Normalerweise
gibt Lucien Favre auf jede noch so bescheidene journalistische Frage eine
höfliche Replik. Als er aber auf der Pressekonferenz nach dem 1:0-Sieg über den
1. FC Nürnberg gefragt wurde, was seiner Mannschaft noch fehlen würde, war es am
ehesten die Zeit, die dem Schweizer zur Beantwortung fehlte. Für einen
Perfektionisten wie ihn bietet selbst ein solch gelungener Heimauftritt
wie gegen den Club noch reichlich Material für potentielle Verbesserungen.
Oberflächlich betrachtet war die Leistung seiner Mannschaft allerdings nah dran
an dem, was mit dem aktuellen Spielerkader maximal erwartet werden darf.
Offenkundigster
Kritikpunkt an diesem fast perfekten Nachmittag war die mangelhafte
Chancenverwertung, die sich gegen einen stärkeren Gegner hätte rächen können.
Es kann nicht zufriedenstellen, wenn in 7 Situationen ein Borusse freistehend
am dritten Club-Keeper Alexander Stephan und/oder seiner fehlenden
Zielgenauigkeit scheitert. Beeindruckend war es aber, sich gegen die für ihre
Kompaktheit berüchtigten Nürnberger eine dermaßen hohe Anzahl an Großchancen
herauszuarbeiten. Die Elf von Dieter Hecking hatte in dieser Saison ihren zuvor
6 Gegnern insgesamt ganze 13 Torchancen zugelassen. Berlin, Hannover, Bremen,
Köln und Augsburg kamen jeweils zu nicht mehr als zwei Gelegenheiten; einzig
der Meister aus Dortmund erreichte daheim immerhin fünfmal akute Tornähe. Zahlen,
über die Borussia bei allein 21 Torschüssen nur schmunzeln kann.
Es wäre zu
einfach, die gute Leistung der Mannschaft einzig auf die Schwäche des Gegners
zurückzuführen. Nürnberg zeigte gerade zwischen der 5. und 25. Minute, wie
schwierig sie zu spielen sind und wurde erst durch das schnelle, überfallartige
Offensivspiel der Borussen zu Fehlern gezwungen. Marco Reus war einmal mehr an
allen Offensivaktionen aktiv beteiligt und hätte das Spiel im Alleingang
entscheiden müssen, was er letztlich durch seinen Fall im Strafraum tat. Der
gebürtige Dortmunder ruft derzeit, so wie aktuell alle Spieler in der ersten Elf,
die beste Leistung seiner bisherigen Sportlerkarriere ab. Einzig Mike Hanke war
in der Vergangenheit phasenweise torgefährlicher, ist aber trotz allem als
Wandspieler ein nicht zu unterschätzendes Puzzleteil der momentanen Erfolgskombo.
Wenn sich
die Frage stellt, was noch zur Perfektion fehlt, dann drängt sich geradezu der Vergleich zur aktuellen Übermannschaft der Liga auf. Der FC
Bayern München hat seit der Auftaktniederlage gegen Borussia jeden Gegner zu
Null geschlagen und ist damit die einzige Mannschaft, die in dieser Spielzeit
bislang noch stärker herausragt als Gladbach. Ein Marco Reus muss sich in
seiner aktuellen Form ebenso wenig vor Frank Ribery verstecken wie ein ter
Stegen derzeit keinen Deut schlechter hält als Manuel Neuer. Die
Innenverteidigung um Dante, Stranzl und Brouwers steht ähnlich souverän wie
Badstuber, van Buyten und Boateng. Selbst ein Vergleich der beiden
Fast-Namensvetter auf der linken Abwehrseite erscheint dieser Tage keineswegs
mehr abwegig. Wo bis vor einigen Monaten der Unterschied zwischen Lahm und
Daems noch mindestens so eklatant war wie jener zwischen den Nationalteams von
Deutschland und Belgien, hat sich gerade der Kapitän unter Lucien Favre in
unglaublicher Weise entwickelt. Nicht nur seine Unfehlbarkeit vom
Elfmeterpunkt, die in dieser Spielzeit bereits dreimal eine Führung
ermöglichte, macht ihn mittlerweile unverzichtbar.
