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Selbst
Michael Frontzeck sieht in seiner Ablösung “objektiv betrachtet” die letzte
Möglichkeit des Vereins, noch einmal einen “Impuls” für das in immer weitere
Ferne rückende Ziel Klassenerhalt zu setzen. Und tatsächlich ist im Umfeld der
Borussia ein deutlicher Stimmungsumschwung zu spüren. Wo am Samstag abend nach
dem 1:3 auf St. Pauli der Untergang bereits betrauert wurde, glimmt spätestens
seit der Inthronisierung des neuen Trainers am vergangenen Montag wieder ein
kleiner Funken Resthoffnung. Eine einzige Niederlage gegen die
Champions-League-Kicker aus Gelsenkirchen würde den Comeback-Versuch aber retrospektiv
wie ein letztes, gescheitertes Aufzucken eines hoffnungslos unterlegenen
Bundesligisten aussehen lassen.
Der Gast aus Gelsenkirchen:
In den
vergangenen beiden Jahren war Schalke mit jeweils einem 1:0-Erfolg ein gutes
Pflaster für Borussen-Heimspiele. Historische Ausmaße hat bereits jetzt die
Partie von 2009 mit dem erlösenden Last-Minute-Treffer von Roberto Colautti,
der Borussia damals letzten Endes in Liga 1 hielt. Niemand hätte etwas dagegen,
wenn sich Ähnliches am kommenden Sonntag wiederholen sollte.
Die Chancen
hierzu sind aber eingeschränkt angesichts eines der stärksten Gegner in dieser
Liga, der nur durch seinen verkorksten Saisonstart von vielen noch immer etwas unterschätzt
wird. Nach 10 Spieltagen stand die Mannschaft von Felix Magath unter Beschuss.
6 Punkte hatte damals sonst nur noch unsere Borussia vorzuweisen und der
Meisterschaftsanwärter musste sich urplötzlich mit dem Abstiegsgespenst
herumärgern. Seitdem ist aber vieles passiert. An den vergangenen 12 Spieltagen
holte der FC Schalke insgesamt 23 Zähler und erreichte für diesen Zeitraum exakt
den gleichen Punkteschnitt wie in der so erfolgreichen Vorsaison. Auch die
anfangs so verhöhnte Defensive hat sich inzwischen stabilisiert. Zwei Gegentore
waren es in den letzten 8 Partien, so dass man mittlerweile nach dem BVB die
zweitwenigsten Gegentore der Liga zu verbuchen hat. Zwar ist ein Christoph
Metzelder immer für eine Schwäche gut, wie zuletzt die Partie in Valencia
zeigte. Und auch die Außenbahnen sind mit Uchida und Schmitz anfällig, zumal
diese von sehr offensiv ausgerichteten Mittelfeldspielern oft nur unzureichend
unterstützt werden. Kompensiert wird dies aber durch einen überragenden
Torhüter sowie zuletzt immer mehr durch einen Spieler, der am Sonntag seine
Rückkehr feiern wird.
Peer Kluge
wurde von Felix Magath zuletzt gar auf eine Stufe gestellt mit Superstar Raul.
Der aufgrund seiner schüchternen Erscheinung oft unterschätzte Ex-Chemnitzer
zeigt in diesen Wochen ähnlich konstant gute Leistungen wie in seinen letzten
Jahren bei Borussia – und dies inzwischen auf internationalem Niveau. Zusammen
mit Neuzugang Annan, seines Zeichens WM-Teilnehmer mit Ghana, bildet er eine kompakte
Doppelsechs.
Namentlich
sollte eher die Offensive für Qualität stehen. Umso paradoxer, dass Schalke die
drittwenigsten Tore aller Bundesligisten geschossen hat – mit 27 sogar 5
weniger als Borussia. Dies liegt nicht so sehr am Starduo Raul/Huntelaar, das
bereits im Hinspiel für beide Tore sorgte. Damals erzielte Raul mit dem späten
2:2-Ausgleich seinen ersten Bundesliga-Treffer. Insgesamt hat er in 5 seiner 22
Ligaspiele 10 Tore erzielt. Wenn Schalke zuletzt erfolgreich war, dann war es
insbesondere der Spanier, der mit guten Leistungen einen wesentlichen Anteil
daran hatte.
