Wer am Tag
nach dem grandiosen Spiel gegen Werder Bremen die Tagespresse verfolgt, der
bekommt einen Eindruck davon, was derzeit in Mönchengladbach passiert. Da ist
eine Mannschaft, die plötzlich und unerwartet zum Meisterschaftskandidaten
avanciert, die aber allein von einem Spieler lebt, der sie munter von Sieg zu
Sieg schießt.
Oberflächlich
betrachtet mag das wahr sein. Borussia ist Tabellendritter, punktgleich mit dem
Zweiten, zwei Punkte hinter dem Ersten. Borussia hat mit Werder Bremen einen
weiteren Spitzenverein demontiert und Marco Reus hat mit sieben Toren in drei
Spielen den alles entscheidenden Anteil daran, dass das alles so ist, wie es
ist.
Die
Wahrheit ist, wie so oft, deutlich komplexer. Das das, was zu sehen war,
gestern wirklich spektakulär war, ist unstrittig. Erwachsene Männer hatten
Tränen in den Augen. Menschen, die die Glanzzeiten der Borussia erlebt haben,
versicherten einander glaubhaft, dass es seither nicht mehr so schön war, wie
in diesen Tagen.
Einschränkend
sei erwähnt, dass Werder Bremen es Borussia tatsächlich sehr leicht gemacht
hat, zu glänzen. Über fast 90 Minuten spielten die Bremer mit und versuchten selbst
bei 0:5-Rückstand, das Resultat noch zu verbessern. So hatte man zu keinem
Zeitpunkt den Eindruck, dass die Gladbacher schlicht nicht gefordert waren.
Allerdings spielte Werder tatsächlich so, dass es der derzeitigen
Borussen-Spielweise sehr entgegen kam. Die Bremer attackierten extrem früh,
standen dabei als Mannschaft so hoch, dass es für Borussia recht einfach war,
mit gezielten Pässen in die Spitze
gefährliche Angriffe zu inszenieren.
Die
tatsächlich sogenannte Abwehr der Bremer war – man kann es nicht anders
sagen – ein Witz. Man nehme zum Beleg bloß das Verteidigungsverhalten von Ignjovski
beim 1:0 oder den verwirrten Eindruck, den Innenverteidiger Wolf über die
komplette Dauer des Spiels machte. Und auch Nationaltorwart Tim Wiese stand bei
drei von fünf Borussentoren Pate. Beim 1:0 verharrte er unentschlossen vor der
Linie, beim 4:0 und 5:0 legte er mit D-Jugend-Faustabwehr in die Mitte des
Strafraums den Torschützen den Ball freundlich auf.
Was die
Leistung der Borussia angeht, sei betont: Die angebliche Reus-Show gegen Bremen
war keine. Im Gegensatz zu den vorangegangenen Spielen, in denen Borussia ohne
den Nationalspieler vermutlich wirklich nicht gewonnen hätte, war Reus gestern
keineswegs der Alleinunterhalter, den die Medien heute aus ihm machen. Trotz
dreier Tore: Borussia hätte Bremen auch ohne Reus auseinandergenommen. Spieler
des Spiels war Patrick Herrmann, der sich anschickt, ähnlich unverzichtbar zu
werden, wie sein viel gelobter Mannschaftskamerad im Sturm. Sicher, noch ist
nicht gesagt, dass Herrmann seine Leistung auf dem derzeit gezeigten Niveau
stabilisieren kann. Schon einmal, zu Beginn der vergangenen Saison, schien er
„explodiert“ zu sein, nur um sich später zum Dauerbankdrücker zu entwickeln. In
dieser Spielzeit zeigt seine Leistungskurve aber, seitdem er für den verletzen
de Camargo ins Team rotiert ist, kontinuierlich nach oben. Gegen Bremen war
Herrmann an vier von fünf Toren unmittelbar beteiligt, war mit seinem Antritt
ein permanenter Gefahrenherd und arbeitete, so lange es nötig war, auch nach
hinten aufmerksam mit. Aber vermutlich
ist es gar nicht verkehrt, dass Herrmann sich dank des grassierenden
Reus-wann-geht-er-endlich-zu-den-Bayern-Hype etwas außerhalb des Rampenlichtes
entwickeln kann.
Die Diskussion
um die Frage „Spitzenmannschaft oder nicht“ treibt viele Fans in diesen Tagen
um. Sie lässt sich, stand heute, noch nicht beantworten. Angesichts der
Vorgeschichte, Beinahe-Abstieg, Relegation, sollten wir mit solchen
Superlativen weiterhin vorsichtig sein. Außerdem ist Lucien Favre
uneingeschränkt Recht zu geben, wenn er auf die Euphoriebremse tritt: eine
Spitzenmannschaft erweist sich erst dann als solche, wenn sie sich in der Lage
zeigt, eine Krise wegzustecken. Und eine Krise haben wir in dieser Spielzeit,
trotz zweier vermeidbarer Punktverluste in Freiburg und gegen Leverkusen
wahrlich noch nicht erlebt.
Bisher war
Favre immer noch gerade in der Lage, elf startformationstaugliche Spieler
aufzubieten. Eine Verletztenserie wie in der vergangenen Saison wäre aber
vermutlich immer noch nicht ansatzweise zu kompensieren. Der zweite Anzug ist
für eine Spitzenmannschaft weiterhin zu klein. Spätestens wenn der Trainer
nicht mehr umhin käme, auf unfertige Spieler wie Rupp, Zimmermann, Leckie oder
Otsu zurückgreifen zu müssen, bekäme Borussia vermutlich ernsthafte Probleme.
Ob diese Situation irgendwann kommt, weiß kein Mensch. Unrealistisch ist dieses
Szenario aber nicht. Auch eine
Reihe unglücklicher Niederlagen ist nicht auszuschließen. Und erst wenn sich
die Mannschaft in der Lage zeigen würde, eine solche Serie mehr oder weniger
unbeeindruckt wegzustecken und weiter so erfrischenden Fußball zu spielen, wie
bislang, könnte man von einer echten Spitzenmannschaft sprechen.
So bleibt:
Borussia spielt in dieser Saison bislang Spitzenfußball, für eine derart
positive Langfristprognose, dass man ernsthaft das Erreichen des
internationalen Geschäftes als neues Saisonziel vorgeben könnte, langt es aber
noch nicht.
Wohin die
Reise in dieser Saison geht, ist völlig offen. Dass Borussia nicht mehr in
ernsthafte Abstiegsgefahr gerät, darf mal als gegeben voraussetzen, alles
weitere werden wir sehen. Man kann nur hoffen, dass Lucien Favres mantraartig
wiederholte Herangehensweise, nur „von Spiel zu Spiel“ zu schauen, tatsächlich
tief in den Hirnen der Spieler verankert ist. Denn dieser Ansatz darf als
Grundstein des derzeit zu beobachtenden Erfolges verstanden werden. Wer weiß,
wie sich das Spiel der Mannschaft entwickelt, wenn irgendwann wirklich „Europa“
durch die Köpfe schwirrt.
Auch wir
Fans sollten uns auf das „von Spiel zu Spiel“ einlassen. Dann könnte man auch –
beispielsweise - eine Niederlage in Köln verärgert aber weitgehend unverdrossen
wegstecken, dann könnte man sich weiter einfach nur daran freuen, was es im
Moment 14-täglich im Borussia-Park zu sehen gibt.
|