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Home Interviews "Marcell strebt eine internationale Karriere an"
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"Marcell strebt eine internationale Karriere an" |
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Geschrieben von Mike Lukanz
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Dienstag, 19 September 2006 |
Der 4. Spieltag ist gelaufen, ebenso die erste Runde im DFB-Pokal. Die
Transferperiode im Sommer lief vor drei Wochen ab. Zeit, mit Sportdirektor Peter Pander eine erste
Bilanz zu ziehen. Wir sprachen mit ihm
über den Saisonstart, den Kooperationsvertrag mit Boca Juniors, die
Ansprüche von Marcell Jansen und den Problemen der Vereine im heutigen
Transfergeschäft. Abschließend Pander erzählt zum ersten Mal, warum er gegen
seiner sonstigen Überzeugung einen Trainer duzt.
SEITENWAHL: „Herr Pander, im Sommer wurden fünf Transfers getätigt. Ein
renommierter und akzeptierter Trainer wurde verpflichtet. Platz 10 in
der Tabelle und die zweite Hauptrunde des DFB-Pokals. Friede, Freude,
Eierkuchen in Möchengladbach?"
Pander: „Es liegt noch ein weiter Weg vor uns, denn eine
Bundesligasaison besteht aus 34 Spieltagen. Insofern werden wir nicht
anfangen Träume zu entwickeln. Wenn man die Mannschaft und ihr
Auftreten sieht - von Aachen einmal abgesehen -, dann lässt sich schon
konstatieren, dass sich da einiges verbessert hat, aber wir sind noch
lange nicht am Ziel. Es werden Rückschläge, es werden Niederlagen
kommen und darauf müssen und werden wir vorbereitet sein. Unser Ziel
bleibt, Borussia in zwei bis drei Jahren wieder nach oben zu führen. Da
schließe ich alle mit ein, meine Person natürlich auch. Eine solche
Aufgabe ist kein Produkt eines Einzelnen, da müssen alle an einem
Strang ziehen: die Mannschaft, das Präsidium, das Management, der
Trainerstab und die Fans.
SEITENWAHL: „Zum Zeitpunkt des letzten Interviews, das Sie SEITENWAHL
gegeben haben, war Borussia ähnlich gut gestartet (nach dem 7. Spieltag
2005/06, Anm. d. Red.). Dennoch scheint es, dass die Stimmung -
zumindest bis letzten Samstag - in diesem Jahr anders, positiver ist.
Zur gleichen Zeit in der letzten Saison waren sowohl die Medien als
auch die Fans ungeduldiger und angespannter. Wie erklären Sie sich
diese nun vorhandene Zufriedenheit und Lockerheit?"
Pander: „Nun, es liegt sicher auch am gesamten Auftreten der
Mannschaft. Nach dem Trainerwechsel, der natürlich für Diskussionen
gesorgt hatte, war man anfangs schon unsicher. Zwar ein neuer Trainer
mit Reputation, aber natürlich wurden in diesem Zusammenhang die
Geschichten aus Schalke aufgewärmt, die zum größten Teil gar nicht der
Wahrheit entsprachen. Der Kader wurde verändert, wir haben uns auch von
altgedienten Spielern getrennt und die Vorbereitung verlief - zumindest
in den Ergebnissen - nicht so, wie man sich das im optimalen Fall
vorstellt. Aber Vorbereitung ist Vorbereitung. Wir sind dann mit einem
Heimsieg gegen einen schwer zu spielenden Gegner in die Saison
gestartet, haben in Nürnberg eine sehr ordentliche Leistung geboten, zu
Hause verdient Arminia Bielefeld geschlagen und haben die erste Runde
im Pokal gemeistert. In Aaachen haben wir uns leider von einer Seite
gezeigt, die wir nicht akzeptieren können, darüber ist intern auch
schon gesprochen worden. Insgesamt präsentieren sich die Mannschaft und
der Verein gut und ordentlich, das merken die Menschen. Wir haben
wieder junge Spieler in die Mannschaft eingebaut, weil wir davon
überzeugt sind, dass das der Weg ist, den Borussia in Zukunft gehen
muss und wird. Natürlich wird es immer qualitative Transfers wie den
von Insua geben, aber die Jugend wird immer ihre Chance bei Borussia
bekommen.
