Die
etatmäßige Innenverteidigung um Dante und Roel Brouwers wird wieder nicht zur
Verfügung stehen, da beide – genau wie 5 weitere Borussen – verletzt ausfallen.
Mit Marco Fritz pfeift ein junger Referee sein erstes Bundesliga-Spiel mit Borussen-Beteiligung.
Im schlimmsten Fall schließt er sich ob seiner Unerfahrenheit der Schiedsrichter-Richtlinie
dieser Saison an, „im Zweifel gegen Borussia“ zu entscheiden. Mit Hannover 96
kommt ein konterstarker Gegner, der zuletzt drei Siege hintereinander einfuhr. Die
Platzbedingungen werden angesichts des Wetters alles andere als ideal sein.
Ausreden
für eine neuerliche Heimpleite gäbe es genug. Gelten lassen wird man aber keine
einzige von ihnen. Egal, was am kommenden Samstag passiert. Alles andere als
der erste Heimsieg dieser Saison ist in unserer momentanen Situation nicht akzeptabel.
Hannover 96
Da darf es
nicht interessieren, dass mit Hannover 96 der aktuelle Tabellen-Vierte anreist,
der wie keine zweite Mannschaft vor Saisonbeginn unterschätzt worden war. Eine
schwache Vorsaison reichte aus, um die Elf von Mirko Slomka zum Abstiegskandidaten
Nr. 1 zu stempeln. Dabei hat diese geschafft, wovon man in Mönchengladbach noch
einen gewaltigen Schritt entfernt ist – sich als fester Bestandteil der Bundesliga
zu etablieren. Seit 2002 spielen die Niedersachsen kontinuierlich in Liga 1 und
sind damit von allen Aufsteigern der letzten 10 Jahre der einzige, der sich länger
als 5 Spielzeiten hintereinander erfolgreich in der Liga halten konnte. Ein beachtlicher
Erfolg, wenn man bedenkt, dass die durchschnittliche
Verweildauer für einen Aufsteiger in diesem Zeitraum bei knapp 2 ½ Jahren
liegt.
Das graue
Maus-Image können die 96er dennoch nur schwer ablegen, zumal sie im Norden des
Landes seit jeher im Schatten der Hansestädter aus Bremen und Hamburg stehen
und durch den VW-erkauften Aufschwung in Wolfsburg inzwischen gar zur Nr. 4
abstiegen. Da kommt es ihnen umso mehr gelegen, dass in diesem Jahr die
norddeutsche Fußballwelt verrückt spielt. Während die regionale Konkurrenz
schwächelt, schummelte sich 96 bis auf Platz 4 der Tabelle vor. Vereinzelt wird
sogar schon vom Eintritt ins internationale Geschäft geträumt. Welche Gefahren
eine solch überzogene Erwartungshaltung in sich birgt, davon könnten wir
Borussen unseren Gästen ein leidvolles Lied trällern.
Die bisherigen
Saisonleistungen der Gäste sind von einer gewissen Unkonstanz geprägt. Das schwere
Auftaktprogramm wurde mit 4 Siegen aus 6 Spielen und einem zwischenzeitlichen
3. Platz sensationell gut bewältigt. Darauf folgte aber eine Serie von 4
Niederlagen in 5 Partien, die einen Absturz zurück auf Platz 10 zur Folge
hatte, ehe die letzten drei Siege die Rückkehr ins obere Tabellendrittel
bewirkten.
Auswärts
zeichnet sich Hannover durch eine gehörige Effizienz aus. Obwohl erst 4 eigene
Tore erzielt werden konnten, reichte dies dank drei knapper Auswärtssiege in
Gelsenkirchen, Kaiserslautern und Mainz zu 9 Punkten. Diese waren einer gut
gestaffelten Defensive zu verdanken, die den Gegnern nur wenige Chancen zuließ
sowie einer enorm kaltschnäuzigen Offensive.
