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"Marcell strebt eine internationale Karriere an" Drucken
Geschrieben von Mike Lukanz   
Dienstag, 19 September 2006
ImageDer 4. Spieltag ist gelaufen, ebenso die erste Runde im DFB-Pokal. Die Transferperiode im Sommer lief vor drei Wochen ab. Zeit, mit Sportdirektor Peter Pander eine erste Bilanz zu ziehen. Wir sprachen mit ihm über den Saisonstart, den Kooperationsvertrag mit Boca Juniors, die Ansprüche von Marcell Jansen und den Problemen der Vereine im heutigen Transfergeschäft. Abschließend Pander erzählt zum ersten Mal, warum er gegen seiner sonstigen Überzeugung einen Trainer duzt.


SEITENWAHL: „Herr Pander, im Sommer wurden fünf Transfers getätigt. Ein renommierter und akzeptierter Trainer wurde verpflichtet. Platz 10 in der Tabelle und die zweite Hauptrunde des DFB-Pokals. Friede, Freude, Eierkuchen in Möchengladbach?"

Pander: „Es liegt noch ein weiter Weg vor uns, denn eine Bundesligasaison besteht aus 34 Spieltagen. Insofern werden wir nicht anfangen Träume zu entwickeln. Wenn man die Mannschaft und ihr Auftreten sieht - von Aachen einmal abgesehen -, dann lässt sich schon konstatieren, dass sich da einiges verbessert hat, aber wir sind noch lange nicht am Ziel. Es werden Rückschläge, es werden Niederlagen kommen und darauf müssen und werden wir vorbereitet sein. Unser Ziel bleibt, Borussia in zwei bis drei Jahren wieder nach oben zu führen. Da schließe ich alle mit ein, meine Person natürlich auch. Eine solche Aufgabe ist kein Produkt eines Einzelnen, da müssen alle an einem Strang ziehen: die Mannschaft, das Präsidium, das Management, der Trainerstab und die Fans.

SEITENWAHL: „Zum Zeitpunkt des letzten Interviews, das Sie SEITENWAHL gegeben haben, war Borussia ähnlich gut gestartet (nach dem 7. Spieltag 2005/06, Anm. d. Red.). Dennoch scheint es, dass die Stimmung - zumindest bis letzten Samstag - in diesem Jahr anders, positiver ist. Zur gleichen Zeit in der letzten Saison waren sowohl die Medien als auch die Fans ungeduldiger und angespannter. Wie erklären Sie sich diese nun vorhandene Zufriedenheit und Lockerheit?"

Pander: „Nun, es liegt sicher auch am gesamten Auftreten der Mannschaft. Nach dem Trainerwechsel, der natürlich für Diskussionen gesorgt hatte, war man anfangs schon unsicher. Zwar ein neuer Trainer mit Reputation, aber natürlich wurden in diesem Zusammenhang die Geschichten aus Schalke aufgewärmt, die zum größten Teil gar nicht der Wahrheit entsprachen. Der Kader wurde verändert, wir haben uns auch von altgedienten Spielern getrennt und die Vorbereitung verlief - zumindest in den Ergebnissen - nicht so, wie man sich das im optimalen Fall vorstellt. Aber Vorbereitung ist Vorbereitung. Wir sind dann mit einem Heimsieg gegen einen schwer zu spielenden Gegner in die Saison gestartet, haben in Nürnberg eine sehr ordentliche Leistung geboten, zu Hause verdient Arminia Bielefeld geschlagen und haben die erste Runde im Pokal gemeistert. In Aaachen haben wir uns leider von einer Seite gezeigt, die wir nicht akzeptieren können, darüber ist intern auch schon gesprochen worden. Insgesamt präsentieren sich die Mannschaft und der Verein gut und ordentlich, das merken die Menschen. Wir haben wieder junge Spieler in die Mannschaft eingebaut, weil wir davon überzeugt sind, dass das der Weg ist, den Borussia in Zukunft gehen muss und wird. Natürlich wird es immer qualitative Transfers wie den von Insua geben, aber die Jugend wird immer ihre Chance bei Borussia bekommen.

