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Die Träume
von Herbst- und anderen Meisterschaften sind nach dem 1:1 gegen Dortmund erst
einmal ad acta gelegt, dennoch verließ wohl kaum ein Anhänger der Gladbacher
Borussia das Stadion enttäuscht. Die Mannschaft hate zuvor einem extrem starken
Gegner einen Punkt abgetrotzt und gezeigt, dass sie auch ohne Marco Reus
imstande ist, in solch schwierigen wie wichtigen Spielen zu bestehen.
Nicht,
dass man den Ausfall des von vielen schon zum Alleinverantwortlichen für den
Gladbacher Höhenflug hochgejazzten Nationalspielers nicht bemerkt hätte – im
Gegenteil: Reus fehlte im Aufbau- und Offensivspiel sehr. Aber die Mannschaft
ließ sich davon nicht unterkriegen, spielte ihre anderen Stärken, vor allem in
der Defensive, unvermindert souverän aus, ließ sich weder vom aggressiven und
sicheren Spiel des Gegners noch vom Gegentor aus dem Konzept bringen und wurde
am Ende mit dem Ausgleichstor belohnt.
Nicht wenige Borussenfreunde sahen mit Sorge, dass Lucien
Favre die durch die Ausfälle von Reus und Igor de Camargo entstandene Vakanz im
Angriff mit Raul Bobadilla zu füllen gedachte. Zu oft schon hatte der
Argentinier in der Vergangenheit seine Inkompatibilität mit dem Favreschen
Spielsystem unter Beweis gestellt. Gegen Dortmund ging es vergleichsweise gut.
Bobadilla machte kein Superspiel, aber er war stets bemüht, sich in den Dienst
der Mannschaft zu stellen und am Kombinationsspiel teilzuhaben. Dass das längst
nicht immer funktionierte, ist sicher auch seiner mangelnden Spielpraxis geschuldet.
Borussias Angriffsspiel fehlte das Miteinander zweier perfekt aufeinander
abgestimmter Angreifer, wie es Mike Hanke und Marco Reus in den vergangenen
Spielen praktizierten. Hanke und Bobadilla harmonierten die meiste Zeit
keineswegs, Hankes Ablagen fanden kaum einmal den Mitspieler, das Verständnis
für die Aktionen und Laufwege des Sturmpartners fehlte beiden – bis auf die
Situation vor dem Gegentreffer. Bobadilla machte in diesem Fall „den Hanke“,
nahm einen Pass von Juan Arango gut auf und spielte einen großartigen Ball im
Rücken der Dortmunder Verteidiger direkt in den Lauf seines Sturmkollegen.
Hanke wiederum machte „den Reus“, und verwertete die großartige Vorlage
eiskalt. Sollte Marco Reus, wonach es derzeit aussieht, weiter fehlen, wäre es
wohl nicht verkehrt, dem gestern noch fremdelnden Stürmerpaar ein oder zwei
weitere Bewährungschancen zu geben. Wie sehr sich wachsende Spielpraxis im
System Favre auszahlen kann, beweist zum Beispiel Patrick Herrmann seit Wochen.
Bei aller Skepsis in Sachen Spielintelligenz hat Raul Bobadilla womöglich hier
noch einmal eine Chance, seine Kritiker Lügen zu strafen.
Dass die
Borussen-Defensive auch gegen die starken Dortmunder bestehen konnte, ist eine
sehr erfreuliche Erkenntnis aus dem gestrigen Spiel. Die Leistung des Filip
Daems ist auf SEITENWAHL schon gebührend gewürdigt worden, aber
auch die Innenverteidiger waren durchweg hellwach und blieben über 90 Minuten
ruhig und souverän. Das Gegentor schreiben einige Beobachter Martin Stranzl zu,
der Mann, der Lewandowski am Kopfball tatsächlich hätte hindern können, war
aber Roman Neustädter. Der machte ansonsten ebenfalls ein ordentliches Spiel.
In der ersten Halbzeit hatte er gelegentlich Probleme im Aufbau eine vernünftige
Anspielstation zu finden, in der zweiten lief es besser.
Als
Schwachpunkt in der Gladbacher Defensive hatten die Dortmunder vorweg offenbar
die rechte Abwehrseite ausgemacht, so sah sich Tony Jantschke oft allein den
Nationalspielern Großkreutz und Schmelzer gegenüber, letzterer verlud den
Gladbacher auch zweimal sehenswert. Tatsächlich hatte Jantschke von allen
Verteidigern die deutlichsten Probleme. Er hat aber – im Gegensatz zu seinem
Pendant Daems - deutlich weniger Unterstützung durch den vor ihm postierten
Mittelfeldspieler. Während auf der linken Seite die kluge Defensivarbeit
bemerkenswerterweise zu einer der Stärken von Juan Arango geworden ist, klappt
die Abstimmung zwischen Patrick Herrmann und Jantschke auf rechts oft noch
nicht. Herrmann ist zwar ebenfalls bemüht, nach hinten zu arbeiten, eine echte
Entlastung für den Verteidiger bringt das aber selten. Umso mehr gebührt auch
Tony Jantschke ein Lob, denn er ließ sich von seinen starken Gegnern und seinen
eigenen Wacklern nicht aus der Ruhe bringen und versuchte weiter bis zum Ende
des Spiels, jede Situation spielerisch zu lösen.
So lässt
sich nach dem Spiel zusammenfassen: Borussia hat nicht die beste Mannschaft der
Liga. Dortmund war besser, reifer, harmonischer und konnte den Ausfall einiger
wichtiger Spieler fast ohne Qualitätseinbußen kompensieren. Borussia aber hat
gezeigt, dass sie auch gegen bessere Mannschaften mithalten kann und auch ohne
zu dominieren ihr Spiel ruhig durchzuziehen vermag. Wir wissen
jetzt: die Bäume wachsen nicht in den Himmel, aber Borussia steht derzeit
tatsächlich zu Recht da, wo sie steht.
Ob
Borussia wirklich eine Spitzenmannschaft ist, wird sich nicht zuletzt an den
kommenden beiden Wochenenden zeigen. Nach drei Gegnern, die kein Mensch
gesunden Geistes hätte unterschätzen können, kommen jetzt zwei Spiele, in die
die Mannschaft als klarer Favorit geht, zwei Gegner, die als absolut schlagbar
gelten müssen. Es wäre fatal, würde die Mannschaft Augsburg und Mainz auf die
leichte Schulter nehmen und die Spiele als Auslaufen nach den schweren Aufgaben
Bremen, Köln und Dortmund bzw. als Warmlaufen für das Pokal-Achtelfinale gegen
Schalke begreifen. Wenn Lucien Favre es aber schafft, die Spannung nach dem
Spitzenspiel hochzuhalten und seine Mannschaft auch in den kommenden Partien
nach seiner „von Spiel zu Spiel“-Philosophie hungrig ins Rennen zu schicken,
dann blühen uns Fans bis Weihnachten noch ein paar fantastische Momente.
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