Letztere
ist durch ein gut harmonierendes afrikanisches Sturmduo geprägt. Während der Ivorer
Ya Konan zuletzt mit einem Tor und zwei Assists beim 3:0-Sieg über Freiburg
hervorstach, wird der Norweger marokkanischer Abstammung Abdellaoue
verletzungsbedingt fehlen. Ihn ersetzt mit Jan Schlaudraff ein Ex-Borusse, der
noch vor wenigen Wochen endgültig auf dem Abstellgleis gelandet schien, ehe
seine letzten Auftritte wieder Hoffnungen auf ein erfolgreiches Comeback des Kurzzeit-Nationalspielers
weckten. Aber bei aller Begeisterung ob der neu entdeckten Möglichkeiten in der
Offensive: keine andere Bundesligamannschaft erspielte sich in dieser Saison bislang
so wenige Torchancen und erzielte auswärts so wenige Tore wie Hannover.
Die
Defensive war für Hannover in den letzten beiden Spielzeiten ein Alptraum, als
man selbst mit dem damals besten Torhüter des Landes die Schießbude der Liga stellte.
Anders als Borussia reagierte der Verein vor dieser Saison und verpflichtete
mit Emanuel Pogatetz einen starken Innenverteidiger, der sowohl in der Premier League
beim FC Middelsbrough wie auch in der österreichischen Nationalmannschaft die
Kapitänsbinde trug. An seiner Seite richten sich Durchschnittskicker wie Schulz,
Haggui und Eggimann auf, wie wir es nach der Verpflichtung von Dante bei Levels
und Brouwers erleben durften. Ein weiterer Beleg, welche Wirkung der gezielte
Einbau von echter Qualität haben kann und der die Verantwortlichen von Borussia
dazu animieren sollte, im Winter die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen.
Borussia
Damit
wären wir auch schon beim größten Sorgenkind der Liga. Denn bei aller
öffentlichen Jammerei ob der Schicksale von Schalke, Wolfsburg, Stuttgart oder
Bremen. Die Nr. 1 der bedrohten Vereine kommt angesichts von 10 Punkten aus 14
Spielen eindeutig vom Niederrhein. Noch dramatischer fällt die Heimbilanz aus,
wo lediglich 3 Unentschieden auf der Habenseite zu verzeichnen sind. Die
einstige Festung Borussia-Park mutiert immer mehr zum Selbstbedienungsladen,
obwohl die Gegner (u. a. Nürnberg, Frankfurt, St. Pauli, Wolfsburg, Bremen)
nicht unbedingt zur diesjährigen High Society der Liga gehörten.
Die Gründe
hierfür wurden zuletzt oft genug diskutiert. Der ewige Verweis auf die Verletztenliste
sollte sich so langsam abgenutzt haben. Bis auf die beiden Innenverteidiger
fehlt kein einziger Stammspieler und der Ausfall von zwei Stammkräften ist kein
so ungewöhnliches Ereignis, als dass man hieraus ein Alibi für die versagenden „Ersatz“-Spieler
ableiten sollte.
Fakt ist
leider, dass sich die komplette verbleibende Abwehr von Borussia als untauglich
erwiesen hat. Die Abhängigkeit von den Qualitäten eines Dante ist weit größer,
als es zu Saisonbeginn erwartet werden konnte. Es mutet beinahe aberwitzig an,
wenn bereits ein maximal durchschnittlicher Einsatz eines Jan-Ingwer
Callsen-Bracker als Hoffnungsschimmer einer dahin dilettierenden Defensivcombo
gesehen werden muss. Der Ex-Leverkusener profitierte in Dortmund von der noch schwächeren
Leistung seines Nebenmanns Bamba Anderson. Da Roel Brouwers noch mindestens
eine weitere Woche aussetzen muss, wird Borussia defensiv in der gleichen
Besetzung auflaufen müssen wie zuletzt.
Fragezeichen
bestehen in der Offensive, wo vorige Woche Juan Arango und Raul Bobadilla auf
der Bank Platz nehmen mussten und sich laut Boulevardpresse nicht erfreut
zeigten. Für die beiden könnten Patrick Herrmann und der Ex-Hannoveraner Mo
Idrissou Platz machen. Für Bobadilla spricht, dass er zuletzt in Köln mit den widrigen
Wetterbedingungen optimal zurecht kam. Juan Arango wiederum steht nicht im Ruf,
ein ausgewiesener Freund eisiger Kälteperioden zu sein. Da die Offensive aber
unabhängig von ihrer Besetzung regelmäßig überzeugt, wird die Frage nach der
konkreten Aufstellung keine so tragende Rolle spielen.