Genau
gegenteilig zu Raul ist der Saisonverlauf bei Klaas-Jan Huntelaar. Dieser
schien anfangs überhaupt keine Eingewöhnung zu benötigen, traf er doch in
seinen ersten 10 Spielen für Schalke 7 Mal. Seit Ende November wartet der
Holländer mittlerweile aber auf jeglichen Pflichtspieltreffer, so dass bereits
erste Stimmen laut werden, seinen Stammplatz dem 21 Jahre jungen Schweizer
Mario Gavranovic zu überlassen. Als leidgeprüfter Borussen-Fan muss man aber damit
rechnen, dass die 12 Spiele währende Torflaute des holländischen
Nationalstürmers am Sonntag ein allzu jähes Ende finden könnte.
Unter Wert
verkaufen sich bei Schalke die Spieler auf den Außenbahnen. Jefferson Farfan,
der im Winter noch kurz vor einem Wechsel zum VfL Wolfsburg stand, ist an guten
Tagen kaum zu stoppen. 3 Tore sind für einen gelernten Stürmer aber unzureichend,
wie selbst 5 Assists für die Ansprüche des 15 Millionen teuren Spielers keinen
überragenden Wert darstellen. Noch schlechter ist die Statistik des 13
Millionen-Einkaufs José Manuel Jurado mit einem Tor und einer einzigen Vorlage.
Im offensiven Mittelfeld stehen mit ihm, Baumjohann, Kenia, Karimi oder Deac
zahlreiche namhafte Optionen zur Verfügung, von denen niemand konstant
Höchstleistungen abzurufen in der Lage ist. Die Folge ist, dass im zentralen
Mittelfeld eine Lücke besteht, in die sich Raul oft zurückfallen lässt und die
zukünftig von Neuzugang Annan gefüllt werden soll.
Borussia:
Erfolg
versprechend ist es in erster Linie, Schalke gezielt auf den Außenbahnen zu
attackieren, was dafür spricht, dass Lucien Favre seine Mannschaft auf ein
4-3-3-System umstellen wird. Ganz wichtig wäre es daher, dass Marco Reus doch
noch rechtzeitig fit wird. Alternativ stehen Herrmann oder der umstrittene
Matmour zur Wahl, die aber beide nicht annähernd an die Qualitäten des
Ex-Ahleners herankommen. Der Algerier scheint von den meisten Fans in gleicher
Weise unterschätzt zu werden wie er von seinen Trainern vielfach überbewertet
wird. Mit seinem bedingungslosen Einsatz und seiner Schnelligkeit erarbeitet er
sich so einige Situationen, an die für andere Spieler nicht zu denken ist. Wie
er diese dann mit seiner für einen Stürmer verheerenden Ineffizienz in aller
Regel ungenutzt lässt, bringt so manchen Fan zur Verzweiflung. Dennoch ist es
vorstellbar, dass er auch unter Favre die eine oder andere Chance erhalten
wird.
Gespannt
sein darf man, welche personellen Änderungen Favre in seiner ersten Partie
vornehmen wird. Diese dürften aber überschaubar sein, da er bereits zu
Amtsbeginn deutlich machte, nicht gleich alles umstürzen zu wollen. Da er die
Mannschaft selbst noch nicht so gut einschätzen kann, wird er sich zum Teil auf
die Argumente seines Staff einlassen. Dies wäre dann vermutlich die Chance für
Christofer Heimeroth, trotz diverser Schwächen in den letzten Monaten seinen
Platz im Tor zu verteidigen. Auch wenn es dem sympathischen Ex-Schalker zu gönnen
wäre, so spricht vieles für einen erneuten Wechsel auf der Torwartposition.
Borussia befindet sich in einer Situation, in der eine außergewöhnliche
Rest-Rückrunde zwingend vonnöten ist. Heimeroth steht leider für biederen
Durchschnitt, den er mehr oder weniger konstant seit Jahren abliefert und von
dem er kaum abzuweichen in der Lage ist. Logan Bailly hingegen verkörpert den
schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn sowie zwischen Welt- und Kreisklasse.
Zwar sprechen seine schwachen Leistungen der letzten 1 ½ Jahre im Borussen-Tor
gegen ihn. Falls es ihm aber – wie er es in der Winterpause gewohnt vollmundig
ankündigte – tatsächlich gelingen sollte, erneut an seine anfängliche Form aus
der Rückrunde 2009 anzuknüpfen, so könnte er für jene 3-4 Punkte gut sein, die
am Ende entscheidend werden können. Ein Torwartwechsel ist daher zwar mit einem
gewissen Risiko verbunden, aber ein solches wird Favre des Öfteren eingehen
müssen, um das Wunder Klassenerhalt doch noch zu bewältigen.
