Wenn heute abend in Kiew die Gruppen für die anstehende
Europameisterschaft ausgelost werden, wird für viele die spannendste Frage
sein, ob Deutschland bereits in der Vorrunde auf Weltmeister Spanien trifft. Die Spanier gelten im Weltfußball seit einigen Jahren als Maß der Dinge,
was insbesondere Joachim Löw immer wieder hervorhebt. Bei der letzten WM hatte die
deutsche Elf durch zwei Kantersiege über Erzrivale England sowie Topelf
Argentinien enormes Selbstvertrauen getankt, das dann aber nicht ausreichte, um
die allzu offensichtliche Ehrfurcht vor dem großen Vorbild zu kompensieren. Nicht
zuletzt aufgrund einer sehr passiven Spielweise unterlag Deutschland für viele
Beobachter unnötig und musste sich mit
Platz 3 zufrieden geben.
Am kommenden Samstag trifft Borussia auf die
Mannschaft, die aktuell für die ambitionierten Vereine des Landes als Maß der
Dinge angesehen wird. Auch Borussia hat zuletzt einen Erzrivalen sowie eine
Topelf deklassiert und geht mit breiter Brust in das Spitzenspiel. Lucien Favre
ist aber zuzutrauen, dass er seine Mannschaften eben nicht so passiv einstellen
wird und dass diese zwar Respekt, aber keine Angst vor dem großen Gegner zeigen
wird.
Zur Erinnerung: Im bisherigen Saisonverlauf hat
Gladbach noch kein einziges Heimspiel verloren. Neben 5 Siegen gab es 2
Unentschieden, von denen eines für Vizemeister Leverkusen höchst schmeichelhaft
ausfiel. In den letzten vier Spielen gab es vier Siege mit insgesamt 12:2
Toren. Es gibt also keinen Grund, demütig in die Partie gegen den Tabellenführer
aus Dortmund zu gehen, auch wenn Borussia von der Öffentlichkeit weiter als
Außenseiter wahrgenommen wird. So liegt die Wettquote auf einen Heimsieg bei
bemerkenswerten 3,15.
Die vermeintlichen Fußballexperten des Landes
diskutieren in den letzten Tagen zuhauf, dass sich erst in der nun anstehenden
Partie gegen Dortmund entscheiden würde, ob Borussia tatsächlich eines
Tabellenzweiten würdig ist. Dabei wird gerne unterschlagen, dass in dieser
Saison bereits in München gewonnen, Bremen deklassiert und Leverkusen teilweise
vorgeführt wurde. In der Rückrunde der Vorsaison wurde u. a. auch der deutsche
Meister mit 1:0 verdient nach Hause geschickt. Borussia zeigt sich im
Kalenderjahr 2011 beeindruckend konstant und hat sich die aktuelle Position
redlich verdient. Von daher bedarf es grundsätzlich keiner weiteren Partie, um
dies noch einmal zu unterstreichen.
Ebenso hat die Elf von Lucien Favre bereits vor einigen
Wochen nachgewiesen, dass sie auch eine weniger erfolgreiche Zeit überstehen
kann. Nach einem Punkt aus drei Bundesligaspielen mühte sich Borussia zu einem
Pokalsieg im Elfmeterschießen in Heidenheim. Dieser „Mini-Krise“ folgte die jüngste
Siegesserie. Lucien Favre kann diese zurückhaltende Wahrnehmung der eigenen
Erfolge nur Recht sein, nimmt sie doch den Druck von der Mannschaft, die in den
letzten Monaten im Windschatten der öffentlich voll respektierten Topklubs sehr
gut gefahren ist.
Eine erste wesentliche Weiche wird bereits vor der
Partie zu stellen sein, wenn sich entscheidet, ob Marco Reus kleiner Zeh im
linken Fuß die Belastung eines Bundesliga-Spiels zugemutet werden kann. Auch
wenn die letzten 4 Tore ohne direkte Beteiligung des Shooting-Stars zustande
gekommen sind, würde das Offensivspiel der Borussia enorm unter einem Ausfall
leiden. Reus und ter Stegen sind die einzigen beiden Spieler, die nur mit
deutlichem Qualitätsverlust zu ersetzen wären.