SEITENWAHL: „Sie sprachen vom Trainerwechsel. Wir wollen das nicht mehr
aufwärmen, sondern über die Jahreshauptversammlung 2006 sprechen, auf
der Sie - für viele Beobachter überraschend - zum ersten Mal als Person
zum Teil massiv und auch persönlich angegriffen worden sind. Hat Sie
das in der Form überrascht oder gar getroffen?"
Pander: „Wie Sie wissen, haben wir einen Tag vor der JHV die Trennung
von Horst Köppel bekanntgegeben. Insofern war uns bewusst und klar,
dass das bei einigen auf Widerstand treffen wird und dies auf der JHV
dementsprechend artikuliert wird. Ich habe, das sage ich ganz offen,
aber kein Verständnis, wenn Mitglieder absolut unsachlich und
persönlich werden. Das bringt keinem etwas. Wir stellen uns den Fragen
der Mitglieder und der Fans, aber es muss einigermaßen sachlich
bleiben. Wir haben immer gesagt, dass wir mit einer klaren Entscheidung
in diese Jahreshauptversammlung gehen, und das haben wir getan."
SEITENWAHL: „Sie wirkten, auch wenn Sie die Diskussion an diesem Abend wieder versachlicht hatten, verärgert ob dieser Kritik."
Pander: „Ja, natürlich hatte ich die Diskussionen in den Medien, unter
den Fans auch im Vorfeld verfolgt. Ich habe das nie verstanden und mich
gefragt: Sehen denn viele den sportlichen Kurs nicht, den wir
eingeschlagen haben? Es war vielen wohl gar nicht bewusst, dass uns in
der Rückrunde zwischenzeitlich nur ein Sieg weniger in eine Situation
gebracht hätte, wo wir in den Abstiegskampf geraten und dann sogar eher
eine Trennung hätte stattfinden müssen. Die Fans haben immer nur auf
diesen 10. Tabellenplatz geguckt, aber nicht gesehen, wie wir uns
präsentiert haben. Die Kurve zeigte klar nach unten und ab Dezember
waren wir auf Abstiegskurs. Die Medien haben das zwar oft als private
Sache zwischen mir und Horst Köppel dargestellt, doch dem war nicht so.
Ich kann das sehr genau trennen und auch sehr sachlich darüber
diskutieren. Dennoch habe ich mich oft sehr zurückhalten müssen, denn
es gab Dinge, die einfach nicht in Ordnung waren. Ich habe das nicht
nur mit dem Trainer, sondern auch mit der Mannschaft besprochen. Aber
ich laufe nicht vorher zur Presse, wie das manch andere machen, und
kündige an, dass es heute in der Kabine rasselt. Das ist nicht meine
Art. Nach dem Spiel in Kaiserslautern wurde es sehr laut in der Kabine,
das kann ich jetzt sagen. Aber ich benutze solche Dinge nicht, um mich
in der Öffentlichkeit zu präsentieren."
SEITENWAHL: „Richten wir den Blick auf die Transfers des Sommers. Die
Verpflichtungen von Svärd, Delura, Heimeroth und Degen liefen allesamt
problemlos. Das Thema des Sommers war natürlich der Transfer von
Federico Insua. Hatten Sie zwischendurch das Gefühl, dass der Transfer
noch scheitern könnte?"