SEITENWAHL: „Sie sprachen vom Trainerwechsel. Wir wollen das nicht mehr aufwärmen, sondern über die Jahreshauptversammlung 2006 sprechen, auf der Sie - für viele Beobachter überraschend - zum ersten Mal als Person zum Teil massiv und auch persönlich angegriffen worden sind. Hat Sie das in der Form überrascht oder gar getroffen?"

Pander: „Wie Sie wissen, haben wir einen Tag vor der JHV die Trennung von Horst Köppel bekanntgegeben. Insofern war uns bewusst und klar, dass das bei einigen auf Widerstand treffen wird und dies auf der JHV dementsprechend artikuliert wird. Ich habe, das sage ich ganz offen, aber kein Verständnis, wenn Mitglieder absolut unsachlich und persönlich werden. Das bringt keinem etwas. Wir stellen uns den Fragen der Mitglieder und der Fans, aber es muss einigermaßen sachlich bleiben. Wir haben immer gesagt, dass wir mit einer klaren Entscheidung in diese Jahreshauptversammlung gehen, und das haben wir getan."

SEITENWAHL: „Sie wirkten, auch wenn Sie die Diskussion an diesem Abend wieder versachlicht hatten, verärgert ob dieser Kritik."

Pander: „Ja, natürlich hatte ich die Diskussionen in den Medien, unter den Fans auch im Vorfeld verfolgt. Ich habe das nie verstanden und mich gefragt: Sehen denn viele den sportlichen Kurs nicht, den wir eingeschlagen haben? Es war vielen wohl gar nicht bewusst, dass uns in der Rückrunde zwischenzeitlich nur ein Sieg weniger in eine Situation gebracht hätte, wo wir in den Abstiegskampf geraten und dann sogar eher eine Trennung hätte stattfinden müssen. Die Fans haben immer nur auf diesen 10. Tabellenplatz geguckt, aber nicht gesehen, wie wir uns präsentiert haben. Die Kurve zeigte klar nach unten und ab Dezember waren wir auf Abstiegskurs. Die Medien haben das zwar oft als private Sache zwischen mir und Horst Köppel dargestellt, doch dem war nicht so. Ich kann das sehr genau trennen und auch sehr sachlich darüber diskutieren. Dennoch habe ich mich oft sehr zurückhalten müssen, denn es gab Dinge, die einfach nicht in Ordnung waren. Ich habe das nicht nur mit dem Trainer, sondern auch mit der Mannschaft besprochen. Aber ich laufe nicht vorher zur Presse, wie das manch andere machen, und kündige an, dass es heute in der Kabine rasselt. Das ist nicht meine Art. Nach dem Spiel in Kaiserslautern wurde es sehr laut in der Kabine, das kann ich jetzt sagen. Aber ich benutze solche Dinge nicht, um mich in der Öffentlichkeit zu präsentieren."

SEITENWAHL: „Richten wir den Blick auf die Transfers des Sommers. Die Verpflichtungen von Svärd, Delura, Heimeroth und Degen liefen allesamt problemlos. Das Thema des Sommers war natürlich der Transfer von Federico Insua. Hatten Sie zwischendurch das Gefühl, dass der Transfer noch scheitern könnte?"

