit dem heutigen Spiel
das Pech für die nächsten Wochen abgegolten ist. Ein unberechtigter
Elfmeter, ein „Klops" beim sonst fehlerfreien Torwart, ein
abgefälschter Schuss.
Positiv hervorzuheben ist wahrlich nur Kahê, der seinen Stammplatz -
zum Leidwesen Sverkos´ - zu festigen scheint. Der Rest der Mannschaft
fiel kollektiv ab, mit einigen Ausreißern negativer Art. Peter Pander
formulierte nach dem Spiel treffend, dass das nächste Spiel
glücklicherweise schon am Freitag sei, so dass die Mannschaft das
heutige Spiel schnell vergessen und sich eher auf das kommende
vorbereiten kann und soll.
Tore: 1:0 Reghecampf (6., Handelfmeter), 2:0 Schlaudraff (31.), 2:1 Kahê (50.), 3:1 (51.), 4:1 Schlaudraff (84.), 4:2 Kahê (90.)
Aachen: Nicht - S. Pinto, Herzig, Sichone, Leiwakabessy - Reghecampf
(M. Lehmann, 81), Plaßhenrich (Heidrich, 87), Dum (Noll, 75) - Rösler -
Schlaudraff, Ebbers.
Borussia: Borussia: Keller - Bögelund (van den Bergh, 46), Svensson, Zé
Antonio, Jansen - Polanski - El Fakiri (Sverkos, 67), Kirch - Insua
(Delura, 46)- Kâhe, Neuville.
Ersatz: Heimeroth - Thijs, Levels, Rafael.
Schiedsrichter: Michael Weiner
Zuschauer: 20.800
Datum, Spieltag: Samstag, 16. September 2006; 4. Spieltag 2006/07
Gelbe Karten (Borussia): Jansen, Kahê, Sverkos.
Gelb-Rote Karten: -
Rote Karten: -
Besondere Vorkommnisse: Das Spiel war Borussias 87. Auswärtsspiel seit
dem Wiederaufstieg. In diesen 87. Versuchen erreichte die Borussia 9
Siege, 26 Remis und 52 Niederlagen. Letztmalig in der ersten Bundesliga
trafen beide Mannschaften am 21. März 1970, ebenfalls in Aachen,
aufeinander. Erstmals in seiner Laufbahn zählte Johannes van den Bergh
zum Kader der Borussia für ein Bundesligaspiel, erst in der Vorwoche
hatte der Mittelfeldspieler im DFB-Pokal sein Debüt in Borussias
"Erster" gegeben und feierte heute seine Premiere in der Bundesliga.
Für Borussias Eigengewächs, späteren Nationalspieler und ehemaligen
Assistenztrainer Michael Frontzeck war das Spiel das erste Match als
Bundesligacheftrainer. Frontzeck war unter der Woche von Aachen als
Nachfolger seines ehemaligen Mannschaftskameraden bei der Borussia,
Dieter Hecking (jetzt Hannover 96), unter Vertrag genommen worden.
Aachens Doppeltorschütze Jan Schlaudraff traf gleich im ersten Spiel
gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber Borussia das Tor.
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