Pander: „Ein solcher Transfer ist sehr kompliziert und ich habe auch
die Kommentare gelesen, dass man seine Transferaktivitäten am 01. Juli
abgeschlossen haben müsse. Man sollte jedoch eines wissen: wenn wir in
der Sommerpause einen Spieler aus Südamerika verpflichten wollen, läuft
die Saison dort noch. Dann entscheidet der Club erst, ob er den Spieler
überhaupt abgeben will, noch bevor man über Geld spricht. Dann geht die
eigentliche Arbeit erst los. Ich habe mich mit dem Präsidenten von Boca
Juniors während der WM in Berlin getroffen, da auch Schalke 04 an einer
Verpflichtung interessiert war. Die wirtschaftlichen Vorstellungen
waren anfangs sehr weit auseinander. Zu dem Zeitpunkt hatten wir mit
Insua selber noch nicht gesprochen. Er hatte zwar geäußert, dass er
zwar bei Boca Juniors bleiben würde, jedoch auch gerne ins Ausland
gehen wolle, wenn der Club stimmt."
SEITENWAHL: „Wie muss man sich solche Verhandlungen vorstellen?"
Pander: „Sehen Sie, wenn auf der anderen Seite jemand sitzt, der in
Argentinien Meister geworden ist, der die Copa Libertadores spielen
kann und der einer der Topclubs in Südamerika ist, dann ist dies eine
ganz, ganz schwierige Konstellation. Dann ausgerechnet den Spieler zu
holen, der in den letzten zwei Jahren der beste Spieler der gesamten
Liga und fast auf den WM-Zug aufgesprungen war, dann haben Sie eine
Situation, wo Sie sehr viel Geduld aufbringen müssen. Ich habe eine
ähnliche Situation damals bei Andres d´Allesandro erlebt, der erst
Mitte bis Ende Juli verpflichtet werden konnte, 14 Tage vor
Saisonbeginn. Und, das sieht man speziell in diesem Sommer, auch die
großen Transfers der deutschen ChampionsLeague-Vertreter werden erst
kurz vor Ende der Transferfensters am 31.August abgewickelt. Das hat
sich alles verschoben. Die Zeiten, in denen gesagt werden kann: am
01.Juli ist der Kader komplett, sind vorbei. Das gilt sowohl für die
Ab- als auch für die Zugänge."
SEITENWAHL: „Dennoch kann man doch planen, wenn der Verein frühzeitig eine Gewissheit hat."
Pander: „Ja, das gilt überwiegend für die ablösefreien Spieler. Bei
denen ist man meist zu einem recht frühen Zeitpunkt so weit, dass der
Transfer mit Abschluss der Saison verkündet werden kann. Für alle
anderen Transfers hat sich das verschoben. Jetzt kam die WM dazwischen,
da liefen überhaupt keine konkreten Verhandlungen. Jeder Spieler, der
in diesem Zeitraum auf dem Markt war, war dermaßen überteuert, dass
jeder vernünftige Verein die Finger davon gelassen hat. Man schaut sich
z.B. vor der WM die Spieler aus Ecuador an und sieht dann während der
Weltmeisterschaft, dass sie eben nicht den Ansprüchen genügen. Trotzdem
hätte man für einige viel Geld bezahlen müssen, wollte man sie
verpflichten. Ein entscheidender Punkt sollte dahingehend nicht außer
Acht gelassen werden: natürlich gab es bei Borussia eine Vorplanung.
Dann kommt ein neuer Trainer, der eine völlig andere Ideologie, eine
neue Denk- und Arbeitsweise mitbringt. Ich habe mit Jupp Heynckes fast
vier Wochen jeden Tag über Stunden zusammengesessen und über Fußball
gesprochen. Wir wie uns das Spiel vorstellen, welche Spieler er und ich
bevorzugen. Wir sind jeden Spieler einzeln durchgegangen. Jeden
Spieler, den er selber nicht so genau kannte, hat er sich ausführlich
Mithilfe von Videos angeschaut."
SEITENWAHL: „Gab es denn Alternativen zu Insua? Waren die Planungen und
Gespräche, trotz der schon laufenden Verhandlungen mit Boca Juniors,
immer noch mehrgleisig? Namen wie Delgado oder Katsouranis kursierten
einige Tage durch die Presse."