Pander: „Ein solcher Transfer ist sehr kompliziert und ich habe auch die Kommentare gelesen, dass man seine Transferaktivitäten am 01. Juli abgeschlossen haben müsse. Man sollte jedoch eines wissen: wenn wir in der Sommerpause einen Spieler aus Südamerika verpflichten wollen, läuft die Saison dort noch. Dann entscheidet der Club erst, ob er den Spieler überhaupt abgeben will, noch bevor man über Geld spricht. Dann geht die eigentliche Arbeit erst los. Ich habe mich mit dem Präsidenten von Boca Juniors während der WM in Berlin getroffen, da auch Schalke 04 an einer Verpflichtung interessiert war. Die wirtschaftlichen Vorstellungen waren anfangs sehr weit auseinander. Zu dem Zeitpunkt hatten wir mit Insua selber noch nicht gesprochen. Er hatte zwar geäußert, dass er zwar bei Boca Juniors bleiben würde, jedoch auch gerne ins Ausland gehen wolle, wenn der Club stimmt."

SEITENWAHL: „Wie muss man sich solche Verhandlungen vorstellen?"

Pander: „Sehen Sie, wenn auf der anderen Seite jemand sitzt, der in Argentinien Meister geworden ist, der die Copa Libertadores spielen kann und der einer der Topclubs in Südamerika ist, dann ist dies eine ganz, ganz schwierige Konstellation. Dann ausgerechnet den Spieler zu holen, der in den letzten zwei Jahren der beste Spieler der gesamten Liga und fast auf den WM-Zug aufgesprungen war, dann haben Sie eine Situation, wo Sie sehr viel Geduld aufbringen müssen. Ich habe eine ähnliche Situation damals bei Andres d´Allesandro erlebt, der erst Mitte bis Ende Juli verpflichtet werden konnte, 14 Tage vor Saisonbeginn. Und, das sieht man speziell in diesem Sommer, auch die großen Transfers der deutschen ChampionsLeague-Vertreter werden erst kurz vor Ende der Transferfensters am 31.August abgewickelt. Das hat sich alles verschoben. Die Zeiten, in denen gesagt werden kann: am 01.Juli ist der Kader komplett, sind vorbei. Das gilt sowohl für die Ab- als auch für die Zugänge."

SEITENWAHL: „Dennoch kann man doch planen, wenn der Verein frühzeitig eine Gewissheit hat."

Pander: „Ja, das gilt überwiegend für die ablösefreien Spieler. Bei denen ist man meist zu einem recht frühen Zeitpunkt so weit, dass der Transfer mit Abschluss der Saison verkündet werden kann. Für alle anderen Transfers hat sich das verschoben. Jetzt kam die WM dazwischen, da liefen überhaupt keine konkreten Verhandlungen. Jeder Spieler, der in diesem Zeitraum auf dem Markt war, war dermaßen überteuert, dass jeder vernünftige Verein die Finger davon gelassen hat. Man schaut sich z.B. vor der WM die Spieler aus Ecuador an und sieht dann während der Weltmeisterschaft, dass sie eben nicht den Ansprüchen genügen. Trotzdem hätte man für einige viel Geld bezahlen müssen, wollte man sie verpflichten. Ein entscheidender Punkt sollte dahingehend nicht außer Acht gelassen werden: natürlich gab es bei Borussia eine Vorplanung. Dann kommt ein neuer Trainer, der eine völlig andere Ideologie, eine neue Denk- und Arbeitsweise mitbringt. Ich habe mit Jupp Heynckes fast vier Wochen jeden Tag über Stunden zusammengesessen und über Fußball gesprochen. Wir wie uns das Spiel vorstellen, welche Spieler er und ich bevorzugen. Wir sind jeden Spieler einzeln durchgegangen. Jeden Spieler, den er selber nicht so genau kannte, hat er sich ausführlich Mithilfe von Videos angeschaut."

SEITENWAHL: „Gab es denn Alternativen zu Insua? Waren die Planungen und Gespräche, trotz der schon laufenden Verhandlungen mit Boca Juniors, immer noch mehrgleisig? Namen wie Delgado oder Katsouranis kursierten einige Tage durch die Presse."