Doch
selbstverständlich wachsen die Bäume bei aller berechtigten Euphorie nicht
grenzenlos in den Himmel. Nimmt man tatsächlich die Bayern zum Maßstab, so ist
der erste notwendige Einwand, dass die Spieler des Rekordmeisters ihr hohes
Niveau in aller Regel bereits über Jahre hinweg unter Beweis gestellt haben,
während viele Borussen von ihrer aktuell überragenden Hochform zehren, die sich
für ein Verharren in der Spitzengruppe erst noch im Langzeittest wird bewähren
müssen. Die Breite im Kader spricht zusätzlich für die Bajuwaren. Ferner fehlt
es Borussia an einem absoluten Torjäger, wie ihn Mario Gomez darstellt. Igor de
Camargo ist für Gladbacher Ansprüche ein sehr guter Angreifer, dem bei
konstanter Fitness einiges zuzutrauen ist – aber wohl eher nicht eine Ausbeute
von 28 Saisontoren. Auch ein Thomas Müller ist zweifelsohne torgefährlicher als
es Juan Arango oder Mike Hanke sind. Im zentralen Mittelfeld ist die
Leistungssteigerung von Neustädter und Marx gegenüber der Vorsaison nicht
genügend zu loben. An guten Tagen, wie gegen Wolfsburg oder Nürnberg,
entwickeln sie auch nach vorne einiges an Torgefahr. Einem Vergleich mit Bastian
Schweinsteiger halten die beiden aber noch nicht stand.
Marc-André
ter Stegen teilt in den letzten Wochen hingegen das Schicksal von Manuel Neuer.
Ähnlich wie der Ex-Schalker bei den Bayern wird Borussias Nr. 1 in den letzten
Wochen nur ganz selten innerhalb einer Partie geprüft, muss dann aber hellwach
sein. So war es gegen Kaiserslautern, als er die Großchance von Tiffert
brillant parierte. So war es beim HSV als er 90 Minuten lang vergeblich auf
eine Chance zur Bewährung wartete. Und so war es jetzt wieder gegen den 1.FC
Nürnberg, als in Halbzeit 2 ein einziger Schuss gefährlich in seine Richtung
flog und von ihm souverän zur Seite weggefaustet wurde. Insbesondere bei hohen
Flankenbällen, die er mit souveräner Leichtigkeit herunterpflückt, zahlt sich
dieser Tage seine Neuberufung gegenüber seinen Vorgängern aus. Gerade dann,
wenn die eigene Chancenverwertung zu wünschen übrig lässt, und die Offensive
regelmäßig nur zu einem Torerfolg in der Lage ist, bedarf es hinten eines
Torhüters, der dem Gegner untersagt, mit einer der wenigen Torgelegenheiten das
Spielgeschehen auf den Kopf zu stellen.
So schön das
aktuelle Tabellenbild anzusehen ist, das Borussia als ersten Bayern-Jäger ausweist, sollte es aber in realistische Relationen gerückt werden. Nach 7 Spielen
und 16 Punkten lässt sich festhalten, dass sich Borussia in der Spitzengruppe
etabliert hat. Nach einem knappen Fünftel der Saison hat sich das Tabellenbild – anders
als in der verrückten Vorsaison – halbwegs eingerenkt. In der oberen
Tabellenhälfte finden sich überwiegend die Mannschaften, die von den Experten
schon vor der Saison dort gesehen wurden. Von den letzten sechs Mannschaften
sollten sich auch nur die wenigsten über ihre Platzierung wundern. Die einzig
richtig unerwarteten Ausreißer sind Borussia im positiven wie der HSV im
negativen. Auch wenn sich an dieser Situation im Laufe der kommenden 27
Spieltage noch einiges ändern wird, ist eine gewisse Nachhaltigkeit inzwischen
nicht mehr von der Hand zu weisen – insbesondere, wenn man saisonübergreifend
die 21 Spiele seit Amtsantritt von Lucien Favre als Gesamtbetrachtung
heranzieht.