Pander: „Wir haben zwei, drei Spieler immer im Kopf und auf der Liste
gehabt, und das lief parallel. Ja, auch ein Delgado hätte ein Thema
werden können. Aber Frau Oeri (Präsidenten vom FC Basel, Anm. d. Red.)
hat ganz klare Vorstellungen, von denen sie kaum abrückt. Die
Transfersumme, die bei Delgado hätte bezahlt werden müssen, war nicht
realistisch. Wir haben auch über Kostas Katsouranis von AEK Athen
nachgedacht, gleichzeitig über Sebastian Svärd. Dann muss man abwägen.
Wir wussten, dass man für einen Spielmacher investieren muss. Bei
Katsouranis wären ebenfalls keine kleinen Summen geflossen, aber die
Frage blieb: kann er das, was Jupp Heynckes sich von einem zentralen
defensiven Mittelfeldspieler erhofft, auch erfüllen? Dann haben wir uns
für Svärd entschieden, den unsere Scouts schon Monate zuvor beobachtet
hatten. Er ist ein entwicklungsfähiger Spieler, dessen Verpflichtung
aber nicht die Mittel gebunden hat, die bei einem Transfer von
Katsouranis gebunden gewesen wären. Holt man dennoch Katsouranis, wäre
Insua kein Thema mehr gewesen. Jetzt haben wir Svärd und Insua, dazu
die jungen und guten Delura und Degen. Eine sehr gute Bilanz. Eines
möchte ich abschließend betonen: Insua ist nicht zweite oder dritte
Wahl. Er war unser erster Kandidat, nur kann man heutzutage nicht
eingleisig fahren, sondern muss immer Optionen in der Hinterhand
halten, falls es nicht funktioniert."
SEITENWAHL: „Transfers sind die eine Seite. Die andere Seite war und
ist der bereits vorhandene Kader. Zu welchen Ergebnissen sind Sie bei
der Analyse mit Jupp Heynckes gekommen?"
Pander: „Wir wollen uns nicht selber loben, aber, das sollte man
anerkennen, wir haben auch Vertrauen in unsere jungen Spieler gesetzt.
Zum Beispiel haben wir gesagt, dass wir an Vaclav Sverkos festhalten.
Das sind Grundsatzentscheidungen. Wir haben nach einem langen Gespräch
mit Sverkos, Heynckes und mir entschieden, dass wir es mit ihm
probieren wollen. Wenn wir uns so entscheiden, entscheiden wir uns auch
gegen einen neuen Stürmer. Ich habe die Stimmen gehört, die am liebsten
für jeden Mannschaftsteil einen neuen Spieler verpflichtet hätten. Doch
eines steht fest: wenn wir einen neuen Stürmer verpflichtet hätten,
wäre das ein völlig falsches Signal an unsere jungen Stürmer gewesen.
Dann entziehe ich ihnen das Vertrauen, den Boden und all das, was wir
im Juni mit allen besprochen haben. Ob das in der Winterpause oder
nächsten Sommer nicht doch ein Thema werden kann, wenn sich die Dinge
doch nicht so entwickeln oder Spieler weiter stagnieren, kann ich am
heutigen Tag nicht ausschließen."
SEITENWAHL: „Sie meinen auch Wesley Sonck?"
Pander: „Sonck ist natürlich eine Ungewissheit, die wir haben. Ich habe
ihn, seitdem ich für Borussia arbeite, kaum spielen sehen. Sicherlich
verletzungsbedingt, aber man kann das durchaus auch kritisch sehen,
denn ich habe schon mehr erwartet. Bei der Innenverteidigung mache ich
mir auch Gedanken. Mit Bo Svensson und Ze António haben wir zwei
Spieler, die auf gutem Niveau und sehr konstant spielen. Wir hoffen
natürlich, dass sich keiner der beiden schwerer verletzt, aber wir
haben das im Auge. Andererseits: welcher Verein in der Bundesliga kann
es sich leisten, vier starke Innenverteidiger zu haben, die alle
untereinander austauschbar sind? Selbst bei Bayern München müsste man
improvisieren, wenn zwei Verteidiger ausfielen."