Pander: „Wir haben zwei, drei Spieler immer im Kopf und auf der Liste gehabt, und das lief parallel. Ja, auch ein Delgado hätte ein Thema werden können. Aber Frau Oeri (Präsidenten vom FC Basel, Anm. d. Red.) hat ganz klare Vorstellungen, von denen sie kaum abrückt. Die Transfersumme, die bei Delgado hätte bezahlt werden müssen, war nicht realistisch. Wir haben auch über Kostas Katsouranis von AEK Athen nachgedacht, gleichzeitig über Sebastian Svärd. Dann muss man abwägen. Wir wussten, dass man für einen Spielmacher investieren muss. Bei Katsouranis wären ebenfalls keine kleinen Summen geflossen, aber die Frage blieb: kann er das, was Jupp Heynckes sich von einem zentralen defensiven Mittelfeldspieler erhofft, auch erfüllen? Dann haben wir uns für Svärd entschieden, den unsere Scouts schon Monate zuvor beobachtet hatten. Er ist ein entwicklungsfähiger Spieler, dessen Verpflichtung aber nicht die Mittel gebunden hat, die bei einem Transfer von Katsouranis gebunden gewesen wären. Holt man dennoch Katsouranis, wäre Insua kein Thema mehr gewesen. Jetzt haben wir Svärd und Insua, dazu die jungen und guten Delura und Degen. Eine sehr gute Bilanz. Eines möchte ich abschließend betonen: Insua ist nicht zweite oder dritte Wahl. Er war unser erster Kandidat, nur kann man heutzutage nicht eingleisig fahren, sondern muss immer Optionen in der Hinterhand halten, falls es nicht funktioniert."

SEITENWAHL: „Transfers sind die eine Seite. Die andere Seite war und ist der bereits vorhandene Kader. Zu welchen Ergebnissen sind Sie bei der Analyse mit Jupp Heynckes gekommen?"

Pander: „Wir wollen uns nicht selber loben, aber, das sollte man anerkennen, wir haben auch Vertrauen in unsere jungen Spieler gesetzt. Zum Beispiel haben wir gesagt, dass wir an Vaclav Sverkos festhalten. Das sind Grundsatzentscheidungen. Wir haben nach einem langen Gespräch mit Sverkos, Heynckes und mir entschieden, dass wir es mit ihm probieren wollen. Wenn wir uns so entscheiden, entscheiden wir uns auch gegen einen neuen Stürmer. Ich habe die Stimmen gehört, die am liebsten für jeden Mannschaftsteil einen neuen Spieler verpflichtet hätten. Doch eines steht fest: wenn wir einen neuen Stürmer verpflichtet hätten, wäre das ein völlig falsches Signal an unsere jungen Stürmer gewesen. Dann entziehe ich ihnen das Vertrauen, den Boden und all das, was wir im Juni mit allen besprochen haben. Ob das in der Winterpause oder nächsten Sommer nicht doch ein Thema werden kann, wenn sich die Dinge doch nicht so entwickeln oder Spieler weiter stagnieren, kann ich am heutigen Tag nicht ausschließen."

SEITENWAHL: „Sie meinen auch Wesley Sonck?"

Pander: „Sonck ist natürlich eine Ungewissheit, die wir haben. Ich habe ihn, seitdem ich für Borussia arbeite, kaum spielen sehen. Sicherlich verletzungsbedingt, aber man kann das durchaus auch kritisch sehen, denn ich habe schon mehr erwartet. Bei der Innenverteidigung mache ich mir auch Gedanken. Mit Bo Svensson und Ze António haben wir zwei Spieler, die auf gutem Niveau und sehr konstant spielen. Wir hoffen natürlich, dass sich keiner der beiden schwerer verletzt, aber wir haben das im Auge. Andererseits: welcher Verein in der Bundesliga kann es sich leisten, vier starke Innenverteidiger zu haben, die alle untereinander austauschbar sind? Selbst bei Bayern München müsste man improvisieren, wenn zwei Verteidiger ausfielen."

