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Der arme Tucholsky |
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Geschrieben von Christoph Clausen
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Mittwoch, 27 September 2006 |
„Je ne suis pas un marxiste“. So distanzierte sich einst Karl
Marx von denen, die sich auf ihn beriefen, ohne ihn verstanden zu
haben. „Ich bin kein Satiriker“, hätte in diesem Sinne auch Kurt
Tucholsky sagen können. 1919 hatte Tucholsky im Berliner Tageblatt die
Frage aufgeworfen, was die Satire dürfe, und sie selbst beantwortet:
„Alles“. Wir können Tucholsky nicht mehr fragen, aber wer nur ein wenig
seines Werkes kennt, kann sich lebhaft ausmalen, wie gequält er
aufgestöhnt hätte, hätte er voraussehen können, welche Dummheiten unter
Verweis auf dieses Diktum gerechtfertigt werden sollten.
Schwerlich das bedeutsamste, immerhin aber das jüngste Beispiel fand
sich in der Berichterstattung zur Bundesligabegegnung im Borussiapark
vom letzten Samstag.
Verantwortlich zeichnete
das den Dortmunder Gästen verbundene Fan-Magazin Schwatzgelb.de. Dort wurde der
Auftritt des Gladbacher Stadionsprechers, der vor der Partie die Fans durch
gezielte Ansprache zusätzlich in Stimmung zu bringen versuchte, in die Tradition
der Rede Joseph Goebbels' im Berliner Sportpalast gestellt: Im Februar 1943,
gut zwei Wochen nach der deutschen Kapitulation bei Stalingrad, schwor der
gebürtige Rheydter eine heillos heilschreiende Menge fanatisierter, durch das
manipulative Geschick der Lüge mit dem kurzen Bein zusätzlich euphorisierter
Nazis auf den totalen Krieg ein. Diese Passage des schwatzgelben Textes sorgte
in den einschlägigen Internetforen für einigen Wirbel, woraufhin sich die
verantwortliche Redaktion unter Verweis auf den berühmten Satz zu exkulpieren
versuchte: Satire dürfe nun mal alles.
Der arme Tucholsky. Dass
sich dessen Position zur Satire sehr viel differenzierter darstellt, als dieser
eine, immer wieder zitierte Satz vermuten lässt, dass der promovierte Jurist weit
entfernt davon gewesen sei, jedweder Verunglimpfung und Beschimpfung einen
Freibrief auszustellen, dass er der Satire Grenzen setzte, die er selbst
zeitlebens nie überschritt, darauf hat, in einem äußert lesenswerten Beitrag
der Netzzeitung, Friedhelm
Greis hingewiesen. Greis, Vorstandsmitglied der Deutschen
Tucholsky-Gesellschaft, äußerte sich während der Kontroverse um die dänischen
Mohammed-Karikaturen, ungleich wichtiger natürlich als der schwatzgelbe
Missgriff. Aber nehmen wir doch diesen zum Anlass, um einige grundsätzliche
Dinge zu klären.
Ja, es ist wahr, Satire
darf prinzipiell alles, aber sie darf es nur dann, wenn sie erstens Satire ist,
die diesen Namen verdient, und wenn es zweitens zwingende Gründe gibt, um zu
ihren äußersten Mitteln zu greifen. Ein berühmtes Beispiel: Darf Satire in
allen Details die Schlachtung von Kindern und die durchorganisierte Verwertung
ihrer Leichen beschreiben? Ja, sie darf - aber nur, wenn es nicht mehr anders
geht. Sie durfte es in einem der größten
Texte des Genres, Jonathan Swifts 1729 geschriebenes A Modest Proposal For Preventing The Children of Poor People in Ireland
From Being A Burden to Their Parents or Country, and For Making Them Beneficial
to The Public. Darin konstatierte Swift, alle Versuche die bittere
Armut der irischen Landbevölkerung zu lindern, seien gescheitert und schlug
vor, ihre dahinvegetierenden Kinder, die ja vom Leben ohnehin nichts mehr zu
erwarten hätten, zu töten und als Nahrung für reiche Landbesitzer zu verwenden.