SEITENWAHL: „Im Rahmen des Transfers von Federico Insua wurde auch
bekannt, dass Borussia einen Kooperationsvertrag mit Boca Juniors
abgeschlossen hat. Doch hat man bis heute über die Details wenig
erfahren können. Welche Vereinbarungen wurden in diesem Vertrag konkret
getroffen?"
Pander: „Dieser Kooperationsvertrag läuft über vier Jahre. Wir werden
einen Austausch auf der Ebene von Jugendspielern und Trainern haben.
Das bedeutet, dass Trainer beider Vereine, auch und vor allem aus dem
Jugend- und Amateurbereich, nach Argentinien, bzw. nach Deutschland
reisen können, um sich vor Ort in einer Art Praktikum die jeweils
anderen Trainingsbedingungen, Methoden und Ausbildungen anschauen und
sich austauschen zu können. Wir haben ferner vereinbart, dass junge
Spieler, die mindestens 18 Jahre alt sein müssen und die Qualität
haben, für ein Jahr nach Deutschland kommen, bei Borussia weiter
ausgebildet werden. Sollten wir der Überzeugung sein, dass dieser junge
Spieler die Qualität hat, auch in der Bundesliga zu bestehen, haben wir
auch die Möglichkeit, diesen zu bereits vorher festgelegten Bedingungen
zu verpflichten."
SEITENWAHL: „Das bedeutet, dass Borussia eine Art ‚Vorkaufsrecht' besitzt?"
Pander: „Ja, wir haben da ein Vorkaufsrecht. Natürlich muss man sich
vor Augen führen, in welcher Preisklasse wir uns da bewegen. Es wird
nicht so sein, dass Boca Juniors uns ihre besten Spieler zu kleinen
Preisen überlässt. Wir werden also keinen Martín Palermo oder Rodrigo
Palacio bekommen, soweit geht die Freundschaft dann nicht (lacht). Aber
es ist ein interessanter Ansatzpunkt. Unser Scout in Südamerika, der in
Brasilien und Argentinien den Spielermarkt für uns beobachtet, war
einige Tage bei Boca Juniors, hat uns einen detaillierten Bericht über
mögliche Spieler zukommen lassen, so dass wir schon jetzt ein
aussagekräftiges Spielerprofil über etwaige Kandidaten besitzen. Ich
selber werde in Kürze für einige Tage nach Argentinien reisen, um mir
den ein oder anderen Spieler persönlich anzusehen und zu entscheiden,
ob jemand für uns interessant ist und ob wir glauben, dass er für die
Bundesliga geeignet ist."
SEITENWAHL: „Demnach sind es Spieler der Leistungsklasse eines
Menseguez, den Sie seinerzeit aus der zweiten Mannschaft von River
Plate Buenos Aires nach Wolfsburg holten?"
Pander: „Ja, über diese Art Spieler sprechen wir. Menseguez spielte in
Buenos Aires in der zweiten Mannschaft, den kannte kein Mensch in
Europa. Wir haben entschieden, dass wir es probieren und vier Tage
später spielte er gegen Bayern München in der Bundesliga. Wir werden
das jedoch bei jedem Spieler sorgfältig prüfen und nicht in Aktionismus
verfallen. Dennoch ist es denkbar, dass wir regelmäßig ein bis zwei
Spieler für ein Jahr nach Deutschland holen und sehen, wie sie sich
entwickeln."
SEITENWAHL: „Borussia wird kein ‚Schaufenster' von Boca Juniors und ihrer Spieler in Europa?"
Pander: „Nein, absolut nicht. Wenn wir einen Spieler für ein Jahr
geholt haben und er hat sich gut entwickelt, dann kann nicht Bayern
München kommen und für den Spieler mitbieten. Wir haben dann die erste
Option auf diesen Spieler mit, wie ich anfangs schon andeutete, vorab
festgelegten Konditionen, die nicht im Millionenbereich liegen,
so dass wir uns dann auch in vernünftigen finanziellen Größenordnungen
bewegen. Natürlich wird es so sein, dass Boca bei einem eventuellen
Weiterverkauf dieses Spielers partizipiert, aber das ist gängige
Praxis."