SEITENWAHL: „Im Rahmen des Transfers von Federico Insua wurde auch bekannt, dass Borussia einen Kooperationsvertrag mit Boca Juniors abgeschlossen hat. Doch hat man bis heute über die Details wenig erfahren können. Welche Vereinbarungen wurden in diesem Vertrag konkret getroffen?"

Pander: „Dieser Kooperationsvertrag läuft über vier Jahre. Wir werden einen Austausch auf der Ebene von Jugendspielern und Trainern haben. Das bedeutet, dass Trainer beider Vereine, auch und vor allem aus dem Jugend- und Amateurbereich, nach Argentinien, bzw. nach Deutschland reisen können, um sich vor Ort in einer Art Praktikum die jeweils anderen Trainingsbedingungen, Methoden und Ausbildungen anschauen und sich austauschen zu können. Wir haben ferner vereinbart, dass junge Spieler, die mindestens 18 Jahre alt sein müssen und die Qualität haben, für ein Jahr nach Deutschland kommen, bei Borussia weiter ausgebildet werden. Sollten wir der Überzeugung sein, dass dieser junge Spieler die Qualität hat, auch in der Bundesliga zu bestehen, haben wir auch die Möglichkeit, diesen zu bereits vorher festgelegten Bedingungen zu verpflichten."

SEITENWAHL: „Das bedeutet, dass Borussia eine Art ‚Vorkaufsrecht' besitzt?"

Pander: „Ja, wir haben da ein Vorkaufsrecht. Natürlich muss man sich vor Augen führen, in welcher Preisklasse wir uns da bewegen. Es wird nicht so sein, dass Boca Juniors uns ihre besten Spieler zu kleinen Preisen überlässt. Wir werden also keinen Martín Palermo oder Rodrigo Palacio bekommen, soweit geht die Freundschaft dann nicht (lacht). Aber es ist ein interessanter Ansatzpunkt. Unser Scout in Südamerika, der in Brasilien und Argentinien den Spielermarkt für uns beobachtet, war einige Tage bei Boca Juniors, hat uns einen detaillierten Bericht über mögliche Spieler zukommen lassen, so dass wir schon jetzt ein aussagekräftiges Spielerprofil über etwaige Kandidaten besitzen. Ich selber werde in Kürze für einige Tage nach Argentinien reisen, um mir den ein oder anderen Spieler persönlich anzusehen und zu entscheiden, ob jemand für uns interessant ist und ob wir glauben, dass er für die Bundesliga geeignet ist."

SEITENWAHL: „Demnach sind es Spieler der Leistungsklasse eines Menseguez, den Sie seinerzeit aus der zweiten Mannschaft von River Plate Buenos Aires nach Wolfsburg holten?"

Pander: „Ja, über diese Art Spieler sprechen wir. Menseguez spielte in Buenos Aires in der zweiten Mannschaft, den kannte kein Mensch in Europa. Wir haben entschieden, dass wir es probieren und vier Tage später spielte er gegen Bayern München in der Bundesliga. Wir werden das jedoch bei jedem Spieler sorgfältig prüfen und nicht in Aktionismus verfallen. Dennoch ist es denkbar, dass wir regelmäßig ein bis zwei Spieler für ein Jahr nach Deutschland holen und sehen, wie sie sich entwickeln."

SEITENWAHL: „Borussia wird kein ‚Schaufenster' von Boca Juniors und ihrer Spieler in Europa?"

Pander: „Nein, absolut nicht. Wenn wir einen Spieler für ein Jahr geholt haben und er hat sich gut entwickelt, dann kann nicht Bayern München kommen und für den Spieler mitbieten. Wir haben dann die erste Option auf diesen Spieler mit, wie ich anfangs schon andeutete, vorab festgelegten Konditionen, die nicht im Millionenbereich liegen, so dass wir uns dann auch in vernünftigen finanziellen Größenordnungen bewegen. Natürlich wird es so sein, dass Boca bei einem eventuellen Weiterverkauf dieses Spielers partizipiert, aber das ist gängige Praxis."

