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Home Thomas Häcki Wider das Vergessen
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Wider das Vergessen |
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Geschrieben von Mike Lukanz
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Sonntag, 17 September 2006 |
Es sind manchmal die unscheinbaren Dinge, die dem Beobachter im
Gedächtnis bleiben. Fernab jeglicher Ergebnisse, äußerer Umstände und
der jeglicher Sachlichkeit vernichtenden Aktualität, die, sich immer
schneller drehend, den Blick auf das Wesentliche zu vernebeln scheint.
Dass es im Fußball immer nur ein heute, selten ein morgen und fast nie
ein gestern gibt, erscheint zuerst nicht als sonderlich herausragende
Feststellung, dennoch lohnt es sich ab und an, einen Schritt zurück zu
treten und dabei einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Just
Geschehenes isoliert zu betrachten führt oft zu einem verzerrten Bild.
Wagen wir also einen Blick und zurück und fragen uns: vergisst man so
schnell?
Ein oberflächlicher Blick über die Ergebnisse der Spielzeiten 2001/02
und 2002/03 reicht schon aus, um an einige bedeutende Spiele erinnert
zu werden. Im ersten Spiel nach dem Aufstieg 2001 bezwang Borussia bei
tropischen Temperaturen den frisch gekührten Champions-League-Sieger FC
Bayern mit 1:0 Toren, die Saison begann mit einem Paukenschlag. Für
mich bleibender in Erinnerung sind jedoch zwei Heimspiele der Saison
2002/03, als Borussia in der Rückrunde ernsthaft in Abstiegsnot geraten
war. Als Morten Skoubo in der 90. Minute mit einem phantastischen Heber
Jörg Butt überwand, somit das Unentschieden und - rückblickend lässt
sich das durchaus festhalten - wahrscheinlich den Klassenverbleib
sicherte, stand der Bökelberg Kopf. Bei sintflutartigem Regen
peitschten die 34.000 Zuschauer ihre Helden gegen den spielerisch und
technisch überlegenen Gegner auf dem Spielfeld nach vorne, um in der
Schlussminute durch den ewig Ungeliebten aus Dänemark erlöst zu werden.
Für jeden, der damals dabei war, ein bis heute unvergessliches, unter
die Haut gehendes Erlebnis.
Nur wenige Wochen später erlebte der Bökelberg, dessen näherrückender
Tod sich schon damals in Form des im Bau befindlichen BorussiaParks
abzeichnete, einen seiner letzten emotionalen Höhepunkte. Im
ausverkauften Stadion fegte Borussia den Spitzenclub aus Bremen mit 4:1
vom Platz, sicherte damit auch rechnerisch den Verbleib in der Liga.
Mikael Forssell gab sein Abschiedsspiel, schoss selber ein Tor in der
90. Minute, Hans Meyer, der wenige Wochen vorher entnervt
zurückgetreten war, und sein direkter Nachfolger Ewald Lienen ließen
sich nach Schlusspfiff gemeinsam vor der Nordkurve feiern. Bei den
Gästen hingegen herrschte Untergangsstimmung. Angereist in der
Hoffnung, den Sprung in die internationalen Ränge zu schaffen, schlich
man nach Spielende wie geprügelte Hunde vom Platz, wenngleich einige,
allen voran Thomas Schaaf, eine Benachteiligung durch den
Schiedsrichter erlebt haben wollen. Und in der Tat: Marcelo Pletsch
beförderte mit einem der brutalsten Fouls der letzten Jahre den Bremer
Markus Daun auf direktem Weg ins Krankenhaus. Dieses Einsteigen war
selbst Ewald Lienen auf den Magen geschlagen, der trotz der
ausgelassenen Stimmung nach dem Spiel sein Bedauern und seinen Ärger ob
dieser Aktion kundtat. Pletsch wurde nicht einmal mit der Gelben Karte
verwarnt, Bremen musste nach einer halben Stunde bereits das zweite Mal
auswechseln und zu allem Überfluss bekam Kapitän und Schlüsselspieler
Frank Verlaat nach 45 Minuten die Rote Karte, die Pletsch schon zehn
Minuten vorher hätte sehen müssen. Der Rest ist Geschichte: In Überzahl
und eine halbe Stunde vor Schluss ging Borussia durch Peer Kluge in
Führung und konterte die Bremer danach, getragen durch das
euphorisierte Publikum, weitere Male eiskalt aus.
