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Geschrieben von Michael Heinen
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Montag, 06 Februar 2012 |
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Es war eines
der Highlights im Sportjahr 2011 als bei der Auslosung zum
DFB-Pokal-Viertelfinale die Spieler von Holstein Kiel ins Fernseh-Studio zugeschaltet
wurden.
Diese hatten soeben sensationell den Bundesligisten aus Mainz besiegt
und den deutschen Meister aus Dortmund zugelost bekommen. Der spontane Jubel
der Viertligisten entlud sich in einem Sprechgesang, wie er seit Jahren
regelmäßig in den Stadien Deutschlands ertönt. Den Fans und Verantwortlichen
des BVB gefiel es allerdings weniger, dass ihren Müttern ein wenig
imageträchtiges Berufsbild unterstellt wurde, was sich zunächst „nur“ in einer
lächerlich-kindischen Bombardierung der Kieler Facebook-Seite durch diverse
BVB-Fans entlud.
Doch damit
nicht genug. Noch am darauffolgenden Tag fühlte sich der Kieler Präsident durch
das Medienecho genötigt, sich öffentlich für die vermeintlichen Verfehlungen
seiner „bösen“ Mannschaft zu entschuldigen. Doch damit nicht genug. Beim
letzten Heimspiel des BVB wurde ein peinliches Entschuldigungs-Video der
Holstein-Kicker auf der Videoleinwand des Signal-Iduna-Parks eingespielt, in
dem einige der viertklassigen Spieler sogar genötigt wurden, einen BVB-Schal zu
tragen. Doch damit nicht genug. Der Verein wurde trotz all dieser Versuche, das
Schlimmste abzuwenden, vom DFB mit einer Geldstrafe von 12.000 Euro belegt – für
einen Amateurverein eine durchaus stolze Summe, selbst wenn dies das Abbrennen
von Pyro-Technik mit einschloss.
Nun lässt
sich lange über Stil und Niveau im Fußball streiten. Solch derbe
Schlachtgesänge sind aber seit jeher ein ganz wesentlicher Bestandteil der
Stadionkultur. Es gehört zum Fußball dazu, dort auch mal Dinge sagen zu dürfen,
für die man sich im „normalen“ Leben eher schämen würde und die nicht gerade
als politisch korrekt gelten. Der Ruf nach den „BVB Hurensöhnen“ hat sich in
der deutschen Fußballstadion-Landschaft mittlerweile so eingebürgert wie das
Bayern-Schmählied von den auszuziehenden Lederhosen.
Es ist
zweifelsohne amüsant, wenn einige relativ unbekannte Amateurspieler den „großen
BVB“ auf diese Weise öffentlich „anpissen“. Wahre Größe hätten die Dortmunder
aber gezeigt, wenn sie über diesen Dingen gestanden wären und dies schmunzelnd
hingenommen hätten. Immerhin sind es dieselben Dortmunder, die in gleicher
Weise den Kopf darüber schütteln, wie wenig souverän ein Dietmar Hopp mit
paradoxerweise den gleichen Schmährufen umgeht.
Doch auch
der DFB tritt hier völlig unnötig als Moralapostel auf und schießt damit weit
über das Ziel hinaus. Vor einigen Jahren bekamen dies schon zwei einstige Borussen-Ikonen
zu spüren, als nämlich Jeff Strasser und Kasey Keller dafür bestraft wurden,
die größte rheinische Kirche mit Fäkalien in Verbindung zu bringen.
Während
der DFB in solchen Fragen sehr darauf bedacht ist, sein äußerlich sauberes
Image hoch zu halten, sieht man über andere Verfehlungen gerne einmal hinweg.
So hat es bis heute keinerlei Sanktionen für die TSG Hoffenheim gegeben,
nachdem diese in mehreren Spielen die Gästefans verbotenerweise mit einer
Schallanlage penetriert hatten, um damit eben jene unliebsamen Schmähgesänge zu
übertönen. Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um da einen
Zusammenhang zu den guten (finanziellen) Beziehungen des DFB zu
Hoffenheim-Eigner Dietmar Hopp zu sehen.
Schon bei
der Aufweichung der 50+1-Regel zum Wohle der DFB-nahen Konzerne Bayer und
Volkswagen hat der Verband einiges an Glaubwürdigkeit eingebüßt. So steigt mehr
und mehr die Diskrepanz zwischen der wahrzunehmenden Wertschätzung des „einfachen
Stadionfans“ auf der einen und der finanzstarken Sponsoren auf der anderen
Seite. Der DFB äußert zwar stets, wie wichtig ihm die soziale Komponente seines
Wirkens sei. Mit seinen Aktionen und Entscheidungen spricht er aber eine
deutlich andere Sprache und er sollte sich von der im Stadion bewusst primitiv
gehaltenen Erscheinung der Fans nicht täuschen lassen. Die Fußballfans sind zumindest
in der Masse intelligenter und mächtiger als man meinen möchte, was immer
wieder in Bewegungen wie „Pro 15:30 Uhr“ oder „Kein Zwanni für nen Steher“ zum
Ausdruck kommt.
Der große
Erfolg des „Produkts“ Bundesliga liegt im Vergleich zu den anderen großen Ligen
ganz besonders in seiner Stadionkultur, um die uns die ganze Welt beneidet. Dazu
gehören u. a. Stehplätze zu erschwinglichen Preisen und dazu gehören eben auch
primitive Schmährufe, wie sie im Übrigen ein jeder Verein über sich ergehen
lassen muss. Den Spielern von Holstein Kiel sei daher unser Beileid
ausgesprochen, dass sie für eine scheinheilige Doppelmoral eines
wirklichkeitsfremden Verbandes büßen mussten, und zu dieser unwürdigen Farce genötigt
wurden. Allein dafür sei ihnen ein Pokal-Halbfinale gegen die wahre Borussia gegönnt,
bei dem ihnen dann jeder noch so unflätige Schmähgesang – ja vielleicht sogar ein
eigentlich unverzeihlicher, weil absurder Vergleich mit dem FC – ausnahmsweise verziehen
sei.
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