Borussia
wird auch unter Lucien Favre noch Krisenzeiten und Negativserien erleben, womit
aller Wahrscheinlichkeit nach leider noch in dieser Saison zu rechnen ist. Es
macht aber wenig Sinn, sich mit solchen Szenarien zum jetzigen Zeitpunkt zu
beschäftigen, die jeglichen Genuss des status quo nur unnötig stören. Die Fans
und Spieler haben von Favre selbst die Erlaubnis bekommen, vom Europapokal zu
träumen. Fast ist man geneigt zu fragen, wenn nicht jetzt, wann dann? Denn die
Ausgangslage erscheint so gut wie selten zuvor. Borussia spielt begeisternden,
effizienten Spitzenfußball. Die Spieler sind in der Form ihres Lebens und haben
sich durch die Aufholjagd in der Vorsaison in einen Lauf gespielt. Die
Mannschaft setzt erstaunlich fähig das um, was der Trainer vorgibt und lässt
dessen Handschrift präzisionsscharf erkennen. Mit ter Stegen, Dante, Reus, de
Camargo besteht eine zentrale Achse von Spielern, die nahezu jeden Bundesligisten
bereichern würden. Mit Stranzl, Daems, Arango oder Hanke spielen einige weitere
erfahrene Leistungsträger auf (derzeit) hohem Leistungsniveau. Mit Neustädter,
Jantschke oder Nordtveit befinden sich einige talentierte Jungspieler im Stamm,
die von einer Reihe ambitionierter Talente in der Hinterhand flankiert werden.
Es gibt also einige Gründe, um guter Hoffnung sein zu dürfen, dass die
aktuellen Träume von der Rückkehr ins internationale Geschäft am Ende nicht
unerfüllt bleiben müssen.
Ein wenig
Glück, wie es Borussia durch ihre tüchtigen Leistungen in den letzten Wochen
erzwingt, wird hierzu allerdings schon benötigt. Ein längerfristiger Ausfall
von Marco Reus oder Marc-André ter Stegen z. B. könnte derzeit vermutlich nur
schwer kompensiert werden. Zudem gab es zuletzt einige Elfmeterentscheidungen,
die – anders als so oft in der Vergangenheit – regelmäßig pro Reus und Borussia
gefällt wurden. Auch den jüngsten Strafstoß gegen den Club hätte nicht zwingend
jeder Schiedsrichter gepfiffen, wenngleich eine Berührung Pinolas unstrittig
vorlag und die Regeln somit konsequent, aber richtig ausgelegt wurden.
Es kann
und wird noch sehr viel passieren und selbst nach jetzigem Stand wäre schon
eine Endplatzierung in der oberen Tabellenhälfte als Erfolg zu werten. Es wird
nicht einfach werden, konstant in die deutlich finanzstärkere Phalanx der
Konkurrenz einzubrechen, die sich zu großen Teilen von der schwächeren
Vorsaison erholt haben. Bayern, Leverkusen, Dortmund, Schalke, Hoffenheim,
Stuttgart, Bremen und Wolfsburg haben allesamt einen weit höheren Finanzeinsatz
in ihr aktuelles Team gesetzt und sind daher über ein ganzes Spieljahr gesehen
nur schwer zu distanzieren.
Doch bei
allem Realismus und aller lobenswerten Bescheidenheit braucht sich Borussia
nicht kleiner zu machen als sie ist. Die 16 Punkte sind gegen zum Teil starke
Gegner alles andere als unverdient erzielt worden, wie Favre zurecht betont.
Die Mannschaft ist individuell gut und homogen zusammengestellt worden und sie
verfügt über einen Trainer, der taktisch vieles richtig macht. Für den Verein
wäre es ein ganz wesentlicher Schritt, die aktuelle Chance nicht ungenutzt zu
lassen. Spätestens 2013 muss mit den Abgängen von Dante und Reus (sowie ggf. sogar
ter Stegen, sofern dieser nicht von der Verlängerung seines bis 2014 laufenden
Vertrages überzeugt werden kann) gerechnet werden – es sei denn, den Spielern
kann bis dahin eine Perspektive geboten werden, dass sie auch mit ihrem
aktuellen Verein ihre ambitionierten Ziele erreichen können. Das alles
entscheidende, was bis dahin noch fehlt, sind 27 weitere Spiele, die –
zumindest überwiegend – so erfolgreich und hochklassig gespielt werden sollten
wie jenes gegen den 1. FC Nürnberg.
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