|
|
Home Freie Autoren SEITENwechsel, der 10.
|
SEITENwechsel, der 10. |
|
|
Geschrieben von Mike Lukanz
|
|
Montag, 09 Oktober 2006 |
Auf schillernde Juwelen kann man von vielen Seiten blicken und staunen.
Seit 1997 bereits blickt SEITENWAHL für seine Leser auf das Gladbacher
Geschehen, 2004 gesellte sich der VfLog dazu. Beide Projekte haben
ihren eigenen unverwechselbaren Charme. Zu Beginn der Saison 06/07
kommt es nun zum SEITENwechsel: SEITENWAHL und VfLog beginnen einen
Briefwechsel, in dem alles möglich ist: Fachsimpelei, Verbalfouls,
Streit und Harmonie. Solange die Tinte reicht, wird auf
www.seitenwahl.de und www.vflog.de künftig dienstags nach Spieltagen
der Brief der jeweils anderen Seite veröffentlicht.
Diese Woche schrieb mir Maik Gizinski seine Gedanken, meine Antwort lest Ihr beim VfLog .
Lieber Mike,
Fußball ist so richtig nicht mehr der Wahre. Zumindest der, den die
Borussia spielt. Das hattest du vergangene Woche ganz recht bemerkt.
Und im Prinzip hatte Martin dir zugestimmt. Die Borussia kickt zwar
noch, aber es kickt nicht mehr. Oder jedenfalls nur noch selten. Das
ist kein
schönes Gefühl. Jupp Heynckes allein dürfen wir dankbar sein: Es fällt
zwar zunehmend schwerer, daran zu glauben, dass sich langfristig etwas
ändert; doch wenn das überhaupt jemand bewerkstelligen kann, wenn noch
jemand so etwas wie Hoffnung, gar Aufbruchstimmung zu verbreiten
scheint, dann Jupp. Heynckes ist einer, der wissen müsste, wie es geht,
der selbst einmal Fohlen war, der anderswo schon bewiesen hat, dass er
es versteht, nachhaltig zu arbeiten und intelligenten Fußball auf den
Rasen zu bringen.
Doch wie dem auch sei: Der wahre Fußball wird woanders gespielt. Nicht
in der Bundesliga, vielleicht nicht einmal mehr überall in der
2.Bundesliga. Es war vergangene Woche Samstag, ich war seit langem mal
wieder an der Bremer Brücke in Osnabrück. Heimspiel gegen Hertha BSC
II. Eigentlich ein wirklich unattraktives Spiel, wie alle Partien
gegen zweite Mannschaften lange nicht so mitreißend sind wie gegen
'richtige' Gegner. Aus Berlin waren nur 27 Fans mitgereist. Trotzdem
war dieser Nachmittag wunderbar, weil man dem wahren Fußball auf der
Spur war.
Früher, als man selbst noch kickte und in der Bezirksliga zum
Beispiel Vereine gegeneinander spielten, die mehr als 20 Kilometer
voneinander entfernt lagen: Da kamen oft auch keine Fans mit zu
Auswärtsspielen. Doch die Einfachheit des Spiels, der Duft des grünen
Rasens, der Bratwurst-Geruch in der Halbzeit, die Familien beim
Fußballausflug am Sonntagnachmittag, all das war Woche für Woche spürbar.
Genau so wie vergangene Woche in Osnabrück.
Vor mir saß ein Vater mit
seinem Sohn. Der Sohn war etwa 44 Jahre alt. Der Vater knapp 70. Und das
Enkelkind von vielleicht 7 Jahren war auch dabei. Das Spiel lief, alle drei
fieberten mit. Und wenn es mal nicht oder gerade langweilig lief, wurde
geplaudert. Über die renovierte Terasse. Über den Geburtstag der Tante. Über
den Job, das neue Auto oder die hochnäsigen neuen Nachbarn. Das Fuballspiel
war oft auch Nebensache, schöner Rahmen für das Leben insgesamt. Der VfL ist
ein Stück Zuhause. Und zu Hause plaudert man miteinander, ohne jeden Moment
lang zu bedenken, dass man gerade zu Hause ist. Unter den Rängen die
Bratwurst- und Bierstände. Zwischendurch geht mal der Vater, mal der
Großvater raus und holt Getränke. Nur wenige Meter von uns ernfernt
kämpfen die Lila-Weißen. Man hört, wie sich die Stollen in den Rasen graben,
man sieht den Schweiß von der Stirn rinnen. So nah ist man dran, dass dieses
Fußballgefühl sich noch ausbreiten kann. Man ist Teil des
Fußballnachmittags, der hier noch ein ganzheitlicher ist. Natürlich und
nicht entfremdet. Doch nicht nur Vater und Sohn und Wurst und Bier: Ein paar
Meter weiter stehen 3.000 Zuschauer in der Fankurve und feiern, feuern an.
Das alles geht zusammen, es passt zusammen.
Nach dem Spiel tollen im
provisorischen Presseraum Kinder rum. Es sind die Kinder von VfL-Coach Pele
Wollitz. Auch ihre Mutter ist da, unterhält sich mit den Journalisten,
wartet auf ihren Mann. Ein
Journalist hat seine beiden Kinder ebenfalls im
Schlepptau. Irgendwann spielen alle miteinander. Die Trainer kommen rein.
Alles ist angenehm unkompliziert, ohne Allüren, ohne Attitüden; Wollitz und
Berlin-Coach Heine sitzen dort und plaudern über ihren Job. So wie Vater und
Sohn auf
der Tribüne eine Stunde zuvor über ihren Job gesprochen hatten. Das
bedeutungsschwangere, das überkandidelte eines Bundesliga-Spiels - man muss es hier nicht ertragen, es bleibt einem erspart.
Das wichtigste
übrigens zugleich nebenbei: Der VfL hat 2:0 gewonnen. Das Zuhause ist wieder
ein bißchen schöner geworden.
Beruhigend ist womöglich einzig, dass nur
in der Bundesliga deutsche Meisterschaften entschieden werden, dass nur hier
Nationalspieler zu bestaunen sind. Wäre das anders, gäbe es keinen Grund
mehr, nicht lieber anderswo Fußball zu schauen. Denn der wahre Fußball
scheint in der
Bundesliga nicht mehr gespielt zu werden, auch nicht in
Mönchengladbach.
Seitenwechsel, Mike!
Maik
|
|