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Vorbericht, Spieltag 8: Hertha BSC Berlin |
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Geschrieben von Michael Heinen
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Donnerstag, 19 Oktober 2006 |
Berlin
ist pleite. So wie die Hauptstadt heute feststellen musste, dass ihre
einstige Verschwendungssucht nicht vom Bund nachfinanziert werden wird,
geht auch die Hertha aus Berlin finanziell am Stock. Fast möchte man
ein „Und das ist auch gut so“ ergänzen, denn letzten Endes muss man für
Sünden der Vergangenheit in irgendeiner Form schon bestraft werden.
Welche Sünden allerdings die stets weit reisenden Fans der Borussia in
ihrer Vergangenheit begangen haben mögen, um die ihnen auferlegte
Strafe von (hoffentlich nur) 7 Jahren Auswärtspech zu verdienen, wollen
wir uns an dieser Stelle lieber nicht ausmalen.
Borussia: Zuhause
tritt Borussia auf wie Roger Federer. Nicht immer schön, aber
nüchtern-sachlich eilt man von Sieg zu Sieg. Auswärts dagegen erinnert
man eher an Anna Kurnikova: überall gerne gesehen, aber gnadenlos
erfolglos. An diesem Wochenende hat der Schweizer Pause und die
(Bo-)Russin bekommt eine erneute Gelegenheit, den Trend zu stoppen.
Gelingen soll dies ausgerechnet bei der drittstärksten Heimmannschaft
der Liga aus Berlin.
Geht es nach
Peter Pander, so wird dort am Samstag das Unmögliche Wirklichkeit
werden. Mit dem Brustton der Überzeugung verkündete der
Borussen-Manager schon im Anschluss an den Wolfsburg-Sieg, daß man in
der kommenden Woche auch in der Bundeshauptstadt siegreich bleiben
würde und war sichtlich bemüht, den sich aufdrängenden Eindruck des
gespielten Zweckoptimismus zu zerstreuen. Vielmehr will er vorleben,
was in Zukunft möglichst der ganze Verein umsetzen soll. Anstatt immer
wieder das mehr als lästige Thema des Auswärtsversagens vorzukauen,
möchte man eine positive Einstellung zum Grundtenor deklarieren. Die
psychologische Barriere, die offensichtlich die Köpfe unserer Spieler
hemmt und spätestens beim ersten Gegentreffer jeglichen Widerstand
beendet, soll so zerstört werden. So lobenswert und womöglich auch
alternativlos dieser Ansatz ist. Es erscheint höchst fraglich, ob sich
das Problem auf diese Weise tatsächlich wird lösen können. Die
Mannschaft wird sich aus der Misere schon selbst befreien müssen, indem
sie endlich einmal kontinuierlich engagiert auftritt und sich nicht
beim ersten Gegenwind in die Hosen macht. Die Floskel vom „über den
Kampf zum Spiel finden“ mag ausgelutscht erscheinen, ist in unserer
Situation aber unverzichtbar. Vermutlich wird es aber auch anderer
Persönlichkeiten im Kader bedürfen ehe wir das Problem endgültig zu den
Akten legen können.
Doch bemühen wir uns, den optimistischen Weg unseres Managers
mitzugehen und prüfen wir, wie sich ein Auswärtssieg in Berlin
tatsächlich darstellen lassen könnte. Personell wird sich erst
kurzfristig entscheiden, welche Möglichkeiten sich Jupp Heynckes
ergeben. Die Youngster-Abwehr mit den recht unerfahrenen Kirch, Levels
und Compper bewährte sich gegen Wolfsburg nach anfänglichen Schwächen
zwar erstaunlich gut. In Berlin wird ihnen aber eine weit härtere
Bewährungsprobe bevorstehen. Tobias Levels wird diese nur angehen
können, wenn Bo Svensson weiter ausfällt. Der Däne wiederum will nur
dann auflaufen, wenn er wieder zu 100% genesen ist. Daher steht zu
vermuten, daß er anfänglich eher auf der Bank Platz nehmen wird. Selbst
wenn ein Einsatz des Routiniers enorm wichtig wäre, sollten wir
andernfalls den Jungen vertrauen. Die schwerste Aufgabe wird auf Oliver
Kirch zukommen, der sich auf der rechten Abwehrseite mittlerweile
etabliert hat und selbst bei der baldigen Rückkehr von Kasper Bögelund
nicht unbedingt wird weichen müssen. Mit dem wieder genesenen Yildiray
Bastürk und Kevin Boateng kommen gleich zwei offensivstarke Spieler
vermehrt über die linke Seite. Der quirlige Bastürk machte uns in der
Vergangenheit häufig das Leben schwer und ist nie wirklich ganz
auszuschalten, selbst wenn abzuwarten bleibt, wie fit er sich nach
gerade erst abgeklungenem Außenbandanriss präsentieren wird.