Swift hatte sich seit Jahren vehement für weitreichende Sozialreformen in
Irland eingesetzt, war aber auf taube Ohren gestoßen. Deshalb griff er nun zum
letzten, zum radikalen Mittel. Zu Beginn des zunächst bewusst anonym
veröffentlichten Textes verwarf er Reformvorschläge, die er selbst an anderer
Stelle formuliert hatte, als weltfremd, bevor er dann die Kinderschlachtung als
einzig realistische Alternative anpries. Der durchgängig seriöse Tonfall
verschleierte gezielt die satirische Absicht, und gerade die Ausführlichkeit,
mit der Swift den ökonomischen Nutzen und die organisatorischen Details der
Schlachtung nüchtern erörterte, ließ den Leser mehr und mehr zweifeln, ob
dieser so unglaubliche Vorschlag gar ernst gemeint sein könne. Swift wollte
also nachhaltig schockieren, aber nicht um der Schockwirkung selbst willen,
sondern um eine Reaktion zu provozieren. Vor diese grauenhafte Alternative
gestellt, so hoffte er, würde der Leser nach anderen Konsequenzen suchen, die
man aus dem irischen Elend ziehen könnte. Von solcher Art ist die Satire, die
alles darf.
Darf Satire einen
Stadionsprecher in eine Linie mit Goebbels stellen? Sie darf - wenn und nur wenn sie
einen zwingenden Grund dafür hat. Auch das Fußballstadion befriedigt ja die archaische Lust am Sich-Verlieren in der
Masse, ein menschliches Grundbedürfnis vielleicht, das allerdings auch anfällig
macht für Manipulation, für kollektive Hysterie, auch für niedrigste
menschliche Instinkte: Die Masse kann eben zum Monster werden, und auch dafür
bietet der Fußball bedrückende Beispiele - man erinnere sich an die Katastrophe
im Brüsseler Heysel-Stadion im Jahre 1985. Wer heute konkreten Anlass sähe, vor
solchen Gefahren in der Bundesliga zu warnen, der dürfte auch den Vergleich zu
Goebbels ziehen - um zu schockieren, zum Widerspruch herauszufordern, das
Bewußtsein für die Verantwortung von Spielern und Stadionsprechern zu schärfen.
Anders natürlich, wo es nur um die
verbale Rache eines frustrierten Fans geht, denn mit ernstzunehmender Satire hat der Text auf Schwatzgelb nichts zu tun. Die
bewusste Passage knüpft vielmehr nahtlos an die Beschimpfungen im dortigen
Vorbericht zum Spiel an, in dem man die Stadt Mönchengladbach und ihren
Fußballverein offenbar bedeutungsvoll genug fand, um ausführlich ihre völlige
Bedeutungslosigkeit zu erläutern. Das wäre an sich nicht weiter beachtenswert,
und so wurde in der SEITENWAHL-Redaktion auch diskutiert, ob gelangweiltes
Ignorieren nicht die angemessene Reaktion wäre.
Wenn wir uns aber anders
entschieden haben, dann hat das einen tieferen Grund. Vor einigen Jahren
hängten auf einer Berliner Demonstration verwirrte Kampfhundbesitzer ihren
Tieren öffentlich Judensterne um, um gegen die Maulkorbpflicht zu protestieren.
Natürlich war das keine politische Aussage, die man hätte ernst nehmen müssen.
Widerwärtig war die Aktion in erster Linie deshalb, weil sie indirekt den
Judenstern - öffentlich zur Schau gestellte Stigmatisierung, die letztlich nach
Auschwitz, Treblinka und Sobibor führen sollte - zum bloß ärgerlichen
Verwaltungsakt verniedlichte. Ähnliches gilt hier: Dass ein Stadionsprecher in eine Goebbelsche Tradition gestellt
wird, ist eine üble Geschmacklosigkeit, dürfte dem Stadionsprecher aber kaum
bleibenden Schaden zufügen. Dafür ist die Idiotie der Behauptung denn doch zu
offensichtlich. Bedenklicher aber ist, dass Goebbels im Umkehrschluss zum
bloßen Stadionsprecher, die Hetzrede von 1943 quasi zum sportlichen Event
banalisiert wird. Dem, meinen wir, sollte man dann schon entgegentreten.
Immerhin sprechen wir hier über einen Mann, der zentralen Anteil an
Machtergreifung und zwölf grauenhaften Jahren Machterhalt der
Nationalsozialisten, an Krieg, Unterdrückung und Völkermord hatte, und der noch
kurz vor seiner feigen Flucht in den Suizid zynisch genug war, um seine restlos
fanatisierte Ehefrau bei der Ermordung ihrer sechs Kinder zu unterstützen - aus
dem irrsinnigen Glauben heraus, dies würde dem Ansehen des Nationalsozialismus
nach dem Krieg förderlich sein. Mag es übertrieben moralisierend finden, wer
will, aber bei allem Herzblut, mit dem man den Fußball verfolgen mag, scheint
uns dieser Hinweis doch wichtig: Wir sollten uns aus Respekt vor den Opfern
davor hüten, Anspielungen auf den Terror des Dritten Reichs als Munition im
Schlagabtausch der Fanrivalität zu missbrauchen.
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