SEITENWAHL: „Vor einigen Wochen hat die Investmentgesellschaft RENOVA einen Vertrag mit dem argentinischen Fußballverband geschlossen, der RENOVA zusichert, dass bei jedem Länderspiel, das von diesen Investoren initiiert und organisiert wird, eine bestimmte Anzahl Nationalspieler berufen werden und anwesend sein muss. Dass Insua für etwaige Qualifikationsspiele abgestellt werden muss, ist selbstredend. Doch wenn der Spieler für fragwürdige Test- und Freundschaftsspiele in Thailand, Australien oder Japan aus dem laufenden Trainingsbetrieb gerissen wird, entstehen Borussia Nachteile. Welchen Einfluss hat der Verein in solchen Dingen?"

Pander: „Keinen. Denn der argentinische Fußballverband nominiert die Spieler für Länderspiele. Gemäß FIFA-Statuten muss der Verein in diesem Moment die Spieler abstellen, da haben wir keine Möglichkeiten. Ich kenne den Vertrag nicht exakt im Detail, aber dass das ‚Geschmack' hat, ist schon deutlich. Ich hoffe nicht, dass eine Investorengruppe gar bestimmt, welche Spieler nominiert werden und welche nicht. Man muss aufpassen, dass nicht Leute mit ‚Interessen' zuviel Einfluss nehmen, denn es ist durchaus ein Unterschied, ob ein Spieler den Status eines Nationalspielers hat oder nicht. Ich glaube es jedoch nicht, denn die Argentinier müssen sich auch für die Weltmeisterschaft qualifizieren und dieses Ziel würden sie nicht für sportlich fragwürdige Freundschaftsspiele in Neuseeland, Thailand oder Saudi-Arabien aus den Augen verlieren. Wenn Argentinien sich nicht für eine Weltmeisterschaft qualifiziert, wäre das eine nationale Katastrophe."

SEITENWAHL: „Werfen wir den Blick auf den diesjährigen Transfermarkt im Allgemeinen. Sie haben sicher auch die Transfers der anderen Bundesligisten verfolgt. Es scheint immer mehr Praxis zu werden, dass Spieler - trotz laufender und noch gültiger Verträge - öffentlich Wechselabsichten verkünden und dies, mit Ausnahme von Owen Hargreaves, auch meist durchsetzen. Ist der Verein in solchen Momenten machtlos?"

Pander: „Sie müssen zwei Situationen unterscheiden. Wenn die Situation auftritt, dass ein Spieler mit der Qualität von Per Mertesacker oder Lukas Podolski im nächsten Jahr ablösefrei oder für eine Ablösesumme wechseln könnte, die weit unter seinem Marktwert liegt, dann ist Verein fast gezwungen, den Spieler gehen zu lassen. Das ist der Unterschied z.B. zu Marcell Jansen, der einen Vertrag bis 2009 besitzt. Diesen Vertrag haben wir im letzten Jahr bewusst so angepasst, dass wir nicht in diese Situation kommen, dass wir ihn gehen lassen müssen, als vor einigen Wochen z.B. die Anfrage vom Hamburger SV an uns herangetragen wurde. Wir wollen hier etwas aufbauen, das habe ich Marcell auch gesagt. Da kann der Verein einen seiner Leistungsträger, Nationalspieler und Identifikationsfigur nicht zwei Tage vor Ende des Transferfensters verkaufen, das kann man keinem vermitteln! Eines muss jedoch jedem klar sein: Marcell strebt eine internationale Karriere an. Ich hoffe, dass wir ihn so lange wie möglich halten können und ihm mittelfristig die internationalen Spiele selber bieten. Aber es kann der Tag kommen, an dem wir ihn nicht mehr halten können. So hat es Werder Bremen sehr oft praktiziert: in dem Moment, wo Du merkst, dass der Spieler nicht mehr im Kopf dabei ist, lässt Du ihn ziehen und muss das erzielte Geld wieder in neue Spieler investieren. In diesem Jahr allerdings hätten wir Marcell weder für 10, 15 noch 20 Millionen Euro gehen lassen."