Raul Bobadilla wäre der logische Vertreter, aber der Argentinier
präsentiert sich weiterhin als zu schwankend in seinen Leistungen, um ihm ohne
Bauchschmerzen zu vertrauen. Igor de Camargo befindet sich zwar wieder im
Kader, konnte aber unter der Woche wegen Rückenproblemen nur eingeschränkt
trainieren, so dass für ihn nach der langen Pause die Jokerrolle geeigneter
erscheint. Letztlich dürfte die Frage nach einem Reus-Ersatz aber müßig sein,
da die medizinische Abteilung alles daran setzen wird, den Zeh des Erfolgsgaranten
irgendwie so schmerzfrei wie möglich in den Schuh zu bekommen. Wenn dies
gelingt, wird Borussia dieselbe Mannschaft ins Rennen schicken, die zuletzt so
erfolgreich war. Lediglich Martin Stranzl sollte wieder für Roel Brouwers in
die Innenverteidigung zurückkehren.
Da hat der Gast aus Dortmund mit ganz anderen Sorgen zu
kämpfen, denn in der Defensive ist der Ausfall von Neven Subotic und Sven
Bender zu verkraften. Dies gelang zuletzt allerdings eindrucksvoll. Felipe
Santana stellte unter Beweis, dass er vermutlich der beste Ersatz-Verteidiger
der Liga ist. Der enorm fleißige Bender wurde durch Youngster Moritz Leitner
ordentlich vertreten. Dieser hatte unter der Woche aber Probleme im
Brustwirbelbereich und könnte evtl. auch noch ausfallen. Dass dann mit Ilkay
Gündogan ein Nationalspieler in der Hinterhand aufgeboten werden könnte, zeigt
die hohe Qualität auf, mit der sich der BVB inzwischen auch in der Breite
präsentiert.
Vorne führt dies sogar zu einem Luxusproblem für Klopp,
der in den letzten Spielen immer wieder selbst Spielern wie Kagawa, Großkreutz
oder Perisic Auszeiten gönnte, da für sieben gefühlte Stammspieler nur vier
Offensivplätze zur Verfügung stehen. Alle sieben sind torgefährlich und die
vier Auserwählten werden Borussias starke Defensive vor große Probleme stellen.
Daher ist zu erwarten, dass Favre seine Mannschaft zu besonderer Disziplin
anhalten wird und sich somit weniger torgefährliche Situationen ergeben werden
als in den vorangegangenen Partien. Wenn diese dann allerdings ähnlich
effizient genutzt werden, sollte selbst gegen diesen starken Kontrahenten ein
knapper Sieg keine Utopie sein.
AUFSTELLUNGEN
Borussia:
ter Stegen – Jantschke, Stranzl, Dante, Daems – Nordtveit, Neustädter –
Herrmann, Arango – Reus, Hanke
Dortmund:
Weidenfeller – Piszczek, Santana, Hummels, Schmelzer – Leitner, Kehl –
Lewandowski, Kagawa, Götze – Barrios
SEITENWAHL-Tipps
Christoph
Clausen: Gladbach und Dortmund: Beide präsentierten sich
zuletzt in beeindruckender Verfassung. Ihre jeweiligen Derbys gewannen beide im
Schongang. Für Samstag ist ein viel engeres Spiel zu erwarten. Auch wenn der
Gladbacher Borussia aktuell vieles zuzutrauen ist, sehe ich die Dortmunder doch
als leicht favorisiert. Um nicht völlig aus der Übung zu kommen, wird also mal
wieder eine Heimniederlage getippt: 1:2.
Christian
Heimanns: Der Vergleich der Borussen um die Tabellenspitze wird
für beide deutlich anspruchsvoller als die recht locker gewonnen Derbys von
letzter Woche. Bis zuletzt umkämpft kommt ein leistungsgerechtes 1:1 dabei
herum.
Thomas
Häcki: Mit einem 0:0 können alle leben. Die Mannschaft der
Stunde, der Meister und vor allem die Bayern. Ich übrigens auch.
Christian
Spoo:
Herbstmeister, Meister gar könnte Borussia werden. Die Gladbacher Fans beginnen
langsam, nach Jahren der Entbehrung verständlich, durchzudrehen. Am Samstag
werden sie auf den Teppich zurückgeholt. Dortmund siegt im Borussia-Park
erstaunlich souverän mit 2:0.
Michael
Heinen: 5:0 gegen Bremen, 3:0 gegen Köln. Der Mathematiker in
mir zwingt mich daher zu einem 1:0-Tipp. Nach ca. 70 Minuten stupst Marco Reus kleine
Zehe den Ball ins Tor des dumm dreinschauenden Roman Weidenfeller.
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