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Seit
Beginn der Rückrunde ist es Borussia gewohnt, jede Partie wie ein Endspiel
angehen zu müssen. Vor den Spielen in Nürnberg und Frankfurt stand man mit dem
Rücken zur Wand und benötigte einen Sieg, um den Anschluss an die Konkurrenz
nicht zu verlieren. Gegen Stuttgart und St. Pauli waren es die so genannten
6-Punkte-Spiele, die unbedingt gewonnen werden mussten. Als dies misslang, nutzte
man gegen Schalke mit neuem Trainer die letzte Chance, die sich aber schon bei
einer Niederlage im anstehenden Auswärtsspiel vehement reduzieren könnte. Angesichts
der Bedeutung dieser Partie trifft es sich gut, ausgerechnet nach Wolfsburg reisen
zu dürfen.
Denn kaum ein
Verein lässt sich mit so vielen bedeutsamen Partien in der Borussen-Historie in Verbindung
bringen wie die niedersächsische Werkself. Angefangen mit dem letzten Pokalsieg
1995, als Borussia den damaligen Zweitligisten souverän mit 3:0 besiegte. Unvergessen
die Rettung in letzter Sekunde am 9. Mai 1998 durch ein 2:0 im damaligen
VfL-Stadion am Elsterweg. Weniger Grund zum Jubel gab es wenige Monate später
bei der legendären 1:7-Klatsche im Anschluss an jenes 2:8 gegen Leverkusen. Der
3:1-Sieg im Jahre 2003 wiederum bedeutete den ersten Auswärtssieg von Borussia
nach 20 Monaten. Nachdem sich die Brisanz dieses Aufeinandertreffens in den
letzten Jahren ein klein wenig beruhigt hat, steht in dieser Saison mal wieder
so eine besondere Partie an. Denn beide Seiten haben viel zu verlieren und
müssen eigentlich so dringend gewinnen.
Die
Mannschaft von Pierre Littbarski befindet sich tabellarisch im freien Fall. Noch
zur Winterpause glaubte niemand so recht, dass die hochdotierten Kicker
ernsthaft in Abstiegsgefahr geraten könnten. Trotz einer miserablen Vorrunde
hatte man immerhin noch satte 4 Punkte Vorsprung auf einen Relegationsplatz. Selbst
der Abgang von Sturmstar Edin Dzeko nach Manchester schien verschmerzbar, holte
man sich an seiner Statt doch gleich ein halbes Dutzend neuer Spieler –
darunter u. a. Nationalstürmer Patrick Helmes.
Nach 4
Punkten aus den ersten beiden Spielen der Rückrunde schien alles seinen
erwarteten Gang zu nehmen. Doch mit den zum Ende der Transferperiode
verpflichteten Neuzugängen ging es bergab. Die Niederlagen gegen Dortmund und Hannover
kosteten Steve McClaren seinen Job. Unter Interimscoach Littbarski gingen die
beiden ersten Partien gegen Hamburg und Freiburg erneut verloren. Verwundern
muss das nicht zwangsläufig schaut man auf Littis bisherige Karriere als
Trainer, in der er u. a. in Duisburg, Liechtenstein und im Iran recht kläglich
scheiterte. Für den Ex-Kölner geht es vermutlich schon um seine letzte Chance,
denn als 15. punktgleich mit dem Relegationsplatz kann sich der Verein alles
leisten, aber keine weitere Heimpleite gegen den Tabellenletzten. Seit dem 20.
Oktober wartet man mittlerweile auf einen Sieg im eigenen Stadion, wobei in der
Zwischenzeit sogar Energie Cottbus bei den Wölfen mit 3:1 gewinnen konnte. So
ist der verzweifelt klingende Ausspruch von Litti, die Borussen wollten ihnen
die Arbeitsplätze wegnehmen, von einer recht gesunden Selbsteinschätzung
geprägt.
Für
Borussia ist es eine angenehme Abwechslung, dass es jetzt einmal die Gegner
sind, die über Verletzungssorgen zu klagen haben. Profitierte man in der
Vorwoche von Blessuren, die Metzelder und Kluge während der Partie behinderten,
so ist es in dieser Woche der Ausfall von Grafite, Josue und Benaglio, der
unseren Gegner schwächen wird. Auch bei Patrick Helmes zwickt der Oberschenkel;
es ist aber davon auszugehen, dass er dennoch in der Startelf stehen wird.