SEITENWAHL: „Vor einigen Wochen hat die Investmentgesellschaft RENOVA
einen Vertrag mit dem argentinischen Fußballverband geschlossen, der
RENOVA zusichert, dass bei jedem Länderspiel, das von diesen Investoren
initiiert und organisiert wird, eine bestimmte Anzahl Nationalspieler
berufen werden und anwesend sein muss. Dass Insua für etwaige
Qualifikationsspiele abgestellt werden muss, ist selbstredend. Doch
wenn der Spieler für fragwürdige Test- und Freundschaftsspiele in Thailand, Australien
oder Japan aus dem laufenden Trainingsbetrieb gerissen wird, entstehen
Borussia Nachteile. Welchen Einfluss hat der Verein in solchen Dingen?"
Pander: „Keinen. Denn der argentinische Fußballverband nominiert die
Spieler für Länderspiele. Gemäß FIFA-Statuten muss der Verein in diesem
Moment die Spieler abstellen, da haben wir keine Möglichkeiten. Ich
kenne den Vertrag nicht exakt im Detail, aber dass das ‚Geschmack' hat,
ist schon deutlich. Ich hoffe nicht, dass eine Investorengruppe gar
bestimmt, welche Spieler nominiert werden und welche nicht. Man muss
aufpassen, dass nicht Leute mit ‚Interessen' zuviel Einfluss nehmen,
denn es ist durchaus ein Unterschied, ob ein Spieler den Status eines
Nationalspielers hat oder nicht. Ich glaube es jedoch nicht, denn die
Argentinier müssen sich auch für die Weltmeisterschaft qualifizieren
und dieses Ziel würden sie nicht für sportlich fragwürdige
Freundschaftsspiele in Neuseeland, Thailand oder Saudi-Arabien aus den
Augen verlieren. Wenn Argentinien sich nicht für eine Weltmeisterschaft
qualifiziert, wäre das eine nationale Katastrophe."
SEITENWAHL: „Werfen wir den Blick auf den diesjährigen Transfermarkt im
Allgemeinen. Sie haben sicher auch die Transfers der anderen
Bundesligisten verfolgt. Es scheint immer mehr Praxis zu werden, dass
Spieler - trotz laufender und noch gültiger Verträge - öffentlich
Wechselabsichten verkünden und dies, mit Ausnahme von Owen Hargreaves,
auch meist durchsetzen. Ist der Verein in solchen Momenten machtlos?"
Pander: „Sie müssen zwei Situationen unterscheiden. Wenn die Situation
auftritt, dass ein Spieler mit der Qualität von Per Mertesacker oder
Lukas Podolski im nächsten Jahr ablösefrei oder für eine Ablösesumme
wechseln könnte, die weit unter seinem Marktwert liegt, dann ist Verein
fast gezwungen, den Spieler gehen zu lassen. Das ist der Unterschied
z.B. zu Marcell Jansen, der einen Vertrag bis 2009 besitzt. Diesen
Vertrag haben wir im letzten Jahr bewusst so angepasst, dass wir nicht
in diese Situation kommen, dass wir ihn gehen lassen müssen, als vor
einigen Wochen z.B. die Anfrage vom Hamburger SV an uns herangetragen
wurde. Wir wollen hier etwas aufbauen, das habe ich Marcell auch
gesagt. Da kann der Verein einen seiner Leistungsträger,
Nationalspieler und Identifikationsfigur nicht zwei Tage vor Ende des
Transferfensters verkaufen, das kann man keinem vermitteln! Eines muss
jedoch jedem klar sein: Marcell strebt eine internationale Karriere an.
Ich hoffe, dass wir ihn so lange wie möglich halten können und ihm
mittelfristig die internationalen Spiele selber bieten. Aber es kann
der Tag kommen, an dem wir ihn nicht mehr halten können. So hat es
Werder Bremen sehr oft praktiziert: in dem Moment, wo Du merkst, dass
der Spieler nicht mehr im Kopf dabei ist, lässt Du ihn ziehen und muss
das erzielte Geld wieder in neue Spieler investieren. In diesem Jahr
allerdings hätten wir Marcell weder für 10, 15 noch 20 Millionen Euro
gehen lassen."