Die
Viererkette wird sich voraussichtlich nicht wesentlich ändern, auch wenn gerade
die Außenpositionen Anlass zu Verbesserungen bieten. Tony Jantschke ist ein
Kandidat, der eine Chance verdient hätte. Zudem steht Roel Brouwers vor seiner
Rückkehr. Fraglich allerdings, ob der Holländer nach so langer Verletzung
gleich wieder in die Startformation zurückkehren wird.
Seinen Weg
zurück scheint Juan Arango zu finden, für den ähnliches gilt wie bei Bailly.
Zwar gibt es durchaus gute Gründe, warum er zuletzt nicht mehr berücksichtigt
wurde, da es unter Frontzeck berechtigte Zweifel an seiner profihaften
Einstellung gab. Borussia benötigt für die kommenden 12 Partien aber die
Punktausbeute eines Europacup-Anwärters und kann hierfür kaum auf die
unzweifelhaften sportlichen Qualitäten des Venezolaners verzichten. Ob ein
Thorben Marx ebensolche Qualitäten mitbringt, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen.
Dennoch könnte er auf der offensiven Halbposition im Mittelfeld den Gegenpol zu
Arango bilden. Neustädter bietet sich für die Position des einzigen 6ers an, da
Favre für den Einbau junger Akteure steht und Nordveidt in
dieser Woche verletzungsbedingt wenig Chancen hatte, sich für einen Einsatz zu bewerben.
Hoffnung
haben darf man, dass die Gäste gedanklich noch beim erfolgreichen Auftritt in
Valencia sein könnten. Von den bisherigen 9 Spielen dieser Saison im Anschluss
an eine Pokalpartie gingen 6 verloren. In einer tabellarischen Konstellation im
tristen Liga-Mittelfeld drohen solche internationalen Highlights umso mehr vom
Alltagsgeschäft Bundesliga abzulenken. Eine Chance, die Borussia dringend
nutzen sollte, um dieses so wichtige Spiel für sich zu entscheiden.
Auch bei
einer Niederlage wäre der Abstieg zwar noch nicht endgültig besiegelt. Es würde
aber immer schwerer, den Glauben an den Klassenerhalt aufrechtzuerhalten. Der
Anschluss ist bereits jetzt verpasst, und wenn der Trainerwechsel ein gutes
gehabt haben könnte, so weckt er womöglich auch bei den Spielern noch einmal letzte
Kräfte, sich gegen den drohenden Abstieg zu wehren. Wächst der Rückstand auf
Platz 15 und 16 noch weiter an, so könnte sich die Mannschaft endgültig
aufgeben, was eine Rettung so gut wie ausschließen würde.
Borussia: Bailly – Levels, Stranzl, Dante,
Daems – Marx, Neustädter, Arango – Reus, Hanke, Idrissou
Schalke: Neuer – Uchida, Höwedes,
Metzelder, Schmitz – Kluge, Annan – Farfan, Jurado – Raul, Huntelaar
SEITENWAHL-Tipps:
Michael Heinen: Der kurzfristige Effekt eines
Trainerwechsels wird seit jeher überschätzt. Schalke hat leider die mit Abstand
bessere Mannschaft, die sich daher mit 1:0 im Borussia-Park durchsetzt.
Thomas Häcki: Auch mit einem neuen Gärtner
wachsen die Bäume nicht in den Himmel. Das 0:0 gegen Schalke ist sicherlich
kein Schritt nach vorn, aber so schnell kann man ihn auch realistischerweise
nicht erwarten.
Christoph Clausen: Eine Woche ist lächerlich wenig
Zeit, um tieferliegende Probleme zu beheben. Im besten Falle könnte der
psychologische Effekt eines Trainerwechsels einen zusätzlichen Schub bewirken.
Realistischer ist aber, dass Borussia mit einem ordentlichen, aber nicht
berauschenden 1:1 am Tabellenende verharrt.
Christian Spoo: Ein Trainerwechsel macht noch
keinen Heimsieg. Borussia spielt wie gehabt, Schalke gewinnt mit 3:1.
Christian Heimanns: Neuer Trainer - alte Sorgen.
Gladbach - Schalke 0:1.
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