In der Offensive musste Borussia am heutigen Donnerstag kurzzeitig um
den Einsatz von Kahê bangen. Es ist schon verwunderlich. Noch vor etwas
mehr als einem Monat hätten sich viele Borussen-Fans beinahe gewünscht,
der Brasilianer möge ausfallen. Nach einigen guten Auftritten in Serie
ist er jetzt aber voll akzeptiert und es würde als große Schwächung
empfunden, wenn an seiner statt ein anderer der zahlreichen
Stürmerkandidaten ran müsste. Ein Ersatz-Kandidat wäre Nando Rafael,
der zum ersten Mal seit seinem Wechsel ins Berliner Olympiastadion
zurückkehren wird und bei einer potentiellen Einwechselung besonders
motiviert sein sollte. Genau wie Vaclav Sverkos, der in der vergangenen
Rückrunde das Berliner Trikot spazieren tragen durfte, hat er aber im
bisherigen Saisonverlauf nicht erkennen lassen, warum man ihm eine wie
auch immer geartete Chance bieten sollte. Am ehesten ist daher auf
Wesley Sonck zu hoffen, der nach langer Zeit endlich wieder
verletzungsfrei ist und vielleicht Samstag endlich zu seinem ersten
Saisoneinsatz kommt. Dieser wird aber mit hoher Wahrscheinlichkeit
nicht allzu lange andauern. Selbst wenn man sich vom Belgier bei
entsprechender Fitness einiges erwarten darf, ist es absolut richtig,
ihn nach dieser langen Abwesenheit langsam ans Team heranzuführen, um
nicht einen neuerlichen Rückschlag hinnehmen zu müssen.
Das Borussen-Mittelfeld war der Gewinner des Wolfsburg-Spiels. Delura,
Thijs, Kluge und Insua überzeugten auf ihren jeweiligen Positionen und
sollten daher auch in Berlin eine neuerliche Chance erhalten. Für David
Degen bedeutet dies, weiter auf einen Platz in der Startelf warten zu
müssen. Wenn er aber nach Einwechselungen weiter so engagiert zu Werke
geht wie am letzten Samstag und seinen selbstbewussten Worten nur
halbwegs so gute Taten folgen lässt, wird er nicht lange brauchen, um
sich seinen Stammplatz zu verdienen.
Der Gegner aus Berlin: 4:0
gegen Hannover, 2:0 gegen Schalke, 2:2 gegen Stuttgart. Auch wenn die
reinen Ergebnisse rückläufig sind, ist die Heimstatistik der Hertha nur
unmerklich schlechter als unsere eigene. Entsprechend selbstbewusst
wird man am Samstag gegen unsere Borussia auflaufen, gegen die drei
Punkte fest eingeplant sind. Immerhin hängt der Verein sämtlichen
sportlichen Realitäten zum Trotz der Vorstellung hinterher, zur
europäischen Spitze des Fussballs gehören zu müssen. Was genau sie
außer der exponierten Stellung als Bundeshauptstadt dazu berufen
sollte, würde zwar selbst Dieter Hoeneß nicht beantworten können. Aber
die einst im preußischen Reich so hochgehaltene Bescheidenheit muss
irgendwann im Laufe des 20. Jahrhunderts aus der Berliner Mode gekommen
sein.