SEITENWAHL: „Wird man den Vertrag von Eugen Polanski dementsprechend auch ‚anpassen'?"

Pander: „Ja, das ist das Ziel. Eugen hat sich in der letzten Saison sehr gut entwickelt, ist Stammspieler geworden und dementsprechend werden wir auch bei ihm bald verlängern oder ‚anpassen', wenn Sie das so wollen."

SEITENWAHL: „Wie sieht die Ausrichtung der nächsten Jahre prinzipiell aus? Mit Kasey Keller und Oliver Neuville brechen zwei Stützen der Mannschaft früher oder später raus. Ist Ihr Scouting so ausgerichtet, dass man bereits heute die Prioritäten für 2007, 2008 und 2009 setzt und dementsprechend sichtet?"

Pander: „Ja, so arbeiten wir. Wir haben eine langfristige Planung. Sie müssen sich das wie folgt vorstellen: wenn die Transferperiode am 31. August schließt, beschäftigen Sie sich bereits einen Tag später mit den Transfers des nächsten Jahres. Es gibt große Runden mit unseren Scouts, in denen die Prioritäten besprochen und festgelegt werden. Momentan legen wir die Priorität im Angriff, so dass wir eventuell schon im Winter tätig werden können. Was ist mit der Innenverteidigung, da müssen wir vorbereitet sein. Auch das linke Mittelfeld, wo uns ein echter Linksfuß fehlt, wenn wir mit der ‚Raute' im Mittelfeld spielen."

SEITENWAHL: „Wie stehen die Tendenzen bei Kasey Keller?"

Pander: „Wir haben schon in dieser Saison mit Christofer Heimeroth einen neuen Torhüter verpflichtet. Kasey Keller ist sowohl sportlich als auch charakterlich einwandfrei und eine Stütze der Mannschaft, sowohl nach innen als auch nach außen. Dennoch plant Kasey immer nur Jahr für Jahr. Er hat sich zwar jetzt geäußert, dass er sich vorstellen könne, noch ein weiteres Jahr bei Borussia zu bleiben, dennoch sind seine Pläne und die seiner Familie, zurück in die USA zu ziehen, nicht vom Tisch. Insofern müssen und werden wir vorbereitet sein."

SEITENWAHL: „Ein Thema der letzten Wochen war unter anderem der viel zitierte Schuhstreit in der Nationalmannschaft. Vor einiger Zeit sorgte Frederic Kanouté für Aufregung, als er sich mit Hinweis auf seinen muslimischen Glauben weigerte, den Trikotsponsor seines Vereins FC Sevilla (die Spanier werben für ein Internetspielcasino, Anm. d. Red.) zu tragen. Von Ali Daei war bekannt, dass er sich beim FC Bayern München weigerte, für Weißbier zu werben. Wo enden die Persönlichkeitsrechte des Spielers und wo beginnen seine vertraglichen Pflichten?"

Pander: „Wenn ein Spieler einen Lizenzvertrag bei einem professionellen Fußballverein unterschreibt, hat er auch Pflichten. Die Verträge sind zumeist so geschrieben, dass die Rechte und Pflichten des Spielers klar geregelt sind. Dennoch leben wir in einer freien Welt, wo jeder Einzelne entscheiden kann, was er machen möchte und was nicht. Dennoch sind für mich bestimmte Dinge unabdingbar: im Spitzensport kann auf Werbung und Sponsoren nicht verzichtet werden, sonst können die Vereine viele Leistungen nicht erbringen. Auch und vor allem die Gehälter der Spieler. Das bedeutet, dass der Spieler seinen Glauben und seine Einstellungen mit den Bedürfnissen des Clubs in Einklang bringen muss. Sonst darf er kein Fußballprofi werden, denn diese Entscheidung ist immerhin freiwillig."