Nun, warum diese Rückblicke? Diese Dinge gingen mir gestern durch den
Kopf, als ich den Tivoli erlebte. Ein Aufsteiger, der, nominell und
fußballerisch schlechter besetzt als der mit hohen Ansprüchen in die
Saison gestartete Gegner, mit Ehrgeiz, bissigem Zweikampfverhalten und
unbändigem Willen das Spiel anging. Dabei erlebt man speziell in
Stadien wie dem Tivoli eine sich aufschaukelnde Entwicklung. Die
Mannschaft rennt durch das Anpeitschen der eng am Spielfeldrand
stehenden Zuschauer einen Tick schneller, die Zuschauer feiern jeden
Zweikampf, jeden Ballbesitz, jede auf Kosten eines Einwurfs angesetzte
Grätsche immer lauter. Das Schiedsrichterglück auf der eigenen Seite,
ein verunsicherter und mit sich selbst und allem hadernder Gegner und
das Glück, dass der Ball nach einem Zweikampf im Zweifel immer vor die
eigenen denn vor des Gegners Füße fällt.
Interessant und bemerkenswert waren jedoch die Stimmen vieler
Mönchengladbacher Fans nach dem Spiel und selbst einen Tag danach. Von
„Bruchbude" war da die Rede, in der eine „fußballerisch limitierte
Mannschaft" spielt, die das „Glück und den Schiedsrichter auf der
Seite" hatte und am Ende der Saison „sowieso wieder absteigen" werde.
So schnell ändern sich also die Zeiten. Schaute man heute in die
Forenarchive der Mannschaften, die zwischen 2001 und 2004 Gast und
(meist) Verlierer am Bökelberg waren, wird man mit an Sicherheit
grenzender Wahrscheinlichkeit Ähnliches lesen. Was hat man in
Mönchengladbach über die neureichen Clubs aus Schalke, Dortmund oder
Hamburg geschimpft, die, über neue, moderne Stadien verfügend, sich so
abfällig über den kultigen Bökelberg äußerten und schlussendlich alle
erkennen mussten, dass die Trauben am Bökelberg schon immer sehr hoch
hingen.
In Aachen sieht man Borussia indes nicht anders. Der große, neureiche
Nachbarclub, mit fast 35.000 Mitgliedern, modernem Stadion, der Kader
gespickt mit Nationalspielern und zum Teil teuren Einkäufen, der dann
arrogant in die fußballerische Provinz fährt und übel verhauen wird.
Der gestrige Tag hat mir vor allem gezeigt, dass Borussia auf dem
richtigen Weg ist. Aachen lebt zur Zeit von seinem Kult. Doch bald
werden auch die Kaiserstädter merken, dass dieser Kult auf Dauer keinen
Klassenverbleib sichert und dass ein fast reines Stehplatzstadion keine
Einnahmen bringt. Sollen sie ihre Highlights haben und von mir aus auch
das Derby gewinnen, auch wenn es als Verlierender weh tut. Ich trauere
dem Bökelberg nicht nach, ich denke nur gerne an ihn zurück. Gestern
ganz besonders oft. Und weil ich dies tue, käme mir nie der Gedanken,
den Tivoli als „Bruchbude" oder die Aachener Mannschaft als
„fußballerisch limitiert" zu bezeichnen. Wenn man nach vorne schaut,
sollte man nicht zu lange in Vergangenem schwelgen. Nie jedoch sollte
vergessen werden, wo man selber herkommt. Wenn dafür eine Niederlage im
Derby herhalten muss, soll es so sein; es gibt ja Gott sei Dank ein
Rückspiel. Dann im BorussiaPark, auf den ich auch als Fan stolz bin.
Aber nur, weil ich den den Bökelberg nicht vergessen habe.
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