Am vergangenen Spieltag setzte es die erste Saisonniederlage in der
Bundesliga, durch die man als amtierender Tabellenführer gleich auf
Rang 9 durchgereicht wurde. Dabei präsentierte sich die Hertha beim 2:4
in München über weite Strecken so wie unsereins es von Auswärtsspielen
gewohnt ist. So führten die Bayern bereits früh mit 2:0 und konnten es
anschließend ruhig angehen lassen. Samstag wird Falko Götz den Spieß
umdrehen wollen und es kann gerade zu Beginn des Spiels mit einer
stürmischen Hertha gerechnet werden, die gegen Stuttgart bereits in der
Anfangsviertelstunde zwei Tore vorlegte. Marco Pantelic (4 Treffer) und
Christian Gimenez (3 Treffer) bilden das bislang torgefährlichste
Sturmduo der Liga, hatten in dieser Woche aber beide mit körperlichen
Problemen zu kämpfen. Bei Pantelic dürfte die Erkältung bis Samstag
abgeklungen sein. Ein größeres Fragezeichen steht hinter Gimenez, dem
ein Bluterguss in der Leistengegend zu schaffen macht. Hinter den
beiden klafft ein gewisses Loch bei den eigentlich chronisch
sturmschwachen Berlinern. Srdjan Lakic kam vor der Saison mit vielen
Vorschußlorbeeren aus Kroatien, die er aber längst noch nicht
bestätigen konnte. In der Hierarchie ist er inzwischen gar vom
19jährigen Solomon Okoronkwo überflügelt worden, der Gimenez ggf.
ersetzen würde.
Die Rückkehr von Bastürk macht das Offensivpiel der Gastgeber weit
weniger ausrechenbar. Mit ihm, Boateng, Pantelic und Gimenez verfügt
Falko Götz in dieser Saison über mehr Variationsmöglichkeiten als in
der Vergangenheit, in der das Spiel zu stark allein auf Marcelinho
ausgerichtet war. Die
rechte Seite kann als offensive Problemzone angesehen werden, stehen
dort doch mit Ellery Cairo und Patrick Ebert zwei Spieler parat, die im
bisherigen Saisonverlauf wenig überzeugten.
Neben den
angeschlagenen Stürmern sind auch in der Defensive einige Spieler nicht
vollends fit, werden aber weitgehend zum Einsatz kommen können. So
konnten Fiedler, van Burik und Friedrich zwar bis Mittwoch nicht mit
der Mannschaft trainieren. Auf sie wird Trainer Götz aber kaum
verzichten wollen. Sicher ausfallen wird einzig Chahed, der aber
ohnehin eher zum Typ Mitläufer gehört. Die Defensive wird auf Außen
flankiert durch zwei deutsche Nationalspieler. Die Jansen-Konkurrenten
Fathi und Friedrich haben aber einen relativ geringen Anteil am
deutschen Sommer- und Herbstmärchen dieses Jahres. Innen verteidigen
die altbewährten Simunic und van Burik, vor denen der nicht minder
eingefleischte Herthaner Pal Dardai staubsaugt. Auch ohne den
mittlerweile abgewanderten Madlung sind die Berliner Defensivspieler
bei Standards zu beachten.
Bilanz:
Da wir positiv denken wollen, drücken wir es so aus. In Berlin fand
einer der ominösen 8 Auswärtssiege seit unserem Wiederaufstieg statt.
Am 10.September 2002 ermöglichten uns so illustre Gestalten wie Markus
Münch und Joris van Hout einen 2:1-Erfolg im fremdem Stadion.
Andererseits setzte es seit unserer Rückkehr ins Fußball-Oberhaus 2001
bereits drei richtig deftige Niederlagen in der Hauptstadt. Zweimal
blieben wir mit 0:3 chancenlos (einmal davon im Vorjahr im DFB-Pokal).
Vor 2 Jahren war es gar eine 0:6-Schande, die Borussia in typischer
Auswärtsmanier über sich ergehen ließ. Um so erstaunlicher, dass
ausgerechnet diese Partie das Debüt eines gewissen Marcell Jansen
erlebte, der als Einäugiger zwischen einem Haufen Blinder für erste
kleinere Ausrufezeichen sorgte. Während
insgesamt in Berlin mit 4 Siegen in 21 Spielen nicht oft was zu holen
war, hätte es in der vorigen Saison beinahe zu einem unerwarteten
Dreier gereicht. Das erste Kahê-Tor sowie ein Eigentor von Arne
Friedrich brachten Borussia früh mit 2:0 in Führung, ehe man sich aber
wieder viel zu weit zurück zog und sich dem Berliner Sturmwirbel
auslieferte. Mit einem 2:2-Endstand wie damals könnten am Samstag aber
wahrscheinlich selbst die leben, die in diesen Tagen vehement für einen
Dreier plädieren.