Interessant
hätte es vielmehr sein können, ob Michael Frontzeck auf die Krise mit einer Umstellung
des Systems reagiert. Insbesondere die Besetzung der vermeintlichen Doppel-6
ist mit dem relativ offensiven Duo Marx/Bradley zu hinterfragen, da sie der
chaotischen Viererkette offensichtlich zu wenig Halt bietet. Da mit Roman
Neustädter nur ein Ersatzspieler zur Verfügung steht, der sich im Spiel gegen
Eintracht Frankfurt nicht so recht bewährte, wird sich bis zum Winter aber nicht
viel ändern können. Entsprechend äußerte sich Frontzeck auf der Pressekonferenz,
dass große Überraschungen kaum zu erwarten sein werden.
Rein
tabellarisch wäre es eine Überraschung, wenn der Letzte den Vierten schlägt. Betrachtet
man die individuelle Klasse der beiden Mannschaften, so rechtfertigt dies bestimmt
keine 15 Punkte Unterschied. Vielmehr zeigt sich eindrucksvoll, wie sich Situationen
im Guten wie im Schlechten verselbstständigen können und wie schnell man sich in
einem Positiv- oder auch Negativlauf wiederfindet, der dann nur ganz schwer zu
stoppen ist. Dass dies funktionieren kann, hat Borussia in der Vergangenheit
oft genug unter Beweis gestellt. Phrasendrescher sprechen dann vom nötigen „Erfolgserlebnis“,
das „den Knoten platzen lassen“ soll. Borussia konnte bei seinen Derby-Siegen gegen Leverkusen und Köln in jüngster Zeit gleich zwei Knoten durchschlagen, um sich
in den darauf folgenden Partien gleich wieder im nächsten zu verfangen. Von
daher wäre selbst ein Heimsieg nicht mehr als ein erster Schritt heraus
aus der Talsohle. Zunächst einmal muss dieser Schritt aber zwingend
gegangen werden, will man im Winter überhaupt noch eine realistische Chance auf
den Klassenerhalt haben. Weitere Punktverluste im heimischen Stadion gegen
einen Gegner auf (vermeintlicher) Augenhöhe könnten evtl. bereits eine vorentscheidende
Bedeutung haben.
Borussia:
Heimeroth – Levels, Anderson, Callsen-Bracker, Daems – Reus, Bradley, Marx, Arango – Bobadilla, de
Camargo
Hannover: Fromlowitz
– Cherundolo, Eggimann, Pogatetz, Schulz – Stindl, Schmiedebach, Pinto, Rausch
– Ya Konan, Schlaudraff
SEITENWAHL-Tipps:
Michael Heinen: Sensation im Borussia-Park: Es
gibt mal wieder einen Heimsieg. Und zwar am 5. Juli, wenn die deutsche Frauen-Nationalmannschaft Frankreich schlägt. Am kommenden Samstag wird es für Borussia nur zu einem 2:2 reichen.
Christoph Clausen: Die Zeit ist reif für eine Portion
willing suspension of disbelief. Also: Borussia gewinnt mit 4:3. Auch eine Art,
die Defensivprobleme zu lösen.
Thomas
Häcki: Business as usual im Borussen-Park. Vorne erstklassig, hinten
drittklassig und das reicht eben nicht für die Bundesliga. Nach dem ersten Tor
kommt der Zusammenbruch. Hannover gewinnt 4:1 und zwar leistungsgerecht.
Christian Heimanns: Nicht jedesmal reichen drei
Vorlagen auf Hannoveraner Verteidiger, um Gegentore mit Eigentoren zu toppen.
Es reicht noch zu einem 2:2, das für Borussia mehr Motivationswert hat.
Christian Spoo: Bei kaltem Winterwetter liefern
sich beide Teams ein zähes Spiel, das 2:2 hilft Borussia nicht wirklich weiter.
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