SEITENWAHL: „Wird man den Vertrag von Eugen Polanski dementsprechend auch ‚anpassen'?"
Pander: „Ja, das ist das Ziel. Eugen hat sich in der letzten Saison
sehr gut entwickelt, ist Stammspieler geworden und dementsprechend
werden wir auch bei ihm bald verlängern oder ‚anpassen', wenn Sie das
so wollen."
SEITENWAHL: „Wie sieht die Ausrichtung der nächsten Jahre prinzipiell
aus? Mit Kasey Keller und Oliver Neuville brechen zwei Stützen der
Mannschaft früher oder später raus. Ist Ihr Scouting so ausgerichtet,
dass man bereits heute die Prioritäten für 2007, 2008 und 2009 setzt
und dementsprechend sichtet?"
Pander: „Ja, so arbeiten wir. Wir haben eine langfristige Planung. Sie
müssen sich das wie folgt vorstellen: wenn die Transferperiode am 31.
August schließt, beschäftigen Sie sich bereits einen Tag später mit den
Transfers des nächsten Jahres. Es gibt große Runden mit unseren Scouts,
in denen die Prioritäten besprochen und festgelegt werden. Momentan
legen wir die Priorität im Angriff, so dass wir eventuell schon im
Winter tätig werden können. Was ist mit der Innenverteidigung, da
müssen wir vorbereitet sein. Auch das linke Mittelfeld, wo uns ein
echter Linksfuß fehlt, wenn wir mit der ‚Raute' im Mittelfeld spielen."
SEITENWAHL: „Wie stehen die Tendenzen bei Kasey Keller?"
Pander: „Wir haben schon in dieser Saison mit Christofer Heimeroth
einen neuen Torhüter verpflichtet. Kasey Keller ist sowohl sportlich
als auch charakterlich einwandfrei und eine Stütze der Mannschaft,
sowohl nach innen als auch nach außen. Dennoch plant Kasey immer nur
Jahr für Jahr. Er hat sich zwar jetzt geäußert, dass er sich vorstellen
könne, noch ein weiteres Jahr bei Borussia zu bleiben, dennoch sind
seine Pläne und die seiner Familie, zurück in die USA zu ziehen, nicht
vom Tisch. Insofern müssen und werden wir vorbereitet sein."
SEITENWAHL: „Ein Thema der letzten Wochen war unter anderem der viel
zitierte Schuhstreit in der Nationalmannschaft. Vor einiger Zeit sorgte
Frederic Kanouté für Aufregung, als er sich mit Hinweis auf seinen
muslimischen Glauben weigerte, den Trikotsponsor seines Vereins FC
Sevilla (die Spanier werben für ein Internetspielcasino, Anm. d. Red.)
zu tragen. Von Ali Daei war bekannt, dass er sich beim FC Bayern
München weigerte, für Weißbier zu werben. Wo enden die
Persönlichkeitsrechte des Spielers und wo beginnen seine vertraglichen
Pflichten?"
Pander: „Wenn ein Spieler einen Lizenzvertrag bei einem professionellen
Fußballverein unterschreibt, hat er auch Pflichten. Die Verträge sind
zumeist so geschrieben, dass die Rechte und Pflichten des Spielers klar
geregelt sind. Dennoch leben wir in einer freien Welt, wo jeder
Einzelne entscheiden kann, was er machen möchte und was nicht. Dennoch
sind für mich bestimmte Dinge unabdingbar: im Spitzensport kann auf
Werbung und Sponsoren nicht verzichtet werden, sonst können die Vereine
viele Leistungen nicht erbringen. Auch und vor allem die Gehälter der
Spieler. Das bedeutet, dass der Spieler seinen Glauben und seine
Einstellungen mit den Bedürfnissen des Clubs in Einklang bringen muss.