Schiedsrichter: Kein Geringerer als der zweimalige
Welt-Schiedsrichter Dr. Markus Merk bekommt die ehrenvolle Aufgabe,
unser Auswärtsspiel in Berlin leiten zu dürfen. Im Vorjahr war er
viermal an Borussen-Spielen beteiligt. Zweimal ging unser Verein dabei
als Sieger vom Platz (2:1 gegen Dortmund, 4:3 gegen Frankfurt). In
letzterem Spiel beschwerten sich die Gäste über ein nicht gegebenes
Abseitstor von Copado. Auch der FC Bayern hätte Grund zur Beschwerde
gehabt, weil ihm ein Makaay-Tor ebenso aberkannt wurde wie Merks
Assistent die Abseitsposition von Polanski vor dem Gladbacher Tor nicht
erkannte. Dank des 3:1-Sieges des späteren Meisters fiel der Ärger der
Herren Hoeneß, Rummenigge und Co. aber relativ gemäßigt aus. Während
Borussia das einzige Auswärtsspiel unter Merkscher Leistung mit 1:2 in
Köln verlor, begleitete der Zahnarzt die Herthaner zuletzt bei der
1:5-Heimpleite gegen Leverkusen.
Zuletzt
machte der Referee, der sich nach der für ihn unglücklich verlaufenen
WM für einige Wochen in den Schmollwinkel zurückgezogen hatte, beim
Punktverlust der Nürnberger gegen Bielefeld von sich reden. Nachdem er
den Bielefeldern einen umstrittenen Foulelfmeter zusprach, zog er sich
insbesondere den Zorn eines Hans Meyer zu, der in gewohnter Konsequenz
sämtliche Kommunikation mit dem Pfälzer bis auf Weiteres einzustellen
gedenkt.
Aufstellungen
Borussia: Keller – Kirch, Levels, Zé Antonio, Compper – Delura, Thijs, Insua, Kluge – Kahê, Neuville
Ersatz: Heimeroth – Degen, Rafael, Fleßers, Helveg, Svensson, Sonck
Es fehlen: Polanski, Jansen, Daems, Svaerd (verletzt)
Hertha: Fiedler – Friedrich, van Burik, Simunic, Fathi – Cairo, Dardai, Bastürk, Boateng – Pantelic, Okoronkwo
Ersatz: Stuhr-Ellegaard – Ebert, Gimenez, Lakic, Samba, Neuendorf, Ede
Es fehlt: Chahed, Gilberto, Cagara (verletzt)
Schiedsrichter: Dr. Markus Merk (Otterbach)
Assistenten: Jan-Hendrik Salver (Stuttgart), Heiner Müller (Nalbach)
Vierter Offizieller: Guido Kleve (Nordhorn)
SEITENWAHL-Meinung
Michael Heinen:
Wir haben zwar schon schwächere Auswärtsauftritte miterlebt. Trotzdem
werden wir uns am Ende wieder mal mit 1:2 geschlagen geben müssen.
Mike Lukanz:
Nein, nein, nein! Nach dem letzten Auswärtsspiel in Bremen habe ich mir
gesagt, dass ich solange auf Niederlage auswärts tippe, bis mich die
Mannschaft vom Gegenteil überzeugt. Für kurze Zeit hatten mich Peter
Pander und einige Spieler mit ihren selbstbewussten Aussagen
beeindruckt, aber es reicht nicht. Alle Aussagen entpuppen sich mal
wieder als hohle Phrasen, denn das Spiel geht mit 1:2 verloren.
Wenigstens haben die mitgereisten Fans einen Grund, ihr neu erworbenes
T-Shirt der Öffentlichkeit zu präsentieren.
Thomas Zocher: Obschon
ich der Meinung bin, dass nicht zuletzt durch David Degen nun ein
wertvoller Spieler für Auswärtspartien zur Verfügung steht, wird die
Borussia ihren Trend fortsetzen und auswärts eine Niederlage
einstecken. Diese fällt nur auf den ersten Blick, beim Resultat,
enttäuschend aus, aber da das Ergebnis einen entscheidenden Anteil am
Tabellenstand hat, wird man nur auf den zweiten Blick mit dem 1:3
zufrieden sein können.
Christoph Clausen: Auswärts. 0:2.
Christian Heimanns:
Eine Saison ohne Auswärtssieg haben wir schon erlebt, eine ohne
Auswärtspunkt? oder -tor? Das geht dann doch nicht und in Berlin kann
man auch punkten. 1:1, die Auswärtsserie reisst zuerst und in
absehbarer Zeit kommt da auch mehr.
Hans-Jürgen Görler:
Es deutet weiter nichts darauf hin, dass die Borussia derzeit auch in
der Fremde erfolgreich sein könnte. Aus Berlin kehrt man mit einem 1:3
heim.
Der Gegner im Internet: www.hertha.de
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