Interessant
könnte es werden, falls Schiedsrichter Jochen Drees, der Borussia in der
Vorrunde gegen Eintracht Frankfurt arg benachteiligte, einen Elfmeter für
Wolfsburg geben sollte. Beim letzten Versuch scheiterte Diego, nachdem sein damaliger
Trainer Helmes auserwählt hatte. Jener wäre damit der natürliche Kandidat für
den nächsten Schuss. Aber wir erinnern uns: Im vorigen Herbst trat der
Ex-Leverkusener gleich 2x vom Elfmeterpunkt gegen Borussia an und blieb jeweils
zweiter Sieger.
Bei aller
personellen Schwächung des Kaders sollte man nicht übersehen, dass er mit
einigen hoch dotierten Kickern gespickt ist, die in besseren Zeiten zu gänzlich
anderen Leistungen fähig waren. Wolfsburg verfügt nicht umsonst über den
zweitteuersten Spielerkader der Liga. Vom reinen Potential der Einzelspieler
aus gesehen ist das Abschneiden des einstigen Meisters sogar noch
enttäuschender zu werten als jenes von Schalke, Werder, Stuttgart oder unserer
Borussia.
Zu knacken
ist Wolfsburg in der Viererkette, wo die beiden Außenverteidiger Riether und
Schäfer weit unter ihren Möglichkeiten bleiben und wo das dänische Top-Talent
Kjaer auch nach mehr als einem halben Jahr noch nicht endgültig in der Liga
angekommen ist. Das defensive Mittelfeld erscheint mit Hasebe und Polak in der
Rückrunde gefestigt und schwer zu spielen. Offensiv ist Diego die übliche
Wundertüte. In Freiburg spielte er endlich mal wieder so wie es von ihm
erwartet wird. Seine Genialität ist jederzeit zu beachten. Ein Helmes wiederum sollte
in der Rückrunde ein Garant dafür sein, dass Wolfsburg zumindest in der
Statistik der abgegebenen Torschüsse die Rote Laterne abgibt. Helmes zeichnet
sich nämlich dadurch aus, jede sich bietende Gelegenheit zu einem Torabschluss
zu nutzen.
Für Lucien
Favre gibt es wenig Grund, die erfolgreiche Elf aus dem Schalke-Spiel zu verändern.
Die Rückkehr von Igor de Camargo wäre ein solcher, der vor seiner ungerechten
Roten Karte ansteigende Form zeigte. Für ihn könnte ggf. Patrick Herrmann
weichen, wobei Marco Reus dann auf die Außenbahnen rücken könnte. Allerdings
spricht viel dafür, dass es Favre zunächst bei der alten Aufstellung belässt
und diese Variante ggf. nach dem Seitenwechsel einsetzt.
Wolfsburg: Hitz – Riether, Kjaer, Friedrich,
Schäfer – Tuncay, Hasebe, Polak, Diego, Cicero – Helmes
Borussia: Bailly – Levels, Stranzl, Dante,
Daems – Herrmann, Nordtveit, Neustädter, Arango – Reus, Idrissou
Seitenwahl-Tipps
Michael Heinen: Ein gerechtes 1:1 sorgt auf beiden
Seiten für ratlose Gesichter, wie man mit diesem Ergebnis umgehen sollte.
Christoph Clausen: Borussia tritt erneut engagiert und
zumindest phasenweise spielfreudig auf. Dummerweise ist Diego gut in Form. Am
Ende reicht es zu einem 1:1.
Christian Spoo: Der Wundertrainer hats geschafft:
Lahme können wieder laufen, Blinde wieder sehen, Tote kriechen aus der Gruft.
Diesen Eindruck konnte man nach dem (verdienten) Sieg gegen Schalke bekommen,
wenn man sich unter Borussias Anhängern umhörte. Aber Wunder gibt es äußerst
selten - und das mit Lazarus ist auch schon über 2000 Jahre her. So sollte über
die 1:2-Niederlage in Wolfsburg auch niemand allzu erstaunt oder gar entsetzt
sein
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