Sonst darf er kein Fußballprofi werden, denn diese Entscheidung ist
immerhin freiwillig."
SEITENWAHL: „Und die Diskussionen um die Schuhausrüster in der Nationalmannschaft?"
Pander: „Das ist ein Punkt, bei dem ich Verständnis habe. Der Spieler
wird in den Schuhen spielen, in denen er sich wohlfühlt. Das ist die
Zukunft. Wenn ein Spieler 15 Jahre in Schuhen eines Herstellers spielt
und der Verein dann sagt, er müsse jetzt in einem anderen Fabrikat
spielen, ist das nicht so einfach. Zumindest nicht so einfach, wie sich
das so mancher Werbestratege am Schreibtisch ausdenkt. Hierbei geht es
auch nicht primär um Geld, denn in den Gehaltsklassen, in denen sich
ein Jens Lehmann, ein Miroslav Klose oder Michael Ballack bewegen, sind
diese Summen unerheblich. Natürlich haben diese Spieler Werbeverträge
mit einem bestimmten Hersteller, aber sie müssen sich auch in ihren
Schuhen wohlfühlen. Außerdem ist diese Diskussion nicht neu, auch wenn
sie erst seit vier Wochen in der Öffentlichkeit ausgetragen wird.
Außerdem hat Deutschland diese Diskussion fast exklusiv. Im Ausland ist
es schon seit vielen Jahren gängige Praxis, dass die Spieler in ihren
eigenen Schuhen, bzw. ihrer eigenen Marke spielen. Das ist ein Problem,
denn wenn ein Spieler aus dem Ausland nach Deutschland kommt, ist er es
gar nicht gewohnt, dass man ihm hier sagt, in welchen Fabrikaten er zu
spielen hat. Diese Dinge sind während einer Vertragsverhandlungen zum
Teil komplexer zu klären als die grundsätzlichen Fragen um Gehalt und
Prämien (lacht)."
SEITENWAHL: „Zum Abschluss eine Sache, die uns in den letzten Wochen
nach den Spielen aufgefallen ist. Sie hatten immer betont, dass Sie
ihre Trainer „siezen". Wolfgang Wolf hatten Sie das „Du" erst am Tag
seiner Entlassung angeboten. Nun fällt auf, dass zwischen Ihnen und
Jupp Heynckes das „Du" gepflegt wird. Gibt es da alte Verbindungen, die
Sie der Öffentlichkeit vorenthalten haben?"
Pander (lacht): „Nein, ich habe Jupp Heynckes an seinem 60.Geburtstag zum
ersten Mal persönlich kennengelernt. Ich war gerade ganz neu hier, als
ich mit dem Präsidenten und Herrn Schippers Jupp Heynckes zum
Geburtstag gratuliert habe. Vorher hatte ich, noch in meiner
Wolfsburger Zeit, zwei- oder dreimal mit ihm telefoniert, als ich mir
bei ihm Informationen über Spieler aus Portugal geholt habe. Während
der letzten Saison hatte ich zweimal mit ihm telefoniert, als wir über
Borussia sprachen. Die Art und Weise, wie seine Verpflichtung als neuer
Cheftrainer zustande kam, ist inzwischen bekannt. Aber in den Wochen
danach, als wir jeden Tag von morgens bis abends in meinem Büro
zusammengesessen haben, um uns über die neue Saison, über neue Spieler,
den Kader und all die Dinge den Kopf zerbrochen und teils auch sehr
kontrovers, aber immer sachlich diskutiert haben, kam er irgendwann zu
mir und sagte: ‚Herr Pander, wir arbeiten jetzt so eng zusammen, ich
bin auch älter als Sie. Das mit dem ‚Siezen', das kann ich nicht.' So
etwas kann ich nicht abschlagen. Auch ich bin in einem Alter, wo ich
solche Dinge gut abschätzen kann. Wir trinken nicht jeden Abend ein
Glas Wein zusammen, aber wir verstehen uns gut."
SEITENWAHL: „Herr Pander, vielen Dank für das Gespräch!"
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