SEITENWAHL: „Und die Diskussionen um die Schuhausrüster in der Nationalmannschaft?"

Pander: „Das ist ein Punkt, bei dem ich Verständnis habe. Der Spieler wird in den Schuhen spielen, in denen er sich wohlfühlt. Das ist die Zukunft. Wenn ein Spieler 15 Jahre in Schuhen eines Herstellers spielt und der Verein dann sagt, er müsse jetzt in einem anderen Fabrikat spielen, ist das nicht so einfach. Zumindest nicht so einfach, wie sich das so mancher Werbestratege am Schreibtisch ausdenkt. Hierbei geht es auch nicht primär um Geld, denn in den Gehaltsklassen, in denen sich ein Jens Lehmann, ein Miroslav Klose oder Michael Ballack bewegen, sind diese Summen unerheblich. Natürlich haben diese Spieler Werbeverträge mit einem bestimmten Hersteller, aber sie müssen sich auch in ihren Schuhen wohlfühlen. Außerdem ist diese Diskussion nicht neu, auch wenn sie erst seit vier Wochen in der Öffentlichkeit ausgetragen wird. Außerdem hat Deutschland diese Diskussion fast exklusiv. Im Ausland ist es schon seit vielen Jahren gängige Praxis, dass die Spieler in ihren eigenen Schuhen, bzw. ihrer eigenen Marke spielen. Das ist ein Problem, denn wenn ein Spieler aus dem Ausland nach Deutschland kommt, ist er es gar nicht gewohnt, dass man ihm hier sagt, in welchen Fabrikaten er zu spielen hat. Diese Dinge sind während einer Vertragsverhandlungen zum Teil komplexer zu klären als die grundsätzlichen Fragen um Gehalt und Prämien (lacht)."

SEITENWAHL: „Zum Abschluss eine Sache, die uns in den letzten Wochen nach den Spielen aufgefallen ist. Sie hatten immer betont, dass Sie ihre Trainer „siezen". Wolfgang Wolf hatten Sie das „Du" erst am Tag seiner Entlassung angeboten. Nun fällt auf, dass zwischen Ihnen und Jupp Heynckes das „Du" gepflegt wird. Gibt es da alte Verbindungen, die Sie der Öffentlichkeit vorenthalten haben?"

Pander (lacht): „Nein, ich habe Jupp Heynckes an seinem 60.Geburtstag zum ersten Mal persönlich kennengelernt. Ich war gerade ganz neu hier, als ich mit dem Präsidenten und Herrn Schippers Jupp Heynckes zum Geburtstag gratuliert habe. Vorher hatte ich, noch in meiner Wolfsburger Zeit, zwei- oder dreimal mit ihm telefoniert, als ich mir bei ihm Informationen über Spieler aus Portugal geholt habe. Während der letzten Saison hatte ich zweimal mit ihm telefoniert, als wir über Borussia sprachen. Die Art und Weise, wie seine Verpflichtung als neuer Cheftrainer zustande kam, ist inzwischen bekannt. Aber in den Wochen danach, als wir jeden Tag von morgens bis abends in meinem Büro zusammengesessen haben, um uns über die neue Saison, über neue Spieler, den Kader und all die Dinge den Kopf zerbrochen und teils auch sehr kontrovers, aber immer sachlich diskutiert haben, kam er irgendwann zu mir und sagte: ‚Herr Pander, wir arbeiten jetzt so eng zusammen, ich bin auch älter als Sie. Das mit dem ‚Siezen', das kann ich nicht.' So etwas kann ich nicht abschlagen. Auch ich bin in einem Alter, wo ich solche Dinge gut abschätzen kann. Wir trinken nicht jeden Abend ein Glas Wein zusammen, aber wir verstehen uns gut."

SEITENWAHL: „Herr Pander, vielen Dank für das Gespräch!"